Die Bauernproteste waren zu Jahresbeginn ein großes Thema. Dann kam die Covid-19-Pandemie, und es wurde ruhig um die grünen Kreuze. Vo­rübergehend. Denn das Ringen um die Zukunft der Landwirtschaft geht natürlich weiter. Und seit dem Corona-­Ausbruch in der Großschlachterei Tönnies wird wieder laut über billiges Fleisch und seine Nebenwirkungen geklagt. Im Januar legte Wilhelm Wackler, Ehrenpräsident des Bauernverbands, seine Sicht auf die Dinge im großen HT-Interview dar. Nun folgt der Kirchberger Bundestagsabgeordnete der Grünen, Harald Ebner.

Herr Ebner, bei Aldi gibt es „Hähnchen-Grillies“ zum Sonderpreis. Was denken Sie: Wie viel müssen Sie für 400 Gramm mariniertes Hähnchenbrustfilet hinlegen?

Harald Ebner: Das ist eine fiese Frage. Erstens kaufe ich nicht bei Aldi ein, zweitens keine Hähnchenbrustfilets (lacht) Aber: um die zwei Euro.

2,49 Euro.

Auch das ist völlig unanständig. Das sind die begehrtesten Teile. Tierprodukte sollten keine Cent-Artikel sein. Das wird weder dem Tier noch den Bäuerinnen und Bauern noch den Menschen in den Schlachtbetrieben gerecht.

Kann man es nicht für eine soziale Errungenschaft halten, dass auch Leute mit kleinem Einkommen sich regelmäßig ein Stück Hähnchenbrustfilet leisten können?

Soziale Gerechtigkeit können wir doch nicht auf dem Rücken der Bäuerinnen und Bauern oder der Tiere herstellen, sondern das müssen wir über gerechte Löhne und soziale Ausgleichsmodelle erreichen. Wer es braucht, sollte sich auch ein gutes, fair erzeugtes Stück Fleisch leisten können. Es kann aber nicht sein, dass wir unsere Landwirte dazu zwingen, die Billigheimer der Nation zu sein und deshalb am Tier und sich selbst sparen zu müssen.

Sie hätten auch sagen können, was vielleicht unpopulärer gewesen wäre: Nein, es muss nicht jeder ständig ein Hähnchenbrustfilet essen.

Ich finde, das muss jeder mit sich selbst und seinen Prioritäten ausmachen. Etwas weniger Fleischkonsum würde schon einiges bringen: Auf Flächen, die heute für den Anbau von Viehfutter genutzt werden, können dann direkt Lebensmittel angebaut werden. So könnte die Welt doppelt so viele Menschen ernähren wie heute, ganz ohne Intensivierung. Nicht falsch verstehen: Der Verzehr des Fleischs von Wiederkäuern, also Rindern oder Schafen, die vom Grünland gelebt haben, ist ökologisch verträglich und sinnvoll. Aber unser Fleischkonsum ist aus dem Maß geraten. Und manche Gesellschaften beginnen gerade erst, uns nachzueifern.

Essen Sie selber Fleisch?

Ja. Ich versuche, es in Maßen zu halten und esse lieber weniger, aber dafür das gute Fleisch vom Weiderind.

Schwäbisch Hall

Hoffentlich nicht von der argentinischen Weide!

Nein, natürlich nicht. Warum soll das Fleisch den weiten Weg von Südamerika hierher machen? Es ist schon Unsinn genug, dass wir Soja von Ex-Regenwaldflächen zu uns karren, um es in den Schweinetrog zu kippen.

Also: teures, regionales Biofleisch.

