Sicherheit im Fußballstadion
: „Es sind Spukgespenster, über die da geredet wird“

HintergrundNoch vor einigen Monaten erhitzte die Debatte um die Sicherheit in Stadien und die Innenministerkonferenz Fußball-Deutschland. Auf die große Aufregung folgte die Ernüchterung.
Von
Larissa Renz
Metzingen
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Dynamo Dresden - Hertha BSC: 04.04.2026, Sachsen, Dresden: Fußball, Männer: 2. Bundesliga, Dynamo Dresden - Hertha BSC, 28. Spieltag, im Rudolf-Harbig-Stadion. Polizisten stehen während einer Spielunterbrechung im Stadion auf dem Spielfeld vor dem K-Block mit den Fans von Dynamo Dresden. (zu dpa: ««Gefährden den gesamten Fußball»: DFL verurteilt Krawalle») Foto: Sebastian Kahnert/dpa - WICHTIGER HINWEIS: Gemäß den Vorgaben der DFL Deutsche Fußball Liga bzw. des DFB Deutscher Fußball-Bund ist es untersagt, in dem Stadion und/oder vom Spiel angefertigte Fotoaufnahmen in Form von Sequenzbildern und/oder videoähnlichen Fotostrecken zu verwerten bzw. verwerten zu lassen. +++ dpa-Bildfunk +++

Es kommt zu schweren Ausschreitungen zwischen den Fanlagern der gastegebenden Dynamo Dresden und Anhängern von Hertha BSC. Während die Szene von Dresden die geklaute Zaunfahne anzündet, ist längst ein Aufgebot der Polizei auf dem Rasen, das Spiel ist einige Zeit unterbrochen.

Sebastian Kahnert/dpa
  • Debatte um Sicherheit in Stadien flaut nach Innenministerkonferenz ohne Ergebnisse ab.
  • SSV-Reutlingen-Vertreter Joe Yebio kritisiert alte Vorschläge wie personalisierte Tickets.
  • Kleine Vereine tragen Polizeikosten, entscheiden aber nicht über die Zahl der Einsatzkräfte.
  • Yebio warnt vor Pauschalisierungen – Ultras und Hooligans würden oft gleichgesetzt.
  • Beispiel Dresden gegen Hertha: Ausschreitungen, aber Vorkommnisse im Promillebereich laut Yebio.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

„Gemessen daran, wie groß die Aufregung damals im November war, war meine Erwartungshaltung über den Ausgang der Veranstaltung echt relativ niedrig“, Joe Yebio, Vorstandsmitglied des SSV Reutlingen, macht aus seiner Ernüchterung keinen Hehl. „Und genauso wenig optimistisch bin ich, wenn ich mir anschaue, wie die ganze Diskussion weitergeht.“ Gemeint ist die immer wieder emotional geführte Debatte, um die Sicherheitslage in deutschen Stadien; zuletzt gab es im Vorfeld der Innenministerkonferenz (wir berichteten) massive Fan-Proteste. Überraschend verhalten fiel dann die Reaktion aller Beteiligten dahingehend aus, dass die Konferenz ohne nennenswerte Ergebnisse endete. „Diese Konferenzen gibt es regelmäßig, dieses Mal wird die Debatte nicht so medienwirksam geführt. Schon mal gut, aber was mich stört, ist, dass es immer dieselben Lösungsvorschläge sind“, setzt Yebio nach, „und die sind eben allesamt einfach ‚Thema verfehlt'.“ Wie beurteilt Yebio die Sicherheitslage im Fußball, und wieso ist aus seiner Sicht der Diskurs zum Scheitern verurteilt?

Wer diskutiert eigentlich mit wem?

Weniger mediale Aufmerksamkeit sei an sich nicht mal schlecht, wie Yebio anmerkt, doch nur weil nach außen mehr Ruhe eingekehrt sei, ist er mit den Gesprächsparteien dennoch nicht zufrieden. „Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass da gar nicht die richtigen Personen und Experten miteinander im Austausch sind. Immerhin sitzen dieses Mal einige Fanvertreter mit am Tisch, aber zum Beispiel zu wenig Verbandsvertreter oder Leute, die sich mit Datenschutz auskennen“, erklärt der SSV-Verantwortliche. Vorschläge wie personalisierte Tickets oder kollektive Stadionausschlüsse sind aus seiner Sicht nach wie vor indiskutabel – und für kleinere Vereine auch kaum zu stemmen. Auch wird diskutiert, dass die Vereine als Veranstalter, die Kosten für den Polizeieinsatz am Spieltag tragen sollen. „Klar ist: Um die Sicherheit gewährleisten zu können, brauchen wir die Beamten, aber wir entscheiden nicht, wie viele Polizisten kommen“, macht er auf das Dilemma aufmerksam. Ernstgemeinte Vorschläge sollten sich daher nicht nur auf die großen Ligen und finanzstarken Klubs anwenden lassen. Seit November hat sich für den SSV Reutlingen daher de facto nichts verändert.

