Hilfsangebot für junge Menschen: Depression und Suizidgedanken – „Ich dachte, ich muss das Mädchen doch da rausholen“

Lilly Seibt hat bisher 15 junge Menschen mit Suizidgedanken betreut. Die junge Frau studiert Psychologie.
Maria Neuendorff- Caritas-Projekt „U25“: anonyme Mailberatung für 16–25-Jährige in suizidalen Krisen
- 360 Ehrenamtliche, 14 Standorte; in Berlin ca. 60 aktiv; erste Antwort binnen 48 Std.
- Lilly Seibt (Psychologiestudentin) betreute 15 junge Menschen, teils über zwei Jahre
- Themen: Einsamkeit, Mobbing, Missbrauch, psychische Erkrankungen, Social‑Media‑Druck
- Rodday: fast 500 Suizide/Jahr unter 25; Kampagne „Ein Gespräch kann Leben retten“
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Es gab schon Momente, in denen sich Lilly Seibt selbst hilflos fühlte. Zum Beispiel, als ihr eine Ratsuchende schrieb, dass ihre Mutter gewalttätig geworden sei. „Ich dachte, ich muss das Mädchen doch da rausholen“, berichtet die junge Studentin.
Lilly Seibt ist eine von 360 ehrenamtlichen Beraterinnen und Beratern im Alter zwischen 16 und 25, die im Projekt „U25“ der Caritas deutschlandweit Jugendliche und junge Erwachsene durch suizidale Krisen begleiten.
In den vergangenen fünf Jahren hat Lilly Seibt per E-Mail 15 junge Menschen mit Selbstmordgedanken betreut, sechs davon über zwei Jahre lang. Die Betroffenen melden sich mit einem Nickname an und schreiben eine Nachricht. Die erste Rückmeldung bekommen sie innerhalb von 48 Stunden. Danach wöchentlich eine Antwort. Das geschieht alles anonym.
Von Einsamkeit bis Missbrauch
Lilly Seibt könnte also gar nicht die Polizei holen oder das Jugendamt anrufen, wenn es brennt. Dafür kann sie zuhören und da sein, trösten und Rat geben. „Stabilisieren, wieder Vertrauen in andere Menschen und das Leben aufbauen, so dass die Ratsuchenden die Kraft finden, selbst wieder handlungsfähig zu werden“, beschreibt die Studentin, wie die Kommunikation im Idealfall verläuft.
Die Themen, die ihre Mail-Partner verzweifeln lassen, reichen von Einsamkeit und Selbstzweifeln über Beziehungsprobleme und Mobbing bis hin zu sexualisierter Gewalt und Missbrauch. Manche leiden auch an psychischen Erkrankungen.
An einigen kann man gesellschaftliche Entwicklungen ablesen. Lilly Seibt erzählt vom Druck, den zum Beispiel soziale Medien auf junge Menschen ausüben können. „Viele vergleichen sich mit hyperschlanken Influencern, die posten, was sie essen beziehungsweise nicht essen, und landen dann magersüchtig in der Klinik“, berichtet die Frau mit den dunklen Haaren. Von dem Phänomen seien auch zunehmend junge Männer betroffen.
Dazu käme der Druck von Eltern und Bildungseinrichtungen sowie Zukunftsängste in Zeiten von Inflation und Krisen. „Gerade in Berlin ist es für Schulabgänger zum Beispiel schwer, überhaupt eine eigene Wohnung zu finden und zu bezahlen“, weiß Lilly Seibt.
Kommunikation auf Augenhöhe
Sie kennt das aus eigener Erfahrung und musste deshalb einen Wohnberechtigungsschein beantragen. Das riet sie dann auch einer ihrer Schützlinge, die nicht nur unter Adipositas, sondern auch unter dem Zusammenleben mit Mutter und Stiefvater litt.
Dass beim Online-Projekt „U25“ Gleichaltrige die Ratsuchenden online in Krisen begleiten, mache eine Kommunikation auf Augenhöhe möglich, erklärt Lara Rodday, Leiterin des Berliner „U25“-Standortes und eine von vier hauptamtlichen Angestellten. Diese schulen und unterstützen die jungen Helfer und werden deshalb auch Peers genannt. Der Begriff Peer kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie „Gleichwertige“ oder „Ebenbürtige“.

