Skandal bei EM-Spiel
: Türkischer Spieler Demiral zeigt den „Wolfsgruß“ – UEFA leitet Verfahren ein

Merih Demiral traf in Leipzig beim Achtelfinalspiel gegen Österreich – und jubelte dabei mit dem Handzeichen der rechtsextremen „Grauen Wölfe“. Es gibt heftige Kritik, die UEFA prüft Konsequenzen.
Von
dpa, afp, KNA, rom
Leipzig
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Merih Demiral bejubelte sein Tor gegen Österreich mit einem Handzeichen der „Grauen Wölfe“.

Hendrik Schmidt/dpa

Kritik von Menschenrechtlern, Empörung aus der deutschen Politik – und eine drohende Strafe durch die UEFA: Mit seinem Wolfsgruß-Jubel hat Merih Demiral die Feier des EM-Viertelfinaleinzugs der Türkei in eine Debatte über Rechtsextremismus verwandelt. Beim 2:1-Sieg der Türken im EM-Achtelfinale gegen Österreich formte der 26-Jährige formte nach seinem zweiten Treffer im Leipziger Stadion mit beiden Händen den sogenannten Wolfsgruß, ein Handzeichen und Symbol der „Grauen Wölfe“. Die Geste sorgte für heftige Kritik in sozialen Medien und aus der Politik. Etliche Stimmen forderten eine Sperre für Demiral.

Innenministerin Faeser nennt Gruß „völlig inakzeptabel“

„Die Symbole türkischer Rechtsextremisten haben in unseren Stadien nichts zu suchen“, teilte Bundesinnenministerin Nancy Faeser am Mittwochvormittag mit. „Die Fußball-Europameisterschaft als Plattform für Rassismus zu nutzen, ist völlig inakzeptabel.“ Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grüne) forderte Konsequenzen. „Seine Botschaft ist rechtsextrem, steht für Terror, Faschismus“, schrieb der Grünen-Politiker auf der Plattform X mit Blick auf den Gruß. Die Europäische Fußball-Union UEFA müsse Konsequenzen ziehen. Özdemir fügte hinzu: „Ich frage mich, warum das Zeigen des Symbols des Grauen Wolfes nicht auch bei uns längst verboten ist. Diese rechtsextreme Geste steht für widerlichen Antisemitismus und die Vertreibung der letzten Christen aus dem Siedlungsgebiet der Urchristen.“ Österreich habe den Gruß zurecht unter Strafe gestellt, das müsse auch in Deutschland gelten, bekräftigte der Grünen-Politiker.

Zeichen rechtsextremer Bewegung

Als „Graue Wölfe“ werden die Anhänger der rechtsextremistischen „Ülkücü-Bewegung“ bezeichnet, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird. In der Türkei ist die ultranationalistische MHP ihre politische Vertretung und Bündnispartnerin der islamisch-konservativen AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Nach Angaben des Bundesamts für Verfassungsschutz haben sie in Deutschland rund 11 000 Anhängerinnen und Anhänger. Kritiker wie der Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) fordern seit langem ein Verbot der Organisation.  „Diese Grauen Wölfe sind richtig gefährlich“, sagte Özdemir kürzlich im Interview mit der SÜDWEST PRESSE. „Auch deshalb, weil sie Kindern, die in unserem Land aufwachsen, in Camps eine menschenverachtende Ideologie beibringen.“ In Frankreich ist die rechtsextremistische Gruppierung bereits verboten, in Deutschland trotz diverser Vorstöße und Forderungen aus der Politik noch nicht. In Österreich ist zumindest der „Wolfsgruß“ verboten.

UEFA leitet Verfahren ein

Demiral bestritt eine politische Absicht der Geste: „Wie ich gefeiert habe, hat etwas mit meiner türkischen Identität zu tun“, sagte Demiral nach Mitternacht im Leipziger EM-Stadion. „Deswegen habe ich diese Geste gemacht. Ich habe Leute im Stadion gesehen, die diese Geste auch gemacht haben.“ Es stecke „keine versteckte Botschaft“ dahinter. „Wir sind alle Türken, ich bin sehr stolz darauf, Türke zu sein und das ist der Sinn dieser Geste“, sagte er. „Ich wollte einfach nur demonstrieren, wie sehr ich mich freue und wie stolz ich bin.“ Es werde hoffentlich noch mehr Gelegenheiten geben, diese Geste zu zeigen.

