Für die einen sind sie Stimmungsmacher, für andere kostümierte Krakeeler: die Ultras der Profi-Fußballvereine. Die wenigsten jedoch bringen in Gedanken die hartgesottenen Fans mit sozial Engagierten zusammen. Doch das sind sie auch, wie aktuell das Commando Cannstatt 97 (CC) zeigt, die älteste Ultra-Fanvereinigung des VfB Stuttgart. Die Mitglieder haben in Zeiten von Corona nicht nur Hilfsbedürftige aus dem nahen Umfeld im Blick.

Solidaritätsaktion mit Krankenhaus Bufalini di Cesena

„Wir wissen um unsere Strahlkraft“, sagt Benjamin Nagel selbstbewusst, der Sprecher des Commando Cannstatt 97. Wenn die rund 1600 Mitglieder über Twitter oder andere Social-Media-Kanäle mit Gleichgesinnten in Kontakt treten, wird meist schnell reagiert. Die Ultras sind eng verbunden. Normalweise jedes Wochenende durch Heim- und Auswärts-Spiele oder die Vorbereitungen für Aktionen im Stadion. In Zeiten von Corona eben über das Internet.

„Durch unsere Aufrufe erreichen wir Leute, die über eine Zeitung nicht erreichbar sind“, sagt Nagel und meint damit die rund 15 000 Fans, die auf Steh- und Sitzplätzen in der Cannstatter Kurve den VfB anfeuern. Die CC-Ultras haben sich diese Vernetzung für eine Solidaritätsaktion mit dem Krankenhaus Bufalini di Cesena in Norditalien zu Nutze gemacht.

Enge Verbindung zu den Ultras der Curva Mare aus Cesena

Seit mehr als einem Jahrzehnt unterhält der Verein eine enge Verbindung zu den Ultras der Curva Mare aus Cesena. In Stuttgart lebende Deutsch-Italiener gaben den Anstoß. Man besucht sich zu Spielen, feiert und tauscht sich über Aktionen aus. „Die italienischen Ultras haben die deutschen Kurven mitgeprägt“, sagt Nagel, Anfang 30, der sich seit seinem 16. Lebensjahr als Fan für den VfB engagiert und den Aufbau dieser Fußballfreundschaft deshalb hautnah miterlebt hat.

Benjamin Nagel: „Die Ultras erreichen viele Menschen. Da hilft auch ein kleiner Betrag“

Auch dass sich ihre italienischen Freunde nach den Erdbeben in den Abruzzen 2009 sofort zusammenschlossen, um jenen zu helfen, deren Zuhause zerstört war, blieb ihnen nicht verborgen. „Die Ultras erreichen viele Menschen. Da hilft auch ein kleiner Betrag, damit etwas zusammenkommt.“

So wie bei der Solidaritätsaktion für die vom Coronavirus hart betroffene Region Emilia-Romagna, die neben der Lombardei zu einem der Hotspots in Italien  zählt. Die Kliniken sind überlastet. Oft fehlen Mundschutz, Handschuhe und Geld für Beatmungsgeräte. Dafür hat das Commando Cannstatt einen Spendenaufruf unterstützt. Die Geste ist angekommen. „Aus Italien hat uns große Dankbarkeit erreicht. Niemand hätte das von uns erwartet.“

Große Dankbarkeit aus Italien - Aufruf zur Blutspende gestartet

Es sind solche Zeichen, die in Zeiten der Verunsicherung Mut machen. Das Commando Cannstatt belässt es nicht bei dieser Aktion. „Wir haben unsere Leute aufgefordert, die Augen aufzuhalten und zu melden, wenn irgendwo Hilfe gebraucht wird.“ So haben die Stuttgarter Ultras eine Kontaktplattform eingerichtet und einen Aufruf zur Blutspende gestartet. „Unser soziales Herz haben wir nicht erst mit dem Coronavirus entdeckt“, stellt Benjamin Nagel klar.

Hilfe für Obdachlose gehören seit Jahren zum Programm der Cannstatter Ultras

Er ist von Beruf Kaufmann. Hilfen für Obdachlose, wie für den Kältebus des Roten Kreuzes in Stuttgart, gehören seit Jahren zum festen Programm der Cannstatter Ultras, die sich sonst eher um Choreografien bei Bundesligaspielen und Fan-Gesänge kümmern. „Uns reicht es nicht, eine Karte fürs Spiel zu kaufen, zwei Bier zu trinken und dann wieder heimzugehen.“

Nagel: „In unserer Kurve ist zuhause, wer in Stuttgart zu hause ist“

Ultras gelten normalerweise als die Problemkinder der breitgefächerten Fan-Szenerie im deutschen Fußball. Ein Grund: Manche zündeln mit der hochgefährlichen  Pyrotechnik, die die Stadien in gesundheitsschädliche Rauchschwaden hüllen. Auch eine Nähe zur rechten Hooligan-Szene wird manchen Fangruppen nachgesagt. Nagel betont für das Commando Cannstatt dagegen die Mulitikulturalität. „In unserer Kurve ist zuhause, wer in Stuttgart zuhause ist.“ Anders sei das im bunten Cannstatt gar nicht möglich.

Benjamin Nagel hebt die gesellschaftliche Verantwortung von Gruppen wie ihnen hervor. Deshalb sind für die Mitglieder des Commando Cannstatt 97 auch Kneipentreffs als Ersatz für  Stadionbesuche momentan tabu.

Stuttgart/Berlin

Gründung nach einem Spiel gegen den Erzrivalen


Vor fast genau 23 Jahren hat sich das Cannstatter Commando 97 gegründet. Nach einem Spiel gegen den Erzrivalen Karlsruher SC wurde die Fan-Gruppierung in einer Kneipe beschlossen. Ob sie von Dauer sein würde, konnte damals niemand sagen. Doch noch heute sind die Ultras aus Cannstatt Unterstützer und Stachel im Fleisch des VfB Stuttgart zugleich. „Wir sind sehr aktiv, aber auch sehr kritisch“, sagt Benjamin Nagel, Sprecher der Cannstatter Ultras. Die „Turbokommerzialisierung“ im Fußball ist den Ultras allerortens ein Dorn im Auge. Zum Ausdruck kam das auch im anhaltenden und erfolgreichen Protest gegen die Montagsspiele in der Fußball-Bundesliga.