Traum vom Durchmarsch
: Hoch hinaus! Der SSV Ulm 1846 setzt wieder zum Höhenflug an

Beim SSV Ulm 1846 Fußball sieht alles danach aus, als würde auf den Drittliga-Aufstieg der Durchmarsch folgen – 25 Jahre nach dem größten Höhenflug in der Vereinsgeschichte.
Von
Nadine Vogt
Ulm
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Mit den Fans und dem Ulmer Münster im Rücken: Drittligist SSV Ulm 1846 Fußball spielt eine herausragende Saison und ist kurz vor dem Durchmarsch in die zweite Liga.

Samuel Tschaffon

Sie kleben überall. Auf Straßenschildern, Pfosten und Gitterzäunen. Schwarz-weiße Sticker, die sich innerhalb eines Jahres vervielfacht haben. Mit dem Erfolg der Fußballer hat sich das Ulmer Stadtbild verändert. „1846. Der SSV ist wieder da“, heißt es auf einem Bepper, der einen Spieler im weißen Bundesliga-Trikot zeigt. „Skandaaaal!“ Sein Wutausbruch vor laufender Kamera hat Janusz Gora eine gewisse Berühmtheit verschafft. Hochemotional war dieser Abend im September 1999 gewesen, als Ulm gegen Hansa Rostock verloren und vier rote Karten kassiert hatte.

Nach 25 Jahren haben die Ulmer den nächsten Durchmarsch vor Augen

Es sind Erinnerungen an einen bis heute prägenden Teil der Vereinsgeschichte: Der SSV Ulm 1846 wähnte sich vor einem Vierteljahrhundert im Fußball-Himmel. Die „Spatzen“ waren unter den Cheftrainern Ralf Rangnick und Martin Andermatt bis in die Bundesliga durchmarschiert. Das versetzte eine ganze Stadt in Euphorie, Freudentaumel. Doch so hoch der Höhenflug war, so tief war der Fall, der den Klub wegen Missmanagements kurze Zeit später ereilte. Die erste von drei Insolvenzen an der Donau liegt nunmehr 23 Jahre zurück.

Im Hier und Jetzt sind die Ulmer Fußballer so erfolgreich, wie sie es zwei Jahrzehnte lang nicht waren. Der Traum vom Durchmarsch in die zweite Bundesliga lebt. Am Sonntag kann die Mannschaft um Cheftrainer Thomas Wörle im Drittliga-Spitzenspiel gegen den Tabellen-Zweiten, SSV Jahn Regensburg, den nächsten großen Schritt in Richtung Aufstieg machen. Mit sieben Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz, den Dynamo Dresden innehat, scheint der dem SSV Ulm 1846 nicht mehr zu nehmen sein. „Der Trend spricht für uns“, sagt Markus Thiele, der seit 2021 Geschäftsführer des Fußball-Klubs ist und den Ex-Bundesligisten gerne als „Start-Up mit Tradition„ bezeichnet. Als der gebürtige Aalener seinen Job antrat, war gerade auch ein anderer, neuer Mann gefunden: Thomas Wörle wurde Cheftrainer.

Aus Krumbach nach Ulm, vom FC Bayern München zum Schwimm- und Sportverein: Der Fußball-Lehrer trainierte neun Jahre lang erfolgreich das Bundesliga-Frauen-Team des Rekordmeisters und sorgt nun an der Donau für bleibenden Eindruck. Mit einer klaren Handschrift hat er den SSV Ulm vor einem Jahr zum Drittliga-Aufstieg geführt. Nach der Rückkehr in den Profifußball sollte vor allen Dingen eines gelingen: „Wir kämpfen zuallererst um den Klassenerhalt“, sagte Trainer Wörle.

