Schüsse in München: Schütze war wohl psychisch auffällig und hat Hinrichtungen nachgestellt

Das israelische Generalkonsulat wurde nach den Schüssen abgesperrt.
Matthias Balk/dpaDer Vater des Angreifers von München hat seinen 18-jährigen Sohn nach Angaben aus dem österreichischen Innenministerium als psychisch auffällig wahrgenommen. Er soll deshalb versucht haben, mit einer Psychologin in Kontakt zu treten, hieß es in Wien.
Der 18-jährige Österreicher mit bosnischen Wurzeln wurde am Donnerstag in einem Schusswechsel mit der Polizei in der Nähe des israelischen Generalkonsulats in München getötet. Behörden behandeln den Fall als mutmaßlichen Terroranschlag.
Täter war kein „klassischer Islamist“
Laut Innenministerium handelte es sich bei dem 18-Jährigen um keinen „klassischen Islamisten“. Er hatte demnach bis zum vergangenen Frühjahr eine höhere Schule mit Schwerpunkt Elektrotechnik besucht und galt als guter und intelligenter Schüler.
Dem Ministerium zufolge war die Familie im Zuge der Konflikte im ehemaligen Jugoslawien nach Österreich gezogen und galt in ihrer neuen Heimat im Salzburger Land als sehr gut integriert. Während der Corona-Pandemie habe sich der Sohn zurückgezogen. Er sei zum Einzelgänger geworden und sei in der Schule mit Sticheleien und Hänseleien konfrontiert gewesen, hieß es.
Die Polizei ermittelte schon gegen den 18-Jährigen
Gegen den Jugendlichen war in Österreich bereits voriges Jahr unter anderem wegen des Verdachts der terroristischen Vereinigung ermittelt worden. Bei einer Hausdurchsuchung wurden laut Staatsanwaltschaft Salzburg Videos eines Computerspiels mit islamistischen und teils gewalttätigen Inhalten sichergestellt. Die Ermittlungen ergaben aber keine Beweise für eine entsprechende Radikalisierung oder Vernetzung und wurden deshalb eingestellt.
Nach der Tat prüfen die Ermittler erneut Hinweise auf ein islamistisches beziehungsweise antisemitisches Motiv des 18-Jährigen. Das sei aufgrund der bislang vorliegenden Erkenntnisse die „Arbeitshypothese“, sagte die Leiterin der Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus bei der Generalstaatsanwaltschaft München, Gabriele Tilmann. Botschaften des Täters mit Hinweisen auf ein Motiv seien bisher nicht gefunden worden.
Grundlage für diese Arbeitshypothese seien zum einen die Erkenntnisse österreichischer Behörden, laut denen sich der 18-Jährige islamistisch radikalisiert habe, sagte Tilmann. Zum anderen deuteten Tatort und Zeit darauf hin: Der Täter habe am Jahrestag des Olympia-Attentats im Jahr 1972 auf das NS-Dokumentationszentrum und das israelische Generalkonsulat geschossen.
Keine Hinweise auf Komplizen
Hinweise auf Mittäter gebe es bisher zwar ebenfalls nicht. Ermittelt werden müsse dennoch, ob der 18 Jahre alte Österreicher in irgendeine Art von Netzwerk eingebunden war, sagte Tilmann.
Die Ermittler gaben am Freitagnachmittag auf einer Pressekonferenz weitere Details zu den Tatumständen bekannt. Demnach hat der Angreifer bei dem Anschlag auf das israelische Generalkonsulat insgesamt neun Schüsse abgegeben. Das sagte Polizei-Einsatzleiter Christian Huber in München. Mehrere Schüsse seien auf Gebäude, weitere auf Polizisten abgefeuert worden.
Laut Huber forderten die Polizisten vor dem tödlichen Schusswechsel den Angreifer auf, seine Waffe niederzulegen, was dieser jedoch nicht tat. Zuvor hatte der Angreifer bereits Schüsse auf die NS-Dokuzentrum in München sowie auf das israelische Generalkonsulat abgegeben. Der 18-Jährige habe sich auch Zutritt zu mindestens zwei Gebäuden verschafft. Der mit einer historischen Schweizer Armeewaffe bewaffnete Mann sei bereits beim Aussteigen aus seinem Fahrzeug von einer Polizeistreife gesehen worden.
Täter ist tot, zwei weitere Menschen verletzt
Beim NS-Dokumentationszentrum habe er auf die Fassade und auf die Glastür geschossen, teilte die Polizei mit. Daraufhin sei er kurz in zwei benachbarte Gebäude eingedrungen. Darauf hätten unter anderem Blutspuren hingewiesen. Kurz danach sei es dann draußen zum Schusswechsel zwischen dem 18 Jahre alten Österreicher und fünf Beamten gekommen.
