Psychologin Sandra Konrad
: Vererbung von Traumata – „Opa war ein Nazitäter“

InterviewTraumata, die nicht verarbeitet wurden, können auf die nachfolgenden Generationen übergehen, sagt die Hamburger Psychologin Sandra Konrad. Wie sich das äußert und warum es sich lohnt, in der Familiengeschichte zu forschen.
Von
Isabella Hafner
Hamburg
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Psychologin Sandra Konrad

Die Psychologin Sandra Konrad hat ihre Doktorarbeit über Holocaust-Überlebende und ihre Nachkommen geschrieben.

KIRSTEN NIJHOF

Was leitet uns unterbewusst? Warum stolpern wir immer wieder über dieselben Probleme im Leben? Und was haben unsere Vorfahren damit zu tun? Die Hamburger Psychologin Sandra Konrad beschäftigt sich unter anderem damit, wie die Familie unser Leben prägt und wie Traumata über Generationen vererbt werden. Mit „Das bleibt in der Familie – Von Liebe, Loyalität und uralten Lasten“ hat sie eine Art Aufklärungsbuch zum Thema geschrieben.

Frau Konrad, Sie schreiben, wir Menschen hätten eines gemeinsam: Selbst, wenn wir ans andere Ende der Welt ziehen – die Familie können wir nicht hinter uns lassen. Wirklich nicht?
Nein, weil wir zu großen Teilen deren Produkt sind. Wir tragen die Werte und Botschaften, die unsere Eltern uns vermittelt haben, in uns: Wie wir selbst sind, wie die Welt ist, wie andere sind. Wir können nach Australien ziehen, unsere Eltern können längst tot sein. Aber was sie uns vermittelt haben, ist wie ein Radioprogramm, das die ganze Zeit im Hintergrund dudelt. Es beeinflusst unseren Selbstwert, unsere Bindungs- und Konfliktfähigkeit, unsere Lösungsstrategien und die Art, wie wir Beziehungen gestalten.

In einer Therapie versteht man dann vielleicht plötzlich: Ah, der innere Kritiker, der mich die ganze Zeit am Weiterkommen hindert, kommt daher, dass mein Vater oft Kritisches gesagt oder missbilligend die Augenbrauen hochgezogen hat. Die inneren Elternstimmen setzen sich fest und verselbstständigen sich. Sie verwandeln sich im Laufe der Zeit in Glaubenssätze, die bei weitem nicht immer richtig oder gut für uns sind.

Zu Ihnen kommen unter anderem Menschen mit Beziehungsproblemen. Manche stellen dann fest: Mein Partner hat gar keine Schuld oder: Mit meinem Kind ist alles in Ordnung. Ich bin es, der von den Vorfahren ein Päckchen mitbekommen hat. Ein Aha-Moment für Ihre Klienten?
Total. Wer einmal die Augen aufgemacht hat, kann sie nicht mehr zumachen. Plötzlich macht so vieles im Leben dieser Klienten Sinn. Man versteht: Deshalb reagiere ich also bei diesem Thema immer so über. Deshalb ist mir dies oder das so wichtig – und damit belaste ich jetzt vielleicht meine Kinder. Ich hatte eine Familie in meiner Praxis, da war der Vater bei „Ärzte ohne Grenzen“. Jeden Urlaub hat er ohne Familie in Krisengebieten verbracht.

Über die Berufswahl seiner Kinder war er sehr enttäuscht. Warum hatten sie sich nicht auch für etwas gesellschaftlich Relevantes entschieden? Wir schauten in die Familiengeschichte und stellten fest, dass die Großeltern in Naziverbrechen verwickelt waren. Er wollte das mit seinem Einsatz wiedergutmachen. Völlig unbewusst. Es war für den Vater ein Bruch mit seinen Werten, dass die Kinder nun einen anderen Weg gingen.

Mich hat der Fall in Ihrem Buch von diesem cholerischen, arbeitslosen Familienvater Jorge gerührt. Er findet am Ende heraus, dass sein Opa, über den Schweigen herrschte, einen grausamen Mord begangen hatte.
Grundsätzlich ist es so: Alles, was jemand nicht verarbeitet hat, spiegelt sich im Leben der nächsten Generation wider. Besonders Traumata sind hochansteckend wie etwa bei Gewalt, Flucht oder Kriegserfahrungen. Das Kuriose, wie bei Jorge: selbst, wenn nie darüber gesprochen wurde.

Wie funktioniert diese Traumaübertragung genau?
Es gibt verschiedene Transportwege für diese transgenerationalen Traumata. Zum einen über das genetische Erbe: Der Vater ist zum Beispiel Alkoholiker – das Kind hat möglicherweise auch eine Veranlagung für diese Sucht. Doch dazu müssen noch auslösende Faktoren kommen, um die Anlage zu entfalten. Etwa eine negative Bindungserfahrung: Wenn der Vater getrunken hat, kann er sein Kind nicht gut versorgen. Das Kind erlebt also auf der wichtigen Bindungsebene Verletzungen.

