Tour de France
: Laichinger Radprofi Florian Lipowitz greift an

Bei der Frankreich-Rundfahrt unterstreicht der Radprofi aus Laichingen bei Ulm mit einem beherzten Angriff seine herausragende Form.
Von
Werner Gallbronner
Boulogne
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Florian Lipowitz

Florian Lipowitz zeigte Stärke.

Anne-Christine Poujoulat/AFP/dpa
  • Florian Lipowitz attackiert 2,3 km vor dem Ziel der 2. Etappe der Tour de France – starke Leistung.
  • Teams um Favoriten Pogačar und Vingegaard sowie van der Poel holen ihn kurz vor dem Ziel ein.
  • Bora-Team verbessert sich nach Kritik – schützt Lipowitz und Roglic vor Zeitverlust.
  • Trotz intensiver Etappe verliert Lipowitz keine Zeit – Experten loben seine Stärke.
  • Van der Poel sichert sich Tagessieg in Boulogne-sur-Mer, schlechte Wetterbedingungen prägen die Etappe.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Florian Lipowitz hat es versucht. 2,3 Kilometer vor dem Ziel griff der Laichinger am letzten Berg, einem der vierten Kategorie an, und überraschte damit erst einmal die gesammelte Elite. Er zog durch, doch die Teams der beiden Tourfavoriten Tadej Pogačar und Jonas Vingegaard hatten etwas dagegen. Vor allem aber erneut Alpecin-Deceuninck, dieses Mal in Person von Mathieu van der Poel. Unter dem roten Teufelslappen holten sie Lipowitz ein. Doch der biss auf die Zähne, blieb dran und verlor keine Zeit. „Das war wirklich beeindruckend“, sagte sein Sportlicher Leiter Rolf Aldag: „Das ist ja das Horrorszenario. Du attackierst, hängst 50 Meter vor dem Feld, dann holen sie dich ein und du fällst hinten raus.“ Van der Poel, der am Tag zuvor für Jasper Philipsen noch den Sprint angezogen, knackte Pogacar und sicherte sich den Tagessieg.

Das Red-Bull-Team, namentlich Aldag, hatte zum Auftakt der Tour de France viel Kritik kassiert. In den sozialen Medien schimpften die Fans über die passive Fahrweise, und auch Experten, wie der verletzte Rad-Profi John Degenkolb am Eurosport-Mikrofon, waren nicht so ganz einverstanden. Grund der Kritik: Das Team war im entscheidenden Moment nicht da, 39 Sekunden Rückstand auf der ersten Etappe nicht einkalkuliert. Aber auch die Tatsache, dass man Florian Lipowitz nach seinem Defekt alleine gelassen hatte, behagte so manchem nicht. Zumal der 24-Jährige seine erste Tour fährt und in solch einer Situation noch nicht die Ruhe hat, um bei einem solchen Missgeschick und in der Hektik des Feldes immer kühlen Kopf zu bewahren.

Rückstand kein Beinbruch

Nach Außen gab sich das Team gelassen. Man sei eben auf Sicherheit gefahren, gab Aldag zu Protokoll. Der Rückstand kein Beinbruch. Doch gleich zum Auftakt der zweiten Etappe von Lauwin-Planque nach Boulogne-sur-Mer, die wegen des schlechten Wetters gleich mal mit Verspätung gestartet war, wurde der Funkspruch aus dem Teamfahrzeug öffentlich durchgestellt. Der Auftrag für diesen Tag ans Team: Primoz Roglic und Florian Lipowitz auf jeden Fall beschützen – und vor noch mehr Rückstand bewahren. Hat funktioniert.

Den ganzen Tag über waren die weißen Trikots von Bora Red Bull hansgrohe vorne zu sehen, ebenso wie Soudal Quickstep rund um Olympiasieger Remco Evenepoel, der zum Auftakt ebenfalls Zeit verloren hatte.  „Es war wieder eine sehr nervöse und hektische Etappe“, gab van der Poel zu Protokoll und der hat schon so einiges erlebt. Lipowitz fuhr ebenso aufmerksam wie seine Teamkollegen. „Ich habe den ganzen Tag gelitten“, sagte er nach dem Rennen.

Nach 200 gefahrenen Kilometern stand der vorletzte Anstieg auf dem Programm. Cote de Saint-Etienne-au-Mont, mit einer Steigung von bis zu 15,3 Prozent. Und die Top-Fahrer drückten abwechselnd aufs Tempo, Bora verlor den Anschluss - und dann war es Lipowitz, der mit Roglic am Hinterrad die zweite Gruppe wieder heranfuhr und wieder leiden musste. Und was macht er danach: Er attackiert einfach. Dafür gab's von Degenkolb ein klein wenig Kritik, „da sind die Pferde ein bisschen mit dem jungen Kerl durchgegangen“. Die Körner hätte er sich sparen sollen, schimpfte Degenkolb schon fast. „Warum sollte er es nicht versuchen“, meinte dagegen Aldag, zuckte ein wenig lächelnd mit den Schultern. Nach dem Motto: So ist er halt! Degenkolb rechnete damit, dass Lipowitz am Ende noch Zeit verliert. Tat er aber nicht. „Der Junge ist so unglaublich stark, der weiß noch gar nicht wie stark. Dass er da keine Zeit verliert. Chapeau!“

Chapeau sagte auch sein Kapitän Roglic und erzählte halb ins Mikrofon, halb zum elf Jahre jüngeren Teamkollegen hin: „Bleib positiv. Gestern haben wir ein wenig verloren, heute waren wir wieder da.“ Man konnte erahnen, dass Lipowitz am Samstagabend angesäuert war. Und am Sonntag? „Ich habe meinen Schuss am Ende probiert, leider ist es nicht aufgegangen. Ich hatte so viel Laktat in den Beinen. Aber ich bin happy, mit der Gruppe anzukommen“, sagte der 24-Jährige und schickte noch hinterher: „Ich glaube, ich brauche noch ein paar Tage, um reinzukommen.“ Am Montag steht nun eine Etappe für die Sprinter an. Für Lipowitz wird es vor allem darum gehen, keine Zeit auf die Topstars zu verlieren.