Paul Ronzheimer: „Ich verstehe nicht, warum wir kein größeres Meinungsspektrum aushalten“

Paul Ronzheimer im Gespräch mit SWP-Chefredakteur Ulrich Becker.
Matthias KesslerMit dem Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, haben noch nicht so viele Journalisten eine Kriegsnacht im Keller verbracht. Der Reporter und Podcaster Paul Ronzheimer hat nicht nur dort Eindrücke vom Angriffskrieg auf die Ukraine gesammelt. Immer wieder zieht es ihn an gefährliche Orte. Auch weil er eine authentische Berichterstattung für notwendig hält. Der umtriebige Medienmann ist immer wieder im Fernsehen zu sehen. Mit seinem täglichen Podcast „Ronzheimer“ erreicht er darüber hinaus täglich Millionen Menschen. Zwischen zwei Podcasts machte er Station in Ulm und stellte sich im neuen Medienhaus der SÜDWEST PRESSE den Fragen von Chefredakteur Ulrich Becker und seiner Stellvertreterin Judith Conrady.
Herr Ronzheimer, Sie sind einer der meistgehörten politischen Podcaster. Jeden Tag gibt es eine neue Folge. Wie schafft man das?
Ich habe mich daran gewöhnt. Ohne das würde mir etwas fehlen. Ich höre ja selbst viel und finde es großartig, dass man sich auf diese Weise lokal, regional, aber auch international informieren kann. Menschen beschäftigen sich da 45 Minuten mit einem Thema. Das zeigt mir, dass es ein Bedürfnis nach vertiefender Information gibt.
Wie kommen Sie in dieser Schlagzahl an spannende Gäste?
In 20 Jahren Reporterdasein baut man sich ein Kontaktnetz auf. Davon profitiere ich. Die Angefragten kommen auch gerne, denn sie können bei mir ihre Argumentation auch einmal ausführlich darlegen. Das ist anders als in einer Talkshow, wo es Zwei-Minuten-Takes gibt. Doch ich nehme nicht jeden Politiker, der mir manchmal auch angedient wird. Im Audio-Bereich reagieren Hörerinnen und Hörer sehr sensibel auf Floskeln und schalten ab. Sie wollen Kompetenz und Einordnung.
Sie sind sehr viel unterwegs. Woher kommt dieses Reporter-Gen?
Das frage ich mich auch manchmal. Mit dem Journalismus angefangen habe ich mit 15 Jahren bei einer Lokalzeitung in Aurich. Meine erste Geschichte drehte sich um ein Radargerät, das jemand absägen wollte, der betrunken war und glaubte, das Blitzer-Foto so aus dem Gerät herausholen zu können. Ich bin dann einfach drangeblieben, hatte wenig anderes als Journalismus im Kopf.
Der Journalismus hat Sie später in viele Kriegs- und Krisengebiete geführt. Aus der Ukraine haben Sie mit Splitterweste und Stahlhelm von der Front berichtet. Wie wichtig ist es, so unmittelbar am Ort des Geschehens zu sein?
Die ersten Tage nach der russischen Invasion werde ich nie vergessen. Ich war in der Ostukraine, weil man damit rechnete, dass der Krieg dort beginnt. Am ersten Kriegstag bin ich morgens durch Einschläge aufgewacht. Im Land herrschte völliges Chaos. Es gab lange Schlangen an den Tankstellen. Menschen hatten in Panik ihre Wohnung verlassen und fragten sich, ob sie diese wohl jemals wiedersehen würden. Als es dann Angriffe auf Kiew gab, war das surreal. Ich habe dort so viele Freunde. Ich bin dann in die Stadt gefahren, während zehntausende Autos den Weg raus aus der Stadt nahmen. Man rechnete damit, dass russische Truppen die Stadt umzingeln würden. Das war bedrückend.
Es kam anders …
In der ersten Nacht war ich mit Vitali Klitschko in einem Keller verabredet. Ich habe ihn kaum erkannt, weil er in voller Montur war und so viele Waffen getragen hat. Auch um ihn herum lagen unglaublich viele Waffen. Man glaubte damals, jede Minute würde jetzt der Straßenkampf beginnen. Die Menschen im Keller waren auf alles vorbereitet. Damals waren nur noch wenige Journalisten vor Ort. Die meisten haben wie ich im Hotel Interconti gewohnt. Dort hatte der Chef den Pool mit Trinkwasser gefüllt, weil man damit rechnete, dass die Infrastruktur zusammenbrechen würde. Umso überraschter waren wir, als nach Tagen selbst das Internet noch funktionierte. In dieser Zeit entwickelte sich eine Frontberichterstattung.
