Das Stadion des katarischen Erstligisten Al-Shamal SC hoch droben im Norden des Emirats ist gebaut wie eine Burg. Das rote Gemäuer hat vier Türme im Eck, der Sichtschutz auf dem zum Trainingsplatz der DFB-Elf umfunktionierten Gelände ist also gegeben.
In der heftigen Wüstenhitze liefen am trainingsfreien Freitagmittag die letzten Vorbereitungen für die erste deutsche Übungseinheit im Gastgeberland der WM an diesem Samstag. Draußen werkelten die Greenkeeper und trimmten den Rasen, später trugen sie die Tore unter einem Burgturm durch eine schmale Gasse hinein. Sie schwitzten ordentlich, als sie die kleine Bühne für die deutschen Gladiatoren bereiteten.

Kühlanlage auf Hochtouren

Drinnen wiederum, in der angrenzenden Turnhalle, die dem DFB während des Turniers als Medienzentrum dient, war die Luft dank der klirrenden Klimaanlage eiskalt – und der Mann, der bei der ersten WM-Pressekonferenz des DFB in Katar aufs Podium trat, lief passend zur brummenden Kühlanlage auch auf Hochtouren. Er tat das zwar stets mit kühlem Kopf. Aber der Verbandspräsident Bernd Neuendorf, der die WM für den DFB offiziell einläutete, lieferte alsbald hitzigen Diskussionsstoff.

Markenzeichen: Brille auf der Stirn

Denn der Mann, der die Brille meist auf der Stirn trägt, schärfte den Blick und die Sinne. Er probte nicht weniger als eine Art Aufstand gegen den Weltverband. „Es gibt einige Dinge, die mich in letzter Zeit verstört haben“, sagte Neuendorf also: „Es geht bei der WM um die allgemein gültigen Menschenrechte – dahinter sollten wir uns alle versammeln können, gerade auch die Fifa.“

Dann geht die Show richtig los

Und dann ging sie so richtig los, die Neuendorf-Show. Ruhig im Ton, aber klar und eindeutig in der Sache, so positionierte sich der DFB-Chef mit Blick auf die Missstände im Gastgeberland Katar und das Gebaren der Fifa.
Selbst mögliche Sanktionen für das Tragen der „One Love“-Armbinde des Kapitäns Manuel Neuer, das wurde am Freitagmittag klar, schrecken Neuendorf nicht mehr ab. Neuer wird während der Endrunde eine mehrfarbige „One Love“-Kapitänsbinde tragen, als Zeichen für Toleranz und Weltoffenheit. Noch ist offen, ob die Fifa dafür eine Sanktion aussprechen würde. Neuendorf sagte dazu nun so trocken wie eindeutig dies: „Ich persönlich wäre durchaus bereit, eine Geldstrafe in Kauf zu nehmen, denn für mich ist das keine politische Äußerung, sondern ein Statement für Menschenrechte.“

Seit acht Monaten an der Spitze

Nach acht Monaten an der DFB-Spitze hat da also einer die Scheu vor den Mächtigen im Weltverband abgelegt. Konkret kritisierte Neuendorf die Fifa auch für ihr kürzlich ausgesprochenes Verbot der dänischen Trainingstrikots mit dem Slogan „Menschenrechte für alle“.
Einmal in Form gekommen, geißelte er den Weltverband auch noch für dessen Schweigen zur Niederschlagung der Proteste für Gleichberechtigung im WM-Teilnehmerland Iran. „Ganz generell sollte man dazu Position beziehen, die sehr mutigen Frauen im Iran verdienen jede Aufmerksamkeit und Unterstützung“, sagte Neuendorf.
Ein Zeichen wiederum hat der DFB kürzlich selbst schon dadurch gesetzt, dass er Infantino die offizielle Gefolgschaft verweigerte. Denn der deutsche Verband wird den 52-Jährigen auf dem Weg zu seiner Wiederwahl als Fifa-Chef nicht unterstützen. Trotz seiner diversen Verfehlungen haben dem seit 2016 amtierenden Schweizer die Kontinentalverbände aus Südamerika, Asien, Afrika und Ozeanien ihre Unterstützung für die Wahl im März 2023 signalisiert.

„Chancenloses Rennen“

Neuendorf verteidigte am Freitag erst die ausgebliebene Nominierung eines Infantino-Herausforderers seitens des DFB. Derjenige Kandidat, so Neuendorf, „wäre in ein chancenloses Rennen gegangen, das will man niemandem antun.“ Dann merkte der DFB-Boss aber spitz an, dass er sich in der weiten Fußballwelt mit all den zwielichtigen Unterstützern des zwielichtigen Infantino nicht allein wähnt. „Ich fühle mich nicht isoliert – ein Kontinentalverband hat Infantino nämlich nicht nominiert: die Uefa.“
Auch über die gemeinsame Kraft des europäischen Verbands gegen die Machenschaften des Weltverbands sprach Neuendorf bei seiner Erklärung – an Deutlichkeit kaum zu überbieten.

Antonio Rüdiger und Thomas Müller steigen vorsichtig ein

Einen Tag früher als geplant haben Thomas Müller vom FC Bayern  München und der Ex-Stuttgarter Antonio Rüdiger (Real Madrid) eine erste Trainingseinheit in Katar absolviert. Wie der Deutsche Fußball-Bund am Freitag bestätigte, gehörte das zuletzt angeschlagene Duo zu einer Gruppe von gut einem halben Dutzend Nationalspielern, die mit Bundestrainer Hansi Flick im Al-Shamal-Stadion unweit des Teamquartiers eine freiwillige Regenerationseinheit bestritten. Flick hatte den insgesamt 26 Akteuren in seinem WM-Kader am Freitag zur Erholung freigegeben.
Die meisten Spieler blieben zum Relaxen im DFB-Hotel Zulal Wellness Resort. Müller und Rüdiger sollten nach muskulären Problemen und Hüftschmerzen eigentlich erst am Samstag das Training wieder aufnehmen. Beide hatten zuletzt mehrere Klub-Spiele beim FC Bayern München beziehungsweise Real Madrid verpasst und waren für den letzten Test der DFB-Elf am Mittwoch im Oman (1:0) noch keine Option gewesen. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft startet am Mittwoch (14 Uhr/ARD) gegen Japan in die Weltmeisterschafts-Endrunde in Katar.