Der Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI) ist bekannt für seine meist nüchterne Art, die Corona-Lage in Deutschland zu erklären. In einer Online-Diskussion am Mittwochabend (17.11.2021) mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) schlug Wieler andere Töne an. Er appellierte an die Politik, in der derzeit herrschenden alarmierenden Corona-Lage in Deutschland endlich zu handeln. Dabei äußerte er zudem seinen großen Frust über die Politik: „Das ist 'ne klare Sprache, aber ich kann nach 21 Monaten es auch schlichtweg nicht mehr ertragen, dass es nicht vielleicht erkannt wird, was ich unter anderem sage und auch viele andere Kolleginnen und Kollegen.“ Der Appell kommt just vor der heutigen Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Länder-Chefinnen und -Chefs.

Berlin

Lothar Wieler: Appell des RKI-Chefs an Politik: „Ernste Notlage“

In der Online-Diskussion am Mittwochabend äußerte sich RKI-Chef extrem besorgt: „Wir laufen momentan in eine ernste Notlage. Wir werden wirklich ein sehr schlimmes Weihnachtsfest haben, wenn wir jetzt nicht gegensteuern“, sagte Wieler. Die bereits steil steigende Zahl an Corona-Neuinfektionen dürfte laut Wieler weitaus höher sein als bekannt: „Die Untererfassung der wahren Zahlen verstärkt sich.“ Hinter den mehr als 50 000 Infektionen, die derzeit pro Tag neu registriert würden, „verbergen sich mindestens noch einmal doppelt oder dreimal so viele“, so der RKI-Chef. Heute, am 18.11.2021, registrierte das RKI binnen der vergangenen 24 Stunden über 65.000 Corona-Neuinfektionen.

RKI-Chef Wieler: Corona-Tote gewiss, Krankenhäuser können keine Regelversorgung mehr leisten

Laut Lothar Wieler seien zuletzt 0,8 Prozent der Corona-Erkrankten gestorben. Das bedeute, dass von den mehr als 50 000 Infizierten pro Tag in den nächsten Wochen 400 Menschen sterben würden. „Daran gibt es nichts mehr zu ändern.“ Auch wenn er in der Bundespressekonferenz noch zurückhaltender von 200 Toten pro Tag gesprochen hatte, sei die Zahl insgeheim höher. In der Online-Diskussion gestern machte der RKI-Chef klar: Niemand könne diesen Menschen noch helfen, selbst mit bester medizinischer Versorgung nicht. Denn: Die Lage in den deutschen Krankenhäusern werde immer schlimmer: „Wir waren noch nie so beunruhigt wie jetzt“, sagte der RKI-Chef. Die Zahl der schwerkranken Covid-Patienten steige, für Menschen mit Schlaganfall und andere Schwerkranke müsse mancherorts bis zu zwei Stunden nach einem freien Intensivbett gesucht werden. „Die Versorgung ist bereits in allen Bundesländern nicht mehr der Regel entsprechend.“ Und das werde noch zunehmen.

Corona-Lage Deutschland: RKI-Chef Wieler spricht Klartext - Szenarien eingetreten

Die Prognosen seien „superdüster“, so der RKI-Chef und spricht von einer Notlage, die in Deutschland herrsche. „Wer das nicht sieht, der macht einen sehr großen Fehler.“ Wieler ist über das fehlende Handeln der Politik frustriert: Das RKI habe frühzeitig deutliche Handlungsempfehlungen ausgesprochen und gewarnt, dass die vierte Welle alle bisherigen deutlich übertreffen könnte, wenn keine „bevölkerungsbezogenen Maßnahmen“ ergriffen würden und die Impfquote nicht deutlich steige. Die vom RKI modellierten Szenarien seien nun eingetroffen.

Lothar Wieler: Politik bei Corona versagt, Apotheken sollen jetzt impfen

Da die Politik nicht handelte beziehungsweise falsche Öffnungs- und Lockerungsschritte ging, wirft Wieler dieser schwere Fehler und Versäumnisse vor. „Wir haben zu schnell in zu vielen Bereichen geöffnet“, kritisierte er. „Clubs und Bars sind Hotspots, aus meiner Sicht müssen die geschlossen werden.“ Großveranstaltungen müssten abgesagt werden. Auch Kontaktbeschränkungen seien wirksam, das wisse man aus der ersten Corona-Welle. Zudem müssten die 2G-Regeln konsequent durchgesetzt werden. Heißt: Nur Geimpfte und Genesene haben Zutritt zu bestimmten Bereichen. „Wir dürfen denen, die sich nicht impfen lassen, wirklich nicht die Chance geben, die Impfung zu umgehen, zum Beispiel, indem sie sich freitesten lassen“, sagte er. Um das Impf-Tempo zu erhöhen, sollte auch in Apotheken geimpft werden.

Appell Lothar Wieler: Jeder soll jetzt impfen, Politik soll endlich handeln

„Ich sag das jetzt mal ganz klar: Es muss jetzt Schluss sein, dass irgendwer irgendwelchen anderen Berufsgruppen aufgrund von irgendwelchen Umständen nicht gestattet, zu impfen. Wir sind in einer Notlage“, betonte der RKI-Chef. „Jeder Mann und Maus, der impfen kann, soll jetzt gefälligst impfen. Sonst kriegen wir diese Krise nicht in den Griff.“
Wieler forderte die Politik dazu auf, endlich zu handeln. „Wir müssen nicht ständig etwas Neues erfinden. Alle diese Konzepte und Rezepte sind vorhanden“, sagte er. „Das ist 'ne klare Sprache, aber ich kann nach 21 Monaten es auch schlichtweg nicht mehr ertragen, dass es nicht vielleicht erkannt wird, was ich unter anderem sage und auch viele andere Kolleginnen und Kollegen.“