SSV-Ulm-Trainer im Interview
: Pavel Dotchev: „Fußball ist kein Glücksspiel“

InterviewÜber Fußball hat der neue Trainer des SSV Ulm 1846 Fußball schon oft gesprochen. Im Stadtmagazin acht.neun verrät er unter anderem, wie er zu Tennis und Yoga steht. Und warum er vor einem Spiel immer als Letzter ins Stadion geht.
Von
Saskia Mohr, Tobias Lehmann, Karsten Sander
Ulm
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Der Trainer des SSV Ulm1846 Fußball, Pavel Dotchev, im Interview mit dem Stadtmagazin acht.neun.

Der Trainer des SSV Ulm 1846 Fußball, Pavel Dotchev, im Interview mit dem Stadtmagazin acht.neun. Sein Traum derzeit sei: „Ulm retten und in Ulm bleiben!“, sagt der 60-Jährige.

Marc Hörger

Seit zweieinhalb Monaten ist Pavel Dotchev Trainer des SSV Ulm 1846 Fußball. Auch wenn der große Traum von der schnellen Wende im Kampf um den Klassenerhalt so gut wie ausgeträumt ist, gab es zumindest den 3:0-Erfolg über Aue – ausgerechnet an Dotchevs alter Wirkungsstätte. Das Ulmer Stadtmagazin acht.neun hat nachgefragt, wie sich der Deutsch-Bulgare an der Donau eingelebt hat.

acht.neun: Herr Dotchev, wie gefällt Ihnen Ulm? Mögen Sie unseren Nebel?
Pavel Dotchev: Leider habe ich noch nicht die Zeit gefunden, mir Ulm anzusehen. Meine Frau war schon mehrere Male in der Stadt unterwegs und es hat ihr richtig gut gefallen. Die Tage drehen sich für mich 24 Stunden um den SSV. Aber ich werde sicher eine Gelegenheit finden, Ulm zu erkunden.

Nach vielen Trainerstationen sind Sie jetzt beim SSV Ulm 1846 Fußball. Wie würden Sie den Verein beschreiben?
Ich fühle mich hier sehr, sehr wohl. Das Vertrauen der Menschen schenkt mir ein Gefühl von Zuhause. Jeder Verein, für den ich tätig bin, ist mir ans Herz gewachsen. Ulm ist inzwischen für mich zu einem Stück Heimat geworden.

Sie haben bei Lokomotive Sofia den Weg in die höchste bulgarische Liga begonnen und sind dann zu ZSKA Sofia gewechselt. Ein innerstädtischer Wechsel, ist das nicht eine Form von „Hochverrat“?
In Sofia gibt es sogar vier Traditionsvereine und in der Tat brauchte man sogar die politische Erlaubnis, zwischen diesen Vereinen zu wechseln. Das hat die Kommunistische Partei damals verboten. Wir durften erst mit 28 Jahren das Land verlassen. In diesem Alter war man aber als Spieler für die Vereine nicht mehr attraktiv. Ich hatte aber nach der Wende ein bisschen Glück, und kam so 1992 zum HSV.

Seit Juni 2024 am Start: acht.neun

Dieser Text erschien zuerst im neuen Stadtmagazin acht.neun. Es ging im Juni 2024 an den Start. Jeden Monat gibt es darin Geschichten rund um Leute, Lifestyle, Kultur, Gastronomie und Stadtgeschehen. Den Link zur Online-Ausgabe gibt es hier.
acht.neun als gedrucktes Magazin ist an mehr als 250 Auslagestellen kostenlos zu haben. Es liegt an vielen hochfrequentierten Plätzen in der Doppelstadt aus: in der Gastronomie, im Einzelhandel, in Banken und Parkhäusern.

War als Spieler ihre Position immer der Libero? Waren Sie auch im wörtlichen Sinn ein „freier Mann“?
Ich war Defensivspieler auf verschiedenen Positionen und sehr gerne Libero mit Offensivdrang. Ein Spiel „lesen“, im richtigen Moment Ausputzer zu sein – das konnte ich gut. Bei Niederlagen wurde mir aber dann immer vorgeworfen, dass ich zu weit vorne, vor der Abwehrkette, spiele. Ja, ich denke, auch im wörtlichen Sinne passt der Libero gut zu mir als Person – ich bin ein Freigeist.