Billigfleisch kommt uns alle teurer, als die meisten denken: gravierende Umweltschäden in den Sojagebieten, multiresistente Keime, Nitrat oder gar die Gefahr neuer Lockdowns wie jetzt in Gütersloh. Da bin ich mit regionalen, tiergerecht erzeugten Produkten besser bedient. Dann hat der Verkäufer sein Geld, die Landwirte haben ihr Geld und können vernünftig produzieren, und ich habe ein gutes Lebensmittel. Ich hätte gern, dass man den Menschen diese Entscheidung für gute Produkte leicht macht. Dazu müssen die Käufer aber genau wissen, woher ihr Fleisch kommt, wie es zu den unterschiedlichen Preisen kommt, und sie müssen sicher sein, dass im teureren Stück eben auch Super-Premium-Tierschutz steckt. Wir Grüne fordern eine einheitliche und vor allem verpflichtende Tierhaltungskennzeichnung. Der Handel hat schon Kennzeichnungen eingeführt, aber dieser Flickenteppich sorgt für Verwirrung. Die Bundesregierung muss endlich echte Transparenz herstellen.

Und Sie sind wirklich zuversichtlich, dass eine ausreichende Zahl an Verbrauchern dann zum Super-Premium-Tierwohl-­Fleisch greift?

Wenn der Staat das Kennzeichnungschaos beseitigt, werden die Menschen jedenfalls in die Lage versetzt, sich zu entscheiden. Und je häufiger sie das tun, umso besser ist das für die Tierhaltung und die Lage der Erzeuger. Bei der Eierkennzeichnung hat das ja gut geklappt.

Sie gehen wahrscheinlich kaum einmal zum Discounter, oder?

In der Tat. Schon zu Studienzeiten und als Berufseinsteiger, als wir jeden Pfennig rumgedreht haben. Aber gute Lebensmittel waren mir einfach immer wichtig.

Wenn ich mit Landwirten spreche, dann glauben die oft nicht daran, dass der Durchschnittsverbraucher wirklich mehr zahlt, als er muss.

Ich bin da zuversichtlicher. Weil ich von dieser gegenseitigen Schuldzuweisung nichts halte. Weder vom Verbraucher-Bashing noch vom Bauern-Bashing. Die Verbraucher müssen zunächst einmal richtig informiert sein. Auch irreführende Werbung ist inakzeptabel. Also keine Milchpackung mit der Weidekuh drauf, wo keine Weidemilch drin ist. Aber es ist klar: Fleisch der höheren Tierhaltungsstufe, das ja auch teurer zu erzeugen ist, wird mehr kosten. Und allein der Preisunterschied am Markt wird nicht ausreichen, um den Umbau der Tierhaltung zu finanzieren. Denn andere Haltungsformen bedeuten zunächst einmal Investitionskosten. Ich muss also einen Weg finden, wie ich aufwendigere, tiergerechtere, flächengebundene Tierhaltung auskömmlich mache.

Das Problem ist, dass viele Landwirte heute schon unter einem erheblichen Finanzierungsdruck stehen. Hart formuliert: Denen sitzt die Bank im Nacken. Ganz viele Kleinbetriebe sind weggefallen. Die, die übrig geblieben sind, sind gewachsen. Die Maschinen sind gewachsen. Die Ställe sind gewachsen. Die Tierzahlen sind gewachsen. Und da stecken überall Kredite drin. Nicht jeder Landwirt kann also einfach sagen: Meinen vor zehn Jahren gebauten Mastschweinestall mache ich jetzt zum Tierwohlstall und lade mir noch mal einen Kredit auf den Rücken. Selbst wenn ein Teil der Investition öffentlich gefördert wird.

Deshalb braucht es einen klaren Umbaupfad, der Planungs- und Investitionssicherheit bringt. Und dieser Umbaupfad muss ein Mix sein aus Markt, Ordnungsrecht und Förderung. Dem grundgesetzlichen Tierschutzauftrag müssen wir auch über Ordnungsrecht gerecht werden, zum Beispiel beim Kastenstand in der Sauenhaltung, bei der Ferkelkastration oder der Fläche für die Tierhaltung, sowohl für Auslauf als auch Futtererzeugung. Man muss Übergangslösungen und auch Wege zur Kompensation für die dauerhaft höheren Betriebskosten finden. Der Deutsche Ethikrat hat in seiner Stellungnahme zur Tierhaltung letzte Woche festgestellt, es sei nicht weiter akzeptabel, dass Tiere aus ökonomischen Gründen Schmerz und Leid erfahren.

