Dennis lebt zwei Leben: Callboy: „Die meisten sind verheiratete Damen, die wissen, was sie wollen“

Dennis, 31, arbeitet als Callboy. Über seinen Nebenjob sagt er: „Wir sind alles: Psychologen, Callboys, Freunde.“
Callboy-Verzeichnis.comSein Anruf kommt pünktlich auf die Minute. Seinen Nachnamen wird er nicht verraten, aber er verspricht, „jede Frage zu beantworten“. Dennis aus Berlin arbeitet als Callboy und hat damit quasi sein Hobby zum Zweitjob gemacht. Am Tag des Telefon-Interviews hat er frei und widmet sich ganz seinem Schäferhund, mit dem er viel unterwegs ist und den er sogar mit ins Hotel nimmt, wenn er in einer anderen Stadt gebucht wird. Nach seinen Hobbys gefragt, nennt er nur ein Wort: Entspannen. „Weil immer so viel los ist in meinem Leben.“
Wenn ich an Callboys denke, denke ich automatisch auch an reife, gut betuchte Frauen. Ein Klischee?
Ja, ein Klischee. Die meisten meiner Kundinnen sind zwischen 35 und 55 Jahre alt, aber längst nicht alle. Es gibt auch jüngere Frauen um die 20, die genaue Vorstellungen davon haben, wie sie Sex gerne ausleben möchten. Manche haben mit Flirt-Apps doofe Erfahrungen gemacht und buchen dann lieber einen Callboy. Ich habe aber auch Stammkundinnen, die über 70 sind. Auch ihnen versuche ich, eine schöne Zeit zu bereiten.
Sie sind 31. Was erwarten 70-jährige Frauen von Ihnen?
Sie wollen etwas mit mir unternehmen. Schön essen gehen, sich unterhalten, ein Weinchen trinken. Viele möchten mir erzählen, wie schlecht ihre Ehe war. Da fehlte es oft an Gesprächen, Zärtlichkeit und Sinnlichkeit. Das wollen sie aufholen. Sie wollen verstanden werden. Dass über 70-Jährige noch Lust auf Sex haben, finde ich sehr schön.
Kommt es immer zum Sex?
Meistens. Ich sage immer, wir sind alles: Psychologen, Callboys, Freunde. Ich finde, es gibt wenige Männer, die einer Frau in die Augen gucken und ihr wirklich zuhören, sie sehen. Es gibt Buchungen, da rede ich drei, vier Stunden mit der Frau und erst dann kommt es zum Sex oder auch nicht. Manchmal braucht es dafür auch ein zweites Treffen.
Sind die meisten Frauen, die Sie kontaktieren, vergeben?
Definitiv. Es gibt auch Singlefrauen, die das gerne mal ausprobieren möchten. Aber die meisten sind verheiratete Damen, die wissen, was sie wollen. Die nicht glücklich in ihrer Ehe sind, schlecht behandelt werden, nur fürs Kochen da sind oder für die Kinder. Die Damen bekommen oft keine Liebe mehr, keine Aufmerksamkeit, keine Komplimente. Also fragen sie sich: Wer kann mir das geben?
Sie geben ihnen, was die eigenen Männer nicht geben können oder wollen?
So ist es.
Kein schlechtes Gewissen?
Nein, gar nicht. Männer gehen doch auch ins Bordell. Wenn es eine Frau macht, heißt es: Was bist du denn für eine? Wie kannst du nur? Frauen haben auch Bedürfnisse. Die sprechen mit ihren Männern und zeigen Signale. Aber die Männer sagen: Ach nee, hab ich keine Lust. Manche können auch nicht mehr, das versteht man. Aber viele Männer zeigen der Dame auch nicht mehr, dass sie eine Dame ist. Dann ist das Selbstwertgefühl im Keller. Ich finde das schade.
Ich habe mal den Satz eines Callboys gelesen, diese Arbeit könne auch Ehen retten.
Ja, auf jeden Fall. Einmal hatte mich ein Paar gebucht, als die Ehe nicht mehr so gut lief. Sie wollten, dass ich ihnen wieder diesen Kick gebe. Die Frau wollte mal von zwei Männern befriedigt werden und ausblenden, ob es dem Mann gefällt. Der Mann wollte hauptsächlich zugucken. Durch mich haben sie sich getraut, darüber zu reden. Ich habe ihnen neue Techniken gezeigt. Es berührt mich, wenn ein Paar danach sagt: Danke Dennis, du hast uns wieder Kraft gegeben.
Wie sind Sie Callboy geworden?
Ich war immer schon ein offener Mensch, der die Zeit mit Frauen genossen hat. Vor ein paar Jahren habe ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht und mich bei callboy-verzeichnis.com registriert. Ich liebe es, Frauen eine schöne Zeit zu bereiten, egal, wie alt, egal, wie sie aussehen. Ich möchte vorher kein Foto haben, ich nehme sie so, wie sie sind. In meinem Hauptjob arbeite ich Teilzeit als Elektrofachkraft. Auch diesen Job liebe ich! Mein Chef und viele Kollegen wissen Bescheid, dass ich auch Callboy bin. Sie ermöglichen mir, auch mal spontan eine Buchung anzunehmen und in eine andere Stadt zu fahren.
Wie viel von sich selbst zeigen Sie bei den Dates?
Ich zeige mich so wie ich bin, ohne mich zu verstellen. Ich denke, Authentizität ist in diesem Job entscheidend, Frauen haben dafür sehr feine Antennen.
Ich kann mir vorstellen, dass nicht jeder Callboy so offen über das spricht, was er tut. Ist Dennis Ihr richtiger Name?
Ja, ist er. Ich stehe zu 100 Prozent zu meiner Leidenschaft. Ich fahre sogar mit Werbung auf meinem Auto durch Berlin, um damit zu zeigen, dass es gar nicht so schlimm ist, sich mal einen Callboy zu buchen. Ich habe schon etliche Damen dabei erwischt, wie sie ein Foto von meinem Auto machen, etwa wenn ich aus dem Supermarkt komme. Manche sind erstaunt: Oh, das ist wirklich ernst gemeint? Leider ist das Thema noch nicht in der Gesellschaft anerkannt. Die wenigsten wissen, dass es nicht nur um Sex geht. Am Anfang haben Bekannte mich belächelt und auch mal einen dummen Spruch gerissen. Mittlerweile haben sie Respekt davor, was ich mir aufgebaut habe.
Sind Sie liiert?
Nein, ich bin Single. Ich hatte immer lockere Verbindungen, bin kein Familienmensch. Ich mag meine Freiheiten. Ich treffe aktuell privat keine Frauen. Wenn ich privat was hätte, hätte ich vermutlich nicht mehr diese Freude an meinem Job. Es wäre nicht mehr aufregend, wenn ich auch privat viel Sex hätte. Ich hatte eine längere Beziehung, die ich beendet habe, bevor ich Callboy wurde. Das Ende der Beziehung war für mich der ideale Zeitpunkt, um mich auf einem Callboy-Portal zu bewerben.
Was macht einen guten Callboy aus?
Er muss durchschnittlich aussehen, gepflegt, zuverlässig und authentisch sein, auf Frauen eingehen können und ihre Wünsche und Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen. Diskretion ist ein wichtiger Punkt.
Erinnern Sie sich an Ihre erste Buchung?
Die erste Buchung kam von einem Paar. Da war ich schon sehr aufgeregt. Der Mann war supernett. Wir haben Wein getrunken und darüber gesprochen, wie sie das gerne haben wollen. Ich denke, ich habe das gut gemeistert – ich war einfach ich, habe mich nicht verstellt. Als ich nach Hause gefahren bin, habe ich gedacht: Das möchte ich ein Leben lang machen.
Wie bereiten Sie sich auf so ein Treffen vor?
