• Die Corona-Zahlen in Deutschland sinken. Die Inzidenz sinkt ebenfalls.
  • 47,01 Prozent der Deutschen sind mindestens einmal geimpft.
  • Die Stiko gibt keine generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren.
  • Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) fordert schnelle Impfungen bis Ferienende.
Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat in der Pandemie keine generelle Impfempfehlung für gesunde Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren ausgesprochen. Sie empfiehlt Impfungen gegen das Coronavirus aber für 12- bis 17-Jährige mit bestimmten Vorerkrankungen, wie aus dem jüngsten Bulletin des Robert Koch-Instituts am Donnerstag hervorging.

Stiko: Keine generelle Impfempfehlung für Kinder ab 12 Jahren

„Es geht um eine Abwägung von Nutzen und möglichem Risiko“, sagte der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Die Wirkung der Impfung für 12- bis 17-Jährige sei dabei unbestritten. „Die Schutzwirkung ist sehr gut“, betonte Mertens. Durch die relativ kleine Gruppe von rund 1100 Kindern und Jugendlichen in der Zulassungsstudie und einen Beobachtungszeitraum von nur zwei Monaten seien aber mögliche schwere Nebenwirkungen nicht hinreichend auszuschließen. Dazu sei das Risiko für 12- bis 17-Jährige, schwer an Covid-19 zu erkranken, sehr gering. „Wir hatten in dieser Altersgruppe in Deutschland bisher nur zwei Todesfälle“, berichtete Mertens. In beiden Fällen hätten schwerste Vorerkrankungen vorgelegen. „Unsere Abwägung muss jeder verstehen“, ergänzte er. „Es ist eine sachgerechte Empfehlung.“

Abwägung von Risiko und Nutzen: Darum verweigert die Stiko die generelle Impfempfehlung

Nach einer Empfehlung der Arzneimittelbehörde EMA hatte die EU-Kommission Ende Mai offiziell die Zulassung für die Impfung von Kindern ab zwölf Jahren mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer erteilt. Die Stiko hatte bereits mehrfach angedeutet, dass sie aus Mangel an Daten zunächst keine allgemeine Impfempfehlung für alle Kinder ab 12 abgeben will.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte angekündigt, Kinder und Jugendliche auch ohne allgemeine Stiko-Empfehlung in die Impfkampagne einbinden zu wollen. Es sei dann eine individuelle Entscheidung von Eltern mit ihren Kindern und den Ärzten. Dieses Modell kritisiert Mertens nachträglich nicht. „Die Stiko-Empfehlung macht das auch möglich“, sagte er. „Viele Eltern hatten Angst vor einer Impfpflicht. Sie sind jetzt zu Recht beruhigt.“

Kinder mit Vorerkrankungen sollen geimpft werden

Nach Stiko-Angaben leiden von den rund 4,5 Millionen 12- bis 17-Jährigen in Deutschland Schätzungen zufolge rund 379 000 generell an Vorerkrankungen. Die Stiko schränkt ihre Impfempfehlung allerdings auf rund ein Dutzend Krankheitsbilder ein, die mit erhöhtem Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf einhergehen.

Für welche Krankheiten empfiehlt die Stiko die Impfung bei Kindern und Jugendlichen?

  • Adipositas (Fettleibigkeit)
  • Angeborene oder erworbene Immundefizienz oder relevante Immunsuppression
  • angeborene zyanotische Herzfehler
  • schwere Herzinsuffizienz
  • schwere pulmonale Hypertonie
  • chronische Lungenerkrankungen mit einer anhaltenden Einschränkung der Lungenfunktion
  • chronische Niereninsuffizienz
  • chronische neurologische oder neuromuskuläre Erkrankungen
  • maligne Tumorerkrankungen
  • Trisomie 21
  • syndromale Erkrankungen mit schwerer Beeinträchtigung sowie ein schlecht eingestellter Diabetes mellitus.
Zusätzlich geht es um eine Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren, in deren Umfeld sich Angehörige oder andere Kontaktpersonen mit hoher Gefährdung für einen schweren Covid-19-Verlauf befinden. Dabei geht es aber um Menschen, die selbst nicht geimpft werden können oder bei denen der begründete Verdacht auf einen nicht ausreichenden Schutz nach Impfung besteht.

