Video löst Empörung aus
: „Ausländer-raus“-Gesang in Sylter Promi-Lokal: Polizei ermittelt

Mit dem Porsche nach Sylt, um dort Nazi-Parolen zu singen? Ein Video von der Urlaubsinsel löst bundesweit große Empörung aus. Die Polizei ermittelt wegen Volksverhetzung.
Von
Roland Müller,
dpa
Berlin/Sylt
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Lokal Pony

Schauplatz des Videos: Das Lokal „Pony“ auf Sylt. Die Betreiber haben sich von den Vorfällen distanziert.

Axel Heimken/dpa

Junge, offenbar gut situierte Menschen, die auf Sylt gut gelaunt mit Cocktailgläsern in der Hand, in Hemden und mit umgehängten Pullovern auf den Schultern „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ singen? Das auf Video aufgenommene rassistische Gegröle zum Party-Hit „L’amour Toujours“ von Gigi D'Agostino hat bundesweit Empörung ausgelöst. In der kurzen Sequenz sind junge Menschen grölend vor einem Lokal zu sehen. In der nur wenige Sekunden langen Aufnahme, die seit Donnerstag in den sozialen Medien viral geht, grölen junge Männer und Frauen zur Melodie des Party-Hits „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“. Ein Mann scheint mit seinen Fingern auf der Oberlippe einen Hitlerbart anzudeuten.

Überwachungskamera-Daten der Polizei übergeben

Das Lokal Pony im Sylter Nobel-Urlaubsort Kampen distanzierte sich von dem Vorfall und kündigte Konsequenzen an. Der dpa berichtete Betreiber Tim Becker, die gesamte Szene am späten Nachmittag des Pfingstsamstag sei von Überwachungskameras mit Ton aufgezeichnet worden. Man habe die Namen aller fünf Beteiligten an die Polizei gegeben. Auch die Überwachungsaufnahme sei der Polizei übermittelt worden. Gegen in sozialen Medien geäußerte Vorwürfe, die Betreiber hätten den Vorfall mitbekommen müssen, verwahrte sich Becker. Viele der insgesamt rund 300 Gäste hätten auf der Terrasse des Lokals den Party-Hit „L’amour Toujours“ von Gigi D'Agostino ganz normal mitgesungen. Das sei auf der Aufnahme zu hören. Auf der Überwachungsaufnahme sei zu sehen, wie einer der Beteiligten die kleine Gruppe mit seinem Handy gefilmt hat. „Das waren wirklich nur diese fünf Leute“, sagte Becker. Gegrölt wurde „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“. Ähnliche Vorfälle habe es im Pony bisher nicht gegeben, sagte Becker. Eine Konsequenz sei, dass „L’amour Toujours“ künftig nicht mehr gespielt werde. „Uns war das komplett neu, dass das missbraucht wird.“

„Hätten wir von dem Vorfall gewusst, hätten wir die betreffenden Gäste selbstverständlich des Hauses verwiesen. Es gibt keinen Platz für Rassismus!!!“, hatten die Betreiber des Lokals zuvor auf Instagram geschrieben. Die Betreffenden bekämen Hausverbot, hieß es. In einer weiteren Story schrieben die Betreiber, sie hätten nun die Namen „dieser Nazis zugespielt“ bekommen. „Wir werden dieses widerliche Verhalten anzeigen und alle strafrechtlichen Möglichkeiten nutzen!!!“.

Polizei ermittelt wegen Volksverhetzung

Inzwischen ermittelt die Polizei. Das Fachkommissariat für Staatsschutz der Polizei nahm Ermittlungen wegen Volksverhetzung und des Verwendens verfassungswidriger Kennzeichen auf. Neben den Parolen gebe es auch den Verdacht, dass ein Beteiligter den Hitlergruß gezeigt habe, teilte die Polizei mit. Die Staatsanwaltschaft Flensburg bestätigte Ermittlungen gegen die Verdächtigen.

Bundeskanzler Olaf Scholz verurteilte den Vorfall scharf. „Ganz klar: Solche Parolen sind ekelig, sie sind nicht akzeptabel“, sagte der SPD-Politiker am Freitag in Berlin. „Und darüber darf es kein Vertun geben. Und deshalb ist es auch richtig, dass all unsere Aktivitäten darauf gerichtet sind, genau zu verhindern, dass das eine Sache ist, die sich verbreitet.“ Grünen-Bundeschefin Ricarda Lang reagierte schockiert. „Wenn ich sowas sehe, dann wird mir einfach nur schlecht. Dann kann ich das kaum ertragen“, sagte Lang am Freitag bei einer Wahlkampfveranstaltung in Karlsruhe. „Was ist das für eine Wohlstandsverwahrlosung? Was ist das für ein absurder Wahnsinn?“

