Erziehungsexpertin im Interview: Dürfen Eltern auch mal laut werden, Frau Imlau?

„Mich macht Muttersein sehr glücklich und gleichzeitig hat es mich auch in die tiefste Erschöpfung, Verzweiflung und in die dicksten Selbstzweifel gebracht", sagt Bestseller-Autorin Nora Imlau.
Nessi GassmannSie hat eine Stunde Zeit. In diesen 60 Minuten sagt Nora Imlau im Zoom-Gespräch so viel wie andere in zwei Stunden. Jede Antwort druckreif, nie belehrend, aber überzeugt. Nora Imlau hat vier Kinder zwischen 5 und 17 Jahren. Die Familie ist rumgekommen in der Welt. Eine Zeitlang war London ihre Wahlheimat. Vor zwei Jahren sind sie in den Schwarzwald gezogen. Für Imlau nicht der Rede wert. „Es hat alles Vor- und Nachteile. Wir fühlen uns hier wohl.“ Die größte Freiheit, merkt sie noch an, sei ohnehin die Freiheit im Kopf. „Nur weil du irgendwo wohnst, musst du nicht engstirnig sein. Es gibt überall Leute, die ähnliche Fragen ans Leben haben.“
Frau Imlau, Sie sind vierfache Mutter. Macht Elternsein glücklich?
(lachend) Manchmal, ne?! Temporär. Ich glaube, dass Elternsein eine Erfahrung ist, die so vielschichtig und komplex ist, dass man sie nicht auf ein Gefühl reduzieren kann. Mich macht Muttersein sehr glücklich und gleichzeitig hat es mich auch in die tiefste Erschöpfung, Verzweiflung und in die dicksten Selbstzweifel gebracht. Das ist, glaube ich, was Elternschaft ausmacht und was viele überrascht. Was ich total unterschätzt hatte, ist dieses Gefühl von Fremdbestimmung über so viele Jahre. Wie glücklich es die einzelne Person macht, hat auch viel mit den Rahmenbedingungen zu tun. Ob ich in einer Partnerschaft bin, ob ich das alleine mache, ob ich ein soziales Netzwerk habe, das mich stützt, ob mein Kind in dieser Gesellschaft eher positive Rückmeldungen bekommt oder ob ich eher die ganze Zeit am Kämpfen bin, weil es nicht so ins System passt.
Eine aktuelle Forsa-Umfrage ergab, dass 62 Prozent der Eltern mit minderjährigen Kindern häufig oder sehr häufig gestresst sind. 70 Prozent fühlen sich erschöpft und ausgebrannt. Was setzt Eltern so unter Druck? Wollen sie zu viel für ihre Kinder?
Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wir nicht in diese Falle tappen zu sagen: Eltern sind erschöpft, was haben sie schon wieder falsch gemacht? Medial ist das Narrativ oft so: Die Eltern von heute, die sind einfach zu perfektionistisch, die lesen zu viel, die müssen sich einfach mal mehr auf ihr Bauchgefühl verlassen.
Das sehen Sie anders?
Ich glaube, dass es wirklich heute sehr anspruchsvoll ist, Eltern zu sein. Wir leben in einer Zeit, in der viele Familien unter Druck stehen. In den meisten Familien reicht ein Einkommen nicht mehr aus. Wir leben in einer krisengebeutelten Zeit, erleben viel Unsicherheit. Es wird uns auch oft gesellschaftlich ein Ideal vorgegaukelt, man könne mit der richtigen Organisation Familie und Beruf prima vereinbaren. Es ist in weiten Teilen einfach eine Lüge. Wenn man sich anschaut, wie oft Kinder krank sind, wie oft Kitas schließen. Es ist eben nicht nur eine Frage der Organisation, es ist oft Scheitern mit Ansage. Es ist fast unmöglich, dass da nicht zumindest eine Karriere leidet, oft die der Frau.
Und es ist ja nicht nur die Karriere, die leidet. In Ihrem Buch „Bindung ohne Burnout“ schreiben Sie, dass jede fünfte Mutter Erschöpfungssymptome hat.