Ich telefoniere mit der Kundin und versuche, ihre Wünsche und Erwartungen zu klären. Auch meine Tabus und Grenzen spreche ich an. Ich kleide mich so, wie sie sich das wünscht, rasiere mich, lasse mir die Augenbrauen zupfen. Ich bin ein sehr gepflegter junger Mann. Dann fahre ich zu ihr nach Hause oder zum Hotel. Die erste halbe Stunde ist kostenlos, da geht es darum, erst mal miteinander warm zu werden.
Wann ist bei Ihnen eine Grenze überschritten?
Ich bekomme viele Anfragen von Damen, die sich fesseln lassen wollen. Da muss man die Grenzen abstecken. Ich selbst lasse mich nicht fesseln oder mir die Augen verbinden. Es gibt auch Anfragen von Männern, die sich als Frauen ausgeben. Darauf lasse ich mich auch nicht ein.
Haben Sie schon mal einen Rückzieher gemacht während eines Treffens?
Nein, noch nicht. Aber es gab schon auch mal schwierige Situationen, etwa in Sachen Körperhygiene. Aber so schlimm, dass ich abbrechen musste, war’s noch nie. Natürlich habe auch ich meinen eigenen Geschmack, aber als Callboy sehe ich in jeder Frau etwas Schönes. Es geht darum, den Menschen vor mir zu schätzen und das Besondere in ihm zu erkennen.
Wie oft werden Sie gebucht?
Manchmal sind es zwei bis vier Buchungen im Monat, manchmal zehn oder gar keine. Es gibt Damen, die überlegen ein halbes Jahr, bevor sie sich trauen. Andere sparen monatelang, um sich das leisten zu können.
150 Bewerber pro Monat
Seit 2015 gibt es das Portal www.callboy-verzeichnis.com, ins Leben gerufen von einem Callboy namens Kevin. Seine Intension: Nur ausgewählte, für geeignet befundene Männer sollen sich hier vorstellen dürfen. Aktuell sind es 39 Callboys. Jeden Monat gehen laut Portalbetreiber rund 150 Bewerbungen ein, von denen jedoch nur zehn Männer nach einem sorgfältigen Auswahlprozess in die engere Wahl kommen.
Was bezahlen die Frauen, um mit Ihnen zusammen zu sein?
Zwei Stunden kosten 400 Euro, jede extra Stunde 100 Euro. Wer mich über Nacht bei sich haben möchte, bezahlt 1400 Euro. Ich habe auch Stammkundinnen in der Schweiz und in Österreich. Da kommen dann noch die Reisekosten dazu. Verrückt: Zweimal war ich schon in Kasachstan gebucht.
Wie kam es dazu?
Ein Geschäftsmann hatte mich angefragt. Er ist nicht verheiratet, hat mehrere Frauen. Er wollte einen Dreier. Bereits am Telefon sagte er mir, es wäre nicht die letzte Buchung (lacht). Da habe ich mir gedacht: Der Mann genießt sein Leben. Er hat vorab die Reisekosten überwiesen, anschließend war ich 14 Stunden unterwegs. In Kasachstan bekam ich einen Übersetzer an die Seite, ich habe mich gut aufgehoben gefühlt. Das war ein Highlight für mich.
Werden Callboys anders wahrgenommen als weibliche Prostituierte?
Ich denke, die Prostituierten auf der Straße und im Bordell sind schlechter angesehen als wir. Wobei es genug Menschen in der Politik und Gesellschaft gibt, die denken, wir Callboys stehen auch auf der Straße. Dies ist bei Hetero-Callboys aber sicher nicht der Fall. Generell werden Frauen und Männer anders bewertet. Männer, die viel Sex haben, werden respektiert. Frauen leider nicht.
Hat der Job Ihren Blick auf Frauen verändert?
Ja. Ich sehe in jeder Frau etwas Schönes. Und ich habe gemerkt, dass ich reife Frauen mag.
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