Erziehungs-Expertin Elke Schicke: „Viele Eltern fürchten, dass sie ihren Kindern ein Trauma andoktern“
Elke Schicke ist die wahrscheinlich beliebteste Elternratgeberin der Republik. Zumindest würden die Hörerinnen und Hörer von „Elterngespräch“, einem der ältesten Erziehungs-Podcasts Deutschlands, das sicher so unterschreiben. „Mein Kind ist zu lieb“, „Grenzen setzen – aber wie?“ oder „Warum isst mein Kind so viel?“ sind Fragen, über die Schicke als fester Gast des Podcasts regelmäßig kompetent Auskunft gibt. Gestressten Eltern legt sie dabei einen wärmenden Mantel um die Schultern. Die Botschaft, die bei ihr immer mitschwingt: „Ihr seid alle okay so wie ihr seid!“ Beim Video-Call ist die Hamburger Psychologin bester Laune: Ein Urlaub in Vietnam steht an. Schicke lacht ein ansteckendes Lachen: „Ich freue mich so!“
Frau Schicke, die Eltern von heute wollen es ganz besonders gut machen. Wieso?
Ich glaube, zum einen hat das mit dem Trend zur Optimierung zu tun. Zum anderen bewerten wir Emotionalität an sich viel höher.
Was an sich ja nicht schlecht ist …
Wenn dahinter die Idee steht, dass es uns emotional immer gut gehen muss, ist das schon ein Problem.
Warum?
Weil damit so viele Ängste verbunden sind, etwas falsch zu machen. Ich finde nicht, dass das eine mutige Elterngeneration ist. Eigentlich geht es in der Beziehungsgestaltung mit unseren Kindern ja darum, zu sagen: Ich bin deine Mutter und ich bin total okay und du bist auch total okay. Und wo wir unterschiedlich sind, müssen wir eben in Verhandlungen gehen. Ich erlebe die Elterngeneration aber als eher unsicher, nach dem Motto: Entschuldigung, dass du mit uns als Eltern geschlagen bist, wie können wir das wiedergutmachen?! Dabei sind Schuldgefühle und auch Angst keine guten Ratgeber. Es wäre doch viel schöner, sich zurückzulehnen und zu sagen: Ich bin nun mal der einzige Vater, den der liebe Gott dir zugedacht hat, und wir kriegen das jetzt irgendwie miteinander hin.
Waren die Eltern früher wirklich entspannter?
Ich glaube, diese überprotegierten Kinder, auf die keine Daune fallen durfte, gab es schon immer. Aber generell, wenn wir’s jetzt mal richtig über einen Kamm scheren, war Elternschaft damals kein Beruf und auch keine Berufung. Kinder haben normal zum Leben dazugehört. Heutzutage besteht kein gesellschaftlicher Zwang mehr, Kinder zu bekommen. Es ist vielmehr eine bewusste Entscheidung, womit gefühlt viel mehr Erfolgsdruck einhergeht. Ich habe mich dafür entschieden, jetzt muss es gut werden. Ich muss in dieser Rolle total aufgehen und glücklich sein. Bin ich das nicht, sind wir direkt beim Phänomen Regretting Motherhood (beschreibt Mütter, die ihre Mutterschaft anhaltend bereuen, Anmerk. d. Red.).
Schätzen Eltern den Einfluss, den sie auf die Entwicklung ihrer Kinder haben, höher ein als er ist?
Der Einfluss der Eltern ist auf jeden Fall geringer als wir denken. In den ersten Jahren natürlich enorm, aber das nimmt ab, je älter die Kinder werden. Und dann ist da auch noch die Genetik, die zur Hälfte eine Rolle spielt – sowie die äußeren Umstände. Ist mein Kind glücklich in einer kleinen Wohnung oder habe ich ein Kind, das Auslauf braucht und in der Stadt unglücklich ist? Oder habe ich sogar drei Kinder, für die jeweils etwas Unterschiedliches richtig ist? Da allen gerecht zu werden, schaffe ich doch gar nicht. Und ich finde, das muss ich auch nicht. Ich kann doch sagen: So wie es ist, ist es gut genug. Stattdessen fürchten viele Eltern, dass sie ihren Kindern ein Trauma andoktern.
Diese Frage nach dem Trauma begegnet einem in Elternseminaren tatsächlich immer mal wieder, etwa wenn es um Alltagskämpfe wie Zähneputzen geht. Ich ahne, Sie als Fachfrau verstehen unter Trauma etwas anderes …
Ein Trauma wird durch eine existenzielle Angst um mein Leben und meine psychische Integrität hervorgerufen. Ein Raubüberfall oder eine Entführung sind ein Trauma. „Ich habe zu Hause nie Schokoeis gekriegt“ ist kein Trauma, sondern Biografie. Auch wenn ich meinem Kind gegenüber mehrfach laut geworden bin, ist das noch kein Trauma. Das Interessante ist ja sowieso, dass sich die Frage, ob eine Kindheit gut war, mehrfach im Leben entscheidet.
