Menschenrechte im Iran
: „Natürlich habe ich Angst“ – Deutscher Journalist wird vom Geheimdienst bedroht

InterviewDer Journalist Farhad Payar berichtet über die Menschenrechtsverstöße des iranischen Regimes. Nun muss seine Nichte im Iran für drei Jahre ins Gefängnis.
Von
Moritz Clauß
Stuttgart/Berlin
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Der Journalist Farhad Payar mit seiner Nichte Ghazaleh Zarea im Jahr 2019. Zarea wurde nun im Iran zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt.

Privat

Folter, Willkür und Misshandlungen: Das iranische Regime geht hart gegen Menschen vor, die das System kritisieren. Laut Amnesty International wurden alleine in den ersten Wochen der letzten Protestwelle Zehntausende inhaftiert. Doch auch in Deutschland hat das Regime Einfluss, sagt der Berliner Journalist Farhad Payar. Nachdem seine Nichte zu einer Haftstrafe verurteilt wurde und der iranische Geheimdienst ihn bedrohte, hat sich der Redaktionsleiter des Magazins „Iran Journal“ an die Öffentlichkeit gewandt.

Vor einiger Zeit hat sich der iranische Geheimdienst bei Ihnen per WhatsApp gemeldet – vom Handy Ihrer Nichte.

Ja. Sie schrieben im Namen meiner Nichte, ich solle ihr etwas von dem Geld schicken, das sie bei mir deponiert habe. Ich habe aber kein Geld von ihr. Zu dem Zeitpunkt wusste ich schon, dass sie vom Geheimdienst verhaftet worden ist. Ihre elektronischen Geräte waren auch konfisziert worden. Ich wusste also, dass es nicht meine Nichte ist, die mir schrieb. Es waren Mitarbeiter des Geheimdienstes.

Warum hat der Geheimdienst Sie kontaktiert?

Sie hatten nichts gegen meine Nichte in der Hand und wollten ihr etwas anhängen – die Zusammenarbeit mit einer Person im Ausland, oder mit unserem Online-Magazin „Iran Journal“ oder der Deutschen Welle. Ich habe ja bis Ende letzten Jahres für die persische Redaktion der Deutschen Welle gearbeitet. Meine Nichte hat aber für keines der beiden Medien gearbeitet. Ich habe dann geantwortet: Wenn du das wärst, hättest du diese dumme Frage nach dem Geld nicht gestellt. Danach ging es ungefähr zehn Minuten hin und her. Ich habe denen alles geschrieben, was ich ihnen in den letzten 44 Jahren sagen wollte.

Und was genau?

Wie ich über das denke, was sie machen. Über die Menschenrechte im Iran. Über meine Arbeit als Journalist. Dass ich kein politischer Aktivist bin, sondern mich verpflichtet fühle, der Wahrheit treu zu bleiben. Ich habe ihnen geschrieben: Wenn die Menschenrechte im Iran mein Fachgebiet sind als Journalist, dann kann ich nichts Schönes erzählen – und dafür sorgt ihr.

Hatten Sie nicht Angst, Ihre Nichte damit zu gefährden?

Doch. Aber was hätte ich ihnen antworten sollen? Vielleicht haben sie erwartet, dass ich sie um die Freilassung meiner Nicht anflehe, dass ich ihnen sage: Okay, lasst sie frei und ich höre auf, über die Menschenrechtsverletzungen im Iran zu berichten. Aber das konnte und kann ich nicht. Nicht meine Nichte oder ich haben etwas Ungesetzliches oder Böses getan, sondern sie, die Machthaber und ihre Geheimdienste im Iran. Sie halten sich nicht einmal an ihre eigenen Gesetze oder an die religiösen Gebote.

Ihre Nichte Ghazaleh Zarea ist Journalistin und Sozialaktivistin. Vorläufig festgenommen wurde sie am 30. Juli 2023. Warum?

2018 hat sie in der Stadt Chorramabad ein Café eröffnet. Es ist ein Treffpunkt für Leute, die Interesse haben an Literatur, an Selbstverwirklichung. Im Café gibt es Workshops, hauptsächlich zu sozialen und psychologischen Themen – Selbstfindung, Selbstentwicklung und so weiter. Alles, was sie dort macht, ist im gesetzlichen Rahmen. Das ist auch nichts Geheimes, jeder kann in dieses Café gehen.

Was hat das iranische Regime gegen legale Workshops?

Sie hätten gerne, dass die jungen Leute nicht an einem Workshop zur Selbstfindung teilnehmen, sondern in die Moschee gehen und den Mullahs hinterherlaufen. Sich selbst opfern, andere töten: Das sind Werte, die die Hardliner, die an der Macht sind, auch anderen aufzwingen wollen. Meine Nichte hat in ihrer Stadt einen Verein mitgegründet, der sich um Frauen kümmert, die häusliche Gewalt erlebt haben. Außerdem hat sie einen Verein für Straßenkinder mitinitiiert. Wenn in ihrem Café mal einer Frau das Kopftuch herunterrutscht, stört das dort niemanden. Das alles ist ein Dorn im Auge des Regimes.

