Todesstrafe Dreifachmord in Idaho
: Wird „Zombie“-Killer nun ein Prepper-Märtyrer?

HintergrundDer Fall ist aus „Die Verbrechen unserer Mutter“ (Netflix) bekannt: Der 55-jährige Chad Daybell wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt. Ein Experte analysiert den Fall aus dem bizarren Endzeit-Kult aus dem Mormonen-Umfeld.
Von
Karin Mitschang
Boise, Idaho
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Chad Daybell, right, stands with defense lawyer John Prior as the jury's verdict in his murder trial is read at the Ada County Courthouse in Boise, Idaho, on Thursday, May 30, 2024. Daybell was convicted of killing his wife and his new girlfriend's two youngest kids in a strange triple murder case that included claims of apocalyptic prophesies, zombie children and illicit affairs. (AP Photo/Kyle Green, Pool) Beachten: reserviert für Seite VIER

Chad Daybell (rechts) während der Urteilsverkündung. Sein Anwalt John Prior hatte die Jury im Ada County Courthouse in Boise, Idaho, nicht überzeugt.

picture alliance / AP/Kyle Green
  • Chad Daybell wegen Dreifachmordes in Idaho zum Tode verurteilt.
  • Mordfälle bekannt aus Netflix-Doku "Die Verbrechen unserer Mutter".
  • Daybell inszenierte sich als Prophet und leitete Endzeit-Kult.
  • Opfer: Daybells Ehefrau, Loris Kinder; Leichen auf Daybells Grundstück gefunden.
  • Prozess löste Diskussionen über Mormonen und Prepper-Szene aus.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Ein bizarrer Fall um Endzeit-Prophezeihungen, Besessenheit durch böse Geister und „Zombies“, bei dem mehrere Erwachsene und zwei Kinder ermordet wurden, hat vor Kurzem ein Ende mit dem Todesurteil für Chad Daybell gefunden: Der 55-Jährige aus Rexburg (Idaho) war demnach am Mord an seiner eigenen Ehefrau und dem an den Kindern seiner neuen Freundin beteiligt. Deren Leichen waren auf seinem Grundstück ausgegraben worden. Der Fall ist aus Netflix-Dokumentation „Die Verbrechen unserer Mutter“ weltweit bekannt und hatte der Kirche der Mormonen einiges an Kopfschmerzen bereitet, weil diese damit einmal mehr in den Fokus der Öffentlichkeit geriet.

„Jesus hat uns gesagt, dass bestimmte Zeichen und Ereignisse uns warnen werden, wenn die Zeit seines Zweiten Kommens nahe ist“, heißt es auch aktuell auf der Webseite der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (HLT), besser bekannt als Mormonen. In den USA blicken besonders die sogenannten Prepper achtsam auf Erdbeben, Pandemien, Hungersnöte und Unwetter in der Welt. Der Bewegung, die in den 1970er Jahren ihren Anfang nahm, gehören derzeit schätzungsweise zigtausende Mormonen an, die sich auch auf das Neue Testament berufen. Oft sind es Fundamentalisten, die ihre Kirche gerne so wie vor 100 Jahren hätten.

Auf alles vorbereitet

Sie bereiten sich auf apokalyptische Ereignisse wie schwere Erdbebenserien, Asteroiden-Einschläge oder magnetische Stürme vor. Von Überlebens-Taschen über Hamsterkäufe, Kauf von Zelten, eigener Lebensmittel-Produktion bis hin zum Bau einer Bunkerstadt in South Dakota treibt die Bewegung seltsame Blüten.

Der HLT-Experte und Psychotherapeut John Dehlin aus Salt Lake City (Utah), der selbst als Mormone aufwuchs, vor einigen Jahren jedoch wegen seines kritischen Podcasts „Mormon stories“ exkommuniziert wurde, beobachtet die Entwicklung mit Besorgnis. „Über das Internet breiten sich extreme Ideen aus, es finden auch sogenannte Konferenzen zum Prepping statt.“ Ein Bestseller in der Mormonen-Szene ist „Visions of Glory“, ein Buch über den HLT-Therapeuten und heutigen Bischof – bei den Mormonen vergleichbar mit einem Pfarrer – Thom Harrison, der Endzeit-Visionen hatte, die er mit dem Autor teilte. Und auch Bücher über Nahtod-Ereignisse verkaufen sich bestens in der Szene.

Nahtod-Erlebnisse erfunden?