Wie meinen Sie das?
Ich schaue mit 10 anders auf meine Kindheit als mit 20, 40 oder 60. Das hängt mit meiner eigenen Entwicklung zusammen, aber auch damit, dass Eltern ihren Kindern immer wieder etwas anderes bieten. Manche Menschen sind gut mit kleinen Kindern, andere mit Grundschulkindern, einigen macht die Herausforderung der Pubertät Spaß. Das ist ja immer eine Gemengelage aus Eltern, Kindern, einer großen Unterschiedlichkeit – und auch der romantischen Idee, wir müssen uns immer alle lieb haben. Nur dann ist es gut, wir dürfen nicht streiten. Bloß keine Konflikte! Die Menschen scheinen sich da gegenseitig nicht viel zuzutrauen.
Wohin führt das?
Naja, wir sehen ja gerade, wohin es führt, dass wir keine gute Streitkultur haben. Konfliktvermeidung bedeutet immer, du musst auf meine Grenzen achten. Falsch! Ich achte auf meine Grenzen und du lernst bitte, deine Grenzen zu wahren. Das nehmen wir Kindern ganz oft, indem wir so viel auf sie achten und ihnen so wenig zumuten. Damit man merkt, wo die individuellen Grenzen sind, braucht es ja jemanden, der an diesen Grenzen anklopft. Die Eltern gegenwärtig klopfen aber nicht an den Grenzen ihrer Kinder, sondern umgekehrt: Die Kinder klopfen die ganze Zeit an den Grenzen der Eltern. Und wir sagen nicht: Stopp! Sondern: Oh Gott, das Kind hat ein Bedürfnis, was muss ich tun?
Weil viele so verunsichert sind, verschlingen sie Ratgeber ohne Ende. Was ist eigentlich mit der guten alten Intuition passiert?
Wenn man in Ratgebern Inspirationen findet, warum nicht! Ich glaube, das Problem ist eher, dass viele Eltern, weil sie so verunsichert sind, schnell auf der Suche nach einem Guru sind. Dabei hat ja niemand die Weisheit mit Löffeln gefressen. Auch ich als Diplom-Psychologin nicht. Wenn bei uns zu Hause mit meinen Kindern etwas schiefgelaufen ist, haben wir immer gesagt: Im Zweifel fünf Euro ins Therapieschwein (lacht). Nein, im Ernst: In jeder Familie läuft mal was schief! Der Grundton miteinander ist viel wichtiger als die paar Noten, die mal falsch gespielt werden.
In „Elterngespräch“ sind Sie selbst in der Ratgeberrolle. Was ist Ihr wichtigster Tipp?
Es ist so wichtig, dass Eltern authentisch sind und dass sie eine Antwort auf die Frage haben: Welche Haltung habe ich zu den wichtigen Dingen im Leben? Mir ist dies und jenes wichtig und deshalb machen wir das als Familie auf diese Art. Denn das ist die Basis für unsere Kinder. Sie können sich erst daran orientieren, sich in der Pubertät daran reiben und schließlich einen Anker darin finden. Außerdem wünsche ich den Eltern Mut: Im Schnitt reichen 98 Prozent aller Eltern komplett so aus, wie sie sind. Auch ein alleinerziehender Vater ohne irgendwelche Hilfe im Gepäck kann völlig ausreichen, wenn er sagt: Ich bin dein Papa und ich hab dich lieb. Und vielleicht haben wir diese Woche nur Toastbrot mit Marmelade zu essen, aber wenn bei dem Kind ankommt, dass es geliebt und gewollt ist, dann ist das genug. Ich kriege die Krise, wenn ich von Eltern höre, man will seinen Kindern ja auch was bieten. Da denke ich immer: Warum denn? Ich habe auch oft Eltern bei mir, die in Kompensation verfallen, nach dem Motto: Ich arbeite so viel, da muss ich dem Kind am Wochenende ganz viel exklusive Zeit schenken. Dabei geht es doch gar nicht um Kompensation, sondern um Bewältigung. Wenn ich viel arbeite oder wir wenig Geld haben oder ich im Rollstuhl sitze, dann müssen wir uns als Familie eben überlegen, wie wir damit umgehen. Ich muss das nicht wiedergutmachen. Das ist ein großer Unterschied in der Haltung.
Während früher der autoritäre Erziehungsstil propagiert wurde, ist es heute der bedürfnisorientierte. Den interpretieren manche Eltern so, dass Autofahrten abgeblasen werden, weil das Kind keine Lust hat, sich anschnallen zu lassen. Haben sie da was falsch verstanden?