Das Magazin der Waffe habe sechs Patronen gefasst. Im Auto des 18-Jährigen sei eine Packung gefunden worden, die 50 Schuss Munition fasst und fast leer gewesen sei. Wo der Rest der Munition geblieben sei, sei noch Gegenstand der Ermittlungen. Ein Polizist und eine Passantin hätten jeweils ein Knalltrauma erlitten, weitere Verletzte habe es nicht gegeben.
Waffensammler verkaufte Gewehr an den Täter
Der Schütze von München hatte seine Waffe nur einen Tag vor seinem mutmaßlichen Attentat gekauft. Der Verkäufer war ein Waffensammler, wie Österreichs Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Franz Ruf, berichtete. Bei dem Gewehr handelte es sich um einen Karabiner älterer Bauart.
Ruf zufolge hatte er den Kontakt mit dem Sammler über eine Online-Plattform hergestellt. Der Karabiner wechselte laut Ruf für 350 Euro den Besitzer, dazu kamen noch ein Bajonett um 50 Euro und etwa 50 Schuss Munition.
Karabiner gelten in Österreich als Waffen der Kategorie C. Sie sind deshalb frei verkäuflich und müssen erst bis zu sechs Wochen nach dem Kauf bei den Behörden registriert werden. In die Kategorie C fallen Langwaffen, die nach jedem Schuss händisch nachgeladen werden müssen.
Hinrichtungen im Videospiel nachgestellt
Der Angreifer von München soll Videospiele gespielt haben, in denen Hinrichtungen nachgestellt wurden. Das sagte der Vizepräsident des bayerischen Landeskriminalamtes, Guido Limmer. In diesen Spielen seien Avatare angelegt worden, mit denen derartige Szenarien dann nachgespielt wurden. Als vor einigen Jahren gegen den jungen Mann ermittelt wurde, sei Material bei ihm gefunden, das auf Sympathien mit der islamistischen Organisation Haiat Tahrir al-Scham (HTS) hindeuteten. Ob er diese auch zuletzt noch hatte oder eher mit dem IS sympathisierte, sei derzeit noch unklar, sagte Generalstaatsanwältin Gabriele Tilmann.
Vor dem vereitelten mutmaßlichen Terroranschlag hatte die bayerische Polizei keine Informationen zu dem getöteten Schützen aus Österreich. Eine Abfrage der Datenbanken zu dem 18 Jahre alten Österreicher sei negativ verlaufen, sagte ein Sprecher des bayerischen Landeskriminalamts (LKA). „Wir haben keine Unterlagen zu ihm gehabt.“
Eltern meldeten Schützen als vermisst
Bei der Durchsuchung des Wohnhauses im Salzburger Land, in dem der 18-Jährige mit seinen Eltern wohnte, wurden laut Ruf am Donnerstag keine weiteren Waffen und kein offensichtliches islamistisches Propagandamaterial gefunden. Sichergestellte Datenträger müssen aber noch ausgewertet werden.
Der junge Mann mit bosnischen Wurzeln hatte nach Angaben von Ruf am Montag eine neue Arbeit angenommen. Als er Donnerstagfrüh nicht in seinem Betrieb erschienen war, kontaktierten seine Eltern am Vormittag die Polizei und meldeten ihren Sohn als vermisst. Von dem Vorfall in München, der bereits etwa eine Stunde zuvor stattgefunden hatte, wussten die Eltern zu jenem Zeitpunkt noch nichts, wie Ruf berichtete.
Muslimische Gemeinschaft verurteilt die Tat
Die muslimische Gemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat hat den mutmaßlichen Terroranschlag scharf verurteilt. „Solche schweren Angriffe verstoßen völlig gegen die Lehren des Islam. Unsere Religion erlaubt unter keinen Umständen Terrorismus oder Extremismus“, wird der Kalif der in Deutschland als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannten Organisation, Mirza Masroor Ahmad, in einer Mitteilung zitiert.
„Und jeder, der etwas anderes behauptet, handelt gegen die Lehren des Heiligen Koran und widerspricht dem edlen Charakter des Heiligen Propheten des Islam“, fuhr der Geistliche demnach fort. Als deutsche Muslime, die sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennen, sei man zutiefst erschüttert und besorgt über diese Entwicklungen, heißt es in der Mitteilung. Das Leben zu schützen, sei ein zentrales Prinzip im Islam. Die Organisation drückte allen Betroffenen und ihren Angehörigen ihr Mitgefühl aus.