Sie haben viel gesehen – und Sie wurden nicht verletzt.
Das ist manchmal Glück. Wir Kollegen haben uns beim Frühstück meist ausgetauscht, wer an diesem Tag in welche Richtung fährt. Abends kam dann mancher Kollege nicht wieder und wir mussten organisieren, dass der Leichnam in sein Heimatland überführt wird.
Kann man nach solchen Eindrücken noch neutral berichten?
Was heißt neutral? Natürlich ist man angefasst, wenn ein Land ein anderes angreift und Menschen tötet. Aber man muss – und das ist das Entscheidende – auch darüber berichten, wenn auf ukrainischer Seite Unrecht geschieht oder etwas schiefläuft. Ich erinnere mich an den Streit zwischen Präsident Selenskyj und dem damaligen Oberbefehlshaber der Armee. Was ich heute vermutlich nicht mehr machen würde, wäre, Reporter zu sein und gleichzeitig Kommentare zu schreiben. Da ist dann zu viel Emotion drin.
Was tun Sie, um sich in Kriegsregionen zu schützen?
Wenn mehrere Kollegen vor Ort sind, gibt das schon auch ein Gefühl von Sicherheit. Wenn wir an die Front fahren, sind wir zudem oft mit dem ukrainischen Militär unterwegs. Doch die Situation hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. So war es 2022 noch möglich, dass wir auch mal zehn Tage mit dem Militär unterwegs sein konnten. Damals hatten wir noch eine klassische Front mit Schützengräben. Jetzt kann man nur noch für Stunden in die extrem gefährliche Zone 20 bis 30 Kilometer entfernt von der Grenze hinein. Dort sterben die meisten Soldaten. In dieser Zone agieren heute nur noch kleine Gruppen von Militärs, zum Teil aus Erdlöchern heraus, weil sie sich nur so vor russischen Drohnen schützen können. Die Situation ist so gefährlich, dass selbst der Austausch von Soldaten kaum mehr möglich ist. Das macht auch die Kriegsberichterstattung unglaublich schwierig.
Haben Sie da manchmal Angst?
Ja. Ohne Angst kann man das auch nicht machen. Bei einem Einsatz ist 20 Meter vor mir das Auto mit zwei Kollegen getroffen worden. Sie waren tot. Da fragt man sich dann schon, wie weit man für einen Bericht gehen will. Ich wollte nie ein klassischer Kriegsreporter werden, der den Adrenalinausstoß braucht. Deshalb beschäftige ich mich ja auch immer wieder mit Themen aus der nationalen Politik.
Sie bringen einen hohen Einsatz für eine Reportage. Ärgert Sie es, wenn Menschen dann nicht Ihnen, sondern fantasierten News in den sozialen Netzwerken glauben?
Das macht mich schon mal wütend. Vor allem, weil es in sozialen Medien oft nicht darum geht, eine andere Perspektive darzustellen, sondern Propaganda loszuwerden.
Soziale Medien spielen auch für die Innenpolitik eine große Rolle. Dort werden Positionen aufgegriffen, die in traditionellen Medien nicht unbedingt zum Zug kommen. Gibt es da ein Defizit?
Ich verstehe nicht, warum wir kein größeres Meinungsspektrum aushalten. Auch für mich ist es nicht leicht, mit Sahra Wagenknecht zu diskutieren. Ich tue es trotzdem.

Leidenschaftlich bei der Sache: Der Journalist Paul Ronzheimer. Links von ihm Chefredakteur Ulrich Becker, rechts seine Stellvertreterin Judith Conrady.
Matthias KesslerDamit bieten Sie Menschen natürlich eine Plattform.
Ja, aber da hat sich meine Meinung verändert. Vor zehn Jahren entschieden wir uns in der Bild-Chefredaktion, keinen Alexander Gauland und keinen Björn Höcke von der AfD einzuladen. Ich glaube, das war ein Fehler. Dass die AfD so groß werden konnte, geht möglicherweise auch darauf zurück.
