Crailsheim / Sebastian Unbehauen und Andreas Harthan Der Bundessprecher und Europa-Spitzenkandidat der AfD spricht über den Protest in Crailsheim, Anstand und seinen Umgang mit rechten Parteigenossen.

Wer ist dieser Jörg Meuthen, gegen dessen Besuch in der Stadt sich vor einer Woche bunter Protest geregt hat? Das HOHENLOHER TAGBLATT hat im Interview versucht, dem AfD-Spitzenpolitiker beim Redaktionsbesuch als Mensch näherzukommen. Ob es gelungen ist? Ganz ehrlich: Wir wissen es nicht. Meuthen war professionell, unkompliziert, auskunftsfreudig. Ob er auch so unbedingt bürgerlich ist, wie er betont? Diese Einschätzung sei jedem Leser selbst überlassen.

Herr Meuthen, draußen vor der Tür demonstrieren in diesem Moment Hunderte Crailsheimer für eine weltoffene, bunte Stadt. Sie sind der Auslöser. Was macht das mit Ihnen?

Dr. Jörg Meuthen: Ich erlebe das ja überall. Und ich lese oft die Transparente auf solchen Demos. Da steht: „Für eine weltoffene Stadt.“ Ja, ich bin auch für eine weltoffene Stadt. Da steht: „Nazis raus.“ Ja, ich will mit Nazis auch nichts zu tun haben. Da steht: „Kein Platz für Rassismus.“ Ich habe privat ein sehr internationales Umfeld. Nichts läge mir ferner als irgendeine Form von Rassismus. Das sind ja oft ganz junge Menschen, die da demonstrieren, und denen wird erzählt, wir seien vorgeblich Ausländerfeinde, Rassisten, Nazis und was nicht alles. Die glauben das.

Viele Menschen haben schlicht Angst vor Ihrer Partei.

Es gibt Menschen, die haben Angst vor der AfD, das stimmt. Es ist da ein bestimmtes stereotypes Bild im Umlauf: Bei der AfD sind alle finstere und tumbe Zeitgenossen. Wenn man als völlig normaler Mensch vor denen steht, die das glauben, sagen sie: Sie sind ja ganz normal!

Was ja nicht ausschließt, dass es finstere, tumbe Zeitgenossen in Ihrer Partei gibt.

Das will ich nicht in Abrede stellen. Die gibt es aber auch in anderen Parteien. Finstere, tumbe Zeitgenossen sind einfach ein Bestandteil der Menschheit. Es wäre ja heroisch, anzunehmen, bei uns gäbe es nur Menschen reinsten Gemütes.

Herr Meuthen, wir möchten Sie besser kennenlernen. Erlauben Sie uns einen Blick auf Ihren Lebenslauf: Sie haben VWL studiert, zum Thema Kirchensteuer promoviert, waren Referent im hessischen Finanzministerium und VWL-Professor an der Verwaltungshochschule in Kehl. Wir sagen jetzt einfach mal: Mehr Establishment geht eigentlich nicht. Würden Sie da zustimmen?

Ich würde mich selbst als eine bürgerliche Existenz durch und durch bezeichnen. Ein Staatsdiener.

Wo war früher Ihre politische Heimat?

Ich hatte keine. Das war ja das Problem. Ich komme aus dem freiheitlichen Denken. Weil ich Ökonom bin. Links bin ich nie gewesen, mein ganzes Leben nicht. Das Konservative in mir neigte zeitweise zur CDU. Das Freiheitliche war mehr bei der FDP. Aber mit beiden Parteien habe ich spätestens seit den Maastrichter Verträgen komplett gebrochen.

EU-Politik war der Grund des Bruchs?

Ein zentraler Grund. Ich war von Beginn an Gegner der Währungsunion und halte sie auch heute für eine Fehlkonstruktion.

Irgendwann ging es Ihnen aber nicht mehr nur um den Euro, irgendwann müssen Sie das Gefühl gehabt haben: In diesem Staat läuft etwas grundsätzlich falsch. Gab es da einen konkreten Moment, oder war das ein Prozess?

Ein Prozess. Und ich war schon in der AfD, als ich merkte: Dinge laufen hier aber völlig schief! Was Frau Merkel 2015 gemacht hat – die Grenzöffnung – halte ich für einen historischen Fehler. Vorher war ich ein sehr kritischer Bürger, habe aber alles mehr als Ökonom betrachtet.

Und dann haben Sie sich radikalisiert?

Nein, habe ich nicht. Ich bin bis heute nicht radikal.

Die Initiatoren der Demonstration „Crailsheim ist bunt“ bekommen in sozialen Netzwerken und per E-Mail Anfeindungen.

Seit wann wähnen Sie sich in einem leicht versifften links-rot-grünen 68er-Deutschland, wie Sie das 2016 auf dem AfD-Bundesparteitag in Stuttgart formuliert haben?

