• Mit Großbritannien beginnt das erste westliche Land mit Impfungen gegen das Coronavirus.
  • Impfstoff der Mainzer Firma Biontech und ihres US-Partners Pfizer zum Einsatz.
  • Impfstoff könnte bald auch eine Notfallzulassung in der EU und in den USA erhalten.
  • Laut Kanzeleramtsminister Helge Braun startet Deutschland im Januar 2021 mit den Impfungen.
Der weltweite Kampf gegen das Coronavirus geht in die entscheidende Phase. Großbritannien hat jüngst das landesweite Impfprogramm gestartet, auch in Deutschland sollen bald die ersten Menschen immunisiert werden.
Doch die Verunsicherung in der Bevölkerung ist groß. Die drängenden Fragen: Sind diese Impfstoffe wirklich sicher? Sind mögliche Nebenwirkungen gut genug untersucht? Ist es nicht vielleicht vernünftiger, eine Corona-Infektion in Kauf zu nehmen, als sich den Risiken eines neuen Impfstoffs auszusetzen?

mRNA-Impfstoffe: Was steckt dahinter ?

Unberechtigt sind diese Fragen sicher nicht. Zumal es sich bei den beiden Impfstoff-Kandidaten – einer von der US-Firma Moderna und einer von dem Mainzer Unternehmen Biontech in Zusammenarbeit mit dem US-Pharmariesen Pfizer – um sogenannte mRNA-Impfstoffe handelt, die auf einer noch neuen Impfstoff-Technologie beruhen.
mRNA steht für messenger-Ribonukleinsäure, auch als Boten-RNA bezeichnet. Das Prinzip stammt aus der Krebsforschung, wo seit Jahren an personalisierten Impfstoffen gearbeitet wird. Bei mRNA-Impfstoffen werden keine Krankheitserreger oder deren Bestandteile benötigt wie bei herkömmlichen Impfstoffen. Vielmehr werden einigen wenigen Körperzellen mit dem Impfstoff Teile der Erbinformation des Virus als RNA mitgegeben – geliefert wird also der Bauplan für einzelne Virusproteine, die auch als Antigene bezeichnet werden.

Kein einziger zugelassener Impfstoff wirkt bislang so

Weltweit gibt es bislang keinen einzigen zugelassen Impfstoff, der auf diese Weise hergestellt wird und wirkt. Der grundlegende Unterschied dieser neuartigen Impfstoffe zu etablierten Vakzinen: Sie enthalten keine abgeschwächten oder abgetöteten Viren, sondern lediglich eine Bauanleitung für einen Bestandteil des Covid-19-Erregers. Die Anleitung wird in Form eines sogenannten mRNA-Moleküls in den Körper geimpft, wo dann die menschlichen Zellen selbst ein Eiweiß des Virus herstellen. Im Falle von Sars-CoV-2 ist es das sogenannte Spike-Protein auf der Oberfläche des Virus. Es regt das menschliche Immunsystem zur Bildung von Abwehrstoffen an.
Zudem wird zur Impfstoffherstellung die Erbinformation mit bestimmten Fettstoffen, sogenannten Lipiden, umhüllt. Das soll die Aufnahme der mRNA in den Körperzellen verbessern und die Stabilität erhöhen. Studien zufolge sind die entstehenden Lipid-Nanopartikel nicht zellschädigend.
Vereinfacht gesagt: Bei herkömmlichen Impfstoffen wird das Antigen selbst gespritzt, bei mRNA hingegen die genetische Information, so dass der Körper das Antigen selbst bildet. Bei einem späteren Kontakt mit dem Coronavirus erkennt das Immunsystem im Prinzip das Antigen wieder und kann das Virus gezielt bekämpfen.

Diese Vorteile hat das mRNA-Prinzip

Nach Angaben des für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich Instituts (PEI) und des Robert-Koch-Instituts (RKI) liegt unter anderem in der einfachen Struktur der RNA ein klarer Vorteil. In wenigen Wochen können viele Millionen Impfdosen produziert werden.
Allerdings muss der Biontech-Pfizer-Impfstoff bei sehr niedrigen Temperaturen von rund minus 70 Grad transportiert und gelagert werden. Ein ähnlicher Impfstoff vom US-Hersteller Moderna bleibt nach Angaben des Unternehmens bei Temperaturen von zwei bis acht Grad Celsius bis zu 30 Tage lang stabil. In Gefrierschränken mit minus 20 Grad Celsius kann der Moderna-Impfstoff demnach sechs Monate lang gelagert werden.

Können die Corona-Impfstoffe ins menschliche Erbgut eindringen?

Diese Frage wird von Kritikern erhoben. Nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts besteht keine Gefahr, dass mRNA ins Genom eindringt. Die Erbinformationen des Menschen befinden sich in Form von DNA im Zellkern. Dass RNA dort eingebaut werden könnte, sei unter anderem wegen der unterschiedlichen chemischen Struktur unmöglich. Es gebe auch keinen Hinweis darauf, dass die von den Körperzellen nach der Impfung aufgenommenen mRNA in DNA umgeschrieben werde.
Die mRNA wird laut RKI nach kurzer Zeit von den Zellen abgebaut. Danach findet keine weitere Produktion des Antigens mehr statt. Auch das Bundesforschungsministerium verweist darauf, dass eine Impfung mit mRNA-Kandidaten begrenzt ist auf die Körper- beziehungsweise Muskelzellen um die Einstichstelle. Eine Veränderung des Erbguts, das heißt eine Beeinträchtigung der Keimzellen, könne nicht stattfinden.