Lara Rodday (links) und Lilly Seibt im Büro der Caritas in Berlin-Mitte. Beide helfen Kindern und Jugendlichen mit Suizidgedanken.
Maria NeuendorffIn Lara Roddays Büro im zweiten Hinterhof in Berlin-Mitte hängen frisch gedruckte Plakate. „Ein Gespräch kann Leben retten“, ist darauf zu lesen. Mit der neuen Kampagne will die Caritas das Thema Selbsttötung von Jugendlichen aus der Tabu-Ecke holen sowie auf das Online-Angebot hinweisen, das schon 2001 in Freiburg gegründet wurde.
Mittlerweile gibt es deutschlandweit 14 Standorte. Alleine in der Online-Suizid-Prävention in Berlin arbeiten gerade rund 60 Ehrenamtliche. „Der Bedarf ist groß. In Deutschland nehmen sich jährlich fast 500 junge Menschen unter 25 Jahren das Leben“, sagt Rodday. Suizid sei in der Altersgruppe die häufigste Todesursache nach Verkehrsunfällen.
Scham wegen Suizid-Gedanken
Mit den Plakaten und dem E-Mail-Austausch wolle man die Betroffenen auch dazu bewegen, darüber nachzudenken, ob es nicht jemanden gibt, dem sie sich anvertrauen können. „Viele denken, dass sie andere mit ihren Suizid-Gedanken nur belasten und überfordern. Die meisten schämen sich. Dabei ist es doch stark, wenn man sich Hilfe holt“, betont die 29-jährige Sozialarbeiterin.
Das anonyme niederschwellige Online-Angebot sei dazu da, einen ersten Schritt aus der Isolation zu gehen. „Ich finde es so wichtig, hier einen Save Space zu haben, in dem man frei über Suizidgedanken und auch Pläne schreiben kann, ohne dafür gleich in die kjp (Kinder- und Jugendpsychiatrie, Anm. der Redaktion) geschickt zu werden*“, schreibt eine Betroffene an ihren Peer. „Das hat mir wahrscheinlich am meisten geholfen und mich sehr entlastet.“
Manchmal setzt der E-Mail-Austausch auch eine Kette in Gang. So konnten Lilly Seibt zum Beispiel ein Opfer von Gewalt darin bestärken, in einer häuslichen Krise zur Nachbarin zu gehen, die dann für sie die Polizei rief.
Bei all den Krisen, die sie mit ihren Ratsuchenden durchstehen, werden die jungen Peers nicht alleine gelassen. Es gibt regelmäßig Teambesprechungen. „Man hat die anderen im Rücken. Ich habe hier Freunde gefunden, die ich sonst nicht kennengelernt hätte“, berichtet Lilly Seibt. Dabei ist sie zufällig auf das Caritas-Projekt gestoßen. „Mein Freund zeigte mir ein Video auf Youtube darüber und sagte: „Das ist bestimmt was für dich.“
Positive Erfahrungen bei der Suizid-Prävention
Denn Lilly Seibt hatte sich vorher ehrenamtlich als Betreuerin für kranke Kinder auf Ferienfreizeiten engagiert. Als sie beim Projekt „U25“ andockte, sei sie selbst noch in einer Art Findungsphase zwischen Abi und Studium gewesen, hatte bei Film- und Kunstprojekten gejobbt. Die positiven Erfahrungen, die sie bei der Suizid-Prävention sammelte, hätten schließlich dafür gesorgt, dass sie sich für ein Psychologie-Studium entschied.
Die Peers bringen in die Beratungen auch häufig eigene Erfahrungen mit ein. „Ich bin zum Beispiel selbst chronisch krank und habe eine transplantierte Niere“, berichtet Lilly Seibt. Deswegen sei es ihr auch leichtgefallen, sich mit einer jungen Frau im Rollstuhl darüber auszutauschen, wie es sich anfühlt, mit körperlichen Einschränkungen zur Schule zu gehen und überhaupt wieder an das Leben anzuknüpfen.
Allerdings müssten die Peers darauf achten, dass sie nicht selbst getriggert werden. „Man muss nicht jedes Thema bearbeiten“, betont Rodday. Die Ehrenamtlichen entscheiden selbst, welche Erst-Mails sie annehmen. Bleibt eine im Postfach liegen, übernimmt jemand im hauptamtlichen Team den Fall. Das passiert auch, wenn zum Beispiel ernsthaft Suizid angedroht wird.
Ob sich jemand der Ratsuchenden das Leben nimmt, würden die Helfer aber nicht erfahren. „Wir hatten aber schon Fälle, bei denen es Selbstmord-Versuche gegeben hat und sich die Betroffenen danach aus der Klinik bei uns meldeten.“
Dankes-Mails nach Jahren der Funkstille
Manchmal bricht der E-Mail-Kontakt einfach so ab. Die Helfer hoffen dann, dass die Krise bewältigt wurde. Neulich habe sich ein Betroffener nach zwölf Jahren Funkstille gemeldet und berichtet, dass er gerade einen sehr gut bezahlten Job als Softwareentwickler angenommen habe und mit seiner Freundin und der anderthalb Jahre alten Tochter in ein eigenes Haus gezogen sei. „All das wäre nicht möglich, hätte ich Ihre Hilfe nicht angenommen und mein Leben beendet, so wie ich es mir öfter ausgemalt habe“, schrieb der Mann, der inzwischen Mitte 30 ist.
Gerade bei jungen Menschen, die noch in der Selbstfindung seien und auch wenig Lebenserfahrung für Bewältigungsstrategien hätten, seien Depressionen häufig nur eine Phase, die überwunden werden könne, glaubt Rodday. „Viele Probleme brauchen einfach Zeit. Da ist es gut, wenn auch mal das Tempo rausgenommen wird und man nicht sofort eine Lösung finden muss.“
Dass der Austausch per E-Mail-Kontakt nicht synchron verläuft, sei von Vorteil. „Die Ratsuchenden rechnen nicht mit einer sofortigen Antwort, können sich aber darauf verlassen, dass sie diese innerhalb von sieben Tagen erhalten.“
Das bestätigt auch ein Betroffener: „Ich kann darauf vertrauen, dass es mir besser geht nachdem ich die Nachricht von meinem Peer gelesen habe“, schreibt der junge Mann. „Da ist jemand, der sich Zeit für mich nimmt, es fühlt sich an wie ein sicherer Hafen, von dem aus man die wilde See betrachtet.“
Selbstgemaltes Bild in der Abschieds-Mail
Die Peers selbst lernen schon in den viermonatigen Schulungen, dass sie auf die E-Mails besser nicht mal schnell in der U-Bahn oder spätabends kurz vor dem Schlafengehen antworten sollten. Lilly Seibt setzt sich dazu rund viermal in der Woche zu Hause ganz bewusst an den Schreibtisch, zündet sich eine Kerze an und plant eine Stunde dafür ein.
Die junge übergewichtige Frau, die sie zwei Jahre lang durch ihre Krisen begleitete, konnte mit dem Wohnberechtigungsschein übrigens in eine eigene Wohnung ziehen. „Seitdem geht es ihr besser, und sie hat sich inzwischen auch erfolgreich für ein Adipositas-Programm beworben“, freut sich ihre Unterstützerin.
An ihre Abschiedsmail hat sie ein selbstgemaltes Bild gehängt, auf dem sie auch die positiven Seiten ihres Lebens beschrieben hat. „Ich bin wertvoll“, stand unter anderem darauf, berichtet Lilly Seibt. „Das hat mich schon sehr berührt.“
* Die Zitate aus den anonymen E-Mails, die in diesem Text vorkommen, wurden extra von den Schreibern für eine Veröffentlichung zur Verfügung gestellt, weil es ihnen selbst am Herzen liegt, das Hilfsangebot für andere Betroffene bekannter zu machen. Erreichen kann man die Mailberatung unter https://www.u25-deutschland.de/
Hilfe bei negativen Gedanken und Depression
Wenn Sie sich in einer persönlichen Krise befinden und Hilfe brauchen, reden Sie darüber. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, die es Ihnen ermöglichen, anonym mit Menschen über Ihre Situation zu sprechen.
- Bei der Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de) geht das online, telefonisch oder vor Ort. Sie erreichen die Telefonseelsorge unter den Telefonnummern 0800 1110 111 und 0800 1110 222.
- Auch im Chat oder via E-Mail finden Sie dort Unterstützung.
- Außerdem gibt es mit der App „Krisen Kompass“ eine Art Notfallkoffer für Krisensituationen. Die App erhalten Sie kostenlos im Apple App Store und bei Google Play.





