Fußball Oberliga Baden-Württemberg
: Polizei, Ordner, Fantrennung: Der Aufwand hinter einem Risikospiel

HintergrundWas bedeutet es eigentlich für Vereine, wenn sie Gastgeber eines Risikospiels sind? Ein Rundgang mit SSV-Mitarbeiter Joe Yebio durch das Kreuzeichestadion vor dem Anpfiff gibt Aufschluss.
Von
Larissa Renz
Metzingen
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Fussball OL | SSV Reutlingen vs. VfR Aalen: Fussball OL | SSV Reutlingen (rot) vs. VfR Aalen (weiss/schwarz) // 2026-04-26 // Foto: Joachim Baur // Polizeiaufgebot / Sicherheitsspiel

Die Oberliga-Partie zwischen dem SSV Reutlingen und dem VfR AAlen wird als Risikospiel eingestuft. Die Polizei war mit einem großen Aufgebot, inklusive Pferden, vor Ort, um die beiden Fanszenen gut im Griff zu haben.

Joachim Baur
  • Risikospiel SSV Reutlingen gegen VfR Aalen: Polizei mit großem Aufgebot, inkl. Pferden.
  • Beide Fanlager gelten als verfeindet, es wird mit körperlichen Auseinandersetzungen gerechnet.
  • SSV-Sicherheitschef Joe Yebio koordiniert Ordner und Polizei – Vorbereitung kostet rund 40 Stunden.
  • Anreise beider Fanszenen über gleiche Route birgt Konflikte, strikte Fantrennung ist Ziel.
  • Zusätzliche Tribünen und klarere Sektorentrennung würden laut Yebio Konflikte vor dem Stadion mindern.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Die beiden jungen Passantinnen staunen: Eigentlich wollten sie nur mal eben, mit Picknickdecke und kleinem Vesper ausgestattet, um das Kreuzeichestadion laufen. „Was ist denn hier los?“, fragt die eine, als sie plötzlich zwischen berittener Polizei, vielen bewaffneten Beamten und Ordnern sowie einem Überwachungswagen der Polizei steht. „Nur ein bisschen Fußball in der Oberliga“, sagt Joe Yebio mit verschmitztem Grinsen. Er weiß, dass das Aufgebot, auf das die beiden vor dem Eingang des Gästeblocks gestoßen sind, keineswegs nur ein bisschen Fußball ist.

Seit zwei Stunden macht er Meter rund um das Stadion, weist seine Sicherheitsleute ein, spricht er mit der Polizei. „Beide Vereine haben eine organisierte Fanszene, deswegen ist das Spiel zwischen dem SSV Reutlingen und dem VfR Aalen ein Risikospiel“, erklärt Yebio. Dann rauscht auch schon wieder das Funkgerät, das an seinem Kragen steckt. Die Aalener Szene bewegt sich derweil in einem großen Mob, singend, klatschend, leicht pöbelnd auf das Stadion zu.

Welche Risiken immer da sind

Diese Einteilung bezüglich der Spiele nimmt keineswegs der Verein vor, die Kategorie stammt von den Behörden – und die verlassen sich nicht nur auf den aktuellen Blick auf die Tabelle, wie es den Antworten des Polizeipräsidiums Reutlingen auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE zu entnehmen ist. Am Sonntag spielte ein SSV mit Abstiegssorgen gegen einen VfR, der vom Aufstieg träumen kann, überdies gelten „die Fanlager als verfeindet. Das heißt, dass wir bei einem Aufeinandertreffen mit körperlichen Auseinandersetzungen rechnen“, so ein Sprecher.

Die Polizei und auch der SSV gingen am Wochenende mit mehreren Bussen aus Aalen, von Fans in unterer dreistelliger Anzahl aus. „Wir haben das Problem, dass unsere Fans und die der Gäste auf demselben Weg anreisen“, macht Yebio, der für die Sicherheit auf dem Stadiongelände verantwortlich ist, auf ein großes Thema aufmerksam. „Drumherum haben wir viel freie Fläche, dann den Wald. Wir haben es schon erlebt, dass aus den Büschen Leute gestürmt kamen, um die anderen anzugreifen.“ Prüfend lässt er den Blick schweifen, ob sich zwischen Sträuchern etwas erkennen lässt. Den Ordnern an Block 5 gibt er die Anweisung, das Gelände nicht aus den Augen zu lassen.

Obwohl er routiniert ist, kostet die Vorbereitung eines solchen Spiels ihn schon vorab locker 40 Stunden, wie Yebio berichtet. Nach allen Seiten müssen Pläne und erwartbare Risiken durchgesprochen werden. Nur um dann, wie auch an diesem vergangenen Spieltag, festzustellen, dass niemals alles durchgeplant sein kann.

