Brisanter Bericht unter Verschluss
: BND sieht Laborunfall in Wuhan als Ursache für Corona-Pandemie

Ein Bericht des BND soll bereits 2020 festgestellt haben, dass die Corona-Pandemie im Viren-Labor im chinesischen Wuhan entstand. Das berichten „Zeit“ und „Süddeutsche“. Das Kanzleramt habe den Bericht unter Verschluss gehalten.
Von
Roland Müller
Berlin
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Coronavirus - China: ARCHIV - 27.01.2020, China, Wuhan: Arbeiter in Schutzkleidung tragen eine Tasche, in der sich ein Riesensalamander befindet, der vom Huanan Seafood Market entkommen sein soll.  (zu dpa: «Neuer CIA-Direktor geht von Corona-Ursprung im Labor aus») Foto: -/CHINATOPIX/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Arbeiter in Schutzkleidung im chinesischen Wuhan. Lange Zeit galt der dortige Tiermarkt als Ursprung des Corona-Virus. Jetzt mehren sich die Anzeichen dafür, dass das Virus aus dem Labor stammen könnte.

-/CHINATOPIX/AP/dpa
  • BND-Bericht: Laborunfall in Wuhan als wahrscheinlicher Ursprung der Corona-Pandemie.
  • Bericht wurde seit 2020 vom Kanzleramt geheim gehalten.
  • Tiermarkt in Wuhan lange als Ursprung vermutet; Laborhypothese zunehmend wahrscheinlicher.
  • WHO und CIA stufen Laborunfall als unwahrscheinlich bzw. wahrscheinlicher als natürlichen Ursprung ein.
  • Externer Expertenrat überprüft BND-Ergebnisse.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Vom „wohl bestgehüteten Geheimnis von Berlin“ spricht die „Zeit“ – entsprechend brisant das Ergebnis der anderthalbjährigen Recherche, die die Wochenzeitung und die „Süddeutsche Zeitung“ am Mittwoch veröffentlicht haben. Demnach hält es der Bundesnachrichtendienst (BND) für wahrscheinlich, dass ein Laborunfall im chinesischen Wuhan der wahre Ursprung des Corona-Virus und damit die Ursache der globalen Pandemie ist. Diese Erkenntnis habe sich aus einer nachrichtendienstlichen Operation mit dem Codenamen „Saaremaa“ ergeben, berichten die beiden Medien weiter. Deutsche BND-Agenten seien in China an Daten zu Messreihen sowie unveröffentlichte wissenschaftliche Arbeiten gekommen, die diesen Schluss nahelegten. Neben Hinweisen auf riskante Experimente, bei denen in der Natur vorkommende Viren künstlich verändert wurden, soll das Datenmaterial auch zahlreiche Verstöße gegen Vorschriften für die Labor-Sicherheit nachweisen. Am Ende seien BND-Experten zum Schluss gekommen, dass die Wahrscheinlichkeit der Laborthese bei „80 bis 95 Prozent“ liege.

Ursprung des Virus ist bis heute ein Rätsel

Woher das Virus stammt, das die Welt in eine beispiellose Krise gestürzt hatte und Millionen Menschenleben kostete, ist auch fünf Jahre nach Ausbruch der Pandemie noch ungeklärt. Lange Zeit galt der Tiermarkt in der chinesischen Millionenstadt Wuhan als der wahrscheinlichste Ursprung, dort könnte das Virus vom Tier auf den Menschen übergesprungen sein. In Wuhan gibt es allerdings auch eine der führenden Forschungseinrichtungen, die sich mit Viren beschäftigt – auch dieses Labor geriet früh als Ursache der Pandemie in Verdacht.

Die chinesische Regierung wies das allerdings stets brüsk zurück, entsprechende Thesen wurden teils als Verschwörungstheorien eingestuft. Viele Experten, wie etwa der Charité-Virologe Christian Drosten, bezeichneten die Laborthese aber zwar als eher unwahrscheinlich oder unbelegt, schlossen sie allerdings nie ganz aus. Eine Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 2021 stufte einen Laborunfall als „extrem unwahrscheinlich“ ein.

Der WHO-Bericht wurde aber wegen des Einflusses Chinas auf die Bedingungen der Untersuchungen von vielen Regierungen als intransparent und nicht unabhängig kritisiert. Zuletzt hatte der US-Geheimdienst CIA im Januar 2025 den Laborunfall als „wahrscheinlicher als ein natürlicher Ursprung“ eingestuft. In einem Interview mit der „taz“ im Januar forderte Drosten Aufklärung von China, das Informationen zurückhalte und eine Aufklärung der Frage behindere. Es sei eben „nicht dasselbe, wenn wir im Jahr 2020 den Beleg für einen natürlichen Ursprung noch nicht haben, wie wenn wir im Jahr 2025 diesen Beleg immer noch nicht haben.“ Ein Beweis für einen natürlichen Ursprung fehle ebenso wie einer für den Laborursprung; eventuell verbiete die chinesische Staatsräson, dass an der Aufklärung gearbeitet wird.

Kanzleramt unter Merkel und Scholz hielt den Bericht geheim

Als politisch brisant könnte sich der Umgang deutscher Regierungen mit den Hinweisen des BND erweisen: Laut den Recherchen von „Zeit“ und „Süddeutscher Zeitung“ wurde der bereits 2020 veröffentliche Bericht im Kanzleramt jahrelang unter Verschluss gehalten. Sowohl unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) als auch unter Nachfolger Olaf Scholz (SPD) sei der Bericht nur wenigen Personen bekannt gewesen. Noch in der Regierungszeit von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) unterrichtete BND-Präsident Bruno Kahl demnach persönlich das Kanzleramt über die nachrichtendienstliche Operation und die Bewertung des Dienstes. Das Kanzleramt habe entschieden, die brisante Einschätzung unter Verschluss zu halten. Altkanzlerin Merkel wollte sich auf Anfrage der Medien nicht dazu äußern, ob sie von dem Vorgang Kenntnis erhielt. Der damalige Kanzleramtsminister Helge Braun und der für die Nachrichtendienste zuständige Staatssekretär, Johannes Geismann, wollten sich demnach ebenfalls nicht äußern.

Direkt nach dem Regierungswechsel von Merkel zu Olaf Scholz (SPD) habe BND-Chef Kahl das Kanzleramt erneut informiert. Das für die Kontrolle der Nachrichtendienste zuständige Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestages sei hingegen nicht unterrichtet worden, ebenso wenig wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Ende vergangenen Jahres entschied die Bundesregierung den Berichten zufolge, externe Experten mit der Überprüfung der BND-Erkenntnisse zu beauftragten. Seit dem vergangenen Dezember prüfen demnach im Auftrag des Kanzleramts hochrangige externe Wissenschaftler die Validität der BND-Erkenntnisse. Zu der Gruppe gehörten der Präsident des Robert-Koch-Institutes, Lars Schade und der Berliner Virologe Christian Drosten. Ein abschließendes Ergebnis liege noch nicht vor.

Im Bericht der Zeit werden Stimmen genannt, die Zweifel an der Richtigkeit des BND-Berichts äußerten. Derzeit sei aber ein externer Expertenrat im Auftrag der Bundesregierung damit befasst, die BND-Ergebnisse zu überprüfen.

Mit Material von afp.