Die UEFA leitete– deutlich schneller als bei anderen Disziplinar-Vorkommnissen bei diesem Turnier – ein Untersuchungsverfahren gegen den Verteidiger ein. Es gehe dabei um ein mutmaßlich unangemessenes Verhalten des 26-Jährigen, teilte die UEFA am Mittwochvormittag mit. Sollte Demiral bestraft werden, könnten ihm Folgen für das anstehende Viertelfinale drohen, etwa eine Sperre.

Was bedeutet der „Wolfsgruß“ und wer sind die „Grauen Wölfe“?

Was bedeutet die Handgeste, die „Wolfsgruß“ genannt wird?

Die Handgeste imitiert den Kopf eines Wolfes und ist Symbol und Erkennungszeichen der in der Türkei gegründeten rechtsextremistischen Bewegung der „Grauen Wölfe“. Zeigefinger und kleiner Finger formen die Ohren, Daumen und Mittel- und Ringfinger eine Art Schnauze. Die Geste geht zurück auf einen türkischen Mythos, drückt in der Regel aber die Zugehörigkeit und das Sympathisieren mit der Bewegung und ihrer Ideologie aus.

Wer sind die „Grauen Wölfe“?

„Graue Wölfe“ ist eine Bezeichnung für die „Ülkücü“-Bewegung. Ihr Symbol ist der graue Wolf (türkisch: Bozkurt). Die Bewegung wurde in den 1960er Jahren von Alparslan Türkeş gegründet und steht für eine rassistisch-nationalistische Ideologie, die von der historischen und moralischen Überlegenheit der Turkvölker ausgeht und Abweichungen davon diskriminiert. „Graue Wölfe“ wurden in den 60er Jahren militante Jugendgruppen und Paramilitärs genannt. Ihnen werden zahlreiche politische Morde an unter anderem Kurden, Aleviten, Sozialisten und Gewerkschaftern in der Türkei zwischen den 60er und 90er Jahren angelastet. Zu der „Ülkücü“-Bewegung zählt auch die sogenannt Große Einheitspartei BBP und die ultranationalistische Partei MHP. Sie ist Regierungspartner von Präsident Recep Tayyip Erdogan und seiner AKP.

Was sagt der Verfassungsschutz über die „Grauen Wölfe“ in Deutschland?

Die Ableger der „Grauen Wölfe“ in Deutschland werden vom Verfassungsschutz beobachtet. Der stuft die Gruppierung als eine „erhebliche Bedrohung für die freiheitlich demokratische Grundordnung“ ein. Der Ideologie der „Ülkücü“-Bewegung wird im Verfassungsschutzbericht 2023 ein „übersteigerter Nationalismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ wie Rassismus und Antisemitismus attestiert. Mit mehr als 12.000 Anhängern ist sie eine der größten rechtsextremen Gruppen in Deutschland.
Ein großer Teil davon sei in Vereinen organisiert, die wiederum unter dem Dach größerer Verbände in Deutschland zusammengeschlossen sind. Als mitgliederstärkster Verband gilt die Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland (ADÜTDF) mit rund 7.000 Mitgliedern in über 200 Ortsvereinen. Auch die Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa e.V (ATIB) und die Föderation der Weltordnung in Europa (ANF) sind mit je rund 2.500 und 1.000 Mitgliedern vertreten.

Kritik bereits im Vorfeld der EM

Bereits im Vorfeld des Achtelfinals hatte die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) die UEFA aufgefordert, den Wolfsgruß in den Stadien nicht zu tolerieren. Dass dies nun ausgerechnet am Jahrestag des Brandanschlages von Sivas, bei dem am 2. Juli 1993 35 Menschen, größtenteils Aleviten, getötet wurden, geschehen sei, sei ein absoluter Skandal sowie „eine Verhöhnung der alevitischen Opfer des Massakers“, erklärte die Gesellschaft für bedrohte Völker am Mittwoch in Bonn. Die Organisation forderte den Spieler auf, sich zu entschuldigen, sowie die UEFA, die Geste zu verbieten.

Ähnlich äußerte sich die deutsch-kurdische Menschenrechtlerin Düzen Tekkal. Bei Rassismus und Faschismus in Teilen der Bevölkerung dürfe die Gesellschaft nicht wegsehen, schrieb sie auf X. „Es gilt alle Formen der Menschenverachtung und Verfassungsfeindlichkeit zu bekämpfen! Alles andere ist Makulatur.“

Demiral traf in Leipzig bereits nach 57 Sekunden zum schnellsten Tor in der K.-o.-Runde einer EM sowie in der 59. Minute. Er wurde zum Man of the Match gewählt. Um den Einzug ins Halbfinale der EM spielt die Türkei am Samstag in Berlin gegen die Niederlande.