„Das sind Spukgespenster, über die da geredet wird“, so Yebio. Die schadeten der Debatte ungemein – und sie bringen die Lager immer weiter gegeneinander auf. „Es gibt für die Politik nur Ultras und Hooligans. Gegen Störer im Stadion muss vorgegangen werden, aber das ist das Problem: Die muss man erst einmal finden und überführen“, so Yebio. Zu oft machen unbeteiligte, unschuldige Leute, die organisierten Szenen nahestehen, ungute Erfahrungen mit den Behörden. Sein Beispiel ist ein Fall von Stadionverbot gegen einen SSV-Anhänger, der im Vorfeld einer Partie bei den Stuttgarter Kickers in Handgreiflichkeiten verwickelt war. Bei den Auseinandersetzungen 2018 habe der Mann in Notwehr reagiert, als die Reutlinger Fangruppe in einem Waldstück von gegnerischen Fans angegriffen worden sei. „Er hat dafür sechs Jahre Ausschluss kassiert, obwohl er wohl kaum als Gewalttäter Sport gelten kann. Nach deutschem Recht war das Notwehr“, ordnet der SSV-Sicherheitsbeauftragte die Sachlage aus seiner Sicht ein.

Wo Eskalationen beginnen

Weiterhin werden solche harten Maßnahmen jedoch ernsthaft in Betracht gezogen. „Ich sehe da überhaupt keinen Fortschritt und ich weiß nicht, wie sie damit irgendwann zu einer Lösung kommen wollen“, lautet sein, eher vernichtendes, Urteil. Abstufungen, wie sie die staatliche Rechtsprechung kennt, fehlen ihm komplett. Auf neue Impulse in der Debatte hofft er zwar, hält sie aber ebenso für unwahrscheinlich, denn „Vorfälle, wie es sie jüngst in der Zweitligapartie zwischen Dynamo Dresden und Hertha BSC gegeben hat, sind Wasser auf die Mühlen der Kritiker“, hält Yebio aufgebracht fest, „dabei sind das nur wenige Menschen, die so etwas machen oder die sich abseits der Stadien prügeln, Leute, die das Wappen ihres Vereins nur als Vorwand nehmen“, betont er.

In dem angesprochenen Spiel kam es zu massiven Ausschreitungen zwischen beiden Fanlagern, die Polizei war im Innenraum im Einsatz, das Spiel war lange unterbrochen worden. „Ja, beide Fanlager sind bekannt, aber das Problem für die Verantwortlichen bei Dynamo Dresden entstand schon deswegen, weil zehn Prozent des Kartenkontingents an die Gäste gehen müssen“, führt Yebio aus, „das sind dann mehr Plätze, als der Gästebereich fassen kann.“ So kam es, dass Teile der Hertha-Szene in einem Block standen, der weniger gut gesichert war. Zwei Faktoren sind dem SSV-Verantwortlichen überdies wichtig: „Auf die Menge an Spielen, die insgesamt an dem Tag ausgetragen wurden, sind solche Vorkommnisse im Promillebereich. Und selbst im Stadion sind diese Leute in der Minderheit. Daher gibt es aus meiner Sicht kein Sicherheitsproblem in der Art, wie das gern dargestellt wird.“

Solche relevanten Details würden in Vorschlägen wie personalisierten Tickets oder Stadionverboten überhaupt nicht berücksichtigt, merkt Yebio kritisch an. Zu solchen Ausschreitungen komme es dann, wenn auch die (baulichen) Gegebenheiten vor Ort es zuließen, die hätten mit den Fangruppen aber nichts zu tun. „Sicherheitsfragen sind meine Aufgabe beim SSV und die Erfahrung zeigt, dass es nur funktioniert, wenn man miteinander in den Dialog geht. Egal, ob auswärts oder daheim, ich rede mit unserer Szene, ich rede mit den Leuten des Gegners.“ Dass der Dialog mit einer so komplexen Subkultur nicht einfach ist, gibt Yebio zu, er vermisst aber schon die Intention, überhaupt in diese Richtung zu gehen. „Es gibt rechtlich korrekte Wege, um Unruhestifter im Stadion zu bestrafen, die sollte man konsequent anwenden. Drumherum würde ich mir wünschen, dass wir differenziert denken und diese besondere Art des Fan-Seins nicht einfach ersticken“, regt Yebio an – die Fans würden es sich im Zweifelsfall ohnehin nicht nehmen lassen, wild und frei zu sein.