Berlin

Wir haben bisher viel von Verbrauchern gesprochen, aber die Agrarwende, die Sie wollen, muss die Politik durchsetzen, richtig?

Die Fragen dazu haben Sie gestellt. Wir brauchen eine Agrarwende, und zwar dringend. Die ist aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und geht Hand in Hand mit einer Ernährungswende. Nur, wenn wir das Gesamtsystem ändern, durchbrechen wir den Teufelskreis ruinösen Wettbewerbs. Da geht es übrigens nicht nur um die Nutztierhaltung, sondern etwa auch um den Einsatz von Pestiziden. Unsere Landwirte setzen nur Stoffe ein, die zugelassen sind, klar. Das Problem ist aber, dass die Zulassungsverfahren die Risiken gar nicht abbilden, die durch den Mix verschiedener Mittel entstehen. Man spricht da vom „Cocktail-Effekt“. Jeder Arzt weiß, dass es nicht ohne ist, verschiedene Medikamente gleichzeitig zu verschreiben. Die Zulassungsverfahren müssen also verbessert werden. Sonst haben am Schluss immer wieder die Landwirte das Nachsehen: Wenn sie etwas verwendet haben, was sich im Nachhinein als problematisch herausstellt, geraten sie in Verruf. Es geht um eine Systemänderung. Die kostet Geld, aber das ist ja vorhanden.

Ja?

Europa zahlt jedes Jahr rund 60 Milliarden Euro an die Landwirtschaft. Davon fließen sechs bis sieben Milliarden jährlich nach Deutschland. Da­rauf kommen noch mal um die sechs Milliarden aus dem Bundeshaushalt. Wir investieren also jährlich über zwölf Milliarden Euro in den Agrarbereich.

Und ein großer Batzen dieses Geldes wird per Direktzahlung nach Fläche an die landwirtschaftlichen Betriebe verteilt. Größere Betriebe haben so einen wachsenden Wettbewerbsvorteil.

Genau, ein großer Betrieb mit 1000 Hektar bekommt so mal eben 300.000 Euro im Jahr, derjenige mit 50 Hektar so gut wie nichts. Dieses System ist ungerecht und bringt den Höfen, die viel für Umwelt und Tierwohl tun, gar nichts. Das kritisiert sogar der wissenschaftliche Beirat von Landwirtschaftsministerin Klöckner.

Wilhelm Wackler, Ehrenpräsident des hiesigen Bauernverbands, hat in unserem großen Interview gesagt, dass er das auch für ein Problem hält. Die großen ostdeutschen Betriebe hätten einen klaren Vorteil gegenüber kleineren süddeutschen Betrieben. Aber: Er will trotzdem, dass die Flächenförderung bleibt. Warum? Weil er sonst seinen Betrieb nicht finanzieren könnte, ganz einfach.

Unsere Betriebe in Baden-Württemberg mit ihren vergleichsweise kleinen Flächen stecken in einem Dilemma: Sie wissen um den Wettbewerbsnachteil, der dadurch entsteht, scheuen aber logischerweise den Verlust dieser sicheren Zahlung. Systemumstellungen sind immer schwierig. Aber es ist der einzige Weg, um das Prinzip „Wachsen oder Weichen“ zu stoppen und dafür zu sorgen, dass sich eine umweltgerechte Bewirtschaftung auch finanziell für Landwirte lohnt. Das ist eine wichtige Voraussetzung für eine Legitimation der Agrarförderung, die von vielen Seiten grundsätzlich hinterfragt wird.