Als Profi konnten Sie aber beim HSV nicht Fuß fassen, man hat Ihnen Lustlosigkeit nachgesagt. Ein harter Vorwurf.
Mit Lustlosigkeit hatte das nichts zu tun. In der Stadt hatten wir uns gut eingelebt, jedoch fehlten uns Sprachkenntnisse, Freunde und Familie. Zudem hatten wir wenig Zeit für die Integration. Ich spielte anfangs gut, der Verein hatte jedoch keine erfolgreiche Saison. Der neue Trainer Benno Möhlmann, mit dem ich heute befreundet bin, hat mich daraufhin aussortiert. Mitten in der Saison kam meine Frau ins Krankenhaus, weshalb ich mich um die Kinder kümmern musste. Damals gab es, anders als heute üblich, keine Unterstützung vom Verein, weshalb ich mich drei Tage vom Training befreien ließ. Als ich wieder ins Training einstieg, empfing mich der Trainer mit den Worten: „Du hast dich drei Tage ausgeruht, jetzt muss der Rasen brennen.“ In die Startelf kam ich dennoch nicht. Ich war gekränkt, fühlte mich im Stich gelassen und habe meinem Berater gesagt, dass ich den Verein wechseln will. So ging es zunächst als Leihspieler zurück nach Sofia. Nachdem die vertraglichen Angelegenheiten geklärt waren, habe ich zu Holstein Kiel in die Regionalliga gewechselt. Sie sehen, von Lustlosigkeit keine Spur.

Der Trainer des SSV Ulm1846 Fußball, Pavel Dotchev, im Interview mit dem Stadtmagazin acht.neun.

Yoga ist nichts für Pavel Dotchev: „Da weiß ich am Ende nicht, wer gewonnen hat“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Marc Hörger

Für viele Fans sind Fußballstadien Tempel der Fußballkunst. Haben Sie eine Lieblingsarena?
Ich durfte die Stimmung in vielen besonderen Stadien erleben, kann mich aber auf kein bestimmtes festlegen. Jedes hat seine eigene, besondere Atmosphäre entfaltet.

Ihre Spielphilosophie wird häufig mit harter Arbeit und einer stabilen Defensive verbunden. Ihr bevorzugtes System (für die Kenner: die 4-2-3-1) wird oft als eher defensiv interpretiert. Können Sie dem zustimmen?
Nein, das System ist für mich in erster Linie eine Grundordnung und sagt nichts darüber aus, ob eine Mannschaft defensiv oder offensiv spielt. Viele Topmannschaften spielen dieses System erfolgreich. Man darf sich dies aber nicht als starres Gebilde vorstellen, während eines Spiels verändert sich das System permanent. Mir ist wichtig, dass sich die Mannschaft in einer Grundordnung sicher fühlt und daraus Automatismen entwickeln kann. Das ist die Grundvoraussetzung für Stabilität, Spielkontrolle und letztlich auch für offensiven Fußball.

Was ist wichtiger: ein knapper Sieg oder ein spektakuläres 5:3?
Natürlich wollen Trainer und Zuschauer viele Tore sehen, aber Fußball ist am Ende kein Schönheitswettbewerb. Spektakulärer ist ein 5:3, aber auch ein 1:0 bringt wichtige Punkte.

Ein bekannter Buchtitel heißt: „Die Tabelle lügt immer: Über die Macht des Zufalls im Fußball“. Wie groß ist aus Ihrer Erfahrung der Einfluss von Glück und Zufall im Vergleich zu Arbeit, Taktik und Vorbereitung?
Natürlich gibt es im Fußball Zufälle und auch die Faktoren Glück oder Pech spielen eine Rolle. Abgefälschte Schüsse, Eigentore, rote Karten oder Elfmeter – all das kann ein Spiel beeinflussen. Entscheidend ist aber, guten Fußball zu spielen. Dadurch gewinnt man Spiele. Unser Sport ist kein Glücksspiel, sonst würden nicht so viele Menschen dieses Spiel lieben.

Der Trainer des SSV Ulm1846 Fußball, Pavel Dotchev, im Interview mit dem Stadtmagazin acht.neun.

