Terroranschlag in Russland
: Die politischen Folgen des Moskau-Attentats - Experte im Interview

Welche innen- und außenpolitischen Auswirkungen könnte der Terroranschlag in Russland haben? Professor Sebastian Harnisch von der Universität Heidelberg im Interview.
Von
David Hahn
Berlin
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Welche politischen und gesellschaftlichen Folgen könnte das Moskau-Attentat haben? Professor Dr. Sebastian Harnisch im Interview.

Sergei Vedyashkin/dpa

Terroranschläge haben in der Vergangenheit wie im Falle des 11. Septembers ganze Kriege ausgelöst und Staaten innen- wie außenpolitisch nachhaltig verändert. Welche Auswirkungen könnte das Attentat in Moskau auf die russische Außenpolitik und das Verhältnis zur eigenen Bevölkerung haben? Wir haben mit Sebastian Harnisch, Professor für Internationale Beziehungen und Außenpolitik an der Universität Heidelberg, über die möglichen politischen Folgen des Terroranschlags gesprochen.

Interview: Politische Folgen des Moskau-Attentats

Welche Auswirkung hat der Anschlag auf die russische Innen- und Außenpolitik?

Harnisch: „Innenpolitisch stellt der Anschlag das Versprechen nach Stabilität, Sicherheit, und Einigkeit des Regimes in Frage: Präsident Putin reagierte zunächst langsam und unentschlossen, ähnlich wie bei der Prigoshin-Revolte, indem er eine westliche und ukrainische Verstrickung andeutete, aber das Regime gleichzeitig die zentralasiatische Herkunft der vermuteten Attentäter herausstellte. Außenpolitisch wird die Behauptung, westliche Geheimdienste seien für den Anschlag mitverantwortlich, die Glaubwürdigkeit des Regimes untergraben, weil die gleiche Gruppe, der Islamische Staat in der Provinz Khorasan (ISKP), für weitere Anschläge, bspw. im Iran verantwortlich gemacht wird. Insbesondere wenn es zu weiteren Anschlägen, in Russland oder Westeuropa kommt, wird das Regime sein Narrativ anpassen müssen.“

Welche Folgen hat der Anschlag für das Verhältnis zwischen der Bevölkerung und Putin?

Harnisch: „Mindestens zwei Auswirkungen sind wahrscheinlich: Zum einen werden die regimetreuen Teile der Bevölkerung, die ältere und nicht-städtische Bevölkerung, die die Staatsmedien sehen, dem Einheitsnarrative des Regimes folgen, die kritischeren Teile in den Metropolregionen Russlands werden in ihrer Ablehnung der wachsenden Repression und Gewalttätigkeit des Sicherheitsapparates, insbesondere wenn die Todesstrafe wieder eingeführt werden sollte, bestärkt. Zum anderen hat das Regime mit einer ethnonationalistischen Hetzkampagne gegen die zentralasiatischen Attentäter reagiert, die sich auch gegen die großen Gruppen von Wanderarbeitern richten, die aus diesen ehemaligen Sowjetrepubliken kommen. Weil Russland auf diese Arbeitskräfte aber angewiesen ist, verschärft die Kampagne die innen- und außenpolitischen Spannungen mit den Regierungen und Gesellschaften dieser Region.“

Zur Person

Professor Dr. Sebastian Harnisch

Universität Heidelberg

Sebastian Harnisch ist Professor für Internationale Beziehungen und Außenpolitik an der Universität Heidelberg, Mitglied des Direktoriums des Heidelberg Center for American Studies (HCA) und Vorstandsmitglied des Heidelberg Center for the Environment (HCE). Seine Forschungsprojekte und Publikationen umfassen die Bereiche Vergleichende Außen- und Sicherheitspolitik, Theorien der Internationalen Beziehungen, Nonproliferation, Netzpolitik und Klimawandel.

Sebastian Harnisch ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Zeitschrift Foreign Policy Analysis sowie Mitherausgeber der Reihen Foreign Policy and International Order (Nomos Verl.) und Oxford Research Encyclopedia for Foreign Policy Analysis (Oxford University Press). Er hat zahlreiche Monographien, Sammelbände und Artikel in renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht.

Hintergrund: Schwerstes Attentat in Russland seit 2000

Nach dem Angriff auf einen Konzertsaal bei Moskau mit mindestens 137 Toten hat die russische Justiz zweimonatige Untersuchungshaft für vier mutmaßliche Täter angeordnet. Die vier Männer seien des „Terrorismus“ beschuldigt und müssten mit einer lebenslangen Haftstrafe rechnen, erklärte das Gericht im Moskauer Bezirk Basmanni am Sonntag.

Maskierte Angreifer waren am Abend des 22. März 2024 in die voll besetzte Crocus City Hall im Moskauer Vorort Krasnogorsk eingedrungen und hatten dort das Feuer eröffnet. Es ist das schwerwiegendste Attentat in Russland seit den frühen 2000er Jahren.

Kurz nach dem Angriff übernahm die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) die Verantwortung. Der russische Präsident Wladimir Putin stellte hingegen eine Verbindungslinie zwischen dem Angriff und der Ukraine her. Die Regierung in Kiew wies jegliche Verwicklung in den Angriff zurück.

(Mit Material der dpa und AFP)