Sturmflut trifft Ostseeküste
: Erste Überschwemmungen, Flensburg erwartet höchste Sturmflut seit 100 Jahren

Die Sturmflut hat die Ostseeküste getroffen und zu ersten Überschwemmungen geführt. Am Nachmittag soll sie ihren ersten Höhepunkt erreichen: In Flensburg erwartet man die höchste Sturmflut seit 100 Jahren. Alle Infos im Überblick.
Von
Philipp Staedele
Kiel
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Wellen peitschen um die Tauchgondel am Ostseebad Sellin. Hier gibt es alle Infos zur Sturmflut an der Ostseeküste.

Georg Moritz/dpa

Der deutschen Ostseeküste steht in den kommenden Stunden eine schwere Sturmflut bevor. Das zuständige Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg warnt vor einer „Gefahrenlage für die gesamte Küste“, die bis Samstag dauern sollte. Die Sturmflut soll am Freitagnachmittag ihren Höhepunkt erreichen, es gibt bereits erste Überschwemmungen. Betroffen sind vor allem Schleswig–Holstein und das westliche Mecklenburg–Vorpommern, aber auch Dänemark und Schweden erwartet Hochwasser.

Sturmflut überschwemmt Ostseeküsten

Wegen des Sturmtiefs sind am an der Ostseeküste die ersten Straßen und Uferbereiche vom Hochwasser überschwemmt worden. So standen am Freitagmorgen sowohl in Wismar als auch in Kiel und Flensburg zahlreiche Straßen und Plätze unter Wasser. „Das Wasser kommt, es ist schon sehr weit gedrungen, es steht schon vor der Tür“, sagte eine Sprecherin der Polizei Flensburg dazu der Deutschen Presse–Agentur.

Auch in der Lübecker Bucht ist das Wasser bereits an vielen Stellen über die Ufer getreten, wie die Polizei mitteilte. Zudem blockierten auch ungesicherte Gegenstände sowie umstürzende Bäume teilweise die Fahrbahnen in Lübeck und im Kreis Ostholstein. Polizei und Feuerwehr schleppen zudem Fahrzeuge aus dem Gefahrenbereich und sperren Straßen ab.

In Kiel sollte die Kiellinie ab 15.00 Uhr aus Sicherheitsgründen für den Verkehr gesperrt werden, wie eine Feuerwehrsprecherin sagte. Am Vormittag blieb in der Stadt noch Zeit für Besprechungen: „Bisher ist die Lage hier noch recht ruhig.“ In Kiel–Schilksee waren am Donnerstagnachmittag in mehrere Strandkörbe ins Wasser gezogen worden. „Da ist das Wasser schon ungewöhnlich hoch. Etwa 150 Strandkörbe sind dort geborgen worden“, sagte eine Polizeisprecherin.

Schleswig-Holstein: Eine überflutete Straße in der Innenstadt von Lübeck. Wegen eines Sturmtiefs sind an der Ostseeküste Straßen und Uferbereiche vom Hochwasser überschwemmt worden.

Volker Gerstmann/dpa

Wo wird in Schleswig–Holstein Hochwasser erwartet?

An der gesamten schleswig–holsteinischen Küste werde der Wasserstand 1,50 Meter oder mehr über das mittlere Hochwasser steigen, sagte eine Sprecherin des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie in Rostock.

Hotspot werde die Flensburger Förde sein. Dort könnte das Wasser auf 2,00 Meter über dem mittleren Hochwasser steigen. Damit wird dort voraussichtlich der höchste Wasserstand seit mehr als 100 Jahren eintreten.

In der Kieler Bucht sollte das Wasser am Freitag bis zu 1,8 Meter über den Normalwert steigen. In der Lübecker Bucht erwartet das BSH bis zu 1,7 Meter. Auch in niedrig gelegenen Bereichen mehrerer Städte drohen Überschwemmungen. Aber auch Strände können demnach überflutet werden, an Steilküsten drohen Abbrüche. Für Lübeck und Flensburg gab das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Warnungen vor Hochwasser heraus, die auch über die Warnapp Nina verbreitet wurden.

Wo soll es in Mecklenburg–Vorpommern Hochwasser geben?