Dotchev taucht tief in seine Aufgaben ein: „Wenn ich einen Verein übernehme, bin ich von einem Moment auf den anderen komplett im Tunnel.“

Marc Hörger

Sie sind Rekordtrainer der 3. Liga und gelten als jemand, der bei Vereinen immer wieder erfolgreich einen Neustart einleiten kann.
Durch meine Erfahrung kann ich inzwischen vieles fachlich gut einschätzen und bewerten. Ich bin 60 Jahre alt, viele meiner Spieler sind fast 40 Jahre jünger. Sie entstammen einer anderen Generation. Deshalb muss man sich als Trainer ständig weiterentwickeln. Geschichten von Ascheplätzen oder der guten alten Zeit funktionieren heute nicht mehr. Wichtig ist, dass man sich auf die Spieler und den Verein einlässt. Ich identifiziere mich immer vollständig mit meiner Aufgabe. Wenn ich einen Verein übernehme, bin ich von einem Moment auf den anderen komplett im Tunnel. Der Fokus endet nicht nach dem Training, er begleitet mich auch mit nach Hause. Ich denke permanent darüber nach, was ich verbessern, verändern oder optimieren kann.

Wie lernen Sie eine neue Mannschaft kennen? Setzen Sie gleich zu Beginn auf Einzelgespräche, oder entsteht Vertrauen auf einem anderen Weg?
Zu Beginn stelle ich mich und meine Ideen der Mannschaft vor und erkläre, was ich vorhabe und wofür ich stehe. Es macht keinen Sinn, sofort mit jedem Spieler ein obligatorisches Einzelgespräch zu führen. Wichtiger ist es, die Spieler auf dem Platz zu erleben. Ihr Verhalten, ihre Körpersprache, ihre Entscheidungen. Gespräche entstehen dann bei vielen Gelegenheiten. Im Training, auf dem Weg zum Platz, im Bus, im Hotel oder beim gemeinsamen Essen. Natürlich führe ich auch Vier-Augen-Gespräche, aber nur, wenn sie Sinn ergeben. Die Spieler brauchen vor allem Anerkennung, Aufmerksamkeit, Vertrauen und manchmal auch Klarheit und konstruktive Kritik.

Zur Person

Pavel Dotchev ist seit 16. November 2025 Cheftrainer der Spatzen. Mit Antritt seines Engagements kehrte der Ex-Profi nach rund einjähriger Pause in die 3. Liga zurück, in der er mit 373 Spielen Rekordtrainer ist. Zuvor arbeitete der Wahl-Paderborner unter anderem bei Erzgebirge Aue, dem MSV Duisburg, Viktoria Köln und Hansa Rostock.

Der 60-Jährige hat in der Vergangenheit mehrfach unter Beweis gestellt, dass er abstiegsbedrohten Mannschaften zur Trendwende verhelfen kann. Beim SSV Ulm stehen lediglich zwei Siege aus sieben Spielen zu Buche.

Haben Sie Rituale – oder halten Sie die für Aberglaube?
Rituale gehören dazu. Ich gehe vor dem Spiel immer als Letzter ins Stadion. Vielleicht ist das nur eine liebgewonnene Angewohnheit. Auch in der Vorbereitung zu Hause habe ich feste Abläufe, die Struktur geben. Wahrscheinlich ist das eine Mischung aus Gewohnheit, Konzentration und ein bisschen Aberglaube.

Am 4. Januar haben Sie mit Ihrer Frau Silvia Ihren 40. Hochzeitstag gefeiert – allerdings waren Sie zu diesem Zeitpunkt im Trainingslager. Gab es zumindest eine kleine FaceTime-Feier?
(lacht) Nein, meine Frau war mit unseren Kindern und Enkeln in Paderborn essen. Dass wir nun schon seit 40 Jahren zusammen sind, liegt ehrlich gesagt vor allem an ihr. Sie hat über all die Jahre unglaublich viel akzeptiert und mich immer unterstützt – dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Wir haben gelesen, dass Sie maximal sieben Tage am Stück verreisen und das vornehmlich auf Mallorca. Ist das so?
Ja, das stimmt. Ich verreise gern nur für ein paar Tage. Mallorca gefällt mir einfach sehr gut, dort fühle ich mich wohl. Alternativ mag ich auch Südtirol sehr, das sind meine beiden Lieblingsziele.

