Nazi-Parolen in Edel-Club
: Hass als Ohrwurm – Sylt zeigt den Erfolg des neuen Tiktok-Rassismus

Das Video aus Sylt zeigt, wie die PR-Strategie des neuen Rechtsextremismus funktioniert. Die rechtschaffene Empörung ist vor allem eins: hilflos.
Kommentar von
Roland Müller
Kampen
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Ein Feierabenddrink am Wasser ist nun möglich. Es gibt eine neue Cocktailbar in Oranienburg.

Aperol Cocktail

Der neue Tiktok-Rassismus hat sich längst hineingeschlichen in die Lifestyle-Bubbles der gesellschaftliche Mitte, in die Edel-Discos und Aperol-Runden.

Conny Heinkel/dpa

Der Bundeskanzler nennt es „eklig“, die Innenministerin spricht von „Wohlstandsverwahrlosung“, der Staatsschutz ermittelt, mehrere fristlose Kündigungen wurden bereits ausgesprochen, Unternehmen von Deutscher Bank bis Vodafone haben Konsequenzen angekündigt. Es ist eine beachtliche Zwischenbilanz des Aufruhrs, den ein virales 17-Sekunden-Video aus Sylt in Politik und Medien ausgelöst hat.

Junge, gut situierte Menschen, die auf der Insel der Reichen und Schönen mit Rolex, Aperol Spritz und Designer-Sonnenbrillen „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ zu einem Party-Hit grölen, den Hitlergruß zeigen – diese Szenen haben einen Tsunami der Empörung ausgelöst. Die Schamlosigkeit, mit der die Yuppie-Meute in aller Öffentlichkeit Rassismus zur Schau stellt, ist in der Tat atemberaubend. Die Szenen „triggern“ Deutschland vor allem deshalb so sehr, weil sie beweisen, wie salonfähig ein neuer Typus von Lifestyle-Rechtsextremismus geworden ist – und wie erfolgreich die Strategien seiner Strippenzieher sind.

Der weite Weg von Rostock-Lichtenhagen nach Sylt

Stumpfer Blick, Deutschlandtrikot, Hitlergruß und Urinfleck in der Jogginghose: Dieses Bild hat über Jahrzehnte den deutschen Rechtsextremismus verkörpert: Aufgenommen bei den rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen, zeigte es den „hässlichen Deutschen“ als „Asi“, Alkoholiker und Verlierer, bei dem die Stütze nur für das billigste Dosenbier reicht. Bis heute ist mantraartig von „Abgehängten“ die Rede, wenn nach Erklärungen etwa für den Aufstieg der AfD gesucht wird. Die „Mitte“ kann sich stets weiter einreden, alles sei in Ordnung.

Die Bilder von Sylt sind deshalb so unangenehm, weil hier „Kinder aus gutem Hause“, „Leistungsträger der Gesellschaft“, mit guter Bildung und guten Jobs zur Fratze des Rassismus werden. Sie zeigen, dass sich der neue Rechtsextremismus hineingeschlichen hat in die Lifestyle-Bubbles der „gesellschaftlichen Mitte“, in die Edel-Discos und Aperol-Runden.

Rechtsextremismus ist Meme-fähig geworden

Denn es gibt sie ja längst, die Berichte von Unternehmern, die sich zunehmend der AfD zuwenden, vom unheimlichen Erfolg rechter Parolen bei den Jungen und Netzaffinen. Hier geht die Saat einer PR-Strategie der neuen Rechten auf, gegen die die demokratische Mitte noch kein Mittel findet: AfD-Influencer, die ihre Parolen auf Tiktok als „cool“ verkaufen, rechte Podcasts wie „Hoss & Hopf“, die bei Jugendlichen zum Trend werden. Der smarte Martin Sellner, Posterboy der „Identitären Bewegung“, bei dem völkische „Remigrations“-Fantasien so wunderbar unschuldig klingen. Es ist ein Rechtsextremismus im ironischen Gewand, Meme-fähig und in schmackhafte Häppchen verpackt für die Konsumgewohnheiten der Netz-Bewohner. Einer, der sich lustig macht über seine Gegner, die mit heiligem Ernst vor „Gefahren von Rechts“ warnen. Dass ein harmloser Disco-Hit wie „L'Amour toujours“ gekapert wird und nach dem Eklat von Sylt endgültig zum Nazi-Ohrwurm geworden ist, passt ins Bild. Man wird diesen Song den nicht mehr unschuldig hören oder spielen können, auch das ist einer dieser kleinen Siege.

Der entschlossene Eifer, mit dem das Distanzieren, Entlassen, Verfolgen und gesellschaftliche Ächten nun betrieben wird, ist dabei, bei aller berechtigten Empörung, vor allem ein Symptom der Hilflosigkeit. Dass Politik und Gesellschaft der Tiktokifizierung des Extremismus nichts entgegenzusetzen haben – diese beunruhigende Diagnose bleibt.