Der Kleine muss nun einmal von diesem Szenario ausgehen: Wenn ihm die Flächenförderung wegbricht, bekommt er nur noch Geld, wenn er bestimmte Auflagen erfüllt, sagen wir: zum Beispiel einen Tierwohlstall hat. Aber er hat halt keinen Tierwohlstall, sondern er hat sich ein bisschen Fläche zusammengekauft, sein Betrieb ist von 50 auf 100 Hektar gewachsen in den letzten Jahren. Und – noch einmal – er ist darauf angewiesen, dass er den Kredit, den er für den Stallbau aufgenommen hat, weiterbedienen kann. Wie kann da ein Übergang gelingen, der nicht ruinös ist?

Sie vermischen jetzt die Tierhaltung mit der gesamten Agrarförderung. Ich kann jeden verstehen, der Respekt vor Veränderungen hat, aber gerade unseren Betrieben im Südwesten wird nur ein grundsätzlicher Umbau der Fördersystematik helfen. Und deshalb müssen wir statt Flächenförderung von Gemeinwohlleistungen reden. Sinnvoll ist ein Punktesystem, wodurch ein breites Spektrum verschiedener übergesetzlicher Leistungen attraktiv honoriert wird, vom Humusaufbau und vielfältigen Fruchtfolgen, dem Anbau von Leguminosen und Zwischenfrüchten über tiergerechte Ställe und Weidehaltung bis hin zur Pflege artenreicher Wiesen. Das bietet gerade bäuerlichen Betrieben Chancen, weil sie einiges davon eh schon machen.

Verstehen Sie den Bauern, der sagt: Den Systemkritikern ist wahrscheinlich egal, ob bei der Reform in Hohenlohe drei, vier, fünf oder mehr Bauern hops gehen. Weil sie das große Ganze sehen, ein höheres Ziel haben.

Es geht nicht um höhere Ziele, sondern um tragfähige Lösungen. Die Debatte um die Direktzahlungen führen wir jetzt schon viel zu lange, da sind viele Höfe drüber kaputtgegangen, viele Jahre nutzlos verstrichen, in denen man planbare Übergangszeiten hätte auskömmlich gestalten können. Wir hätten vor sieben Jahren sagen können: Leute, im Laufe dieser Förderperiode schmelzen wir die Direktzahlungen um zehn Prozent ab. Im ersten Jahr fällt gar nichts weg, dann jedes Jahr ein bisschen mehr. Und es gibt eine Kompensation, die ich mir holen kann für entsprechende Tierwohl- oder Umweltleistungen, sodass man wegkommt von der Direktzahlung, und jeder Betrieb sich zukunftsfähig, also natur- und tierverträglich, aufstellen kann. Schritt für Schritt.

Wo wollen Sie letztlich hin? Der polnische EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski hat mal laut von 100 Prozent Ökolandwirtschaft geträumt. Halten Sie das für realistisch?

Auf der Grünen Woche hat er dafür viel begeisterten Beifall bekommen! Das Oberziel muss sein, dass Landwirtschaft insgesamt naturverträglich und auskömmlich wird. Dass Ökosysteme stabilisiert werden, dass das Grundwasser sauber ist, dass das Artensterben gestoppt wird. Da gilt es nicht nur auf die Landwirtschaft zu schauen, aber eben auch. Man kann gerne über Schottergärten, Lichtverschmutzung, Flächenverbrauch, Verkehr reden, das mache ich seit 30 Jahren, aber bitte nicht als Vorwand, um nicht über die Landwirtschaft zu reden. Je länger ich nichts verändere, umso härter wird am Ende der dann doch notwendige Schnitt. Deshalb ist immer mein Aufruf: Landwirte, lasst uns doch jetzt gemeinsam den Weg gehen. Dann können wir zusammen Umbaupfade und Modelle entwickeln, dass es für euch tragfähig ist. Ob am Ende des Pfads 100 Prozent Ökolandwirtschaft oder etwas ganz Neues steht, wird man sehen.