Hinzu kommt das Verhalten der Eltern als Transportweg. Das Kind lernt: Aha, wenn Mama und Papa streiten, fährt Papa in die Kneipe und kommt betrunken zurück. So geht man also mit Stress um. Als letzten Transportweg gibt es die Geschichten, die in einer Familie weitererzählt – oder eben verschwiegen werden. Wie bei dem cholerischen Jorge. Als er klein war, unterdrückten und verboten die Eltern ihm jegliche Aggression, weil sie Angst hatten, dass er wie sein Opa wird – ein Gewalttäter. So lernte der Knirps nie: Ah, das ist Wut. Wut ist okay. Ich kann lernen, damit umzugehen. Deshalb explodierte er dann als Erwachsener ständig wie ein Dampfkessel.

Dem familiären Erbe auf der Spur

Sandra Konrad (Jahrgang 1975), Diplom-Psychologin, Systemische Therapeutin in Hamburg und Sachbuch-Autorin, befasst sich unter anderem mit dem Thema der transgenerationalen Weitergabe in Familien. Dazu ist im Piper-Verlag ihr Buch „Das bleibt in der Familie – Von Liebe, Loyalität und uralten Lasten“ erschienen. Ihr aktuelles Werk heißt: „Fühlen, was ist – Wie wir den Mut finden, uns selbst zu vertrauen“. Um dem eigenen Erbe auf die Spur zu kommen, empfiehlt Konrad, sich an Systemische Therapeutinnen zu wenden. Hierbei kann dann zum Beispiel per Genogramm die Familiengeschichte erarbeitet werden.

Wie können sich vererbte Traumata noch äußern?
Ich habe für meine Doktorarbeit Holocaust-Überlebende und ihre Nachkommen interviewt. Einige der Töchter bekamen Panikattacken, wenn sie Uniformierte sahen oder Sirenen hörten. Frauen, die in den 50ern und 60ern aufgewachsen waren – die ja den Krieg nie erlebt hatten. Diese Reize, die für die Großeltern lebensbedrohlich waren, sorgten noch in der nächsten Generation für körperlichen Schrecken. Eine Enkelin erzählte mir, sie hatte in ihrer Kindheit Angst, unter die Dusche zu gehen. Eine andere kann sich noch immer nicht in einer Essensschlange anstellen.

Eine meiner Klientinnen hatte unerklärliche Angst vor Feuer, sie konnte keine Kerzen im Haus ertragen, in die Badewanne konnte sie nicht und die Dusche musste lauwarm sein. Es stellte sich heraus: Ihr Vater war in einer Bombennacht verbrannt, was man ihr aber nie erzählt hatte, um dem Kind diese schrecklichen Bilder zu ersparen. Man will die Kinder schonen – trotzdem übernehmen sie die abgespaltenen Gefühle der Eltern oder Großeltern.

Das erinnert mich auch an die Geschichte in Ihrem Buch von der Frau, die keinen Geschlechtsverkehr haben kann, weil sie unter Vaginismus leidet. Sie findet heraus: Ihre Mutter wurde missbraucht.
Genau. Der Körper zeigt manchmal Generationen später Symptome, die uns zu dem leiten, was verschwiegen wurde.

Sie beschreiben auch den Fall Jessica. Sie vegetiert in einem dunklen Zimmer ohne Spielzeug und Ansprache vor sich hin. Die Eltern kümmern sich nicht. Sie verhungert in diesem Zimmer, als sie sieben Jahre alt ist. Später stellt sich heraus, dass die Mutter als Kind selbst schwer traumatisiert worden war. Sie lag mit im Bett, als ihre Mutter, eine Prostituierte, mit dem Onkel Sex hatte – und wurde auch selbst missbraucht. Mit ihrer eigenen Tochter wiederholte sich die Geschichte dann offenbar ...
Die Mutter war emotional so zerstört, dass sie gar keine liebevolle Mutter sein konnte. Unterversorgte Kinder werden oftmals zu unterversorgenden Eltern. Jedenfalls dann, wenn sie ihren Mangel nicht verarbeitet haben. Wenn sie in der überstarken, kranken Loyalität zu den Eltern stecken bleiben. Das ist auch in dem Satz zu verstehen: Ach, die paar Schläge haben mir auch nicht geschadet. Man tritt eher in die gewalttätigen Fußstapfen der eigenen Eltern als sich zu erlauben, den eigenen Schmerz zu spüren: Oh Gott, wie habe ich als Kind gelitten! Wenn das nicht aufgearbeitet wird, kann ein Kreislauf der Gewalt entstehen, wie man es manchmal auch bei Missbrauchsopfern sieht, die ihre eigenen Kinder zu den Tätern bringen – weil sie über zu starke Loyalität noch mit ihnen verstrickt sind. So werden aus Opfern Täter.

