Ukraine Gegenoffensive heute: Experten sehen Russland hinter Staudamm-Sprengung

Dieses Videostandbild zeigt Wasser, das durch einen Durchbruch im Kachowka-Staudamm fließt. Im von Russland besetzten Teil der südukrainischen Region Cherson ist nach Angaben der Kriegsparteien ein wichtiger Staudamm nahe der Front schwer beschädigt worden. Kiew und Moskau machten sich am Dienstagmorgen gegenseitig für den Vorfall mit potenziell gravierenden Folgen verantwortlich.
Uncredited/Ukrainian Presidential Office/APNach eigenen Angaben bereitet sich die Ukraine bereits seit Monaten auf eine große Gegenoffensive vor. Laut Selenskyj sollen die Vorbereitungen jetzt abgeschlossen sein. Im von russischen Truppen besetzten Teil der Ukraine wurde derweil ein Staudamm zerstört. Laut dem Militärexperten Carlo Masala, der dem Nachrichtenportal „t-online“ am Dienstag seine Einschätzung mitteilte, gibt es klare Anzeichen dafür, dass die Russen den Damm gesprengt haben. Dieser Aktivität dient Moskau offenbar dazu, zwei Ziele zu verfolgen: erstens, Chaos zu verbreiten und zweitens, eine mögliche Gegenoffensive der Ukraine zu behindern.
Die aktuellen Entwicklungen im Überblick.
Staudamm-Sprengung: Offensive der Ukraine soll verlangsamt werden
In der Nacht zum Dienstag wurde der Kachowka-Staudamm im Süden der Ukraine zusammen mit dem Wasserkraftwerk durch eine Explosion zerstört. Die Anlagen sind seit dem vergangenen Jahr von russischen Soldaten besetzt. Die Region ist nun von Überschwemmungen betroffen. Laut ukrainischen Angaben leben etwa 16.000 Menschen in der „kritischen Zone“ rund um die Anlage in der Nähe von Nowa Kachowka. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA sieht außerdem die Kühlung des Akw Saporischschja in Gefahr. Sowohl Kiew als auch Moskau beschuldigen sich gegenseitig für die Sprengung verantwortlich zu sein.
Carlo Masala erklärte, dass Russland das Ziel verfolgt, die bereits begonnene ukrainische Gegenoffensive zu verlangsamen. Laut dem Professor der Bundeswehr-Universität München ist eine Flussüberquerung eine äußerst schwierige Operation für Streitkräfte. Durch den steigenden Wasserstand und die Überflutung beider Flussufer würden offensive Operationen der Ukraine an dieser Stelle praktisch unmöglich. Dennoch wird Russland die Gegenoffensive nicht vollständig stoppen können.
Auch der Militärexperte Christian Mölling von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) sieht Russland hinter der Sprengung. Laut Mölling wollen die Russen die ukrainische Gegenoffensive stören, die an einigen Stellen bereits Wirkung zeigt. Mölling sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe: „Wenn die Ukrainer dafür verantwortlich wären, würde das außerdem die Unterstützung des Westens gefährden. Das wäre kontraproduktiv.“
Die Sprengung des Staudamms stellt für die ukrainische Offensive einen „Stolperstein“ dar. Aufgrund der Überflutungen müssen nun weniger russische Soldaten auf der Ostseite des Dnipro-Flusses präsent sein. Dadurch kann Russland seine Kräfte an andere Frontabschnitte im Osten verlagern. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass ein Vorstoß über den Dnipro im Zentrum der ukrainischen Gegenoffensive steht.

Überflutungen am Flussverlauf Dnipro
dpa-infografikRussland meldet Abwehr von ukrainischer Offensive in Donezk
„Am Morgen des 4. Juni hat der Feind eine großangelegte Offensive in fünf Bereichen der Front im Süden der Region Donezk gestartet“, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau in der Nacht zum Montag mit. Auch in der südlichen Region Saporischschja meldete ein russischer Beamter ukrainische Angriffe.
Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums haben die ukrainischen Truppen den vermeintlich schwächsten Abschnitt der Front angegriffen. Es wurde betont, dass der Feind sein Ziel nicht erreicht habe. Das Ministerium veröffentlichte ein Video auf dem Messengerdienst Telegram, das angeblich ukrainische Panzerfahrzeuge unter starkem Beschuss aus der Luft zeigt.
Laut den russischen Informationen führte die ukrainische Armee die Offensive mit sechs mechanisierten Bataillonen und zwei Panzerbataillonen durch. Donezk gehört zu den vier Regionen, neben Luhansk, Cherson und Saporischschja, die Russland im September als annektiert erklärte.
Auch aus Saporischschja, dem Standort des größten Atomkraftwerks Europas, wurde ein Angriff gemeldet. Der von Moskau eingesetzte Beamte Wladimir Rogow äußerte sich besorgt und erklärte: „Heute Morgen haben die ukrainischen Streitkräfte einen Angriff größeren Ausmaßes als gestern gestartet.“ Diese Situation sei alarmierend, so Rogow laut der russischen Nachrichtenagentur Tass.
Die ukrainischen Behörden erwähnten die von Moskau gemeldeten Ereignisse zunächst nicht.
(mit Material von dpa und afp)
Das ist bisher über die ukrainische Gegenoffensive bekannt
Nach eigenen Angaben hat die Ukraine seit Monaten eine Gegenoffensive gegen die russischen Invasionskräfte vorbereitet. In einem am Samstag veröffentlichten Interview des „Wall Street Journal“ sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, dass diese Vorbereitungen nun abgeschlossen seien. In einem am Sonntag veröffentlichten Video schien die ukrainische Armee die Soldaten aufzufordern, Stillschweigen zu bewahren. Sie erklärte, es werde keine Ankündigung über den Beginn der erwarteten Offensive geben.
Oleksij Resnikow, ukrainischer Verteidigungsminister, veröffentlichte auf Twitter eine Textzeile aus einem Lied der Band Depeche Mode. Übersetzt lautet diese Zeile: „Worte sind (...) unnötig, sie können nur Schaden anrichten“.