Der Stadtrat von Lampedusa hat aufgrund der Ankunft Tausender Bootsflüchtlinge innerhalb weniger Tage den Notstand ausgerufen. Die italienische Mittelmeerinsel steht angesichts dieser Herausforderung am Rande ihrer Kapazitäten. Im völlig überfüllten Erstaufnahmelager im Zentrum der kleinen Insel kam es am Donnerstag zu teils chaotischen Szenen. Auf Videos konnte man beobachten, wie erschöpfte Menschen dicht gedrängt in der prallen Sonne ausharrten, während Sicherheitskräfte vor den Toren des Lagers positioniert waren. In dieser Situation brach Unruhe aus. Italiens Vize-Regierungschef Matteo Salspricht spricht von einem "Akt des Krieges", und Deutschland hat die Aufnahme von Flüchtlingen aus Italien vorübergehend ausgesetzt. Hier ist die aktuelle Lage im Überblick.

Tausende Migraten kommen an – Lampedusa ruft Notstand aus

Diese Ankündigung wurde am Mittwochabend vom Bürgermeister Filippo Mannino bekanntgegeben, wie von der Nachrichtenagentur Ansa berichtet wurde. Er forderte verstärkte Hilfe für die kleine Insel, die unter erheblichem Druck steht.
Seit Wochenbeginn haben weit mehr als 8000 Bootsmigranten die kleine Insel zwischen Sizilien und Nordafrika erreicht. Italienischen Medienberichten zufolge ertrank ein Säugling unmittelbar nach der Überfahrt. Allein am Dienstag kamen rund 5000 Menschen an. Wegen der Nähe zur tunesischen Küstenstadt Sfax gehört Lampedusa seit Jahren zu den Brennpunkten der Migration nach Europa.
Der Stadtrat der Insel rief angesichts der zugespitzten Lage am Mittwochabend den Notstand aus. Unklar war, welche genauen Folgen dies hat. Mannino forderte von der Regierung in Rom mehr finanzielle und logistische Unterstützung für die Insel, die unter „großem Stress“ stehe.
Migranten bekommen Hilfe vom Roten Kreuz. Die kleine Mittelmeerinsel hat den Notstand ausgerufen.
Migranten bekommen Hilfe vom Roten Kreuz. Die kleine Mittelmeerinsel hat den Notstand ausgerufen.
© Foto: ALESSANDRO SERRANO/afp

Apokalyptische Szenen im Erstaufnahmelager

Entfernt von den Stränden befindet sich im Landesinnern - umgeben von einem hohen Zaun und bewacht von Soldaten und Polizisten - das Erstaufnahmelager der Insel. Der örtliche Pfarrer Carmelo Rizzi wird in der katholischen Tageszeitung "Avvenire" (Donnerstag) mit den Worten zitiert: "Das ist eine echte Apokalypse". Die Ankommenden fänden keine Plätze mehr zum Schlafen und keine Toiletten. Die Polizei sorge mit Schlagstöcken für Ordnung.
Das Lager war Medienberichten zufolge noch nie so überfüllt - entsprechend angespannt war die Lage bereits am Mittwochabend. Bei der Verteilung von Lebensmitteln und Getränken kam es Berichten zufolge zu chaotischen Szenen. Einige junge Männer verließen das Aufnahmezentrum und marschierten ins historische Zentrum der gleichnamigen Stadt Lampedusa. Teils berichteten sie, sie hätten Hunger. Manche Restaurants schickten die Flüchtlinge weg, während andere ihnen Gratisgerichte anboten. Auch gab es Touristen und Einheimische, die ihnen Lebensmittel bezahlten.
Am Donnerstag war die Lage erneut angespannt. Migranten harrten vor den hohen Toren des Camps aus - zwischendurch werden erschöpfte oder ohnmächtige Menschen herausgetragen, um von Sanitätern und Sanitäterinnen behandelt zu werden.
Lampedusa liegt 190 Kilometer von der tunesischen Küstenstadt Sfax entfernt und gehört seit Jahren zu den Brennpunkten der Migration nach Europa. Das dortige Erstaufnahmelager mit Platz für rund 400 Menschen ist erneut völlig überfüllt. Knapp 6800 Migranten befinden sich derzeit auf der Insel - die meisten in dem Camp.

Menschen sollen nach Sizilien und aufs Festland gebracht werden

Um das Aufnahmelager zu entlasten, sollen am Donnerstag Fähren und Polizeischiffe Menschen nach Sizilien oder auf das italienische Festland bringen. Das Rote Kreuz geht davon aus, dass sich dann auch wieder die Lage im Hotspot entspannen wird. Normalerweise versuchen die Behörden, schneller auf Ankünfte zu reagieren. Die hohe Zahl an Menschen überfordere allerdings die Kräfte, sagte Bürgermeister Mannino. Er forderte etwa zwei Schiffe, die ständig im Hafen stehen, um regelmäßig Menschen von der Insel zu bringen.

Salvini: Massenankunft ist „Akt des Krieges“

Italiens Vize-Regierungschef Matteo Salvini hat die Ankunft von Tausenden Bootsmigranten auf der kleinen Mittelmeerinsel Lampedusa als „Akt des Krieges“ bezeichnet. „Es ist keine spontane Episode, sie ist offensichtlich organisiert, finanziert und vorbereitet“, sagte der Politiker der rechtspopulistischen Lega-Partei am Mittwochabend bei einer Veranstaltung vor Journalisten.

Deutschland setzt Übernahme von Flüchtlingen aus Italien aus

Die Behandlung der Migranten führt auch zu neuen Auseinandersetzungen zwischen der Bundesregierung und der rechtsgerichteten Regierung in Italien. Deutschland hat in der Vergangenheit freiwillig Flüchtlinge aus Italien aufgenommen, um das Land zu entlasten. Jetzt wird diese Praxis vorübergehend ausgesetzt, da Italien selbst nur wenige Flüchtlinge zurücknimmt.
Wie ein Sprecher des Bundesinnenministeriums am Mittwoch in Berlin mitteilte, ist Italien Ende August darüber informiert worden, dass bis auf Weiteres keine Teams mehr in das Land geschickt werden, um Interviews zu führen, die die Aufnahmen vorbereiten. Begründet wurde dies damit, dass Italien seit einiger Zeit bereits Rücküberstellungen nach dem Dublin-Verfahren nicht mehr annehme und es in Deutschland in vielen Kommunen eine angespannte Situation bei der Aufnahme und Versorgung von Flüchtlingen gebe. Über den freiwilligen Mechanismus hat Deutschland bislang etwa halb so viele Flüchtlinge aus südeuropäischen Ländern aufgenommen wie im vergangenen Jahr zugesagt.
(mit Material von dpa, epd und afp)