Atomkrieg: Warum Jod-Tabletten gefährlich sein können

Jodtabletten sollen nach einem Atomunfall die Schilddrüse vor radioaktiven Teilchen schützen. Experten raten aber dringend davon ab, das Medikament vorsorglich einzunehmen.
Rainer Jensen/dpa- Während des Krieges in der Ukraine wurde das Atomkraftwerk Saporischschja beschossen, ein Feuer brach aus
- Womöglich aus Angst vor einer atomaren Katastrophe in in Deutschland die Nachfrage nach Jod-Tabletten deutlich gestiegen
- Verschiedene Experten raten aber dazu, die Tabletten nicht zu kaufen und einzunehmen. Sie könnten sogar gefährlich sein. Warum?
Die Apothekerorganisation Abda hat vom Kauf von Jodtabletten aus Angst vor einer möglichen Strahlenbelastung durch den Ukraine-Krieg abgeraten - sie registriert aber eine „klar gestiegene“ Nachfrage bei den Präparaten. „Wir hören aus etlichen Apotheken, dass Kunden nach Jodtabletten zur Bevorratung fragen“, sagte Sprecherin Ursula Sellerberg von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (Abda) der Deutschen Presse-Agentur. Sich in Deutschland nun mit Jod einzudecken, um sich vor einer vermeintlichen Belastung aus einem ukrainischen Atomkraftwerk zu schützen, sei aber „Panikmache„, betonte Sellerberg. Auch das Bundesamt für Strahlenschutz schrieb via Twitter: „Wir empfehlen es nicht, einen persönlichen Vorrat anzulegen.“
Es sei wichtig, zwischen zwei Arten von Jodpräparaten zu unterscheiden, erklärte Sellerberg: Auf der einen Seite gebe es hochdosierte Tabletten, die bei einer möglichen Havarie eines Atomkraftwerks eingenommen werden könnten. Der Bund hält fast 190 Millionen dieser hochdosierten Jodtabletten bevorratet, um diese bei Bedarf an die Bevölkerung auszugeben.
Sollte ein Ereignis eintreten, bei dem radioaktives Jod in der Luft zu erwarten ist, übernehmen die Katastrophenschutzbehörden die Verteilung der Tabletten in den möglicherweise betroffenen Gebieten. Die Einnahme von Jodtabletten schützt dabei ausschließlich vor der Aufnahme von radioaktivem Jod in die Schilddrüse, nicht vor der Wirkung anderer radioaktiver Stoffe.
Auf der anderen Seite stünden die niedrigdosierten Tabletten, die beispielsweise langfristig bei Schilddrüsenstörungen eingenommen würden und die es in jeder Apotheke gebe, so Sellerberg. Sie gab zu bedenken, dass man von diesen im Fall eines Atomunglücks theoretisch eine riesige Menge einnehmen müsse.
Einnahme von Jodtabletten: Erhebliche gesundheitliche Risiken
Auch das Bundesumweltministerium warnt vor einer anlasslosen Einnahme von Jodtabletten. „Aufgrund der Entfernung zur Ukraine ist nicht damit zu rechnen, dass eine Einnahme von Jodtabletten erforderlich werden könnte“, schrieb das Ministerium am Mittwochnachmittag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Zuvor hatte der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, aufgrund der anhaltenden Kämpfe im Krisengebiet vor der Gefahr eines Atomunfalls gewarnt.
Jodtabletten dienen nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) im Falle eines nuklearen Unfalls als Schutz vor einer Einlagerung von radioaktivem Jod in die Schilddrüse. „Von einer selbstständigen Einnahme der Tabletten wird dringend abgeraten. Eine Selbstmedikation birgt erhebliche gesundheitliche Risiken, hat aktuell aber keinerlei Nutzen“, erklärte das Ministerium, das in Deutschland auch für die nukleare Sicherheit zuständig ist.
Das Bundesumweltministerium rät dazu, sich auf der Seite des BfS und auch über die Webseite jodblockade.de über die Entwicklungen zu informieren. Beide Webseiten würden bei relevanten Entwicklungen aktualisiert, hieß es.
In der Nacht auf Freitag, 04.03. war auf dem Gelände von Europas größtem Atomkraftwerk in der Ukraine nach Kämpfen ein Feuer ausgebrochen, das inzwischen gelöscht ist. Erhöhte Radioaktivität sei angeblich nicht gemessen worden, hieß es. „Radiologische Auswirkungen auf Deutschland sind nach dem Stand der verfügbaren Informationen nicht zu befürchten“, erklärte das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) auf seiner Webseite.