Seit Jahrzehnten. Im Grunde genommen schon seit meiner Schulzeit. Ich stelle mal voran: Die 68er-Bewegung hatte gute Gründe. Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren, diese Parole war nicht falsch. Was daraus geworden ist, hat mich aber erschreckt: eine linke Uniformierung mit langen Haaren und Parka. Man musste auf einmal links sein. Dieses Konformistische hat mich schon zu Schulzeiten massiv gestört. Ich habe damals, ohne CDU-Mitglied zu sein, den Wahlkampf von Franz-Josef Strauß als Kanzlerkandidat unterstützt.

Aber, Herr Meuthen, was heißt „versifft“?

Man kann das auch ein bisschen zurückgenommener ausdrücken. Was ich meine, ist der Verlust an bürgerlichen Werten. Oskar Lafontaine hat mal von den Sekundärtugenden gesprochen.

Welche?

(zögert) Aufrichtigkeit zum Beispiel, Anstand. Und eine Ehrlichkeit in ganz einfachen Dingen. Ich habe zum Beispiel als Kind von meinen Eltern gelernt: Man stiehlt nicht. Weil man anderen dadurch schadet. Und das galt damals eigentlich schon nicht mehr. Am Kiosk in dem Essener Stadtviertel, in dem ich aufgewachsen bin, haben alle geklaut – nur ich und ein Freund von mir nicht.

Und das war keine lässliche Jugendsünde für Sie?

Nein. Das ist das Eigentum anderer Menschen, und das habe ich zu respektieren. Ich sehe es bis zum heutigen Tag so: Das macht man nicht. So bin ich erzogen worden.

Und Sie sprechen es dem Teil der Menschen in Deutschland, die nichts mit der AfD anfangen können, ab, dass sie wissen, was man tut und was nicht?

Alles Diebe! (lacht)

Im Ernst, Sie können doch nicht von Ihrem Kiosk auf die ganze Gesellschaft schließen!

Ich weiß gar nicht, wie ich es ausdrücken soll: Es sind tatsächlich diese vielen kleinen Dinge, wo ich kein Wertgefüge mehr sehe. Mein politischer Hauptgegner, die Grünen, stehen für Beliebigkeit in Wertfragen. Liberalität halte ich wirklich hoch, aber Beliebigkeit verachte ich. Ich bin da schlicht konservativ. Nehmen Sie das Beispiel Homo-Ehe: Ich bin wirklich dezidiert der Meinung, dass man Menschen mit einer homosexuellen Neigung genauso zu respektieren und zu achten hat wie Menschen mit heterosexueller Neigung. Aber die Ehe ist für mich Mann und Frau vorbehalten.

Im Streit um den Spitzenkandidaten der AfD in Ulm für die Kommunalwahl stellt der Landesverband klar: Markus Mössle kann im Falle seiner Wahl nicht für die Partei sprechen.

Sie haben eben von Verachtung gesprochen. Wenn ich etwas verachte, habe ich vielleicht Angst davor. Wovor haben Sie Angst?

Gesellschaftspolitisch betrachtet habe ich Angst, mein Land zu verlieren, weil es immer mehr vom Islam dominiert wird. Daraus sollte man jetzt bitte nicht machen: Die AfD oder Meuthen wollen alle Moslems raushaben! Ich akzeptiere selbstverständlich, dass wir hier eine hohe Zahl von Moslems haben, die in unsere Gesellschaft integriert sind, unsere Gesetze achten. Alles in Ordnung. Aber wenn es immer mehr Muslime gibt, verändert sich die Gesellschaft unwiderruflich. Rein empirisch-mathematisch betrachtet: Wenn wir immer weniger werden und wir gleichzeitig eine Zuwanderung aus dem muslimischen Raum in der aktuellen Dimension haben, und die nun einmal ganz einfach andere Reproduktionsraten haben als wir, dann stellen die irgendwann die Majorität.

Mal ganz abgesehen davon, dass in Deutschland die Religionsfreiheit gilt und das Deutschsein weder an den Glauben noch an Ethnie gebunden ist: Wir sind doch weit davon entfernt, dass Deutschland mehrheitlich muslimisch wird.

Ich rechne mit ungefähr 25 bis 30 Jahren bis wir eine muslimische Mehrheitsgesellschaft haben. Der Prozess ist hochdynamisch. Ich halte das für die zentrale Zukunftsproblematik– während sich Deutschland mit Klein-Greta beschäftigt und wir hier den Untergang der Welt durch den Klimawandel herbeireden. Den negiere ich übrigens nicht, aber ich halte ihn für völlig überdimensioniert in der Darstellung.

Ihre Darstellung der gesellschaftlichen Entwicklung darf man durchaus auch als überdimensioniert betrachten.

