In Baden-Württemberg befinden sich laut Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (kurz Divi) aktuell (17.11.2021) 440 Patientinnen und Patienten mit Covid-10 in Behandlung im Krankenhaus. Davon werden 204 Menschen invasiv beatmet. In Bayern sind es sogar 837 Menschen, die aktuell im Krankenhaus wegen ihrer Corona-Infektion behandelt werden - 446 davon werden invasiv beatmet. In Sachsen und Thüringen sind die Zahlen ebenfalls hoch. Seit Wochen sind in zahlreichen Landkreisen keine freien Intensivbetten mehr vorhanden. Und wird ein Bett frei, ist es binnen Sekunden wieder belegt.
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  • Was bedeutet der Begriff?
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Triage wegen Corona aktuell: Warnungen vor Triage in Krankenhäusern

„Es droht ein Kollaps, es droht Triage“, warnte bereits der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) vor dem Winter. Auch Medizinerinnen und Mediziner befürchten, dass es zu dieser Triage-Situation kommen könnte: „Wir haben Bilder von sich stauenden Rettungswagen vor Kliniken in den vergangenen 20 Monaten bereits gesehen und kennen Berichte der Kolleginnen und Kollegen aus dem europäischen Ausland. Dies gilt es, mit allen Mitteln zu verhindern!“, appelliert die Arbeitsgemeinschaft bayerischer Notärzte (15.11.2021). Die Arbeitsgemeinschaft vertritt 3000 in Bayern tätige Notärzte.
Erik Bodendieck, Präsident der Landesärztekammer in Sachsen, befürchtet das Eintreten einer Triage und damit weitere Aggression gegen medizinisches Personal sowie Ärztinnen und Ärzte: „Diese Menschen verbringen den ganzen Tag damit, anderen Menschen zu helfen und werden dafür auch noch angefeindet.“ Wenn ein Impfteam vor Ort impfwillige Menschen betreuen wolle, könne es nicht sein, dass sich andere darüber hinwegsetzten und die Ärzte als Mörder und Verbrecher bezeichneten. Man laufe derzeit in eine Triage- Situation hinein: „Dann werden wir uns vor unsere Kolleginnen und Kollegen stellen.“

Triage aufgrund von Corona: Aktuell keine Bedenken

Anders schätzte der Intensivmediziner-Präsident Gernot Marx die Situation ein (13.11.2021). Zwar befände man sich in einer „echten Notsituation“, doch eine Triage eintreten sehe er nicht: „Dass wir von zwei Patienten nur einen behandeln können und den anderen nicht, das wird in Deutschland nicht passieren - also wirklich in dem Sinne, dass wir über Leben und Tod entscheiden müssten", versicherte er. Auch in der vierten Welle „sehe ich die Gefahr einer Triage nicht“. Allerdings: Viele planbaren Eingriffe, zum Beispiel Herz-OPs würden vermutlich für Monate aufgeschoben werden müssen, was viel Leid verursache, so Marx.
Ähnlich sieht das der Nürnberger Intensivmediziner Stefan John, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin: „Wir sind sicherlich nicht in einer Triage-Situation, dass wir uns entscheiden müssten, wen wir noch behandeln und wen nicht. Aber wir sind tatsächlich in einer massiven Überlastungssituation, so dass viele Patienten verlegt werden müssen, dass viele vielleicht nicht ganz so schnell behandelt werden können wie es normalerweise der Fall ist.“ Für die Notärzte sei es oft sehr, sehr schwer überhaupt einen Platz auf einer Intensivstation zu finden, so Stefan John. „Sie müssen viel rumtelefonieren, vielleicht auch längere Strecken fahren, weil sie in ein anderes Haus umgeleitet werden. Und bei einem Herzinfarkt zum Beispiel kann jede Zeitverzögerung Leben kosten.“

Bedeutung „Triage“ - Wenn Mediziner über Betreuung im Krankenhaus über Leben oder Tod entscheiden

Volle Intensivstationen, erschöpfte Kapazitäten - tritt das ein, steht das medizinische Personal vor verschiedenen Entscheidungen: Wer bekommt einen Platz im Krankenhaus? Kann diese Operation, so wichtig sie ist, verschoben werden? Wer bekommt die lebensrettende Behandlung und wer nicht?
Der Begriff „Triage“ ist Französisch und bedeutet „Auswahl“, „Sortieren“ oder „Sichtung“. Dahinter steckt ein nicht gesetzlich festgehaltenes Verfahren, mithilfe dessen in der Medizin entschieden wird, wer eine notwendige Hilfeleistung bekommt und wer nicht, wenn die Kapazitäten knapp sind. Ärztinnen und Ärzte können so auf einer Grundlage entscheiden, wer zuerst behandelt wird und wer noch warten kann beziehungsweise muss. Der Begriff stammt aus der Militärmedizin - in Kriegen, wenn Ressourcen knapp sind und die Zahl der Verletzten hoch ist, müssen laut Kriegsdenken diejenigen zuerst behandelt werden, die die größte Chance haben, schnell wieder gesund für den Krieg zu sein. Denjenigen, die die Hilfe folglich dringender gebraucht hätten, wurde die Nothilfe während Kriegen der Vergangenheit (und auch noch heute) verwehrt.

„Triage“ versus heutiges Medizinverständnis: Aktuelle Kriterien der Entscheidungsfindung

Heute ist das in der Medizin anders: Die schlimmsten Krankheitsfälle werden priorisiert behandelt. Aber: Gerade in der Corona-Pandemie wird dieses Medizinprinzip ausgehebelt, wenn die Kapazitäten - beispielsweise an Beatmungsgeräten - knapp sind. Denn dann steht medizinisches Personal vor einer schwierigen Entscheidung: Wer hat die größte Chance zu überleben und sollte damit die Behandlung durch ein Beatmungsgerät erhalten? In den klinisch-ethischen Empfehlungen „Entscheidungen über die Zuteilung intensivmedizinischer Ressourcen im Kontext der COVID-19-Pandemie Version 2“ der Divi vom 17.04.2020 sind Kriterien des Triage-Systems festgehalten. Diese gelten aber nicht ausschließlich für Corona-Patientinnen und -Patienten, sondern für alle Menschen, die eine intensivmedizinische Behandlung benötigen. Keine Kriterien sind hierbei das Alter, soziale Merkmale oder bestimmte Grunderkrankungen oder Behinderungen. Was betrachtet wird laut der Empfehlungen des Divi:
  • Einschätzung der Erfolgsaussichten der möglichen Intensivtherapie
  • Priorisierung im Hinblick auf ein realistisch erreichbares, patientenzentriertes Therapieziel
  • im Vergleich zur Erfolgsaussicht der Intensivtherapie für andere Patientinnen und Patienten
  • unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Kapazitäten
  • Möchte eine Patientin oder ein Patient keine Intensivtherapie, wird diese auch nicht durchgeführt

Triage-System als Kompass bei der Entscheidungsfindung

Das Triage-System gibt Ärztinnen und Ärzten eine Art Kompass, nach dem sie ihre Entscheidung für den einen und gegen den anderen Patienten richten können. In diesem werden Kriterien und Leitlinien festgelegt, nach denen die moralisch schwierige Entscheidung getroffen werden kann. Das ist eine psychische Entlastung für Ärztinnen und Ärzte. Zudem können diese Leitlinien vor strafrechtlichen Konsequenzen schützen.