Aus Sicht von Bundesinnenministerin Nancy Faeser wirft das Video ein schlechtes Licht auf das ganze Land. „Wer Nazi-Parolen wie ‚Deutschland den Deutschen – Ausländer raus‘ grölt, ist eine Schande für Deutschland“, sagte die SPD-Politikerin am Freitag den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Es stelle sich die Frage, „ob wir es hier mit Menschen zu tun haben, die in einer wohlstandsverwahrlosten Parallelgesellschaft leben, die die Werte unseres Grundgesetzes mit Füßen tritt.“ Die Frage sei auch, welches hasserfüllte Klima solche Leute dazu ermutige, sich so abgrundtief rassistisch in aller Öffentlichkeit zu äußern. „Hier darf es keinerlei schleichende Normalisierung geben“, forderte die Ministerin. Rassisten müssten neben möglichen strafrechtlichen Konsequenzen überall – im Freundeskreis, bei der Arbeit, im Sport – lauten Widerspruch erfahren. „Es ist wichtig, den Mund aufzumachen und gegenzuhalten gegen solchen Menschenhass“, rief Faeser zur Zivilcourage auf.

Eintritt in Lokal kostete 150 Euro

Auch FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai reagierte bestürzt. „Das ist schockierend, so etwas zu sehen“, sagte der FDP-Politiker am Freitag in Berlin. Die Berliner SPD–Politikerin Sawsan Chebli schrieb in der Nacht auf Freitag auf der Plattform X: „"Deutschland den Deutschen. Ausländer raus. Ausländer raus.“ Ort: Sylt. Und sie fühlen sich so sicher.“ Der TV–Moderator Jan Böhmermann fragte: „Wer und wo sind diese Leute?“ Und die Moderatorin Dunja Hayali twitterte: „Mit Hitlerbärtchen und Schampus, aber ohne „Ausländer“. #Sylt. 2024. (...) Am Tag, an dem wir das Grundgesetz feiern)“

Eine der an dem Gegröle beteiligten jungen Frauen mit Sonnenbrille im Haar und weißer Bluse hatte die Szene gefilmt. Die Umstehenden singen und wippen, haben Gläser mit Getränken in den Händen. An dem Gegröle scheint sich niemand zu stören. Laut „Bild“ soll das Video zu Pfingsten im Lokal Pony in Kampen entstanden sein. Laut "Welt" und Bild kostete allein der Eintritt zum Lokal zum Saisonstart 150 Euro. Dass nicht nur die "Abgehängten", sondern offensichtlich auch gut situierte junge Menschen rechtsextrem und rassistisch agierten, empört viele Menschen in den sozialen Medien besonders. Die Bildungsministerin von Schleswig-Holstein, Karin Prien (CDU), kommentierte das Video nur mit dem Wort „Wohlstandsverwahrlosung“.

Viele weitere Vorfälle rund um den Song in Deutschland

Es ist nicht das erste Mal, dass es im Zusammenhang mit dem Song „L’amour Toujours“ zu rassistischen Ausfällen gekommen ist. In Niederbayern ermittelte die Polizei nach einem möglichen Vorfall bei einem Faschingszug im Januar. Bei der Veranstaltung in Stulln (Landkreis Schwandorf) habe eine Gruppe von Zuschauern „Ausländer raus“ skandiert, als von einem Wagen das Lied von Gigi D'Agostino gespielt wurde, sagte ein Zeuge örtlichen Pressevertretern. Zuvor hatten ähnliche Vorfälle unter anderem in Landsberg am Lech in Oberbayern Ermittler auf den Plan gerufen. Dort sollen mehrere Menschen auf einem Zugwagen zu dem Lied ebenfalls „Ausländer raus“ skandiert haben. Die Polizei ermittelte wegen des Verdachts der Volksverhetzung und suchte nach Zeugen. Auch in Schleswig–Holstein nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf. Laut Polizei war dort am 17. Januar eine Anzeige eingegangen, nachdem in einer Diskothek zu dem Lied Besucher „Ausländer raus“ gesungen hätten. Der Vorfall soll sich am 7. Januar ereignet haben.

Auch der Neu-Ulmer AfD-Abgeordnete Franz Schmid musste sich im Februar dieses Jahres bereits gegen Vorwürfe wehren, in einen ähnlichen Vorfall verwickelt gewesen zu sein. Am Abend des bayrischen AfD-Landesparteitags im fränkischen Greding hatten Personen, die in der dortigen Disko neben dem Neu-Ulmer AfD-Abgeordneten Franz Schmid standen, „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ skandiert. Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Volksverhetzung.