Ihre Nichte saß vergangenes Jahr 33 Tage in Haft. Wie ging es ihr im Gefängnis?

Sie wurde – ich sage das in Anführungszeichen – gut behandelt. Also sie wurde nicht körperlich gefoltert. Aber es gibt auch eine psychische Folter: Sie saß 23 Tage in Einzelhaft, wurde ständig verhört. Man nennt das weiße Folter. Die Räume sind meist klein und weiß, du hast nichts und weißt nicht, welche Tageszeit ist. Du wartest, wartest und wartest. Danach saß sie zehn Tage in einem normalen Trakt des Frauengefängnisses. Dort waren aggressive, brutale Menschen.

Diesen Januar wurde Ghazaleh Zarea zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Mit welcher Begründung?

Zwei Jahre Haft gab es für die angebliche „Bildung einer Gruppe zur Störung der öffentlichen Sicherheit“ – so steht es im Urteil. Damit meinen sie die Workshops. Ein weiteres Jahr gab es wegen der angeblichen „Zusammenarbeit mit Ausländern“. Für ihr soziales Engagement hätte sie in einem demokratischen Land einen Orden bekommen, aber im Iran wird sie ins Gefängnis gesteckt. Natürlich versuchen sie damit, auch mich unter Druck zu setzen: Ich habe ein sehr enges Verhältnis zu meiner Nichte. Sie wollte mich am 16. August 2023 besuchen.

Vergangenes Jahr haben Sie nicht über den Fall berichtet. Jetzt schon. Wieso?

Ich habe den Fall im Sommer nicht öffentlich gemacht, weil mich die Familie gebeten hatte, nichts zu unternehmen. Deshalb habe ich es nur Reporter ohne Grenzen gemeldet. Die Familie hatte die Hoffnung, dass Ghazaleh nicht zu einer Haftstrafe verurteilt wird. Nachdem nun das Urteil gefallen ist, gibt es keinen Grund mehr, zu schweigen: Sie wollen mit aller Härte gegen meine Nichte vorgehen. Sie wollen Angst unter den Leuten schüren, indem sie ein Exempel statuieren. Aber wenn meine Nichte ins Gefängnis muss, dann sollten wir diese Wahrheit aussprechen. Davon lasse ich mich auch nicht durch Drohungen abhalten.

Wie wurde Ihnen gedroht?

Als die Geheimdienstmitarbeiter mit mir auf WhatsApp gechattet haben, schrieben sie zum Schluss: „Onkel, sie wissen über alles, was du machst, Bescheid. Pass auf dich auf!“ Wenn die Mafia oder eine Diktatur dir so etwas schickt, dann heißt das: Wir werden‘s dir zeigen. In unserer kleinen Redaktion haben wir in den vergangenen Jahren immer wieder Drohungen bekommen, teilweise ganz subtil. Ich habe mal bei einer Stiftung einen Vortrag über die Menschenrechte im Iran gehalten. Ein Mitarbeiter der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur IRNA hat mich einen Tag vorher gewarnt, ich solle aufpassen, was ich sage. Beim Vortrag saß er in der ersten Reihe – damit ich ihn sehe.

Wie beeinflusst Sie so etwas?

In meinem Vortrag habe ich die Wahrheit über die Menschenrechte erzählt. Ich lasse mich doch nicht von denen beeinflussen.

Sie haben keine Angst vor den Folgen?

Natürlich habe ich Angst, das sind brutale Menschen. Wenn man als Journalist über eine Diktatur berichtet, gehört die Angst zum Job. Aber ich lebe in Deutschland, das ist ein freies Land, und ich darf mir den Mund nicht verbieten lassen.

Für Journalisten zählt Iran laut Reporter ohne Grenzen zu den repressivsten Ländern der Welt. Wie schwer ist es für Sie und Ihr Team, möglichst unabhängig über die Vorgänge im Land zu berichten?

Wir benutzen unter anderem Quellen direkt aus dem Land, direkt aus der iranischen Gesellschaft. Es gibt Leute innerhalb des Systems, die uns Hintergrundinformationen geben. Selbst bei der Revolutionsgarde gibt es Leute, die mit ausländischen Medien über die Machenschaften der Garde sprechen. Die hat früher stark zusammengehalten, aber heute ist das nicht mehr so. Viele Kolleginnen und Kollegen im Iran und im Ausland haben gute Kontakte in diese Personenkreise.

Wie groß ist die Gefahr für die Journalistinnen und Journalisten, die direkt aus dem Iran berichten?

Für die wäre es sehr gefährlich, wenn herauskommen würde, dass sie für uns gearbeitet haben. Das wäre dort ein Verbrechen. Dabei ist unser Iran Journal so klein im Vergleich zur riesigen Propagandamaschinerie, für die der Iran Millionen im Jahr ausgibt: Websites, Fernsehsender, Radiosender – und das alles in verschiedenen Sprachen.

