Paartherapeutin Ilka Hoffmann-Bisinger
: „Paare wiederholen oft dieselben Muster – auch beim Streit und Sex“

InterviewWenn es in Paarbeziehungen kriselt, liegt das vor allem daran, dass Konflikte nicht richtig gelöst werden können, sagt die Psychologin Ilka Hoffmann-Bisinger. Wie man Streitmuster durchbrechen kann und wieso Selbstfürsorge besonders wichtig ist.
Von
Dominique Leibbrand
Stuttgart/Berlin
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Konflikte entstünden oft deshalb, weil beide eine subjektive Brille aufhaben, sagt die Therapeutin Ilka Hoffmann-Bisinger.

Konflikte entstünden oft deshalb, weil beide eine subjektive Brille aufhaben, sagt die Therapeutin Ilka Hoffmann-Bisinger.

dpa, Pit Bisinger

Kindererziehung, Finanzen, Affären oder Probleme mit den Schwiegereltern – in Ilka Hoffmann-Bisingers Berliner Praxis kommen alle Themen auf den Tisch, die moderne Paare so beschäftigen. In Zeiten psychologischer Aufgeklärtheit bitten längst nicht mehr nur Frauen, sondern auch viele Männer um einen Termin, erzählt die Diplom-Psychologin und Autorin am Telefon. Ob große oder kleine Konflikte – eine Paartherapie schade im Grunde nie!

Frau Hoffmann-Bisinger, was ist für Sie der Kern einer funktionierenden Beziehung?
Das Schwierigste an Beziehungen sind ungelöste Konflikte. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass es das Wichtigste für eine funktionierende Beziehung ist, mit Konflikten gut umzugehen. Das wiederum hat mit Haltung zu tun. Die ist für mich das A und O. Wie gehe ich in einen Konflikt? Bin ich bereit, eigene Anteile anzuerkennen? Oder will ich einfach nur zeigen, dass ich Recht habe?

Bei Ihnen sitzen die unterschiedlichsten Paare. Gibt es für deren Konflikte so etwas wie einen gemeinsamen Nenner?
Wenn man so will, haben alle Konflikte damit zu tun, dass eben oft beide Parteien eine subjektive Brille aufhaben und denken, ihre Sichtweise sei die richtige. Der zweite gemeinsame Nenner ist, dass beide in der Regel wunde Punkte aus der Vergangenheit mitbringen. Wenn ich zum Beispiel eine Frau bin, die mit einem aggressiven Vater aufgewachsen ist, reagiere ich in meiner Partnerschaft wahrscheinlich anders, wenn mein Mann mal lauter wird, als jemand aus einer Familie, in der hitzige Diskussionen und Streit völlig normal waren und nicht als Bedrohung wahrgenommen wurden. Da ist also ein wunder Punkt, der die Frau auf eine bestimmte Art reagieren lässt. Vielleicht mit Rückzug. Und dieses Verhalten trifft dann oft einen wunden Punkt beim Partner. Er hatte vielleicht eine Mutter, die ihn emotional am ausgestreckten Arm hat verhungern lassen. Wenn seine Frau im Konflikt dann die Schotten dichtmacht, bringt ihn das auf die Palme. Diese beiden Elemente, die subjektive Brille und die wunden Punkte, bringen Konflikte erst richtig zum Eskalieren.

Die Fähigkeit zum Perspektivwechsel ist also gefragt. Doch der scheint vielen schwerzufallen …
Ich finde, man muss unterscheiden, in welchem emotionalen Zustand wir uns befinden. Wenn wir gerade mitten in einem Streit sind, ist Empathie meistens nicht möglich. Wir sind dann wütend oder gekränkt und schalten häufig erstmal auf Abwehr. Das finde ich auch nicht weiter schlimm. Wenn sich das aber auch im ruhigen Zustand weiter durchzieht, dann sollte man die Beziehung vielleicht genauer anschauen und überlegen, ob es da irgendwie ein tieferliegendes Problem gibt, einen alten Konflikt, der nicht verziehen wurde oder ein grundsätzliches Problem zwischen beiden, das nicht bearbeitet wurde.