Und chemischer Pflanzenschutz gehört dann der Vergangenheit an?

Natürlich würde ich davon am liebsten ganz wegkommen. Aber ein völliger Ausstieg ist auf kurze Frist nicht machbar, weil seit Jahren die Förderung und Erforschung von Alternativen vernachlässigt wurde. Pflanzenschutz darf nicht länger mit Pestiziden gleichgesetzt werden. Und wir müssen endlich den Integrierten Pflanzenschutz ernsthaft umsetzen, bei dem Pestizide nur das letzte Mittel sind. Wir müssen Pestizidmengen reduzieren und sie wenn, dann noch deutlich zielgerichteter einsetzen. Bei einer Saatgutbeize mit Neonikotinoiden zum Beispiel kommen gerade einmal fünf Prozent der Wirkstoffe bei der Pflanze an, 95 Prozent landen im Wasser, im Boden, in der Umwelt. Da läuft doch etwas schief! Auch die Digitalisierung kann helfen. Es gibt schon Jät-Roboter, die den ganzen Tag über die Felder staksen.

Es wird auch wieder vermehrt gehackt, habe ich kürzlich auf einem Hof in Blaubach gelernt. Aber es kostet Geld, chemische Mittel zu ersetzen.

Ja. Genau das sollte belohnt werden im neuen Agrarsystem. In diesen Bereich müssten viel mehr öffentliche Forschungsgelder fließen, zum Beispiel, wenn es um die Untersuchung der Wechselwirkung von Pflanzen, Schädlingen und Bodenleben geht, um Fruchtfolgen und Mischkulturanbau.

Stellen wir uns vor, wir bekommen eine Agrarwende hin, und es gibt einen viel größeren Anteil an Bio-Landwirtschaft. Der Ertrag pro Hektar sinkt, das Angebot an Bio-Lebensmitteln steigt, der Handel ist weiter stark und übt Druck auf den Preis aus. Muss dann nicht der einzelne Landwirt, auch im Bio-Bereich, wieder wachsen, um dasselbe rauszubekommen?

Das ist zwar eine Tendenz, die wir sehen können, aber Preisdruck entsteht vor allem durch Überangebote am Markt. Das ist bei der Milch so, das ist bei Fleisch so. Insoweit wird diese Rechnung an dieser Stelle so nicht aufgehen.

Bioland bei Lidl!

Diese Kooperation hat den Verband vor eine Belastungsprobe gestellt. Um ruinösen Preisverfall in diesem Prozess zu vermeiden, können wir uns an einigen Bio-Molkereien orientieren: Sie nehmen Bio-Umsteller nur entlang ihres Wachstumspfads auf.

Die Bauern beklagen eine zunehmende Bürokratisierung ihres Berufs. Wenn immer mehr Geld an bestimmte Haltungs- und Bewirtschaftungsformen geknüpft ist, wird dieses Problem größer werden – und das wird kleinere Höfe härter treffen als Großbetriebe mit einem Haufen Verwaltungsmitarbeitern.

Ich bin da zuversichtlicher, dass unsere Betriebe da geschäftstüchtig genug sind. Und seien wir mal ehrlich: Direktzahlungen ohne Auflagen wird es angesichts der politischen Diskussion so oder so über kurz oder lang nicht mehr geben können. Ich möchte, dass die Bauern wirkliche Anreize zu Verbesserungen bekommen und dass wir diesen Weg auch mit digitalen Methoden erleichtern und Bürokratielasten abbauen können.

