Hungersnot in Gaza droht
: 1.1 Millionen Menschen laut UNO in „katastrophaler Ernährungssituation“

Der Krieg und die eingeschränkten Hilfslieferungen bedrohen Millionen Menschen im Gazastreifen. Experten warnen nun, dass eine Hungersnot in Teilen des Gebiets kurz bevorsteht.
Von
David Hahn
Rom/Gaza
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Palästinenser warten an einer Spendenstelle in einem Flüchtlingslager im südlichen Gazastreifen auf Lebensmittel. Experten warnen, dass eine Hungersnot in Teilen Gazas unmittelbar bevorsteht.

Bashar Taleb/dpa

Der Krieg und die eingeschränkten Hilfslieferungen nach Gaza bedrohen die Zivilbevölkerung in dem abgeriegelten Küstenstreifen. Angesichts der humanitären Krise warnen international anerkannte Experten, dass in Teilen Gazas eine Hungersnot unmittelbar bevorsteht. In den vergangenen Monaten habe man eine zunehmende Verschlechterung der Ernährungssituation festgestellt, so die Experten. Im Norden werde eine Hungersnot voraussichtlich zwischen Mitte März und Mai eintreten, hieß es am Montag in dem neuen Bericht der sogenannten IPC–Initiative für die Analyse von Nahrungskrisen. International wird die Kritik an Israels Premierminister Benjamin Netanjahu und dem Vorgehen Israels im Gazastreifen lauter. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz hatte das militärische Vorgehen bei einem Besuch in Israel öffentlich kritisiert.

Gaza: Katastrophale Hungersnot droht

Jeder zweite Bewohner im Gazastreifen befindet sich UN–Angaben zufolge in einer „katastrophalen Ernährungssituation“. Wenn keine Maßnahmen ergriffen werden, stehe eine Hungersnot in den nördlichen Bezirken „unmittelbar bevor“ und könnte „jederzeit zwischen Mitte März und Mai 2024 eintreten“, hieß es in der am Montag veröffentlichten IPC–Skala zum Hungermonitoring der UNO, die Hungersituationen je nach Schweregrad bewertet.

Laut der IPC–Skala sind derzeit etwa 1,1 Millionen Menschen im Gazastreifen aufgrund des Krieges zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas von einer „katastrophalen Ernährungssituation“ betroffen — die höchste Zahl, die je registriert worden sei.

Die Menschen haben den Angaben zufolge ihre Nahrungsmittelvorräte aufgebraucht. Eine Hungersnot könnte demnach noch abgewendet werden, wenn Hilfsorganisationen uneingeschränkten Zugang in die betroffenen Gebiete erhielten.

Alles deute darauf hin, dass die Unterernährung und die Zahl der Todesfälle „stark zunehmen werden“. Es sei „nicht vertretbar“, auf eine nachträgliche Einstufung als Hungersnot zu warten, bevor gehandelt werde, hieß es in dem Bericht weiter.

Hälfte der Bevölkerung betroffen

Dass 50 Prozent der Bevölkerung betroffen sind, sei „beispiellos“, sagte Beth Bechdol, stellvertretende Direktorin der Ernährungs– und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Im Dezember hatten die FAO und das Welternährungsprogramm (WFP) eine Hungersnot bis Ende Mai im nördlichen Gazastreifen für „wahrscheinlich“ gehalten. Nun gehen sie davon aus, dass es „jederzeit“ zu einer Hungersnot kommen könne.

UN–Generalsekretär: „menschengemachtes Desaster“

UN–Generalsekretär António Guterres bezeichnete den Bericht als „entsetzliche Anklage“. „Die Palästinenser im Gazastreifen erleben ein schockierendes Maß an Hunger und Leiden“, sagte Guterres am Montag in New York vor Journalisten. „Dieses ist ein komplett menschengemachtes Desaster — und der Bericht macht klar, dass es gestoppt werden kann.“ Guterres forderte erneut eine sofortige Waffenruhe.

Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung in dem abgeriegelten Küstenstreifen — etwa 1,1 Millionen Menschen — ist nach Angaben der sogenannten Integrated Food Security Phase Classification (IPC) in der schlimmsten Notlage. Die Initiative hat ein mehrstufiges System, nach dem es beurteilt, wie viele Menschen wie stark von Hunger betroffen sind. Die höchste Stufe 5 wird mit „Hungersnot-ähnlichen Zuständen“ umschrieben. Die IPC–Initiative wird von den UN genutzt und besteht aus verschiedenen UN–Organisationen und Hilfsgruppen.

Kritik an Israel und vermeintlichen Hilfen

Die Katastrophe könne nur abgewendet werden, wenn sämtliche Zugangsstraßen zum Gazastreifen geöffnet würden, sagte UN–Koordinator Jamie McGoldrick in Jerusalem. Er sprach über Videolink mit Reportern in Genf. Lebensmittelabwürfe oder Schiffsladungen, die er als PR–Aktionen bezeichnete, könnten kaum Abhilfe schaffen. Die UN hätten inzwischen Konvois über die vom israelischen Militär für sich blockierte Straße in den Gazastreifen bringen können. Aber auch das allein reiche nicht.

Es gebe keine Vorratslager vor Ort, weil die israelische Abfertigung nicht genügend Konvois ins Land lasse. Zudem türmten sich in Lagern in Al–Arisch in Ägypten unweit des Gazastreifens Berge von dringend benötigtem Material. Darunter seien medizinische Güter oder Werkzeug für die Reparatur von Wasser– und Abwasserleitungen. Israel lasse sie nicht durch, weil sie nach ihrer Ansicht auch anders als für humanitäre Zwecke genutzt werden könnten.

Hilfslieferungen eingeschränkt

Der extrem eingeschränkte Zugang der humanitären Hilfe zum und innerhalb des Gazastreifens behindere weiterhin die sichere und gerechte Bereitstellung lebensrettender Hilfe, hieß es laut IPC weiter. Man klage seit geraumer Zeit über schwerwiegende Einschränkungen bei der Lieferung von Gütern und der Grundversorgung. Als Ergebnis verzichten den neuesten Daten des IPC–Berichts zufolge praktisch alle Haushalte täglich auf Mahlzeiten und Erwachsene reduzieren ihre Mahlzeiten, damit Kinder essen können.

Gesamter Gazastreifen betroffen

Im gesamten Gazastreifen ist die Bevölkerung nach Angaben der Experten mit einem hohen Maß an akuter Ernährungsunsicherheit konfrontiert. Nicht nur im Norden, sondern inzwischen auch im Süden habe sich die Situation für die Menschen massiv verschlechtert, so die Experten. Sollten die Feindseligkeiten nicht aufhören und humanitäre Hilfe nicht bald in großem Umfang die bedürftigsten Menschen erreichen, drohe im schlimmsten Fall auch für den Rest des Gazastreifens die unmittelbare Gefahr einer künftigen Hungersnot.

Einstufung als Hungersnot

Die offizielle Einstufung als Hungersnot bedeutet konkret, dass mindestens 20 Prozent der Bevölkerung von extremem Mangel an Nahrung betroffen sind. Zudem leidet laut IPC dann mindestens jedes dritte Kind unter akuter Mangelernährung. Außerdem kommt es zu mindestens zwei Todesfällen pro Tag pro 10 000 Einwohner, verursacht durch unmittelbaren Hungertod oder durch die Kombination aus Mangelernährung und Krankheiten.

Durch die Erklärung einer Hungersnot wird zwar keine formelle internationale Reaktion ausgelöst — sie gilt aber als größtes Alarmzeichen für den bevorstehenden Tod Zehntausender Menschen. Seit 2010 wurden zwei Hungersnöte von der IPC–Initiative festgestellt — 2011 in Somalia und 2017 im Südsudan. Beide Ereignisse führten zu weitverbreiteter akuter Mangelernährung und zum Tod von Zehntausenden Menschen.

Scholz kritisiert militärisches Vorgehen Israels

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat bei seinem Treffen mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu das militärische Vorgehen Israels im Gaza–Krieg angesichts der hohen Opferzahlen offen infrage gestellt. Er betonte bei einem gemeinsamen Pressetermin zwar, dass Israel das Recht habe, sich gegen den Terror der islamistischen Hamas zu verteidigen. Gleichzeitig legte er Netanjahu am Sonntag nahe, seine Strategie im Gazastreifen zu überdenken. „Egal, wie wichtig das Ziel auch sein mag: Kann es so schrecklich hohe Kosten rechtfertigen, oder gibt es andere Wege, dieses Ziel zu erreichen?“, fragte der Kanzler.

Netanjahu erklärte dagegen, dass er sich mit dem deutschen Gast darin einig gewesen sei, dass „die Hamas eliminiert werden muss“. Es werde keinen Frieden geben, solange die islamistische Terrororganisation im Gazastreifen bestehen bleibt, sagte er. „Wir haben keine Zukunft, wenn die Hamas, die zum Genozid an uns entschlossen ist, intakt bleibt.“

Internationale Kritik an Rafah–Offensive

Netanjahu hatte am Freitag eine Bodenoffensive in der Stadt Rafah an der Grenze zu Ägypten genehmigt. Dort haben rund 1,5 der mehr als 2,2 Millionen im Gazastreifen lebenden Menschen Zuflucht gesucht. Hilfsorganisationen sprechen von katastrophalen Bedingungen. Die Verbündeten Israels und die internationalen Helfer befürchten extrem hohe Opferzahlen, sollte Israel eine Militäroperation beginnen.

Netanjahu versicherte, vor der geplanten Offensive werde die Zivilbevölkerung in Sicherheit gebracht. Scholz stellte ihm aber die Frage, wie 1,5 Millionen Zivilisten denn geschützt oder wohin sie gebracht werden sollten. „Die militärische Logik ist eine Erwägung, aber es gibt auch eine humanitäre Logik“, sagte er.

Hintergrund

Hintergrund der Not im Gazastreifen sind massive Bombardierungen und eine Bodenoffensive Israels in dem Küstengebiet in den vergangenen Monaten. Das Militär Israels reagiert damit auf das schlimmste Massaker in der Geschichte des Landes, bei dem Terroristen der islamistischen Hamas sowie anderer extremistischer Gruppen am 7. Oktober in Israel rund 1200 Menschen ermordet und 250 entführt hatten. Laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden in Gaza mehr als 31 500 Menschen getötet.

(Mit Material der dpa)