Natürlich gibt es auch diesen Aspekt, dass Eltern heute andere Ansprüche an sich haben und an ihre Elternschaft. Und da gibt es sicherlich manchmal auch den Hang zu Perfektionismus. Aber wir müssen uns auch klarmachen, dass dieser nicht irgendwo herkommt, sondern dass heute viele Eltern reflektieren, was ihnen in ihrer Kindheit gefehlt hat, was sie nicht gut fanden an ihrem eigenen Aufwachsen, dass sie merken, dass sie Spuren davongetragen haben, weil sie ihre Grenzen nicht wahren konnten, weil sie wenig gefragt wurden nach ihrer Meinung, nicht gelernt haben, selbstbewusst aufzutreten. Und dann wollen sie das eben mit ihren Kindern anders und besser machen. Insofern ist es total verständlich, dass viele Eltern so erschöpft sind. Dabei spielt auch eine Rolle, dass viele gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen nicht förderlich für Familien sind.
Wenn man Großmütter reden hört, bekommt man den Eindruck, sie sind das Thema Erziehung lockerer angegangen.
Ich glaube, dass jede Elterngeneration ihre Herausforderungen hat. Und gleichzeitig gab es bis in die 1980er-Jahre hinein hierzulande zumindest ein grobes gemeinsames Grundverständnis, wie man mit Kindern umgeht. Ob man sich für die Wiege oder das Familienbett entscheidet – diese Frage hat sich da nicht gestellt. Die heutige Großelterngeneration, also die Kinder der Kriegskinder, stellte dann schon viel Althergebrachtes in Frage. Wichtiger als Gehorsam war nun, wirklich auch nett zu Kindern zu sein. Doch man wusste gleichzeitig auch weniger als heute über die Bedeutung früher Bindungserfahrungen. Es gehörte immer noch zum gesellschaftlichen Standard, Kinder um acht ins Bett zu stecken und sich in der Nacht nicht mehr zuständig zu fühlen. Eltern hatten damals oft weniger Schuldgefühle. Sie sagten sich: Wir machen's auf jeden Fall schon mal besser als unsere eigenen Eltern. Wir schlagen unsere Kinder nicht, lassen sie nicht schreien. Dass sie natürlich trotzdem noch viele eigene unaufgearbeitete Glaubenssätze und Prägungen weitergeben, damit hat man sich weniger befasst und das hat einen dann auch nicht so belastet.
Fehlt es heute auch an gesellschaftlichen Orientierungspunkten?
Es gibt eine unglaubliche Diversität der Lebens- und Erziehungsentwürfe. Es gab den Wertekonsens, heute gibt es den Wertepluralismus. Die Loslösung von Parteien, von Kirchen, die sozialen Strukturen. Das spielt nicht mehr eine so große Rolle, jeder baut sich seine eigene Identität, auch um die Elternschaft herum. Viele glauben, alle begleiten ihre Kinder, erziehen sie nicht mehr. Doch es gibt Schätzungen, dass das nur ungefähr ein Viertel aller Eltern tut und Dreiviertel nicht. Es gibt immer noch ganz viele Kinder, die klassisch groß werden, mit Konsequenzen und Strafen.
Sie befürworten die bindungsorientierte Erziehung. Was verstehen Sie darunter?
Die Definition, die ich zugrunde lege: Wir erziehen unsere Kinder, basierend auf den Erkenntnissen aus der modernen Bindungsforschung. Die sagt, dass Kinder auf die Welt kommen und Bindungswesen sind und sich im Rahmen gelingender Beziehungen von selbst zu sozialkompetenten Wesen entwickeln. Dass sie nicht Druck und Strafen brauchen, um geformt werden zu müssen zu tauglichen Erwachsenen. Sondern dass eine sichere Bindungsbasis – diese Balance aus Freiheit und Nähe, Geborgenheit und Autonomie – den perfekten Rahmen darstellt dafür, dass die Kinder sich in ihrer Individualität entfalten können.
Und das zu schaffen, sei gar nicht so schwierig, schreiben Sie. Ein typischer Imlau-Satz ist: „Bindung verträgt eine Menge elterlicher Unvollkommenheit. Lieber glücklich als perfekt.“
Das Problem ist, dass viele Dinge, die wir zur Bindungsorientierung hören und lesen, wenig mit der modernen Bindungsforschung zu tun haben. Das sorgt dafür, dass Mütter das Gefühl haben: Ich kann ganz viel falsch machen. Mir schreiben Mütter, dass sie Angst haben, dass mütterindiziertes Abstillen Gewalt ist und die Kinder ein Trauma davontragen. Mütter haben Angst davor, dass ihre Kinder traumatisiert werden, wenn sie mal die Stimme erheben, einen Wenn-dann-Satz verwenden oder etwas nicht pädagogisch erklären. Das sind völlig unrealistische Vorstellungen von Elternschaft. Es gibt keinerlei Evidenz, dass irgendwas davon schaden würde. Wenn Kinder grundsätzlich in einer Umgebung aufwachsen, wo die Basis der Erfahrungen ist: Ich bin willkommen, ich bin geborgen, geliebt, meine Eltern sind voll nett, die mögen mich und nehmen mich bedingungslos an. Dann ist dieses Klein-Klein von: Jemand hat mal die Nerven verloren, ist laut geworden nicht so zentral. Ein gewisses Maß an Frustration und Unzufriedenheit ist notwendig, für eine Kindheit, die Menschen aufs Leben vorbereitet. Es gab zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte der Menschheit eine Kindheit ohne Frust und Zumutung.