Dass der 55-Jähriger aus Rexburg (Idaho) sich wegen dreifachen Mordes vor Gericht verantworten musste, sieht John Dehlin in diesem Zusammenhang. Denn Chad Daybell inszenierte sich auf Prepper-Konferenzen mit Vorträgen, schrieb Bücher über eigene angebliche Nahtod-Erlebnisse und versammelte um sich herum eine Gruppe, die in ihm einen Propheten mit direktem Draht nach ganz oben sah. Am Ende starben vier Menschen, die angeblich besessen und laut Daybell nur noch „Zombies“ waren; darunter zwei Minderjährige.

„Da steht auch ein Stück weit die mormonische Kirche mit auf der Anklagebank“, sagt John Dehlin über den Prozess, der sich über gut zwei Monaten hinzog und den übers Internet täglich zehntausende Zuschauer verfolgten. Dehlin zufolge verfolgte auch die Kirchenleitung in Salt Lake City das Geschehen mit Beschämung. Zumal sich die Fälle von Problemen mit Therapeuten der HLT-Kirche und Möchtegern-Propheten zu häufen scheinen. Zahlreiche Youtuber und Podcaster beschreiben etliche gruselige Fälle in beliebten True-Crime-Formaten.

Trägt die Kirche eine Mitschuld?

Dass Chad Daybell seine Lehren stark an HLT-Schriften wie dem „Buch Mormon“ ausgerichtet hat, versuchte sein Verteidiger vor Gericht für sich zu nutzen. Er wollte John Dehlin als Experten aussagen lassen, um die Denkweise Daybells vor den Geschworenen als normal zu verharmlosen. Sein Mandant habe nichts mit den Morden zu tun und habe diese auch nicht angestiftet, so die Verteidigungsstrategie.

Dehlin schlug die Bitte des Verteidigers von Chad Daybell aus. In seinem Podcast ordnet er der Kirche dennoch eine gewisse Mitschuld zu: Dass eigene Träume, Visionen oder Offenbarungen den Mormonen zuteilwerden können, „ist ein Kernstück dieser Kirche“, sagt er. Sie wird stets von einem aktuellen Propheten und Präsidenten, derzeit Russell M. Nelson, und dessen zwölf Aposteln geleitet. Und nicht nur diese erhalten „fortlaufende Offenbarungen“. Sondern auch im Alltag ganz normaler Mormonen werden diese schon von klein auf dazu aufgefordert, im Gebet Gewissheit und Anleitung von Gott zu erbitten. Regelmäßig geben diese vor ihrer Gemeinde ein Zeugnis („testimony“) ab, ein persönliches Glaubensbekenntnis. Diese direkten „Erkenntnisse“ über ihren Glauben seien zugleich als Fundament für immer mehr Möchtegern-Propheten zu sehen, mahnt Dehlin. Und die HLT-Mitglieder seien hier leichtgläubige Opfer von Verführern wie Chad Daybell.

Doch was passierte genau in Rexburg, Idaho? Als der ehemalige Totengräber, Autor und Herausgeber religiöser Bücher, Chad Daybell, 2018 auf einer Prepper-Konferenz auftritt, lernt er die Hobby-Podcasterin und fanatische Mormonin Lori Vallow kennen und lieben. Die beiden radikalisieren auch eine kleine Gruppe um ihn als Propheten nach und nach, treffen sich in Hauskreisen. Die Mitglieder vertiefen sich in Heiligen Schriften, vermischen das Ganze mit Ideen aus einem Online-Forum der Prepper-Szene und aus dem Buch „Visions of Glory“.

Daybell sagt Lori, sie seien schon in früheren Leben verheiratet gewesen, und offenbart ihr wenig später, sie hätten von Gott die heilige Aufgabe, 144.000 Anhänger zu versammeln: für eine „Church of the firstborn“ (Kirche der Erstgeborenen), in Vorbereitung auf die Wiederkunft Jesu Christi. So wie es geschrieben steht.

Ehemann angeblich von Dämon besessen

Nur eines steht dem Liebespaar im Weg: Beide sind verheiratet, Lori Vallow hat einen autistischen Adoptivsohn und eine schwierige Tochter im Teenager-Alter, die Chad ganz und gar nicht vergöttert. Was dann passiert, könnte einem Horror-Drehbuch entstammen. Daybell überzeugt Lori und seine Freunde, er habe die Gabe, in Menschen eine Beeinflussung durch dunkle Mächte erkennen zu können. Er gibt ihnen Werte von 0 bis 6 auf einer Skala, die Leute in „hell“ und „dunkel“ einstuft.

