Schüsse in München: Was wir zur Tat wissen und was nicht

Die Polizei ermittelt intensiv nach Schüssen am Donnerstag in der Nähe des Israelischen Generalkonsulats in München. Polizisten, auf die der Täter ebenfalls feuerte, erschossen den Mann.
Peter Kneffel/dpaBei einem Schusswechsel in der Nähe des israelischen Generalkonsulats in München hat die Polizei am Donnerstag (5.9.2024) einen Bewaffneten niedergeschossen. Er starb kurz darauf. Wie war der Ablauf? Was ist über den toten Verdächtigen bekannt?
Was wir wissen
Der Tatablauf
Polizisten entdeckten gegen 9 Uhr in der Nähe des Konsulats und des NS-Dokumentationszentrums in der Münchner Innenstadt einen bewaffneten Mann. Bei der Waffe handelte es sich um eine Schweizer Militärwaffe aus dem 19. Jahrhundert, einem Karabiner samt montiertem Bajonett – Gewehr mit befestigter Stichwaffe.
Nach Angaben des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann (CSU) schoss der Bewaffnete gezielt auf die Polizisten. Diese erwiderten demnach das Feuer. Bei dem Schusswechsel sei der Mann getroffen worden und später noch am Einsatzort gestorben. Laut Polizei gab es keine weiteren Verletzten. In der Nähe fanden die Einsatzkräfte ein von dem Schützen genutztes Auto. Auch am Freitagmorgen ist der Bereich um den Tatort für die Ermittlungen noch abgesperrt.
Zum Zeitpunkt des Schusswechsels fand im Konsulat eine Gedenkfeier zum Jahrestag des Olympia-Attentats in München 1972 statt. Das Konsulat war deswegen geschlossen. Bei dem Terroranschlag bei den Olympischen Spielen in München hatten am 5. September 1972 palästinensische Terroristen im Olympischen Dorf zwei Männer erschossen und neun Geiseln genommen. Rund 18 Stunden später endete ein Befreiungsversuch mit dem Tod der neun israelischen Geiseln, eines Polizisten und von fünf der Attentäter.
Der Verdächtige
Bei dem Getöteten handelt es sich nach Angaben der Polizei um einen 18-jährigen Österreicher, der dort auch seinen Wohnsitz hatte. Sicherheitskreise gehen nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) davon aus, dass der junge Mann einen Bezug zur islamistischen Gruppe HTS hatte. HTS steht für „Haiat Tahrir al-Scham“, eine militant-islamistische Miliz. Der bayerische Verfassungsschutz schreibt, dass HTS 2017 aus dem Zusammenschluss eines früheren Al-Kaida-Ablegers und einiger kleinerer militanter syrischer Gruppen hervorgegangen sei. Anders als Al-Kaida, die weiter Anschläge im Westen plane, konzentriere sich HTS auf Syrien und wolle den dortigen Machthaber Baschar al-Assad stürzen.
Gegen den 18-Jährigen aus dem Salzburger Land wurde bereits vor dem vereitelten Anschlag wegen des Verdachts ermittelt, er könne sich religiös radikalisiert haben. Für den Mann mit bosnischen Wurzeln war außerdem ein Waffenverbot verhängt worden, das frühestens 2028 ausgelaufen wäre, wie es von der Salzburger Polizei hieß. Weitere Verdächtige gibt es laut Polizei derzeit nicht.
Der damals noch 17-Jährige war den Behörden nach einer Drohung gegen Mitschüler und einer Körperverletzung aufgefallen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Salzburg bestand weiter der Verdacht, dass er sich für Anleitungen zum Bombenbau interessiert und sich an einer terroristischen Vereinigung beteiligt haben könnte, indem er in einem Online-Spiel islamistische Gewaltszenen darstellte. Diese Vorwürfe betrafen den Zeitraum 2021 bis 2023.
Ermittler durchsuchten deshalb damals den Wohnort des Jugendlichen und stellten Datenträger sicher. Auf seinem Mobiltelefon sei aber kein relevantes Material gefunden worden, berichtete die Justizbehörde. Auf seinem PC befanden sich demnach drei Videos aus einem Computerspiel, die der damals 14-Jährige aufgenommen hatte. Sie zeigten Szenen mit islamistischen Inhalten. Nur auf einem dieser Videos seien Symbole der islamistischen Gruppe HTS zu sehen gewesen, hieß es. Nachweise für die Verbreitung der Videos wurden nicht gefunden. Das Spielen eines solchen Computerspiels und das Nachstellen von islamistischen Gewaltszenen habe in diesem Fall nicht den Tatbestand der Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung erfüllt, hieß es.
Ermittlungen im Umfeld des Verdächtigen hätten auch keine Hinweise gegeben, dass sich der Beschuldigte in radikal-islamischen Kreisen bewegt oder sehr religiös gelebt habe. Der Jugendliche lebte laut der Staatsanwaltschaft „mit verhältnismäßig wenig sozialen Kontakten“. Weitere Gegenstände oder Daten mit Bezug zum Islamischen Staat oder zu Bomben wurden ebenfalls nicht gefunden. Deshalb seien die Ermittlungen im April 2023 eingestellt worden.
Die österreichische Nachrichtenagentur APA hatte berichtet, auf dem Mobiltelefon des Schützen sei Propaganda der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) gefunden worden.
Die Ermittler
Die Führung der Ermittlungen liegt nach Angaben von Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (CSU) bei der Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Generalstaatsanwaltschaft München.
Vor dem vereitelten mutmaßlichen Terroranschlag hatte die bayerische Polizei keine Informationen zu dem getöteten Schützen. Eine Abfrage der Datenbanken zu dem 18 Jahre alten Österreicher sei negativ verlaufen, sagte ein Sprecher des bayerischen Landeskriminalamts (LKA). „Wir haben keine Unterlagen zu ihm gehabt.“ Die Ermittler haben eine Sonderkommission „Karolinenplatz“ eingerichtet, benannt nach dem Tatort.
Was wir nicht wissen
Das Motiv
Die Ermittler gehen von einem versuchten Terroranschlag des getöteten Schützen aus. Nach derzeitigen Erkenntnissen sehe man bei dem Angriff des mit einem Gewehr bewaffneten 18-jährigen Österreichers einen „Bezug zum Generalkonsulat des Staates Israel“, teilten Polizei und Generalstaatsanwaltschaft München mit. Innenminister Herrmann bestätigte am Freitag, dass bei dem Schützen ein islamistischer Hintergrund vermutet wird.
Doch die genauen Hintergründe sind noch unklar. Die Behörden ermitteln weiter. Dabei dürften auch Videos von Autofahrern, Passanten und Anwohnern eine Rolle spielen. Die Münchner Polizei hatte dazu aufgerufen, den Ermittlern Aufnahmen von dem Vorfall über ein Upload-Portal zur Verfügung zu stellen.
Schüsse in München, Anschlag in Solingen: angespannte Sicherheitslage
Die Sicherheitslage gilt derzeit als äußerst angespannt. Erst vor zwei Wochen wurden drei Menschen bei einem laut Behörden mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag auf ein Stadtfest in Solingen erstochen. Die Dschihadistenmiliz IS hatte die Tat in der nordrhein-westfälischen Stadt für sich reklamiert.


Der Vorfall am israelischen Generalkonsulat in München demonstriert einmal mehr die neue Bedrohungslage des Landes. Die Politik muss neue Prioritäten setzen.