Patrik Schick und die übrigen „Goldfüßchen von Prag“ rannten ihren Fans freudetrunken entgegen wie ein Kind seiner Mutter und sangen Jubellieder aus voller Kehle. Danach feierten Tschechiens neue Fußball-Helden eine zünftige Kabinen-Party. Nach dem Überraschungscoup gegen die Niederlande im Achtelfinale lebt der Traum von einem Husarenritt durch das EM-Turnier, wie er vor 25 Jahren gelang. „Es ist passiert, was wahrscheinlich niemand erwartet hat“, sagte Bayer Leverkusens Stürmer Schick nach dem furiosen 2:0 (0:0)-Triumph gegen die Elftal am Sonntag in Budapest: „Vielleicht sind wir nicht so gute Fußballer wie die Niederländer, aber im heutigen Fußball braucht man Engagement und Teamgeist. Das haben wir heute gezeigt.“

Optimistischer Blick aufs nächste Spiel

Im Viertelfinale gegen Dänemark könnten die Tschechen am kommenden Samstag in Baku nun tatsächlich erstmals seit 2004 unter die besten Vier Europas einziehen. Auf der vermeintlich leichteren Seite des Turnierbaums scheint gar das Finale möglich – so wie einst für die goldene Generation um Pavel Nedved 1996, als im Endspiel von Wembley nur die Deutschen und Golden-Goal-Torschütze Oliver Bierhoff zu stark waren. Nationaltrainer Jaroslav Silhavy glaubt daran. „Wir waren der Underdog, schon in der Gruppe. Und wir sind so weit gekommen“, sagte der 59-Jährige: „Vielleicht können wir auch gegen Dänemark überraschen und sogar noch weiterkommen.“
Gegen die Niederländer zeigte Silhavys Mannschaft, dass sie nach der Vorrunde womöglich zu Unrecht beinahe als Fallobst abgeschrieben worden war. Sie spielten gegen den Europameister von 1988 kaum wie ein Gruppendritter, der sich im Rennen mit England, Kroatien und Schottland mit Mühe ins Achtelfinale gezittert hatte. Leidenschaftlich erstickten sie jeden Angriff im Keim, standen Oranje auf den Füßen, sodass die Elftal nicht zu einem einzigen Schuss auf das tschechische Tor kam.
Die Sportzeitung Sport bescheinigte Silhavy eine „perfekte taktische Leistung, die auf einem ausgeklügelten Plan aufbaute. Wenn er am Samstag in Baku so spielt, könnte er den Dänen das Stoppschild zeigen“. Auch Fortuna meinte es gut mit den Tschechen, als der niederländische Abwehrchef Matthijs de Ligt (52.) nach einem  Handspiel die Rote Karte sah.

Tomas Holes überragt

„Die Rote Karte hat uns geholfen, denn bis dahin waren wir gleichauf. Danach wussten wir, dass wir dominieren und treffen können“, sagte der überragende Defensivabräumer Tomas Holes, der nicht nur wegen seines Führungstreffers (68.) zum Star des Spiels gewählt worden war.
Im Mittelfeld meldete der Profi von Slavia Prag den in der Gruppenphase noch überragenden Oranje-Kapitän Georginio Wijnaldum völlig ab und übersprintete ihn im Stile eines Leichtathleten, bevor er in der 80. Minute den vierten Turniertreffer Schicks zum Endstand vorlegte.
„Es ist ein Traum“, sagte auch Holes nach der Partie: „Das war das beste Spiel meiner Karriere.“ Vielleicht liegt Holes aber auch falsch. Schließlich prophezeite auch Tomas Soucek, sein Partner in der Zentrale, dass die Reise durch das EM-Turnier „noch lange nicht zu Ende“ sei.

Schwerer Kater in der Niederlande

Die Fußball-Welt der Niederlande liegt in Trümmern. Nach dem EM-Aus im Achtelfinale überzogen die heimischen Medien Oranje mit Häme. Vernichtende Kritik schlug Nationaltrainer Frank de Boer entgegen. „Statt aufzubauen auf der Arbeit von Koeman, schmiss de Boer alles, wofür die Holländische Schule steht ein paar Wochen vor der EM einfach so in die Amsterdamer Grachten. In Budapest wurde für diese unglaubliche Dummheit der Hauptpreis bezahlt“, schrieb „De Telegraaf“.
Wir haben alle einen großen Kater“, sagte der Coach mit versteinerterr Miene. „Man sollte jetzt keine Entscheidungen treffen. Ich werde diese bittere Pille schlucken.“