Dann will er feststellen, dass Loris Ehemann Charles von einem Dämon besessen ist. Die Gruppe um Daybell und Lori versucht sich an einer Austreibung desselben – laut Dehlin ebenfalls verbreitet in der HLT-Kirche. Schließlich stellt Chad später angeblich fest, dass Charles‘ Seele den Körper verlassen hat, er nun ein „Zombie“ sei. Werde der Dämon ausgetrieben, sterbe sein Körper, glaubt der „Doomsday Cult“ (Endzeit-Kult). Dass dies auf Mord hinauslief, ahnen die anderen Mitglieder offenbar nicht, die lediglich von einem Kampf von guten und bösen Mächten auf der „geistlichen Ebene“ ausgehen.

Die Realität ist jedoch: Nach einem Streit erschießt Loris Bruder, Alex Cox, ebenfalls  Daybell-Anhänger, ihren Mann Charles. Angeblich in Notwehr. Alex, so glaubt die Gruppe, sei der ewige Beschützer seiner Schwester und habe eine wichtige Rolle in der Endzeit.

Larry Woodcock, gets a hug after the verdict in the Chad Daybell murder trial was read at the Ada County Courthouse in Boise, Idaho, on Thursday, May 30, 2024. Daybell was convicted of killing his wife and his new girlfriend's two youngest kids in a strange triple murder case that included claims of apocalyptic prophesies, zombie children and illicit affairs. (AP Photo/Kyle Green, Pool) Beachten: reserviert für Seite VIER

Larry Woodcock, der Großvater eines der Opfer, nach der Urteilsverkündung in Idaho gegen den Mörder.

picture alliance / AP | Kyle Green

Wenig später tituliert Chad Daybell Loris Kinder Joshua und Tylee ebenfalls als „Zombies“. Der autistische Achtjährige klettere die Schrankwände hoch, um Kreuze im Haus abzuhängen, erzählt Lori Vallow ihren Freunden. Im Herbst 2019 melden die Großeltern von Joshua beide Minderjährigen als vermisst. Ihre Leichen werden später auf dem Grundstück von Chad Daybell gefunden – begraben auf einem Tierfriedhof.

Chads eigene Frau Tammy, die mit ihm fünf Kinder großzog, stirbt am 19. Oktober 2019, angeblich im Schlaf. Nach einer Exhumierung eine Woche später stellen die Mediziner jedoch fest: Es war Mord durch Ersticken. Wer tötete Tammy und die Kinder von Lori? Indizien sprachen laut der Staatsanwaltschaft Boise (Idaho) für Chad, Lori und ihren Bruder Alex Cox, der freilich wenig später eines angeblich natürlichen Todes stirbt. Chad Daybell hatte ihm kurz zuvor am Telefon während einer Segnung gesagt, er werde erkennen, wann er diese Welt verlassen sollte.

Kinderleichen auf dem Grundstück gefunden

Als die Kinderleichen 2020 auf dem Anwesen von Daybell ausgegraben werden, ist das Grauen in der Kleinstadt groß. Mutter Lori Vallow-Daybell – Chad heiratete sie nur zwei Wochen nach dem Tod seiner Frau – saß zu diesem Zeitpunkt bereits in Haft, weil sie sich über Monate weigerte zu beweisen, dass ihre Kinder wohlauf waren. Sie wurde im vergangenen Jahr für die Morde an ihrem Ehemann und ihren Kindern zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe ohne Chance auf Bewährung verurteilt.

Chad Daybell erhielt nun die Todesstrafe. Der Staat kann diese per Giftspritze oder per Erschießungskommando vollstrecken, sollten mögliche Berufungsverhandlungen das Urteil bestätigen.

Die HLT-Kirche, deren Gründervater und erster Prophet Joseph Smith noch ein Verfechter der Polygamie war, erleidet Einbußen in den USA und in weiten Teilen von Europa. Vor allem, so John Dehlin, weil sie patriarchalisch und LGBTQ+-feindlich ausgerichtet ist. In den vergangenen Jahren betont sie den Bezug zu Jesus und will nicht mehr als Mormonen-Kirche bezeichnet werden. Sie hat weltweit etwa 17 Millionen Anhänger und wächst vor allem in Entwicklungsländern. Dehlin glaubt, es ist an der Zeit für die Kirchenoberen, die Prepper zur Mäßigung aufzufordern: „Aber das werden sie nicht tun, denn oft sind es ihre aktivsten Kirchenmitglieder, die sie dann vor den Kopf stoßen würden.“