Ja, aber richtig! Man muss differenzieren: Natürlich haben Kinder Bedürfnisse, die Eltern sehen und den Kindern dabei helfen sollen, diese auch wahrzunehmen. Aber die Frage ist doch: Ist es ein Bedürfnis, wenn ich nicht Auto fahren will? Das ist kein Bedürfnis, das ist eine Äußerung. Ich habe ein Bedürfnis nach Nähe, nach Autonomie, danach, gesehen zu werden. Und generell gilt sowieso: Im Großen und Ganzen müssen Bedürfnisse nicht immer und überall sofort erfüllt werden.
In dieser Fixierung auf die Bedürfnisse des Kindes vergessen obendrein viele sich selbst ...
Bei dieser ganzen Bedürfnisorientierung geht es ja darum, dass die Bedürfnisse aller in der Familie gesehen werden. Und es ist enorm wichtig, dass ich mich als Elternteil erstmal um mich selbst kümmere. Erst wenn das sichergestellt ist, kann ich mich adäquat um mein Kind kümmern. Kinder brauchen stabile Eltern und einen stabilen Rahmen. Ich verstehe Kinder als kleine Forscher, die den ganzen Tag Fragen stellen. Mama und Papa, wo bist du und wer bist du? Und diese Frage muss ich beantworten können. Und wenn die Antwort lautet: Mein liebes Kind, ich bin deine Magd und dein Knecht, dann wird das Kind als Erwachsener wahrscheinlich auch eine Magd oder ein Knecht. Oder man sagt: Ich bin die Königin in meinem Leben und du darfst die Prinzessin sein. Folge mir! Dann hat man die Aussicht, aus mir könnte auch eine Königin werden, auch wenn ich als Prinzessin jetzt erstmal durch eine harte Schule muss. Die Frage, die wir uns als Eltern stellen sollten: Leben wir unseren Kindern eigentlich ein erstrebenswertes Erwachsenenleben vor?
Viele fangen ja erst an, ihre eigene Kindheit aufzuarbeiten, wenn sie selbst Kinder bekommen und zum Beispiel in Streitsituationen merken: Hoppla, ich klinge ja plötzlich wie mein Vater. Vielleicht schreie ich rum, vielleicht schlage ich sogar zu. Sollten Eltern am besten schon vor der Geburt mal zum Therapeuten?
Man muss keine Therapie gemacht haben, um Eltern zu werden. Aber ich kann mich natürlich um meiner selbst willen schon vorher fragen: Wie geht’s mir eigentlich? Kinder haben Röntgengeräte im Bauch und Scheinwerfer, und die finden die Themen. Da darf man sich drauf verlassen. Ich für mich dürfte mir so wertvoll sein, zu sagen, ich trage da ein paar Päckchen mit mir herum, und wenn der Stress hochgeht, gehen auch die Päckchen hoch. Und daran kann ich zu jedem Zeitpunkt in meinem Leben natürlich arbeiten. Die Krux ist, dass Leute, die eine schlechte Kindheit hatten, oft sagen, sie wollen genau das Gegenteil machen. Sie gehen ins Vermeiden statt ins Gestalten. Dabei liegt die Wahrheit oft irgendwo in der Mitte.
Bei den Hörerinnen und Hörern des Podcasts kommen Sie gut an, weil Sie Gelassenheit ausstrahlen – auch wenn Sie über eigene Erfahrungen in der Kindererziehung berichten. Ist das Naturell oder kann man das lernen?
Ich glaube, das hat damit zu tun, dass ich über meine Kinder nicht im Moment spreche, sondern aus der Entfernung. Das ist ja immer einfach. Zum anderen habe ich von meinen Eltern das Geschenk mitbekommen, dass ich sehr beziehungssicher bin und das auf die Beziehung zu meinen Kindern übertragen konnte. Ich war sicher nicht immer die entspannteste Mutter, aber ich habe nie daran gezweifelt, dass wir ein Klub sind. Was es einfacher gemacht hat, auch mal unpopuläre Entscheidungen zu fällen.
Seit 2019 bei „Elterngespräch“
Elke Schicke (Jahrgang 1974) stammt aus Eutin in Schleswig-Holstein. Sie hat Diplom-Psychologie in Marburg studiert und unterhält heute eine eigene Praxis in Hamburg. Dort berät sie Familien, Paare und Einzelpersonen. Darüber hinaus arbeitet sie als Coachin für Führungskräfte sowie Mediatorin für Unternehmen. Seit 2019 ist Schicke im Podcast „Elterngespräch“ (Start 2018) der Zeitschrift Eltern regelmäßig in der Rubrik „Eure Fragen“, die alle zwei Wochen erscheint, zu Gast und beantwortet dort Fragen rund um Erziehung und Elternschaft. Schicke ist verheiratet und hat zwei Kinder sowie ein Bonuskind.