Erst schafft Ulm den Klassenerhalt – und lässt dann die Konkurrenz hinter sich

Doch schnell, sehr schnell, mauserte sich der unterschätzte Aufsteiger mit einem der niedrigsten Etats der Liga zum Überraschungsteam. Seit dem fünften Spieltag haben die Ulmer Fußballer die Top-Fünf der Tabelle nicht mehr verlassen und spielen eine herausragende Saison. Mit ihrer großen Stabilität, die die Drittliga-Konkurrenz um Jahn Regensburg, Dynamo Dresden oder auch RW Essen vermissen ließ, hat sich die Mannschaft an die Spitze gespielt. Die Stärken? Ihre Geschlossenheit, der große Teamspirit und der Erfolgshunger.

Und bei der Kaderplanung haben die Verantwortlichen auch vieles richtig: Sie haben auf ihre Leistungsträger aus der Regionalliga-Saison gesetzt, auf Ulmer DNA, und lagen bei ihren Neuzugängen goldrichtig: Ballkünstler Leo Scienza, der beim 1. FC Magdeburg aussortiert war, zählt zu den besten Spielern der Liga. Mit Max Brandt spielt ein Talent im Mittelfeld. Und Winter-Leihgabe Thomas Kastanarasvom VfB Stuttgart hat seine Qualitäten als torgefährlicher Stürmer unter Beweis gestellt.

In 2024 ist der SSV Ulm als eine von zwei Mannschaften im deutschen Profi-Fußball noch ohne Niederlage. Das hat in nunmehr dreizehn Spielen nur Bundesliga-Meister Bayer Leverkusen geschafft. Das Defensivbollwerk um Kapitän und Abwehrchef Johannes Reichert steht: Auch das ist eine ganz besondere Geschichte. Der gebürtige Ulmer, der auf über 400 Pflichtspiele im Trikot des SSV Ulm blicken kann, kann mit seinem Jugendverein durchmarschieren. „Jeder Fan träumt davon, natürlich auch ich“, sagte der 32-Jährige vor einem Monat.

Der Traum könnte sogar noch im April Realität werden. Wenn die Konkurrenz patzt – und der so Standard-gefährliche SSV das Spitzenspiel am späten Sonntagabend (19.30 Uhr) gewinnt. Ohne Blick auf den Drittliga-Spieltag andernorts ist die Rechnung einfach: Drei Siege in fünf ausstehenden Spielen reichen.

An der Donau darf man der zweiten Bundesliga entgegenfiebern. 25 Jahre nach dem Höhenflug sieht alles danach aus, als würde sich die Geschichte wiederholen. Wahrscheinlich sind auch die neuen Sticker schon gedruckt: „Durchmarsch 2024“ könnte bald überall in der Stadt kleben. Die Ulmer Fußball-Fans werden vorbereitet sein.

Lizenz mit Auflagen für Umbau des Donaustadions

Gute Nachrichten von der Deutschen Fußball-Liga (DFL): Der SSV Ulm 1846 erhält die Zweitliga-Lizenz – mit Auflagen. So muss der Klub einen Masterplan vorweisen, der Umbau-Maßnahmen am Donaustadion vorsieht. Die 100 Jahre alte Kult-Spielstätte mit Tartanbahn ist in ihrem jetzigen Zustand nicht Zweitliga-reif und muss für geschätzte 10 Millionen Euro ertüchtigt werden. Geld, das wohl die Stadt Ulm als Eigentürmerin in die Hand nehmen muss.

Die DFL gewährt eine Karenzzeit, sodass die Stehtribünen – wie in den Statuten vorgesehen – nicht zum Zweitliga-Auftakt überdacht sein müssen. Andere Anforderungen wie der Einbau der Rasenheizung oder der Erneuerung des Flutlichts und der Einbau der Torlinien-Technik müssen bis Mitte Juli erfüllt werden.

Das Donaustadion hat eine Kapazität von 17 000 Zuschauern und war in diesem Jahr zweimal ausverkauft: gegen 1860 München und Dynamo Dresden.

SSV Ulm 1846

Sie möchten wissen, was bei den Fußballern des SSV Ulm 1846 los ist? Die Sportredaktion informiert Sie über die Top-Neuigkeiten zum SSV Ulm.

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