Das steht jedem frei. Und ich würde mich mit jedem Menschen jederzeit auf ein datenbasiertes Gespräch einlassen.

Glauben Sie eigentlich ernsthaft, dass Deutschland sich mit Grenzen, Mauern, Zäunen, Wällen abschotten kann?

Nicht Deutschland, aber Europa. Ich halte den Schengen-Raum mit den offenen Grenzen innerhalb der Europäischen Union für eine Errungenschaft. Aber das wird in ein paar Jahren Vergangenheit sein, wenn wir keinen wirksamen Außengrenzenschutz hinbekommen.

Ein vernünftiger Außengrenzenschutz gehört doch heute zum Standardrepertoire fast aller Parteien.

In der Forderung! Warum machen sie’s dann nicht?

Weil es schwieriger umzusetzen ist, als Sie aus der Opposition heraus glauben machen wollen.

Sicherlich gibt es Umsetzungsproblematiken. Aber was es braucht, sind mutige Politiker, die’s einfach machen – wie Salvini in Italien.

Die Polizei zeigt gestern starke Präsenz zum Auftritt von Jörg Meuthen in Onolzheim, der ungestört abläuft.

Herr Meuthen, wir zählen mal ein paar Namen auf: Hans-Olaf Henkel, Bernd Lucke, Joachim Starbatty, Jörn Kruse – das sind alles Menschen, die einen ähnlichen Hintergrund haben wie Sie, die ein ähnliches Unwohlsein wie Ihres in die Politik, die AfD geführt hat. Alle sind wieder draußen, weil ihnen die AfD zu rechts wurde. Warum sind Sie geblieben?

Weil ich mir sicher war, dass dieses Projekt nur dann eine Chance hat, wenn man zusammenhält und die Sache nicht aufteilt. Ich habe an dieses Projekt geglaubt und tue das heute noch. Ich habe den Eindruck, dass wir eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe erfüllen.

Sie hatten in jedem Fall weniger Skrupel als die Aufgezählten, mit dem rechten AfD-Flügel zusammenzuarbeiten.

Ich halte es nicht für skrupellos, mit dem „Flügel“ zu kooperieren. Ich würde es für skrupellos halten, mit Menschen zu kooperieren, die außerhalb der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen oder die antisemitische Positionen wie der AfD-Abgeordnete Wolfgang Gedeon im baden-württembergischen Landtag vertreten. Er ist leider noch immer in der Partei, und ich hoffe, dass das bald vorbei ist. Es gibt da noch ein paar andere mehr, bei denen es mir genauso geht – aber es sind ganz wenige. Mich mit ihnen gemein zu machen, hielte ich für skrupellos.

Björn Höcke?

(zögert) Jedes Interview kommt irgendwann auf den Namen Björn Höcke. Er steht für mich innerhalb der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, er steht innerhalb des breiten Spektrums, das meine Partei zulässt. Dennoch vertritt er in manchen Punkten nicht meine Position. Seine Forderung nach einer 180-Grad-Wende in der Erinnerungspolitik kritisiere ich zum Beispiel scharf. Er hat auch viele Fehler eingeräumt, das spricht für ihn. Mit Björn Höcke komme ich zurecht, mit Extremisten nicht. Und es ärgert mich unglaublich, wie hoch die Hürden für ein Parteiausschlussverfahren sind.

Wir könnten genauso gut den AfD-Politiker Dubravko Mandic hernehmen, der gesagt hat, dass Ihre Partei sich von der NPD nur durch die Anhängerschaft unterscheidet, der Barack Obama als „Quotenneger“ bezeichnet hat und den Sie nach einem Treffen als persönlich integer beschrieben haben.

Im persönlichen Umgang verhält er sich auch korrekt, aber deshalb will ich solche Sätze nicht verteidigen. Die sind nicht zu verteidigen. Das ist nicht in Ordnung, und das muss man auch benennen. Und wenn es eine Grenze überschreitet, wie es das im Falle Gedeon tut, wird die Partei ja auch aktiv.

Macht es im Ergebnis einen Unterschied, ob man sich selbst radikal gibt oder ob man Radikale gewähren lässt?

Ich habe nicht den Eindruck, dass wir Radikale gewähren lassen.

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Vom Professor zum Berufspolitiker

Zur Person Dr. Jörg Meuthen wurde 1961 in Essen geboren. Er studierte Volkswirtschaftslehre (VWL) in Münster und Mainz, promovierte in Köln, war Referent im hessischen Finanzministerium und bis 2016 VWL-Professor an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl. 2013 trat er in die AfD ein. Seit 2015 ist er einer von zwei Bundessprechern. Meuthen war Fraktionsvorsitzender im Landtag in Stuttgart, ehe er ins Europaparlament wechselte. Aktuell ist er AfD-Spitzenkandidat für die Europawahl. Meuthen ist zum dritten Mal verheiratet und hat fünf Kinder.