Der Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke. Der Anschlag auf eine Synagoge in Halle. Eine aufgeflogene rechtsextreme Terrorzelle, die Moscheen angreifen wollte. Und nun ein Blutbad mit rassistischem Motiv im hessischen Hanau. Die Aufzählung umfasst nur die krassesten Vorfälle der vergangenen neun Monate. Doch sie zeigt: Rechtsextremer Terror nimmt bedrohliche Ausmaße an – er beginnt, zum Alltag dieser Republik zu gehören.

Der Täter von Hanau verbreitete absurdeste Verschwörungstheorien und hing einem rassistischen Weltbild an, das ganze Völker zur Auslöschung vorsah. Auch wenn sich womöglich herausstellen sollte, dass Tobias R. geistig verwirrt war, steht er doch in einer blutigen Linie mit  Massenmördern wie Anders Breivik und dem Täter im neuseeländischen Christchurch – Helden einer rassistischen Internationale, denen auch der Täter von Halle nacheiferte.

Weil ihre Weltsicht so krank ist, weil hinter ihnen keine Organisation und keine Gruppe steht, weil es keinen Anführer und Befehlshaber gibt, neigen wir dazu, solche „einsamen Wölfe“ als Einzeltäter einzuordnen. Doch das greift zu kurz.

Es sind nicht nur Einzeltäter

Schon seit langem konstatieren Terrorismusforscher, dass sich die Gestalt des Terrors verändert: Statt straff geführter Gruppen treten immer mehr Täter in den Vordergrund, die sich in einem diffusen ideologischen Sumpf im Internet selbst radikalisieren. Auch so genannte Einzeltäter gedeihen in einem gesellschaftlichen und medialen Umfeld, das ihre mörderische Weltsicht verstärkt und scheinbar bestätigt. Im Netz finden sie Gleichgesinnte, die ihren Hass befeuern – und in der realen Welt seit einiger Zeit wieder Politiker, die vom „Bevölkerungsaustausch“ raunen und Hass auf (zum Beispiel) Muslime schüren. So wie Verschwörungswahn und rechtsextreme Ideologie verschmelzen, verschwimmt auch die Unterscheidung zwischen Terrorist und Amokläufer.

In unserer Mitte radikalisieren sich so auch Menschen hinter scheinbar bürgerlichen Fassaden: Wie jene vergangene Woche gefasste Terrorzelle um „Teutonico“ aus der Nähe von Augsburg, in der bewaffnete Reichsbürger, Kleinunternehmer und Polizeimitarbeiter beim Grillen den Bürgerkrieg planten.

Mordenden Wutbürgern, die ihren Hass im Stillen ausbrüten, ist nur schwer beizukommen. Politik und Sicherheitsbehörden müssen diesem bedrohlichen Trend mit aller Entschiedenheit entgegentreten. Doch das allein reicht nicht.

Die Ziele des Hasses brauchen unsere Solidarität

Was es auch braucht, ist mehr politische Bildung und eine klare Ächtung rechter Ideologien, die, daran kann kein Zweifel mehr bestehen, derzeit die größte politische Gefahr in Deutschland darstellen. Seit Jahrzehnten weiß man, dass 20 bis 30 Prozent der Deutschen empfänglich für rechtsextremes Gedankengut sind. Wir brauchen eine echte Anstrengung, sie zurückzuholen. Ebenso wichtig ist Medienbildung: In rasendem Tempo schwindet das Vertrauen in Politik, Demokratie und Institutionen, die dieses Land ausmachen – dazu gehören auch seriöse Medien. Wer sich von all dem abwendet, kann sich rasch in einem Sumpf aus Lügen, Fake News und Verschwörungswahn verlaufen – und landet in einer Parallelwelt, die sich im Krieg befindet.

Und: Migranten, Juden, Muslime und alle gesellschaftlichen Gruppen, die von den Tätern als Ziele ausgewählt worden sind, brauchen nun Solidarität und Unterstützung. Wenn, wie etwa während der Mordserie des NSU, der Eindruck entsteht, der Terror treffe nur Bürger zweiter Klasse, deren Tod weniger schlimm ist, hat der Hass bereits gewonnen.