Das heißt, Sie plädieren dafür, die Menschen zu stellen, sie möglicherweise der Lüge zu überführen?
Da wäre ich vorsichtig. Ich glaube, vielen Menschen ist in den vergangenen Jahren auf die Nerven gegangen, dass Journalisten zu oft beweisen wollten, dass das Gegenüber falsch liegt. Deshalb müssen wir uns Gedanken machen, wie wir Vertrauen zurückgewinnen und die Menschen den Eindruck haben, dass wir fair sind. Unabhängig von kritischen Fragen. Die müssen aber allen gelten.
Wollen Sie damit sagen, dass die Medien mit Schuld sind am Erstarken der AfD?
Ich denke, wir haben uns nicht intensiv genug mit der Partei auseinandergesetzt. Dadurch ist eine Alternativ-Welt entstanden – und eine neue alternative Medienwelt, wo diese Politiker jetzt ungefiltert sprechen können.
Hat sich da generell eine Kluft aufgetan zwischen der Welt der Politik und den Menschen? Weiß man in Berlin überhaupt noch, was Menschen fern der Hauptstadt bewegt?
Ich unterscheide da: Politiker, die noch einen Wahlkreis haben, haben ihr Ohr noch am Menschen und seinen Problemen. Anders ist das möglicherweise bei jenen, die abgeschirmt in Limousinen von Termin zu Termin gefahren werden. Da kommt es dann auf die Beraterkreise an. Und ich habe den Eindruck, dass da im Moment nicht alle geeignet sind, sonst wäre die Blamage um die Nicht-Wahl von Frau Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin nicht passiert.
Muss man als Politiker eine besonders dicke Haut mitbringen, um all die Kritik und die hohe Arbeitsbelastung auszuhalten?
Ja. Ich könnte diesen Job nicht, allein die extrem langen Arbeitstage. Doch ich glaube, es kommen zu wenig unangepasste Personen in die Politik, Menschen wie Boris Palmer. Der redet über Bürokratieabbau – und man versteht es. Unabhängig von allen Begleiterscheinungen scheint es eine Faszination an der Politik zu geben. Die hat in der Regel damit zu tun, dass die Betroffenen eine Idee davon haben, wie das Leben besser werden könnte.
Sie sind auch stellvertretender Chefredakteur der Bild. Hören Sie manchmal: Den Ronzheimer finde ich gut, obwohl er für die Bild-Zeitung arbeitet? Verstehen Sie das?
Ja. Ich habe mich als 13-Jähriger auch mit meinem Vater angelegt, weil er im Urlaub die Bild-Zeitung gekauft hat. Doch die Bild ist heute immer noch das größte und lauteste klassische Medium. Im Ton, in der Radikalisierung ist die Zeitung von den sozialen Medien längst rechts überholt worden.
Kann man sich bei diesem intensiven Leben einen Paul Ronzheimer vorstellen, der in einer Bar ohne Handy einfach nur ganz entspannt den Sonnenuntergang genießt?
Ja, das passt alles – bis auf das Handy. Das ist dabei.
Wie lange hält man so ein Leben durch?
Das Thema ist doch, dass ich immer noch Freude habe an dem, was ich tue. Für mich fühlt sich das oft nicht wie Arbeit an, sondern wie ein großes Privileg, als Reporter unterwegs sein zu dürfen.
Und welchen Gast hätten Sie noch gerne für Ihren Podcast?
Wladimir Putin. Den hätte ich schon gerne gesprochen.
Journalist, Moderator, Podcaster
Paul Ronzheimer (41) wuchs in Aurich (Ostfriesland) auf. Nach dem Abitur volontierte er bei der Emder Zeitung. Von 2009 bis 2011 war er Parlamentskorrespondent der Bild in Berlin und ab 2012 als Chefreporter im Ressort Politik viel in Kriegs- und Krisengebieten unterwegs. Er berichtete unter anderem aus Griechenland, Syrien, Afghanistan und der Ukraine. Seit 2019 ist Ronzheimer stellvertretender Chefredakteur der Bild-Zeitung, seit 2023 fungiert er als „markenübergreifendes journalistisches Gesicht“ des Mediums. Neben seinen Reportagen und Live-Berichten moderiert er Fernsehformate, seit 2023 ist er zudem Gastgeber des Gesprächspodcasts „Ronzheimer“.