Nun ist die Agrarwende freilich noch nicht Realität. Wir bewegen uns heute also noch immer in einem anderen System. Und in diesem System treffen Landwirte Entscheidungen, die ihnen geeignet erscheinen, ihre Betriebe zukunftsfähig zu halten. Beispiele: In Nesselbach werden Schweineställe für 8000 Tiere gebaut, in Großenhub will ein Landwirt knapp 15 000 Legehennen halten, und in Rot am See ist ein Stall für knapp 30 000 Masthähnchen geplant. Haben Sie Verständnis für solche Pläne?

Ich verstehe die Prozesse, die dazu führen. Ich halte diese aber aus vielen Gründen für falsch. Einer davon: Jeder, der sich entscheidet, auf diesen Pfad zu gehen, setzt seine Kollegen wieder unter Druck. Diese kommen dann kaum noch an Pachtfläche und können sich mit weniger Tieren immer schwerer am Markt behaupten.

Genau um einen solchen Wettbewerbsvorteil zu haben, werden ja solche Wachstumsentscheidungen getroffen.

Das macht es leider nicht richtiger und schon gar nicht nachhaltig und zukunftsfähig. Das bedeutet weitere Konzentrationsprozesse, weitere Transportwege, größere Maschinen, die durch die Orte fahren, stärkere Emissionen einzelner Ställe. Die Konzentrationswirkungen mit Strukturverlusten in der Landschaft sind schon jetzt eine schwere Hypothek für unsere Ökosysteme, wie wir am Artensterben sehen. Am Ende kommt uns das alle teuer zu stehen. Dazu müssen wir die Herkulesaufgabe Klimaschutz stemmen. Da wird auch Landwirtschaft ihren Beitrag leisten. Ich bin nicht derjenige, der das Methan-aus­stoßende Rind verteufelt. Mir geht’s eher um das Soja aus Südamerika, das im Schweinetrog landet. Oder auch um das Rind, das Ackerfutter zu fressen kriegt. Und wenn ein Betrieb plötzlich ein Mehrfaches seiner bisherigen Tieranzahl hat, dann stellt sich die Frage: Hat er jetzt auch ein Mehrfaches an Fläche? Woher kommt das Futter? Wo landet die Gülle? Natürlich ist es legitim, einen Bauantrag wie in Nesselbach zu stellen. Ich habe mich nur gewundert, warum behauptet wurde, dass ein Anspruch auf Genehmigung bestünde. Das ist falsch! Die Stadt hat proaktiv einen Bebauungsplan aufgestellt. Das hätte sie nicht tun müssen, gerade weil klar war, dass der Betrieb nicht die Fläche hat, um das benötigte Futter selbst zu erzeugen. Er hat damit automatisch auch nicht die Fläche, ökologisch sinnvoll Reststoffe zu verwerten.

Eigentlich müssten Kleinbauern Sie als Verbündeten betrachten. 2017 aber haben nur fünf Prozent der Landwirte grün gewählt. Haben Sie ein Kommunikationsproblem?

Wenn ich der Auffassung bin, dass die Vielfalt unserer Betriebe möglichst erhalten werden sollte, dann treffe ich da mit Sicherheit auch bei vielen Landwirten auf Zustimmung. Aber sicherlich kann man für eine solche Umstellung und deren Finanzierung nicht oft genug werben. Ich gestalte Agrarpolitik aus der Überzeugung heraus, dass diese Politik ökologisch und sozial notwendig ist.

Aber die Bauern scheinen einfach nicht zu glauben, dass grüne Agrarpolitik wirklich in ihrem Interesse ist.

Es gibt viele Bauernfamilien, die sich bereits auf den Weg gemacht haben. Sie erwarten planbare Entwicklungspfade statt Entscheidungen nach Tagesform zwischen zwei Kochshows. Wir versuchen mit ehrlichen Ansagen, zum Beispiel mit unserem aktuellen 7-Punkte-Plan zur Tierhaltung genau diese Planungssicherheit zu geben und werben dafür um Vertrauen. Denn der Umbau gelingt nur mit den Bäuerinnen und Bauern. Mir ist und bleibt wichtig, dass Landwirtschaft gleichzeitig naturverträglich und auskömmlich ist. Diese beiden Dinge sind für mich untrennbar verzahnt.