Reicht die Propaganda bis nach Deutschland?

Letztes Jahr hat eine renommierte Anwaltskanzlei aus München von uns gefordert, einen Namen aus einem Artikel über einen Korruptionsskandal im Iran zu streichen. Das war der Name eines Mannes aus einem korrupten Familien-Clan im Iran. Das Regime hat viele Lobbyisten und Fürsprecher im Ausland – diese Lobbyisten sind natürlich nicht als solche zu erkennen, sie schreiben sich das nicht auf die Stirn.

Wie empfinden Sie den Umgang der deutschen Regierung mit dem Iran?

Wenn man sich als deutsche Regierung Kanäle zu einer Diktatur offenhalten will, dann würde ich sagen, das ist nichts Schlimmes. Wie soll man sonst mit ihnen reden, ohne solche Kanäle? Wenn man als Regierung dazu steht, ist das okay. Aber zu sagen: Wir wollen mit dem iranischen Regime nichts zu tun haben, obwohl man mit den Lobbyisten spricht, das ist heuchlerisch. Und wenn ich wie jetzt von Vertretern des Regimes bedroht werde, weil ich Dinge laut sage, dann gibt es keine Unterstützung für mich von der Bundesregierung. Dabei ist das als deutscher Staatsbürger mein Grundrecht in diesem Land, die freie Meinungsäußerung ist hier garantiert.

Welche Unterstützung wünschen Sie sich von der Regierung?

Ich hoffe, dass die Bundesregierung nach der Drohung gegen mich, verbal und auch durch die Verhaftung meiner Nichte, aufwacht und Stellung bezieht. Dass sie zumindest den iranischen Botschafter einbestellt und fragt: Was soll das? Ich erhoffe mir, dass mehr Aufmerksamkeit auch dazu führt, dass das Regime im Iran es sich nicht mehr so einfach erlauben kann, Journalistinnen und Journalisten im Ausland unter Druck zu setzen.

Im Iran bekämpft das Regime die freie Meinungsäußerung und geht aggressiv gegen unabhängige Berichterstattung vor. Trotzdem sind viele Menschen dort gut informiert …

Seit 20 Jahren versucht das Regime, ein nationales Internet zu gestalten, aber das klappt nicht. Angeblich haben mehr als 70 Prozent der Menschen im Iran einen Zugang zum freien Internet. Als ich 2009 im Iran war, habe ich da auf dem Land schon einen Hirten gesehen, der mit einem Handy telefoniert hat. Viele Iraner können Englisch, es gibt auch genügend persischsprachige Sender, Internet- und Nachrichtenseiten. Digitale Medien haben einen starken Zulauf. Wenn im iranischen Fernsehen ständig über Märtyrer und Imame berichtet wird, dann sagen die jungen Leute irgendwann: Gut, das weiß ich jetzt alles.

Klingt nachvollziehbar.

Die jungen Leute, die mit dem Internet aufgewachsen sind, lassen sich nicht mehr vorschreiben, wie sie zu leben haben. Noch nie in den letzten 40 Jahren sind so viele Frauen im Iran ohne Kopftuch auf die Straße gegangen wie heute – auch in der Provinz. Die sagen: Ich lasse mich nicht mehr unterdrücken. Ich will das anziehen, was mir gefällt.

Nach den großen Protesten in den Jahren 2022 und 2023 demonstrieren die Menschen im Iran aktuell weniger, aber so ganz durchgesetzt hat sich das Regime nicht.

Das ist richtig. Die Leute sind auf die Straße gegangen gegen Armut, gegen starken politischen Druck, gegen Fremdbestimmung. Das Regime hat diese Probleme nicht gelöst, es hat nur die Proteste mit Gewalt niedergeschlagen. Man darf mit Sicherheit auf die nächste Protestwelle warten. Die jungen Leute, die jetzt 16 oder 17 werden, haben gesehen, dass ihre älteren Geschwister auf die Straße gegangen sind. Sie werden selbst das Gleiche tun.

Seit mehr als 40 Jahren in Deutschland

Farhad Payar (66) ist Journalist, Schauspieler und Theatermacher. Er wurde im Iran geboren und emigrierte im Jahr 1980 nach Deutschland. Dort verdiente er als junger Mann unter anderem als Taxifahrer und Teppichverkäufer Geld, um sein Politikstudium zu finanzieren. Seit 1994 ist Payar Schauspieler und Journalist, bis Ende 2023 arbeitete er für die persische Redaktion der Deutschen Welle. Der 66-Jährige ist außerdem Redaktionsleiter des Online-Magazins „Iran Journal“, das unter iranjournal.org auf Deutsch über die Politik und Gesellschaft des Iran berichtet. Zum Team der kleinen Redaktion zählen auch Personen, die im Iran wohnen und unter Pseudonymen von der Lage im Land berichten.