Viele Menschen erlebten am Donnerstagabend das schreckliche Geschehen in dem beschaulichen Hamburger Stadtteil Alsterdorf und schlugen via Notruf Alarm bei der Polizei: Um 21.15 Uhr erhielt die Einsatzzentrale mehrere Anrufe: Es seien Schüsse aus einem dreistöckigen Bürogebäude zu hören, in dem sich normalerweise Zeugen Jehovas treffen.

Amoklauf in Hamburg: Polizeieinheit USE schnell am Tatort

Eine „Unterstützungsstreife für besondere Einsatzlagen“ (USE), die vor einigen Jahren in Hamburg gegründet wurde, um schnell auf Terror- und Bedrohungslagen reagieren zu können, ist zufällig in der Nähe und in wenigen Minuten am Tatort, wie Polizeisprecher Holger Vehren berichtet.
Die Beamten dringen in das Gebäude ein und finden mehrere Menschen mit Schussverletzungen. Dann hören sie aus dem Obergeschoss einen Schuss. In einem Raum liegt ein lebloser Mann. Die Polizei geht davon aus, dass er der Täter ist. Wie viele Menschen er verletzt und getötet hat, kann Vehren auch Stunden später nicht sagen.

Augenzeugen berichten von mehreren Serien von Schüssen

Ein junger Mann, der als Passant zufällig vorbeikam, filmte mit seinem Handy den Angriff: Zu sehen ist auf wackeligen Zoom-Bildern ein Mann, der offenbar am Fenster des Gebäudes steht und hineinfeuert. Er berichtet dem Sender NTV, dass mindestens 120 Schüsse zu hören gewesen seien. Dann sei es eine Weile ruhig gewesen, danach sei noch ein einzelner Schuss gefallen.
Auf einem anderen Video von BILD sind Schussserien zu hören. Erst rund 15 Schüsse, dann 14. Eine weitere Sequenz zeigt, wie er in das Gebäude eindringt, dort fallen weitere Schüsse.

Anwohnerin in Hamburg: Vier Schussperioden

„Ich habe gegen zehn vor neun Uhr mehrfach Schüsse vernommen. Die klangen sehr metallisch“, sagt Anwohnerin Lara Bauch. „Erst dachten wir, dass auf der Baustelle so spät noch Arbeiten sind. Es hat sich dann herausgestellt, dass das nicht der Fall ist.“ Die 23-jährige Studentin wohnt mit ihrem Freund in einer Seitenstraße gegenüber und hat aus ihrer Dachwohnung direkte Sicht auf den Tatort an der viel befahrenen Straße Deelböge.
„Es waren ungefähr vier Schussperioden. In diesen Perioden fielen immer mehrere Schüsse, etwa im Abstand von 20 Sekunden bis einer Minute“, berichtet Bauch.

Zeugin: Mann war dunkel gekleidet

Von ihrem Fenster konnte sie eine Person sehen, die ganz hektisch vom Erdgeschoss ins erste Obergeschoss gelaufen sei. „Der Mann war dunkel gekleidet und schnell unterwegs“, sagt Bauch. Ob er maskiert war, konnte sie nicht sehen.
Ihr Freund hat das Geschehen mit dem Handy gefilmt. Es ist zu sehen, wie ein Polizeitransporter mit Blaulicht vor dem Gebäude steht, während auf der Straße noch Autos vorbeifahren. Schwer bewaffnete Beamte gehen zügig zum Eingang, öffnen die Tür. Sie stürmen die Treppe hoch ins Obergeschoss. Im mittleren Raum liegt wohl der mutmaßliche Schütze, wie Vehren sagt. Die Polizei geht davon aus, dass er sich selbst getötet hat. Die Beamten hätten keinen Schuss abgegeben.

Zeugen Jehovas treffen sich jeden Donnerstag in Hamburger Stadtteil Alsterdorf

Das schmucklose Gebäude liegt neben einem Malerbetrieb. Auf der anderen Seite hinter der Baustelle mit drei großen Kränen befindet sich eine Tankstelle. Erst mit einigem Abstand in der Seitenstraße gegenüber stehen moderne drei- bis vierstöckige Apartmentgebäude und gut gepflegte Altbauten in Klinkerbauweise.
Anwohnerin Bauch berichtet, dass sich die Zeugen Jehovas laut Aushang immer donnerstags gegen 19.00 Uhr zu einem Gottesdienst versammelten. Das Publikum sei dabei ganz gemischt – Familien, ältere und jüngere Leute. Die Augenzeugin kann das dramatische Geschehen noch gar nicht fassen. Sie hat gesehen, wie Polizisten Verletzte an Händen und Füßen hinausgetragen haben. „Ich habe das immer noch nicht ganz realisiert. Also man rechnet ja am Donnerstagabend nicht damit, dass gegenüber Leute erschossen werden“, sagt die 23-Jährige.

Wer sind die „Zeugen Jehovas“?

Die Zeugen Jehovas sind eine christliche Gemeinschaft mit eigener Bibel-Auslegung. Die Anhänger glauben an Jehova als „allmächtigen Gott und Schöpfer“ und sollen sich strengen Vorschriften unterwerfen. Sie sind davon überzeugt, dass eine neue Welt bevorsteht und sie als auserwählte Gemeinde gerettet werden.