Es fällt auf, dass die zurückliegenden Bauernproteste vor allem von jungen Bauern angestoßen und getragen wurden. Man könnte doch eigentlich denken, dass Sie dort Gehör finden, weil diese zurückliegende Konflikte schlicht nicht miterlebt haben. Aber: Das Gegenteil scheint der Fall zu sein.

Ich teile diese Einschätzung nicht. Die Bauernproteste mit den großen Schleppern in Berlin haben doch gegen die Politik der Bundesregierung stattgefunden, also die Politik der CDU, CSU und SPD. Ich kann daran vieles verstehen: Die Bundesregierung hat viel zu lange so getan, als ob alles weitergehen könne, wie bisher. Was aber nicht stimmt. Und dann soll es plötzlich sehr schnell gehen. Es geht heute aber darum, gemeinsam die Wege zu finden, wie man aus diesem Schlamassel mit geringer Wertschätzung, niedrigen Preisen und damit verbundenen Zwängen herauskommt. Ich glaube, in Baden-Württemberg hat man im Zuge des Volksbegehrens zum Artenschutz einen Knoten durchschlagen und sich gemeinsam auf den Weg gemacht. Alle Seiten müssen sich bewegen.

Geht das nur mit oder auch gegen den Bauernverband?

(zögert) Ich finde, es geht nur mit den Bauern, nicht gegen sie. Ich hoffe natürlich dass der Bauernverband wieder die Stimme der Vielfalt der Betriebe wird. Wenn dessen Präsident sagt, 5000 Betriebe pro Jahr, die zumachen, seien eine verträgliche Größe, finde ich das unerträglich und zynisch. Das sind 5000 Betriebsaufgaben zu viel. Wir brauchen aber die Vielfalt da draußen. Dieses Credo des Wachsens auf Kosten der Berufskollegen empfinden zunehmend mehr Bäuerinnen und Bauern als Belastung. Wir sehen das an der genannten Initiative „Land schafft Verbindung“, in der zumindest anfangs gerade hierzu auch sehr nachdenkliche Töne zu hören waren. Egal ob Bauernverband oder LSV – es ist richtig, Interessen zu artikulieren. Aber gegen offensichtliche Notwendigkeiten anzurennen, ist wenig hilfreich. Die weitere Nichteinhaltung der EU-Nitrat-Richtlinie hätte Deutschland zum Beispiel 890.000 Euro am Tag gekostet und das Grundwasser weiter belastet. Hier geht es doch darum, nach vorne zu schauen und Lösungen zu finden, wie man das gemeinsam schafft. Denn dafür, für sauberes Grundwasser, gibt es dann auch die gewünschte Wertschätzung. Und die ist notwendig. Tatsächlich schätzen die Menschen die Arbeit der Bauern wert. In ihren Händen liegen entscheidende Zukunftsfragen wie Ernährung, Artenvielfalt, Tierwohl, Gewässer- und Klimaschutz – und das sollte sich in einem angemessenen Gegenwert widerspiegeln.

Vom Bauernhof in den Bundestag


Zur Person Harald Ebner wurde 1964 in Göppingen geboren und ist auf dem elterlichen Bauernhof aufgewachsen. Der Zivildienst brachte Ebner nach Hohenlohe, die Liebe hielt ihn hier. Er ist Diplom-Agraringenieur und arbeitete als Landschaftsökologe in der Naturschutzverwaltung des Landes. Seit 2011 sitzt Ebner für die Grünen im Bundestag. Er ist Sprecher seiner Fraktion für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik sowie für Waldpolitik, Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft und Sprecher der grünen Landesgruppe Baden-Württemberg. Ebner ist verheiratet, hat zwei Töchter und drei Enkelkinder. Er lebt in Kirchberg.