Wie schafft man es als Paar, gut miteinander in Kontakt zu sein?
Der erste Schritt ist, gut mit sich selbst in Kontakt zu sein. Das heißt, sich selber wahrzunehmen, die eigenen Gefühle und die eigenen Bedürfnisse zu spüren. Wenn ich gut in Kontakt mit mir bin, dann kann ich auch gut in Kontakt mit meinem Gegenüber sein. Das heißt, ich kann mitteilen, wie es mir geht, was gerade bei mir los ist, wie ich mich fühle. Ich kann aber auch zuhören und nachfragen, wie es meinem Gegenüber geht, was die Person möchte oder nicht möchte. Das ist quasi ein Zwei-Stufen-Plan.

Eva-Maria Zurhorst hat vor Jahren das Buch „Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest“ veröffentlicht. Stimmen Sie diesem Satz zu?
Der Satz ist natürlich sehr zugespitzt, ich denke auch nicht, dass Frau Zurhorst ihn genauso meint. Aber sie bringt damit auf den Punkt, dass das Funktionieren meiner Beziehung eben nicht allein vom anderen abhängt, sondern sehr viel von mir. Wie sehr bin ich selber bereit, mich auch selbst zu lieben? Denn wenn ich mich selbst nicht liebe, ist es auch schwierig, eine tiefergehende Liebesbeziehung mit jemandem einzugehen.

Den anderen zu dämonisieren, fällt vielen leichter, als zu überlegen, welchen Anteil man selbst an Beziehungsproblemen hat.

Den anderen zu dämonisieren, fällt vielen leichter, als zu überlegen, welchen Anteil man selbst an Beziehungsproblemen hat.

Jörg Block

Ist Liebe am Ende des Tages eine Entscheidung?
Auf jeden Fall. Ich kann mir sagen: Ich habe mich für diesen Partner entschieden, ich lasse mich jetzt darauf ein und gehe in Kontakt mit ihm – und bin auch präsent in der Beziehung! Wenn da aber immer eine gewisse Ambivalenz ist, wenn ich mich innerlich wegträume, zum Beispiel auch beim Sex, dann stellt sich die Frage: Was mache ich damit? Kann ich diese Ambivalenz genießen? Oder quält sie mich? Dann sollte ich genauer hinsehen, warum ich so unentschieden bin.

Viele empfinden ihre Beziehung insgeheim als eine Art Gefängnis. Sie haben das Gefühl, sich nicht weiterentwickeln zu können. Ist da was dran?
Das ist eine ganz spannende Frage, die ein zentrales Thema von Beziehungen beschreibt. In der Fachsprache spricht man dabei von Differenzierung. Ein Beispiel: Ein Paar kommt zusammen und bildet erstmal so ein verliebtes Knäuel. In dieser Phase schaut man nur nach den Gemeinsamkeiten. Nach einer Weile tauchen die ersten Unterschiede auf. Die eine Person möchte den einen Film sehen, die andere einen anderen. Durch diesen Unterschied entsteht eine Spannung, die als unangenehm empfunden wird.

Was passiert dann?
Die meisten Paare versuchen dann, diese Spannung aufzulösen, indem sie sich wieder anpassen. Doch das hält man nicht ewig durch. Irgendwann bricht sich wieder dieses Bestreben nach dem eigenen Leben, nach Autonomie Bahn. Gleichzeitig wächst die Angst vor Unterschieden, je länger die Beziehung dauert.  Da kommen dann Fragen auf, die größer sind als die Wahl des Filmes: Soll die pflegebedürftige Schwiegermutter zu uns ziehen oder nicht? Wollen wir Kinder oder nicht? An diesem Punkt rutschen Paare häufig in Krisen. Gleichzeitig liegt darin eine Riesenchance, sich weiterzuentwickeln. Indem ich lerne, diese Spannung auszuhalten und sie als Entwicklungsschritt für meine Beziehung zu sehen. Daran kann man als Paar gemeinsam wachsen.

Beziehungen
Jeden zweiten Freitag um 16.00 Uhr
Liebe, Freundschaften, Familie – wie funktionieren Beziehungen? Wie kann ich sie in meinem Leben gut gestalten, ob mit meinem Partner, meinen Kindern oder meiner Kollegin?

Das, was Sie da beschreiben, sind zwei Individuen mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Das Idealbild, das aber ganz viele Menschen vor Augen haben, ist pure Eintracht. Wie passt das zusammen?
Völlige Harmonie kann nur aufrechterhalten werden, solange wir unsere Unterschiede nicht zeigen, das heißt, solange wir Ähnlichkeiten in den Blick nehmen. Ganz spannend wird genau das Thema, wenn es um Sexualität geht. Paare, die lange zusammen sind, einigen sich mit der Zeit meistens auf ein kleinstes gemeinsames Vielfaches, also auf eine eher kleine Überschneidungsmenge. Der ganze Rest wird ausgeklammert – aus demselben Grund: Ich habe Angst, mich dem anderen zuzumuten, mit vielleicht anderen sexuellen Fantasien, als sie mein Partner hegt. Paare wiederholen oft dieselben Muster, dieselben Routinen, auch in der Sexualität.

Zu denselben Routinen gehört auch, immer wieder auf dieselbe Art und Weise zu streiten. Wie geht Streiten richtig?
Auf jeden Fall nicht so, dass man sich gegenseitig Vorwürfe macht und alles auf den anderen schiebt. Sondern dass man schaut: Was lässt sich beobachten und was ist meine Interpretation von dem, was sich da sehe?

Haben Sie ein Beispiel?
Mein Partner räumt die Spülmaschine nicht ein. Das beobachte ich objektiv. Aber was ist meine Interpretation davon? Da gibt es schon vielfältige Möglichkeiten. Die eine Partnerin sagt vielleicht: Er liebt mich nicht. Eine andere: Er respektiert mich nicht. Im nächsten Schritt frage ich mich: Was macht diese Interpretation mit mir, welche Gefühle löst das aus? Wenn ich denke, er liebt mich nicht, dann bin ich vielleicht traurig. Wenn ich denke, er respektiert mich nicht, dann werde ich vielleicht wütend. Und aus diesen Gefühlen folgt ja dann wieder eine Handlung. Das heißt, richtig zu streiten bedeutet, zu erklären, was in mir vorgeht.

Wenn ich beobachte, dass du die Spülmaschine nicht ausräumst, dann geht bei mir folgender Film los: Ich denke dann, dass du mich nicht liebst und dann werde ich total traurig und dann geht es mir schlecht. Wenn ich das so angehe, dann projiziere ich meine Gefühle nicht auf den anderen, sondern dann rede ich von mir. Und dann kann der andere sich erklären. Das ist natürlich der Idealfall. Normalerweise ist es ja so: Man streitet sich, und die Emotionen gehen relativ schnell hoch. Das ist auch okay und menschlich. Wichtig ist, im Nachgang zu überlegen, was mein Anteil war und nochmal das Gespräch zu suchen.

Die Scheidungsrate zeigt indes: Vielen ist diese Art von Auseinandersetzung offenbar zu anstrengend. Trennen sich die Leute heutzutage zu schnell?
Ja, ich denke schon. Zum Beispiel, weil sie sich in jemand anderen verliebt haben und denken, jetzt geht es da weiter. Das kann aber natürlich nach hinten losgehen, weil man nach zwei Jahren mit der neuen Person wieder am selben Punkt ist. Gleichzeitig sehe ich aber schon auch viele Paare, die wirklich intensiv an ihrer Beziehung arbeiten. Ich hatte zum Beispiel erst neulich ein junges Paar hier, sie ist jetzt gerade schwanger, und die beiden wollen bestimmte Dinge klären, bevor das Kind da ist. Da geht’s nicht um riesige Konflikte. Es zeigt aber, dass es durchaus auch viele Paare gibt, die sich mit psychologischen Mechanismen beschäftigen und wissen, dass man für eine funktionierende Beziehung etwas tun muss. Das sollte eigentlich ein Fach in der Schule sein. Dass wir lernen, mit Konflikten umzugehen und was es wirklich bedeutet, eine Paarbeziehung zu führen.

