Für Würth ist heute ein historischer Tag. Erstmals in der 74-jährigen Geschichte des Unternehmens wird ein Betriebsrat gewählt. Aufgerufen zur Wahl sind die rund 7300 Mitarbeiter der Würth-Muttergesellschaft Adolf Würth GmbH und Co. KG.

Die Mitarbeiter am Künzelsauer Standort haben dort ein Wahllokal. Alle anderen Beschäftigten geben ihre Stimme per Briefwahl ab. Darunter sind die fest angestellten Außendienstler sowie die Mitarbeiter an den mehr als 500 deutschen Niederlassungen.

190 Kandidaten ließen sich zur Wahl aufstellen. Sie gehören einer der 15 Listen an.

Bislang gab es bei Würth einen Vertrauensrat

Die Arbeitnehmervertretung ist beim Künzelsauer Konzern bislang in einem sogenannten Vertrauensrat organisiert. Dem gehören 31 Beschäftigte an. 30 von ihnen haben sich zur Kandidatur für den Betriebsrat entschlossen. Was ist der Unterschied zwischen Vertrauensrat und Betriebsrat? Die Gewerkschaften betonen, dass ein Betriebsrat feste Rechte und Pflichten hat, im Gegensatz zu einem Vertrauensrat.

Dem künftigen Würth-Betriebsrat werden voraussichtlich 35 Mitglieder angehören. Es ist davon auszugehen, dass 10 davon für ihre Betriebsratsarbeit freigestellt sind. Diese Menge ergibt sich aus der Gesamtzahl der Beschäftigten.

Ausgezählt werden die Stimmen am morgigen Donnerstag.

Dass bei Würth ein Betriebsrat gegründet wird, wurde bei einer Betriebsversammlung am 3. Juni offiziell bestätigt. Der Entscheidung war eine lange Diskussion vorausgegangen.

Als einer der wesentlichen Initiatoren gilt Daniel Hurlebaus. Würth hat ihm im April gekündigt. Einen Zusammenhang mit der Betriebsratsinitiative weist Würth von sich. Das Unternehmen wirft Hurlebaus vielmehr einen groben datenschutzrechtlichen Verstoß vor. Eine von Hurlebaus unterzeichnete E-Mail greife Daten von Nutzern ab. Gespeichert würden diese Daten bei der Arbeitnehmervertretung Zentrum Automobil, einer Plattform, die angeblich von der AfD betrieben wird.

IG Metall grenzt sich vom Zentrum Automobil ab

Mitglieder von Zentrum Automobil sind Mitglied des Betriebsrats der Daimler AG in Stuttgart-Untertürkheim. Die Initiative ist nicht zuletzt wegen ihrer Nähe zur AfD hoch umstritten.

Die IG Metall Schwäbisch Hall grenzt sich von Zentrum Automobil entschieden ab. Der Erste Bevollmächtigte Uwe Bauer betont, dass man sich gegen rechte Bestrebungen stelle. Betriebsratswahlen ließen sich nicht für politische Zwecke instrumentalisieren, betont Bauer in einer Mitteilung.

Gegen seine Kündigung geht Hurlebaus juristisch vor. Das Verfahren ist nicht abgeschlossen. Dies ist der Grund, warum sich der Key-Account-Manager zur Betriebsratswahl bei Würth hat aufstellen lassen können. Wählen darf der gekündigte Mitarbeiter, der auch Schatzmeister des AfD-Kreisverbands Ortenau ist, dagegen nicht.

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25


Prozent höhere Produktivität würden Unternehmen mit Betriebsrat erzielen. Das behauptet der Deutsche Gewerkschaftsbund. Er stützt sich auf eine Studie des Leibniz-Instituts. In den ersten Jahren nach der Gründung eines Betriebsrats gehe die Produktivität leicht zurück. Danach steige sie stetig. 15 Jahre nach der Gründung erreiche sie 25 Prozent.

Unternehmen ohne Betriebsrat


Warum es Unternehmen ohne betriebliche Mitbestimmung gibt und wie in diesen Unternehmen Management und Beschäftigte miteinander umgehen, haben Soziologen der TU München bereits 2009 erforscht. Identifiziert wurden vier Typen von Unternehmen. Der Soziologe Stefan Lücking schreibt in einem Beitrag für die Mitteilungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) darüber.

Typ 1: Der Mangel an Arbeitnehmervertretung ist besonders misslich für die meist prekär Beschäftigten von Discountern, Wachdiensten, von Betrieben der Gebäudereinigung und im Gastgewerbe. „Ausgerechnet in dem Bereich, in dem eine effektive Interessenvertretung besonders nötig wäre, existieren nur in Ausnahmefällen Betriebsräte.“

Typ 2: Etwas besser sind die Beding­ungen nach Beobachtung der Forscher in patriarchalisch geführten Familienunternehmen, wo die Gunst des Chefs wichtiger ist als eine objektive Leistungsbewertung. Die Beschäftigten der untersuchten Unternehmen akzeptierten die Strukturen, solange sie glauben, davon zu profitieren.

Typ 3: Auch in der EDV-Branche sind Betriebe ohne Betriebsrat keine Ausnahme. Oft lehnt das Management betriebliche Interessenvertretungen ab, auch Tarifverträge bilden nicht einmal einen entfernten Bezugspunkt für die Arbeitsverträge.

Typ 4: Ein Sonderfall sind sehr spezialisierte Industrieunternehmen, die eine Nische am Weltmarkt haben. Oft in ländlichen Gebieten angesiedelt, haben sie kaum mehr als 100 Beschäftigte, überwiegend gut qualifizierte männliche Facharbeiter. Das Geschäftsmodell besteht darin, hohe Qualität zu entsprechenden Preisen zu liefern, und das möglichst flexibel.

Auszug aus einer Pressemitteilung der Hans-Böckler-Stiftung