Demokratie in Gefahr
: Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung unterstützt Antidemokraten

Nach einem UN-Bericht will die Mehrheit der Menschen Volksherrschaften - und wendet sich trotzdem ihren Gegnern zu.
Von
David Hahn
New York
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Anhänger des damaligen US-Präsidenten Trump stürmen am 6. Januar 2021 das US-Kapitolgebäude, wo die Abgeordneten den Sieg des gewählten Präsidenten Biden bei der Wahl im November bestätigen sollten. Immer mehr Menschen untertsützen laut einem neuen UN-Bericht antidemokratische Staats- und Regierungschefs.

picture alliance/dpa/Zuma Press/Essdras M. Suarez

Es erscheint paradox: Neun von zehn Menschen wollen auf der Welt in einer Demokratie leben. Gleichzeitig unterstützen „zum ersten Mal überhaupt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung“ Staats- und Regierungschefs, welche demokratische Regeln missachten. Das teilte die UN-Entwicklungsagentur UNDP am Mittwoch in ihrem jährlichen Bericht zur menschlichen Entwicklung mit.

Antidemokratische Tendenzen auf dem Vormarsch

Immer mehr Menschen auf der Welt haben dem neuen UN-Bericht zufolge kein Problem mit Politikern, die die Demokratie untergraben.

Über 50 Prozent der für die Studie befragten Personen antworteten, dass ein starker Anführer, der sich „nicht um Parlament und Wahlen kümmern muss“, entweder „sehr gut“ oder „eher gut“ sei.

Das „Demokratieparadoxon“

Der deutsche UNDP-Chef Achim Steiner spricht in diesem Zusammenhang von einem „Demokratieparadoxon“. Die allermeisten Menschen wollten in einer Demokratie leben, seien aber gleichzeitig mit Parteien und politischen Anführern zufrieden, die die Grundprinzipien ebendieser infrage stellen. „Dies ist in gewisser Weise ein Trend, der weit über einen globalen Nord- oder Südtrend hinausgeht“, so Steiner. Vielmehr sei es eine Entwicklung, die überall auf der Welt zu beobachten sei. Steiner warnte, sie könne bis zum Kollaps von Regierungen führen.

UN: Zukunftsängsten entgegenwirken

Von 1999 bis 2004 hatte die Zahl derjenigen, die Antidemokraten unterstützten, noch bei unter 40 Prozent gelegen. Danach war sie kontinuierlich gestiegen. Steiner, der ranghöchste Deutsche bei den Vereinten Nationen, sieht in diesem Zusammenhang auch eine wachsende Kluft zwischen Bürgern und dem Staat sowie eine Zukunftsangst. „Und das ist äußerst besorgniserregend, denn wenn die Mehrheit unserer Bürger Angst vor dem hat, was als Nächstes kommt, und vor der Zukunft, schafft das ein Umfeld, in dem Angst den politischen Diskurs bestimmt.“ Ein Schlüssel zu einer Verbesserung der Situation liege darin, nationale Debatten zu beruhigen und jene Institutionen zu stärken, die an der demokratischen Willensbildung beteiligt sind.

Ungleiches Wachstum

Abgesehen vom „Demokratieparadoxon“ fand die UN-Studie, dass der globale Entwicklungsfortschritt ungleich verläuft. Der Index der menschlichen Entwicklung („Human Development Index“) habe im Jahr 2023 ein neues weltweites Rekordhoch verzeichnet - während reiche Länder aber stark zugelegt hätten, blieben etwa die Hälfte der armen Staaten aber unter ihrem Entwicklungsstand von vor der Pandemie.

(Mit Material der dpa und AFP)