Drei Millionäre erfahren, dass sie demnächst nicht mehr ganz so viel Geld verdienen und beruflich etwas kürzertreten werden. So könnte man – sehr nüchtern betrachtet – das Ergebnis der Gespräche beschreiben, die Bundestrainer Joachim Löw mit Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller geführt hat. Dass die Entlassung der Bayern-Spieler aus der Nationalmannschaft aber noch eine Woche später das Land umtreibt, hat nur bedingt mit dem Champions-League-Spiel am Mittwoch gegen Liverpool zu tun. Es geht um grundsätzliche Dinge, um Fragen des Anstands, des Stils und des Respekts.

Sportlich gesehen kann man wenig gegen die Entscheidung Löws haben. Die Nationalmannschaft braucht einen Neuanfang – und die drei Spieler haben sich zumindest im Herbst nicht unbedingt durch glänzende Leistungen hervorgetan. Dass man Spieler heute schon im Alter von etwa 30 Jahren als zu alt betrachtet, liegt am enormen Tempo des modernen Vollgas-Fußballs, das nur wenige Jahre gespielt werden kann.

Menschen mutieren zu Material - auch im Fußball

Das alles sind gute Argumente, die auch ein Bayern-Fan dem Bundestrainer abnehmen würde. Nein, es ist einzig und alleine der Umgang mit den drei Spielern, der die Angelegenheit zu einem Politikum werden lässt. Dass sogar der sonst so nette Herr Löw drei verdiente Weltmeister und Publikumslieblinge in fünf Minuten rausschmeißt, löst nicht nur bei Fans unangenehme Gefühle aus. Viele Arbeitnehmer sehen im Umgang mit den einstigen Leistungsträgern ein Menetekel. Sie erleben live, wie hart und brutal die Mechanismen einer entfesselten Leistungsgesellschaft sein können. Sie betrachten aus der ersten Reihe, wie Menschen zu Material mutieren, das bei kleinsten Ermüdungserscheinungen entsorgt wird, weil es der Fußball so verlangt.

Natürlich sind die Regeln der Bundesliga nur schlecht mit denen der Bundesrepublik vergleichbar. Doch nimmt man die Sorgen der Menschen vor dem Siegeszug der digitalen Wirtschaft ernst, könnten sich ähnliche Szenen auch in deutschen Unternehmen abspielen. Verlieren Leistungsträger wie die Automobilindustrie den Anschluss, verliert das Land die Basis seines wirtschaftlichen Erfolges. Dann könnten Mitarbeiter mit Mitte 40 bereits zu alt erscheinen. Werden diese Mitarbeiter dann auch noch von ihren Unternehmen ähnlich respekt- und würdelos abserviert wie die drei Bayern-Profis von Löw, würde die über lange Zeit prägende und erfolgreiche Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern beschädigt, wenn nicht zerbrechen und das zum Schaden der gesamten deutschen Wirtschaft. Stilfragen können schnell zu Existenzfragen sein.

So gesehen kann die Gesellschaft von der Bundesliga lernen und jeder Manager von Löw: So darf es auf keinen Fall laufen. Vielleicht gibt es eine Antwort schon am Dienstagabend. Wie schön wäre es, wenn Bayern gegen Liverpool gewinnt und Boateng und Hummels dabei das Spiel ihres Lebens absolvieren. Wenn sie es dem Bundestrainer so richtig zeigen würden. Und was die Bayern können, kann auch das ganze Land.

leitartikel@swp.de

Das könnte dich auch interessieren: