Erstes Interview der Kandidatin
: „Nächste Frage, bitte“ – Kamala Harris macht gute Figur in TV-Interview

Es war das lang erwartete erste TV-Interview seit ihrer Nominierung: Kamala Harris stand bei CNN Frage und Antwort. Wie sie sich schlug – und warum Donald Trump in Netz wütet.
Von
Peter DeThier
Washington
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Wahlkampf in den USA - Harris: 28.08.2024, USA, Hinesville: Die demokratische Präsidentschaftskandidatin und Vizepräsidentin Kamala Harris spricht in der Liberty County High School zu Mitgliedern der Marschkapelle. Foto: Jacquelyn Martin/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die demokratische Präsidentschaftskandidatin und Vizepräsidentin Kamala Harris gab ihr erstes Interview - und lieferte einen souveränen Auftritt ab.

Jacquelyn Martin/AP/dpa

Seit Wochen steht Kamala Harris unter Druck, Reportern Rede und Antwort zu stehen. Nun hat sie ihr Versprechen eingelöst, bis Ende August das erste Interview zu geben. Nicht nur das: Sie trat gleich gemeinsam mit ihrem designierten Stellvertreter Tim Walz, dem Gouverneur von Minnesota, auf. Und die Vizepräsidentin enttäuschte nicht. Sattelfest in den Themen, selbstbewusst und redegewandt. Sie dürfte damit den republikanischen Spitzenkandidaten Donald Trump, dessen Entgleisungen zunehmend aus dem Ruder laufen, weiter verunsichert haben.

Welche Themen im Mittelpunkt stehen würden, war von vornherein klar: illegale Migration, die hohe Inflation und die allgemeine Unzufriedenheit der Wähler mit dem Zustand der amerikanischen Wirtschaft. Und natürlich Trumps endlose Serie von persönlichen Angriffen und geschmacklosen Beleidigungen, die am Mittwoch mit einem sexistischen Post auf seiner Social-Media-Plattform Truth Social einen neuen Tiefpunkt erreichte.

Inflation und Fracking als entscheidende Themen

CNN Reporterin Dana Bash kam direkt zur Sache. Zunächst ging es um das Thema, das alle Amerikaner beschäftigt, nämlich die hohen Preise. Harris erinnerte daran, dass Trumps Verharmlosung der Corona-Epidemie vor vier Jahren den Weg bereitet hatte für die Lieferkettenengpässe, die zur hohen Inflation führten. Heute aber liegt die Teuerung bei weniger als drei Prozent. Diesen Trend wolle sie fortsetzen. Insbesondere, indem sie ein Verbot von Preisabsprachen in der Lebensmittelindustrie und bei Pharmaherstellern durch den Kongress bekommt.

Auf die Frage angesprochen, wie sie zum Thema Fracking steht, das sie vor fünf Jahren noch abgelehnt hatte, antwortete die Vizepräsidentin auch geschickt. „Meine Werte sind dieselben geblieben, wir müssen erneuerbare Energien fördern“. Dies schließe aber nicht aus, dass wer dazu lernt, auch neue Positionen einnehmen kann. Die Wende zur grünen Energie sei in vollem Gange, gleichwohl bedeute dies nicht, dass es keine Koexistenz mit fossilen Energieformen wie Fracking geben könnte, so die Vizepräsidentin. Das Thema Fracking ist deswegen entscheidend, weil es in Pennsylvania, dem wichtigsten aller Swing States, die Wahl entscheiden könnte.

Harris gibt sich keine Blöße beim Thema Migration

Souverän auch Ihre Antwort darauf, wie sie mit dem Zustrom illegaler Einwanderer umgehen würde. Seitdem sie und Präsident Joe Biden fraglichen Anträgen auf Asyl einen Riegel vorgeschoben haben, sei die Zahl der illegalen Einwanderer deutlich zurückgegangen. Auch erinnerte Harris daran, dass die derzeitige Regierung mit Republikanern im Kongress zusammengearbeitet hat, um eine Einwanderungsreform zu verabschieden. Blockiert hätten die Reform konservative Vertreter der Opposition nur deswegen, weil Trump das Gesetz torpedieren wollte, weil er das Reizthema für den Wahlkampf braucht.

In die Rolle ihres volkstümlichen und sympathischen Stellvertreters schlüpfte Vizepräsidentschaftskandidat Walz. Er sei nicht nur stolz auf sein Vierteljahrhundert als Mitglied der Nationalgarde und seine Karriere als Lehrer. Auch stand Walz zu seiner Kritik an dem Gespann aus Donald Trump und JD Vance. „Niemals werde ich ein anderes Mitglied des Militärs angreifen“. Eine klare Anspielung auf Vances Hinweis, dass der Gouverneur nie im Kriegseinsatz war. Er spreche dieselbe Sprache wie Durchschnittswähler, sagte der Gouverneur. „Menschen, die mich verstehen“. Auch verstünden sie, dass Trump und Vance „einfach seltsame Typen sind“.

Als das Interview am Donnerstag in der abendlichen Primetime Sendezeit begann, lag die Vizepräsidentin in nationalen Umfragen um dreieinhalb bis 4 Prozentpunkte vor Trump. Ein enges Rennen liefern sich hingegen die beiden Spitzenkandidaten nach wie vor in den kritischen Swing States Pennsylvania, Michigan, Wisconsin, Georgia und Arizona. Da entweder Harris oder Trump in fast allen anderen Staaten uneinholbare Vorsprünge haben, werden die Wahlmänner in diesen Staaten, die einen hohen Anteil an unentschlossenen Wechselwählern haben, den Ausgang entscheiden.

Trump mit neuem Tiefschlag gegen Harris

Mit ihrem souveränen Auftritt in dem etwa 45-minütigen Interview dürften Harris und Walz aber ihren republikanischen Gegnern weiter Wind aus den Segeln genommen haben. Zuvor hatte der Ex-Präsident Harris Weigerung, sofort nach der Bekanntgabe ihrer Kandidatur ein Interview zu geben, scharf kritisiert. Er geißelte sie als „schlechte Debattiererin“ und schlichtweg „dummen Menschen“. Gleichwohl sind sich politische Beobachter einig, dass die Vizepräsidentin durch ihr gemeinsames Interview mit Walz vielmehr den Republikaner als intellektuelles Leichtgewicht enttarnte.

Sie ging aber deutlich weiter. Seine unzähligen Entgleisungen und Attacken quittierte sie mit dem trockenen Hinweis: „Nächste Frage, bitte“. Dann lobte sie ihren derzeitigen Chef. Biden sei ein ehrenwerter Mann, der sich durch Liebe und Loyalität zu seinem Land auszeichnet. Ihr Gegner sei Trump genau das Gegenteil, nämlich „nichts davon“. Dann das Bekenntnis zu „einem neuen Weg vorwärts“, verbunden mit einem weiteren Hieb gegen den Republikaner und seine Angriffe. „Ich glaube an Stärke, die sich nicht darauf gründet, wen man niederschlägt, sondern wen man hochhebt.“ Trump hatte zuletzt für Empörung gesorgt, weil er einen derben und sexistischen Kommentar auf seiner Social-Media-Plattform „Truth Social“ geteilt hatte, in dem Harris indirekt unterstellt wurde, mit sexuellen Beziehungen, beziehungsweise „Blowjobs“ ihre Karriere gefördert zu haben.