Kommt es vor, dass Sie in Therapiesitzungen innerlich Partei für eine Person ergreifen? Ich schätze, die offizielle Version lautet nein …
Auch die inoffizielle Version lautet tatsächlich nein (lacht). Dafür habe ich mittlerweile einfach zu viele Paare gesehen. Denken wir zum Beispiel an ein Pärchen, bei dem er extrem unsympathisch wirkt. Er ist fordernd, auch mir gegenüber. Da ich aber weiß, dass zwei Menschen in einer Beziehung wie zwei Häkchen sind – sie hängen zusammen – frage ich mich: Okay, was bringt sie denn mit, dass sie mit ihm zusammen ist? Was macht diesen Mann für sie interessant? Und auch: Was tut sie, dass er so hochfährt? In dem Fall, an den ich denke, hat sich zum Beispiel herausgestellt, dass er total verzweifelt war, weil er sie emotional nicht erreicht hat. Die Dynamik in einer Paarbeziehung ist vielleicht nicht von Anfang an sichtbar, aber spätestens am Ende der ersten Sitzung zeigt sich meist, dass jeder seinen Part hat.

Haben Sie einem Paar schon mal offen gesagt: Trennt euch!?
Von Therapeuten, die das machen, würde ich großen Abstand nehmen. Das ist Hybris. Welches Recht habe ich, das zu jemandem zu sagen? Man darf ja auch nicht unterschätzen, dass wir eine ziemliche Macht haben. Für viele Menschen gilt unser Wort. Das bringt eine große Verantwortung mit sich.

Systemische Therapeutin

Ilka Hoffmann-Bisinger (Jahrgang 1964) ist in Saarbrücken, Kuala Lumpur, Washington DC und Regensburg aufgewachsen. Die Diplom-Psychologin ist Gründerin und Leiterin des „iska-berlin“, des Instituts für Systemische Kurztherapie, Beratung und Ausbildung, an dem mit dem von ihr entwickelten Ansatz der Analogen Systemischen Kurztherapie (Ask!-Modell) gearbeitet wird. Sie bildet zudem auch an anderen Instituten im In- und Ausland aus, ist Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten und schreibt Bücher. Hoffmann-Bisinger lebt mit ihrem Mann, mit dem sie nach wie vor „liebend gerne verheiratet ist“, in Berlin.

Müssen Therapeuten mangels anderer Leitfiguren zunehmend als Gurus herhalten?
Ich würde sagen, es gibt vor allem viele Menschen, die sich zum Guru machen, indem sie vermitteln: Was du bei mir kriegst, bekommst du sonst nirgendwo. Und: Ich weiß mehr über dich als du selbst. Das macht Menschen abhängig. Mir ist es daher sowohl in Weiterbildungen als auch bei der Arbeit mit den Menschen extrem wichtig, sie immer wieder auf ihr eigenes Wissen zurückzuführen. Damit sie ein Vertrauen in das eigene Gespür entwickeln können.

Sie selbst haben mit Ihrem Mann auch schon eine Paartherapie gemacht. Wie nachhaltig war das?
Ja, vor einer ganzen Weile. Wir haben uns zu einem bestimmten Thema einen Außenimpuls geholt. Das waren nur ein paar Sitzungen. Aber was wir damals mitgenommen haben, begleitet uns heute noch manchmal in Konflikten. Da können wir dann darauf zurückgreifen. Ich kann daher auch als Privatperson nur jedem empfehlen, sich mal einen Input von außen zu holen von einer Person, die eine neue Sichtweise einbringt und einen nochmal anders spiegelt, als Freunde das tun.

Dieser Text wurde erstmals am 16. Juli 2024 veröffentlicht.