Fehlt den Kindern Frustrationstoleranz?
Ja, teilweise. Es geht aber nicht darum, unsere Kinder künstlich zu frustrieren, aber wir dürfen ihnen mehr zumuten, als wir es in der bindungsorientierten Blase oft tun. Ein Bedürfnis, das ganz präsent ist, ist das Bedürfnis nach Nähe und Rückversicherung. Aber Kinder haben genauso ein Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit. Und das geht mit Frustration einher. Ich versuche etwas und das klappt nicht. Und wenn mir das immer abgenommen wird, dann fehlt mir eine wichtige Entwicklungserfahrung. Bindungsorientiertes Begleiten ist eben weder alle Steine aus dem Weg räumen noch das Kind vor einer unlösbaren Aufgabe allein lassen.
Und es bedeutet auch nicht, dem Kind jeden Wunsch zu erfüllen. Sie schreiben, es ist wichtig, zwischen Wünschen und Bedürfnissen zu unterscheiden.
Diese Unterscheidung ist ein zentrales Instrument der Gewaltfreien Kommunikation, wie von Marshall B. Rosenberg entwickelt. Bedürfnisse sind was Universales, das sind Erfahrungen, die wir Menschen brauchen. Und Wünsche sind spezifische Ausformungen dieser Erfahrungen, die wir uns gerne erfüllen würden. Kinder haben oft sehr spezifische Wünsche. Ich will dieses Feuerwehrauto. Ich will noch ein drittes Eis. Dann ist es wichtig, sich klarzumachen: Diese Wünsche sind nicht irrelevant. Die verweisen auf irgendein Bedürfnis. Aber das heißt nicht, dass wir jeden dieser Wünsche erfüllen müssen. Wenn wir im Supermarkt stehen und das Kind sagt: Ich möchte dieses Feuerwehrauto. Dann hat es kein Bedürfnis nach diesem Auto. Aber es hat zum Beispiel das Bedürfnis nach Spaß und Unterhaltung. Oder nach Autonomie. Es will selber entscheiden, was wir kaufen. Und dann kann es eben als Eltern interessant sein, nicht einfach nur zu sagen: Nein, wir kaufen dieses Auto nicht. Sondern zu sagen, wir kaufen dieses Auto jetzt nicht, aber du möchtest auch gerne was einkaufen. Hier, du darfst aussuchen, welchen Joghurt wir mitnehmen.
In einer Familie treffen unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander. Wie schafft man eine Balance?
Eine unserer Kernaufgaben als Eltern ist, die Zumutung in unserer Familie einigermaßen gerecht zu verteilen. Manchmal müssen wir, manchmal unsere Kinder zurückstecken. Wenn Babys ein paar Monate alt sind, haben sie die Fähigkeit, wenige Minuten ein Bedürfnis zurückzustellen und zu warten. Wenn die Kinder ein Jahr alt sind, kommen sie in die Autonomiephase und da fangen sie an, mehr zu fordern als sie brauchen. Es ist wichtig, dass wir unsere Kinder nicht dafür verurteilen, aber dass wir auch lernen, dagegenzuhalten. Natürlich geh ich jetzt auf Toilette. Jetzt möchte ich nicht Eisenbahn spielen. Ich sitz noch zehn Minuten auf dem Sofa. Es geht nie um die harte Zurückweisung. Es geht darum, dass wir als selbstverständlichen Teil unseres Familienlebens etablieren, dass wir die Bedürfnisse verschiedener Menschen im Blick haben und die Reihenfolge vorgeben. Leider ist es aber so, dass gerade viele Mütter das jahrelang nicht tun, sondern immer springen, auch gesellschaftlich gespiegelt bekommen: Mütter haben keine Bedürfnisse, Mütter geben einfach nur und das Lächeln ihrer Kinder ist der Dank dafür. Wir brauchen Selbstfürsorge als selbstverständlichen Teil unseres Alltags.