Und was für ein Urlaubstyp sind Sie: Buch, Pool oder Wandern?
Ganz klar: Strand und Nichtstun. Ich gehe auch nicht schwimmen, und bin tatsächlich kein besonders guter Schwimmer. Meist bleibt es bei einer kurzen Abkühlung.

Sie spielen gut Tennis. Woher kommt diese Leidenschaft?
Gut ist relativ (lacht). Mein bester Freund ist Tennislehrer, so haben wir Tennis als gemeinsames Hobby entdeckt. Ich mag es, dass man im Sommer draußen spielt, auf sich allein gestellt ist und seine Fehler nicht verstecken kann. Bei meinem ersten Punktspiel lief der erste Satz katastrophal – aus Frust flog sogar der Schläger über den Zaun (lacht). Im zweiten Satz lief es dann plötzlich richtig gut und ich habe gewonnen. Diese Drucksituation kenne ich vom Fußball.

Der Trainer des SSV Ulm1846 Fußball, Pavel Dotchev, im Interview mit dem Stadtmagazin acht.neun.

Seit über 50 Jahren sei Fußball sein Leben, sagt Dotchev. „Mein aktueller Traum ist: Ulm retten und in Ulm bleiben!“

MARC HOERGER

Ihre Frau ist Yoga-Lehrerin, können Sie auch schon den Sonnengruß?
Oh nein, Yoga ist absolut nichts für mich. Als meine Frau für ihre Prüfung üben musste, waren wir in Südtirol und ich musste als Testobjekt herhalten. Ich war eine Katastrophe. Außerdem weiß ich am Ende nicht, wer gewonnen hat, da fehlt mir ein Ergebnis (lacht).

Sie sind „fischessender Vegetarier“ – haben Sie diese Entscheidung aus gesundheitlichen oder ethischen Gründen getroffen?
Tatsächlich beides. Angefangen habe ich aus gesundheitlichen Gründen, man muss aber dazu sagen, dass ich Fleisch noch nie sehr gemocht habe. Und später kamen für mich auch die ethischen Gründe dazu. Ich konnte mir irgendwann einfach nicht mehr vorstellen, wieder Fleisch zu essen. Inzwischen lebe ich seit 15 Jahren fleischfrei.

Ihr Leben war geprägt von vielen Höhen und Tiefen sowie von Neuanfängen. Woher nehmen Sie die Kraft, immer wieder von vorne zu beginnen?
Das stimmt, doch man muss sagen, dass diese Hochs und Tiefs definitiv nicht meinem Naturell entsprechen. Diese vielen Wechsel haben sich einfach ergeben, da spielen viele Faktoren zusammen. Natürlich hätte ich mir vorstellen können, lange bei einem einzigen Verein zu bleiben. Andererseits können neue Impulse einem Verein nach einer gewissen Zeit gut tun. Als Trainer bist du zwar der Leuchtturm einer Mannschaft, aber gleichzeitig auch der schwache Punkt. Für mich müssen immer alle drei Punkte funktionieren: Mannschaft, Umfeld und Trainer. Fußball ist seit über 50 Jahren mein Leben, ich kann und möchte gar nichts anderes, und daraus ziehe ich diese Kraft. Mein aktueller Traum ist: Ulm retten und in Ulm bleiben!

Spatzenfunk – der Podcast zum SSV Ulm 1846 Fußball

Im „Spatzenfunk“, dem Fußball-Podcast der SÜDWEST PRESSE, dreht sich alles um den Drittligisten. Wir begleiten die Spatzen durch die neue Spielzeit – und das in etwas veränderter Form. Einmal wöchentlich – immer am Montag – bespricht die Sportredaktion den zurückliegenden Spieltag, analysiert die sportliche Leistung und gibt Einblick in die kleinen und großen Ereignisse rund um den SSV Ulm 1846 Fußball.

Was unverändert bleibt, sind die ausführlicheren Interview-Folgen. Regelmäßig laden wir spannende Gesprächspartner zu uns ins Studio, um mit Gästen über Karrierewege, Hintergründe und den Status quo zu sprechen.

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