Wie gingen die Nachkommen von NS-Tätern mit dem Erbe ihrer Eltern oder Großeltern um?
Es ist natürlich eine Überforderung, wenn man seinen Vater als liebevoll erlebt hat – wie etwa Gudrun Himmler – und dann erfährt, er war ein grausamer Täter. Fast unmenschlich, diesen Widerspruch auszuhalten. Das führt oft zu einer Spaltung: Entweder man entscheidet sich dann für den guten Vater, blendet die Gräueltaten aus, idealisiert die Vaterfigur und bagatellisiert vielleicht noch den Holocaust; Gudrun Himmler beispielsweise ist in der Neonaziszene aktiv. Oder man geht in die Abwertung. Niklas Frank, dessen Vater als „Der Schlächter von Polen“ in die Geschichte einging, führt einen lebenslangen Kampf gegen seine Eltern und stellt sein Leben in den Dienst der Aufklärung. Er sagt über sie: Das waren Monster.

Was ist die Lösung für solche Menschen, um sich vom Widerspruch zu befreien?
Es gibt auch Menschen in einer Familie, die die Spaltung nicht aushalten, die spüren, dass hier irgendwas nicht stimmt. Die finden dann vielleicht heraus: Opa war ein Nazitäter. Der Rest der Familie will aber schweigen, das gute Erbe soll nicht beschädigt werden. Das aufdeckende Familienmitglied wird dann als Nestbeschmutzer bekämpft: Das hast du dir ausgedacht! Das stimmt nicht!

Während die Kinder von Nazi-Tätern oft Schwierigkeiten bei der reflektierten Aufarbeitung der Familiengeschichte haben, haben Enkel naturgemäß eine größere zeitliche und emotionale Distanz. Sie können kritischer auf die Großeltern schauen. Sie können sich eingefrorenen Themen und Gefühlen nähern und den Schmerz, den Schrecken, die Scham, die Schuld eher fühlen und aushalten. Über die Generationen hinweg kann so durchaus Heilung entstehen. Auch ein Trauma kann dann in ein Familiengewebe so eingearbeitet werden, dass nachkommende Generationen nicht mehr darüber stolpern müssen.

Sollte jeder mal bei sich Inventur machen? Gerade, wenn man mit jemandem eine Beziehung startet, also zwei Leben zusammenwirft? Oder wenn man ein Kind bekommt?
Tatsächlich kommen Menschen oft in meine Praxis, wenn sie ein Kind erwarten, mit dem Wunsch, im eigenen Leben aufzuräumen und Unverarbeitetes zu verdauen. Sie möchten ihrem Kind keinen unnötigen Ballast weitergeben. Wichtig ist mir: Wir können nur ein selbstbestimmtes und glückliches Leben führen, wenn wir uns altersangemessen von den Eltern abgelöst haben. Das bedeutet natürlich auch, sich aus transgenerationalen Verstrickungen gelöst zu haben.

Wir sollten unsere familiären Aufträge identifizieren und aussortieren: Was passt, was passt nicht? Und dann sollten wir unsere Loyalitäten, Werte und tradierten Glaubenssätze hinterfragen. Erstmal muss man sich selbst treuer sein als irgendwelchen Aufträgen der Eltern und dann sollte man mit dem Partner oder der Partnerin überlegen: Wie wollen wir unser Leben gestalten? Und was wollen wir unseren Kindern mitgeben? Das ist existentiell wichtig, um nicht das Gepäck unserer Kinder wiederum zu beschweren.

Gibt es auch gute Aufträge?
Ja! Man kann sagen: Negative Aufträge sind die, die das Kind überfordern oder nicht zu ihm passen und: die es nicht zurückweisen darf. Stimmige Aufträge passen zum Kind, die will das Kind erledigen und da darf es auch immer sagen: Lieber doch nicht! Ich schaue auch gerne auf die Ressourcen, die in einer Familie mitgegeben wurden. Wie können sich meine Klienten mit diesen verbinden, wie kann man diese Kraftquelle aufdrehen? Enkelinnen von Holocaust-Überlebenden erzählten mir stolz: Wow, ich stamme von dieser Frau ab, die das alles überlebt hat – was für eine Stärke, was für eine Resilienz muss die in sich gehabt haben.

Eine Klientin litt darunter, dass ihr Opa ein Spion mit Doppelleben war, weil das zu viel Unruhe und Misstrauen in ihrer Herkunftsfamilie geführt hatte. Ihr familiärer Auftrag war: Sei geradlinig und immer zu 100 Prozent ehrlich. Sie verbat sich jede Notlüge, was ihre Beziehungen oft erschwerte. Irgendwann gab ich ihr die Aufgabe, ihrem Großvater mindestens eine gute Eigenschaft abzugewinnen. Ihre Antwort: Der war ein ganz schönes Schlitzohr und richtig gewitzt. Sie erkannte: Manchmal ist so ein bisschen Schlitzohrigkeit auch ganz gut, das erleichtert vieles. Um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, dürfen wir uns von unserem Erbe abgrenzen und gleichzeitig überlegen: Wie kann ich es verwandeln? Wie kann ich eine Geschichte schreiben, die mir im Leben hilft?

Beziehungen
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