Corona-Impfstoffe: Diese Nebenwirkungen können drohen

Erste Daten der fortgeschrittenen klinischen Prüfung legen nahe, dass die Impfstoffe eine hohe Wirksamkeit haben und im Allgemeinen gut vertragen werden. Als Nebenwirkungen traten bei einem Teil der geimpften Probanden nach Angaben der Unternehmen folgendes auf:
  • Müdigkeit,
  • Kopfschmerzen
  • Gelenkschmerzen
  • sowie Rötungen an der Einstichstelle.
Vergleichbare Reaktionen sind von anderen Impfstoffen bekannt und auch ein Zeichen dafür, dass der Impfstoff macht, was er soll: Das Immunsystem auf Trab bringen.

Informationen über schwere Nebenwirkungen fehlen

Was bisher fehlt sind Informationen über seltene, möglicherweise auch schwere Nebenwirkungen, da diese erst nach Impfung vieler Menschen und längerer Beobachtungszeit offensichtlich werden. „Es gibt deshalb ein Restrisiko“, sagt Christian Bogdan, Direktor des Instituts für Klinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene an der Uniklinik Erlangen. „Wie hoch das ist, muss in den kommenden Monaten und Jahren geprüft werden.“ Um seltene Nebenwirkungen zu erfassen, sei es üblich, klinische Studien auch nach der Zulassung fortzuführen.
Grundsätzlich basiere die Entscheidung für oder gegen eine Impfung immer auf einer Nutzen-Risiko-Abwägung, so der Experte, der auch Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut (RKI) ist. Er macht folgende Beispielrechnung auf: Wenn ein alter Mensch bei einer Corona-Infektion mit einer Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent stirbt, „und gleichzeitig das Risiko, eine schwere Nebenwirkung der Impfung zu bekommen, 1:50.000 oder noch weniger beträgt, würde ich dieses Risiko in Kauf nehmen.“
Ugur Sahin, CEO der Mainzer Firma Biontech, hofft auf eine Zulassung seines Impfstoffes in Deutschland.
Ugur Sahin, CEO der Mainzer Firma Biontech, hofft auf eine Zulassung seines Impfstoffes in Deutschland.
© Foto: dpa

Experte Christian Bogdan würde Kinder nicht impfen lassen

Kinder hingegen würde Bogdan nicht impfen, weil ihr Risiko an Covid-19 zu sterben, gegen Null gehe und sie gleichzeitig noch ein sehr langes Leben vor sich hätten. „Das alles sind völlig legitime ethische Überlegungen“, betont Bogdan. Sie spiegeln sich auch in den Impfempfehlungen der Stiko wider, nach denen zunächst nur Risikogruppen geimpft werden sollen. „Damit erreichen wir, was wir wollen: den größtmöglichen Nutzen für die gesamte Gesellschaft erreichen.“
Aber sind nicht gerade die Risikogruppen – also ältere Menschen oder solche mit einer Vorerkrankung – bei einer Impfung besonderen Gefahren ausgesetzt? Alle Risiken könne man in diesem Stadium der Impfstoffentwicklung nicht ausschließen, sagt Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie an der Technischen Universität München (TUM) und am Helmholtz Zentrum München. Allerdings seien bereits einige besondere Patientengruppen in den klinischen Studien berücksichtigt worden.

„Das Risiko einer seltenen, schweren Nebenwirkung ist nicht gleich Null“

Das Unternehmen Moderna etwa testete seinen Impfstoff auch an Menschen über 65 Jahren, solchen mit Diabetes, schwerem Übergewicht oder einer Herzerkrankung. Sicherheitsbedenken sind nach Angaben des Unternehmens nicht aufgetreten. „Das Risiko einer seltenen, schweren Nebenwirkung ist nicht gleich Null, aber es ist im Vergleich zu anderen Risiken, die wir täglich in Kauf nehmen, etwa beim Autofahren, doch sehr gering“, sagt Protzer.

Was passiert, wenn sich das Coronavirus mutiert?

Die neuen mRNA-Impfstoffe haben eine weitere Besonderheit. Anders als abgeschwächte und abgetötete Viren, die das Immunsystem mit vielen verschiedenen Oberflächen-Strukturen reizen, lösen die mRNA-Vakzine einer sehr spezifische Immunantwort aus. Das kann von Vorteil sein, weil womöglich unerwünschte Reaktionen verhindert werden. Andererseits besteht die Gefahr, dass diese sehr spezifische Immunantwort nicht ausreichend schützt.
Ebenso unklar ist, was passiert, wenn das Coronavirus mutiert, sich also etwa das Spike-Protein des Erregers verändert – wirkt dann der Impfstoff noch? Um diese Fragen sicher beantworten zu könne, brauche es eine längere Nachbeobachtungszeit. „Das ist für die Impfstoff-Forschung aber keine neue Herausforderung.“