Etwa zwei Stunden vor Anpfiff, kurz vor der Sicherheitsbesprechung mit der Polizei, die mit einem großen Aufgebot an Ort und Stelle ist, erreicht Yebio eine unschöne Neuigkeit: „Die Aalener haben eine Fanfreundschaft mit Eishockeyfans aus Landshut. Die kommen eben nicht wegen des Fußballs. Teile dieser Gruppe sind angeblich auch auf dem Weg hierher.“ Die Anspannung ist nicht nur ihm anzumerken. Etwa 100 gewaltbereite Fans, so die Prognose, könnten auf dem Weg nach Reutlingen sein. Die Busse der Aalener Fanszene werden von der Polizei eskortiert, auf welchem Wege aber diese Gruppe unterwegs ist, darüber gibt es nur wenig Informationen.

„Die Polizei und die jeweiligen Vereinsmitarbeiter beobachten die Szenen genau. Wir wissen, wann die Busse hier ankommen“, sagt Yebio. Die 15 Minuten vor und die 20 Minuten nach einem Spiel sind aus seiner Sicht die heißen Phasen. Schnell sollen die Gästefans durch die Kontrolle und nach Abpfiff wieder in ihre Busse kommen, so sieht das optimale Szenario aus.

„Ja, wir haben hier Hausrecht, aber wir kontrollieren nicht strenger als sonst. Ich will die Fans auch nicht ausschließen. Ich will, dass sich unsere und ihre Fans nur aus der Ferne sehen und wir sie gut auseinanderhalten“, macht Yebio den Sicherheitsansatz des SSV deutlich. Dennoch gibt er einem Ordner die scharfe Order, das gelbe Tor Richtung Innenraum genau zu beobachten und keineswegs zu öffnen. Das sechsfache Aufgebot an Sicherheitspersonal im Vergleich zu einem normalen Spieltag hat der SSV aufgefahren; die Polizei setzte ebenfalls auf Unterstützung anderer Kräfte, wie der Bereitschaftspolizei.

„Es ist beinahe unmöglich, von innerhalb des Blocks diesen Riegel zu öffnen, aber die Ultras des SSV Ulm haben das vor ein paar Jahren geschafft und hier den Platz gestürmt.“ Spontan reagieren kann der Verein dann nicht mehr. Mehr oder weniger hilflos mussten die SSV-Verantwortlichen 2015 die Menge stürmen lassen, die schweren Einheiten der Polizei übernahmen dann. Nicht nur gibt es nach solchen Vorfällen Nachbesprechungen und viele Analysen und auch Strafen, sondern auch das bittere Urteil, dass das Konzept nicht aufgegangen ist. Im von Yebio angesprochenen Fall war es die Nachlässigkeit eines Ordners, der nicht mitbekam, wie Fans die Türe entsperrten.

„Pyrotechnik kann, meiner Meinung nach, nicht verhindert werden. Wenn die zündeln wollen, werden sie das immer auch schaffen“, schildert Yebio, „aber solche Ausschreitungen sind etwas anderes.“ Vor jedem Spiel suchen die Sicherheitsleute in und um das Stadion nach heimlich deponierten Rucksäcken und Ähnlichem, in denen Fans im Block verbotenes Material hineinzuschmuggeln versuchen. Gegen den VfR gab es keine Funde, in beiden Blöcken brennt es über 90 Minuten nicht. Auf Nachfrage bestätigt auch die Polizei, dass die Begegnung ohne besondere Ereignisse verlief.

Wie könnte die Sicherheit am Stadion besser werden?

Mit Ausnahme weniger Partien, wenn also die Stuttgarter Kickers, der VfR Aalen oder der SSV Ulm angekündigt sind, ist der Ligabetrieb für den SSV Reutlingen eher ruhig. Eine Sache, die der in Sicherheitsfragen erfahrene Yebio sofort ändern würde, gibt es aber doch: „Ich hätte gerne noch zwei fertige Tribünen mit einem vernünftigen Platz davor. Dann wären die Fans ganz einfach in ihren Blöcken im Stadion, und müssten sich nicht so lange um das Stadion herum aufhalten“, erklärt er, denn „da entstehen die Konflikte“.

Eine bessere, ausgebaute Sektoreneinteilung würde ihm seine Aufgabe erleichtern. Eine solche Baumaßnahme zeichnet sich aber nicht ab. Für Yebio bedeutet das auch weiterhin, dass „ich viel kommunizieren muss. Im Kern verhalten sich Fanszenen immer gleich, die haben ihre Gewohnheiten. Man muss diese Kultur nicht verstehen, aber diese Abläufe sollte man kennen“, denn dann könnte man automatisch schon einiges an Konfliktpotenzial aus dem Weg räumen.