Mütter hätten Angst davor, dass ihre Kinder traumatisiert werden, wenn sie mal die Stimme erheben, einen Wenn-dann-Satz verwenden oder etwas nicht pädagogisch erklären, erzählt Nora Imlau.
Nessi GassmannSie schreiben über den Mut zum Faulsein und Sie raten, Medien nicht als Endgegner zu sehen. Wie leben Sie das im Alltag?
Unsere Kinder sind verschiedene Typen. Wir hatten ein Kind, das hat jahrelang mit Bildschirmmedien nichts zu tun gehabt. Es war schnell überreizt. Aber natürlich gibt es auch Kinder, die entspannen total gut bei einem Film. Wir haben diese Ängste, dass das unseren Kindern schadet und ihre Gehirne zusammenbrutzelt. Diese Diskussion wird oft in den Extremen geführt. Es gibt Evidenzen, dass es ihrer Entwicklung schadet, wenn Kinder exzessiv Zeit vor dem Bildschirm verbringen. Gleichzeitig ist die Schlussfolgerung daraus nicht, dass man die Medienzeit auf null drücken muss. Man braucht ein gesundes Maß. Und das hängt aus meiner Sicht nicht mit den offiziellen Empfehlungen zusammen, sondern damit, dass wir als Familie schauen müssen, wie ist gerade unsere Ressourcenlage? Wenn ich völlig erschöpft bin als Mutter, dann mache ich einen Filmnachmittag zu Hause. Ich kann mich ausruhen und meine Ressourcen schonen, den Kindern geht es gut, niemand verliert die Nerven und schreit rum, weil niemand sich zwingen musste, Laternen zu basteln. Ich habe seit „Bindung ohne Burnout“ so viel Leserpost bekommen. Eine Mutter schrieb mir: ‚Seit wir das Buch gelesen haben, wagen wir es, unser Kind mal eine halbe Stunde Bobo Siebenschläfer anschauen zu lassen, damit wir als Eltern uns überhaupt mal unterhalten können.‘ Das finde ich erschütternd.
Was verändert sich im Familienleben, wenn ich gut für mich selbst sorge?
Ganz viel! Die Art und Weise, wie ich mit mir selbst und mit den Kindern umgehe. Wie die Kinder mit sich selbst umgehen, weil sie sich spiegeln. Aber auch wie die Kinder mit mir umgehen. Oft erzählen mir Mütter, dass sie sich von ihren Kindern respektlos behandelt fühlen. Kinder behandeln sie wie Bedürfniserfüllungsautomaten. Da geht es nicht um Schuldzuweisungen, aber woher soll dein Kind denn sehen, dass du einen anderen Umgang verdient hast, wenn du den selbst nicht an den Tag legst? Wie soll dein Kind lernen, wo deine Bedürfnisse und Grenzen sind, wenn du sie ihnen nicht zeigst? Ich werde manchmal in der Öffentlichkeit erkannt. Da gibt es Momente, wo ich zu meinen Kindern sage: ‚Ich sehe, dass ihr noch spielt und Spaß habt. Aber mir ist kalt. Deswegen gehen wir nach Hause.‘ Das kommentieren Leute schon mal mit: ‚Das hätte ich jetzt aber nicht erwartet, dass Nora Imlau so streng mit ihren Kindern umgeht.‘ (lacht)
Einflussreiche Ratgeberin
Nora Imlau (41) gilt als eine der einflussreichsten Elternratgeberinnen in Deutschland. Die Journalistin und Buchautorin setzt sich für bindungsorientierte Elternschaft ein. Sie schreibt Sach- und Kinderbücher und ist Kolumnistin der Zeitschrift Eltern und der Süddeutschen Zeitung. In der ARD tritt sie regelmäßig als Familienexpertin auf. In ihrem aktuellen Buch „Bindung ohne Burnout“ zeigt sie auf, wie Eltern das Familienleben entspannter gestalten und die Bedürfnisse aller im Blick behalten können. Imlau wurde in Freiburg geboren, wuchs auf der Schwäbischen Alb auf und studierte in Marburg und Vancouver. Mit ihrer Familie lebte sie in London und Leipzig. Seit 2022 ist sie in einem 2500-Einwohner-Dorf am Fuße des Schwarzwalds zu Hause.
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