Schüsse in München: Ermittler gehen von versuchtem Terroranschlag aus

Polizei und SEK sind am Donnerstagvormittag mit einem Großaufgebot in der Münchner Innenstadt im Einsatz. Ein erst 18-Jähriger hat im Bereich des NS-Dokumentationszentrums Schüsse von sich gegeben und wurde später von der Polizei erschossen.
Peter Kneffel/dpaMit einem Großaufgebot an Einsatzkräften waren die Münchner Polizei und das SEK am Donnerstagmorgen in der Münchner Innenstadt im Einsatz. Ein Mann soll um kurz nach 9 Uhr beim Karolinenplatz, unweit des NS-Dokumentationszentrums und des israelischen Generalkonsulats, Schüsse abgegeben haben. Daraufhin reagierte die Polizei.
Diese bestätigt wenig später mit Nachrichten auf dem Kurznachrichtendienst X, dass es im Bereich Karolinenplatz „zu Schussabgaben durch polizeiliche Einsatzkräfte auf eine verdächtige Person“, die eine Schusswaffe bei sich trug und von den Beamten getroffen sowie verletzt wurde, gekommen sei. Auch das Spezialeinsatzkommando (SEK) war vor Ort.
Verdächtige Person stirbt nach Schüssen
Der Bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) bestätigte im Laufe des Vormittags, dass die verdächtige Person tot ist. Polizei und Landeskriminalamt seien bereits mit den Ermittlungen beschäftigt. Konsularmitarbeiter seien nach Informationen des israelischen Außenministeriums nicht verletzt worden.
Schütze wohl Islamist aus Österreich
Inzwischen ist mehr über den Angreifer bekannt: Laut „Spiegel“ und „Standard“ soll es sich um einen erst 18-jährigen Österreicher gehandelt haben, der den Behörden bereits als Islamist bekannt war. Er soll mit einem Auto nach Deutschland eingereist sein. Bayerns Innenminister Herrmann bestätigte gegenüber der Presse später, dass der Bewaffnete "möglicherweise" einen Anschlag auf das israelische Konsulat geplant hatte. Am späten Nachmittag bestätigten dies die Ermittler: Sie gehen von einem versuchten Terroranschlag aus.
Herrmann zufolge soll der Mann mit einer Langwaffe im Bereich des Karolinenplatzes am Donnerstagmorgen gegen 9 Uhr unterwegs gewesen sein und „eine Reihe von Schüssen“ abgegeben haben. „Er hat gezielt auf die Polizisten geschossen, die haben das Feuer erwidert“, sagte Herrmann. Der SZ-Journalist Ronen Steinke veröffentlichte auf X ein Video, auf dem ein langer Schusswechsel zu hören ist.
Über weitere Verletzte oder weitere Täter sei derzeit nichts bekannt. Herrmann ergänzte, dass die Polizei schnell vor Ort gewesen sei, weil die Gegend in Sicherheitskreisen aufgrund der Nähe des NS-Dokumentationszentrums, des Amerikahauses und des Generalkonsulats von Israel als hochsensibel gilt. Nach Angaben der Polizei waren an dem Schusswechsel in der Nähe des israelischen Generalkonsulats fünf Polizisten beteiligt, keiner erlitt Verletzungen.
Hubschrauber der Polizei im Einsatz
Um sich einen Überblick zu verschaffen, setzte die Polizei auch einen Hubschrauber ein und sperrte den Einsatzort am NS-Dokuzentrum weiträumig ab. Auch der ÖPNV war von dem Polizeieinsatz betroffen. Einige U-Bahn-, Tram- und Buslinien wurden eingeschränkt oder umgeleitet. Die Bevölkerung wurde darum gebeten, den Bereich weiträumig zu meiden. Über eine Online-Plattform sollen Zeugen den Ermittlern Foto-, Video- oder Audioaufnahmen vom Ereignisort oder aus der unmittelbaren Umgebung zur Verfügung stellen.

Die Polizei hat das Gebiet um den Karolinenplatz weiträumig abgesperrt.
Google Maps ScreenshotErinnerung an Olympia-Attentat 1972
Der Vorfall ereignete sich am Jahrestag des Olympia-Attentats von München. Am 5. September 1972 hatten palästinensische Terroristen im Olympischen Dorf zwei Männer erschossen und neun israelische Athleten als Geiseln genommen. Alle Geiseln, ein Polizist und fünf Attentäter starben beim Befreiungsversuch. Die Terroristen wollten mehr als 200 Gefangene in Israel und die RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof freipressen.
Nach Informationen des israelischen Außenministeriums habe es am Donnerstagvormittag in der diplomatischen Vertretung Israels eine Gedenkfeier zum Attentat von 1972 gegeben, weshalb das Konsulat den Angaben zufolge nicht geöffnet hatte.

Olympia 1972 in München: Ein vermummter arabischer Terrorist zeigt sich auf dem Balkon des israelischen Mannschaftsquartiers im Olympischen Dorf der Münchner Sommerspiele.
picture alliance/dpaIsrael dankt Münchner Polizei für Einsatz nahe Konsulat
Nach den Schüssen in der Nähe des israelischen Generalkonsulats in München dankt die israelische Generalkonsulin der Polizei für ihr Handeln. „Dieses Ereignis zeigt, wie gefährlich der Anstieg des Antisemitismus ist“, schreibt die Generalkonsulin des Staates Israel für Süddeutschland, Talya Lador-Fresher, auf der Plattform X.
„Es ist wichtig, dass die breite Öffentlichkeit ihre Stimme dagegen erhebt.“ Das Generalkonsulat sei wegen des Jahrestages des Terroranschlags bei den Olympischen Spielen 1972 geschlossen gewesen.
Keine Gefahr für die Bevölkerung
Die Polizei gibt derweil Entwarnung. „Uns wurde gemeldet, dass sich im Bereich um den Einsatzort Menschen in Gebäuden versteckt oder verbarrikadiert haben“, teilte die Münchner Polizei auf der Plattform X mit. „Wir können Entwarnung geben, es besteht keine Gefahr mehr für die Bevölkerung.“

Der Vorfall am israelischen Generalkonsulat in München demonstriert einmal mehr die neue Bedrohungslage des Landes. Die Politik muss neue Prioritäten setzen.