Mecklenburg–Vorpommern kommt nach Vorhersage des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie glimpflicher weg. Es werde voraussichtlich eine mittlere Sturmflut werden, sagte die Sprecherin. In Greifswald werde das Wasser auf 1,40 Meter über das mittlere Hochwasser steigen, in Koserow auf Usedom auf etwa einen Meter. Für die Küstenlinie westlich Rügens wird ein Wasserstand von bis zu 1,3 Meter über dem mittleren Wasserstand vorhergesagt. Für den Bereich östlich von Rügen liegt die Prognose nach der Vorhersage von Donnerstagvormittag bei maximal 1,2 Meter und für das Kleine Haff bei bis zu 1 Meter.

Der Landkreis Vorpommern–Greifswald bat die Bürgerinnen und Bürger am Donnerstag um erhöhte Wachsamkeit. Auch die Stadt Wismar warnte Anwohner im Hafengebiet. Bei Hochwasserlagen werden dort meist Kreuzungen und Straßen überflutet.

Mecklenburg-Vorpommern, Wismar: Wegen der erwarteten Sturmflut an der Ostseeküste sind Uferbereiche in der Nähe des Stadthafens mit Sandsäcken verstärkt.

Jens Büttner/dpa

Wie lange werden die Unwetter noch anhalten?

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) geht davon aus, dass das Sturmtief über der Ostsee am Freitagnachmittag seinen Höhepunkt erreichen und nach Mitternacht langsam abklingen wird. „Bis etwa zwei Uhr nachts sind dann an der Ostseeküste und den Inseln orkanartige Böen möglich“, sagte DWD–Meteorologin Anne Wiese der dpa in Hamburg.

Drei Tote nach Unwetter in Großbritannien

Der aktuelle Tiefdruckeinfluss, der für die Sturmflut an der deutschen Ostseeküste verantwortlich ist, hat auch in Großbritannien für folgenschwere Überflutungen gesorgt. Die Polizei meldete am Freitag drei Todesopfer in Schottland und England. Hunderte Menschen waren in ihren Häusern von Hochwasser eingeschlossen und das Unwetter sorgte für massive Verkehrsbehinderungen.

Nach Angaben der schottischen Polizei war im Bezirk Angus am Donnerstagnachmittag die Leiche einer 57–Jährigen geborgen worden, die durch Hochwasser in einen Fluss gerissen worden sei. Am Abend sei in Angus außerdem eine 56–Jährige gestorben, als ihr Wagen von einem umstürzenden Baum getroffen wurde. Am Freitag starb in der zentralenglischen Grafschaft Shropshire ein Mann um die 60, als er von Wassermassen mitgerissen wurde.

Stromausfall in Dänemark

Die Sturmflut hat die Küsten im Süden und Osten Dänemarks erreicht und zu Stromausfällen und Evakuierungen geführt. Die Polizei forderte Anwohner und Urlauber am Freitagnachmittag auf der Plattform X dazu auf, die Gegend um Sandersvig Strand sofort zu verlassen. In der Sommerhaussiedlung nahe Haderslev (Hadersleben) in Südostjütland war demnach ein Deich gebrochen. Auch auf der Insel Møn im Südosten Dänemarks wurden die Bewohner einer Sommerhausgegend gebeten, ihre Häuser bis zum Freitagabend zu verlassen. Dort sei mit Überschwemmungen zu rechnen, schrieb die zuständige Kommune auf ihrer Website.

Etwa 200 dänische Haushalte waren am Freitagnachmittag vom Stromnetz abgeschnitten. Wie der Stromanbieter N1 dem Sender TV2 mitteilte, waren vor allem Sommerhäuser in den Gegenden Aabenraa (Apenrade) und Gråsten Havn, unweit der deutsch–dänischen Grenze, betroffen.

Der dänische Flug– und Fährverkehr war am Freitag stark eingeschränkt.

Schweden erwartet Überschwemmungen

Auch an der schwedischen Südküste besteht die Möglichkeit von Überschwemmungen, insbesondere im Küstenabschnitt zwischen der Öresundbrücke und Ystad. Das Schwedische Meteorologische und Hydrologische Institut (SMHI) teilte am Donnerstag mit, dass der Wasserstand hier besonders hoch sein könnte. Laut der schwedischen Nachrichtenagentur TT könnten diese Überschwemmungen zu Beeinträchtigungen im Zug– und Straßenverkehr führen.

(mit Material von dpa und AFP)

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