Für Kinder unter 12 Jahren ist bisher noch kein Impfstoff zugelassen

„Die sehr große Gruppe der ebenfalls als gefährdet anzusehenden chronisch kranken Kinder im Säuglings-, Kleinkindes- und Schulalter muss bislang ohne Impfangebot bleiben“, sagte Markus Knuf, Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie. Insgesamt gibt es mehr als 15 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland. „Die können wir nicht einfach außen vor lassen“, ergänzte er. Die einfache Formel „Kinder erkranken nicht oder nur sehr leicht, deshalb ist eine Impfprävention nicht notwendig“ könne so nicht gelten.

Corona: Auch Kinder und Jugendliche können schwer erkranken

Allein seiner Fachgesellschaft seien rund 1600 Krankenhausaufnahmen von Kindern und Teenagern wegen Covid-19 bekannt. 80 von ihnen hätten intensivmedizinisch betreut werden müssen. Unter den wegen Covid-19 aufgenommenen Kindern seien rund die Hälfte Säuglinge und Kleinkinder gewesen. Bei all diesen Zahlen gehen die Kinderärzte noch von einer Untererfassung aus. Er halte die Einschränkungen der Stiko allein für einen Schritt in der Impfempfehlungsdynamik, sagte Knuf. „Das ist sicher nicht in Beton gegossen.“

Ministerin Karliczek fordert schnelle Impfungen bis Ferienende

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) begrüßt die Empfehlung. "Gerade die Kinder und Jugendlichen, für die es jetzt eine Impfempfehlung gibt, sollten sich bis zum Beginn des neuen Schuljahres möglichst vollständig impfen lassen können", sagte Karliczek der Nachrichtenagentur AFP. "Dafür sollten nun die Voraussetzungen geschaffen werden."
Die Ministerin betonte, dass die Impfung freiwillig sei. "Aber es ist gut, dass diese Kinder und Jugendlichen durch die Impfung mehr Sicherheit für ihre Gesundheit bekommen können", sagte sie. "Unabhängig von den persönlichen Impfentscheidungen müssen wir davon ausgehen, dass zu Schuljahresbeginn nur ein Teil der Kinder und Jugendlichen geimpft sein wird."
Sie halte es deshalb für "wünschenswert, wenn schon jetzt Konzepte für den Unterricht nach den Sommerferien erarbeitet würden", sagte Karliczek zu AFP. "Der durchgehende vollständige Präsenzunterricht, muss das Ziel sein." Sie fügte hinzu: "Da wir nicht wissen, wie sich die Pandemie weiterentwickelt, sollte jetzt darüber nachgedacht werden, wie auf steigende Inzidenzwerte im Herbst reagiert werden könnte."

Corona-Impfung für Kinder? Das sagt Gesundheitsexperte Karl Lauterbach

In der ZDF-Sendung „Maybrit Illner“ wurde am Donnerstag (10.06.) über die Entscheidung der Stiko diskutiert. Mit dabei: SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Er erklärte, dass die Stiko zunächst abwarten möchte, ob langfristige Schäden durch eine Impfung entstehen können, bevor die Impfung für Kinder empfohlen wird. Derartige Impfschäden seien seiner Meinung nach selten: "Was wir jetzt nicht sehen, werden wir wahrscheinlich auch später nicht sehen."
Langfristige Schäden, argumentiert Lauterbach, werden nicht in ein paar Monaten zu sehen sein. „Die sehe ich meinetwegen in einem Jahr, oder in anderthalb Jahren.“ Warte man diesen Zeitraum ab, werde es für das nächste Jahr keine Impfempfehlung der Stiko für Kinder geben. Lauterbach stimmt diesem Ansatz in der Sendung nicht zu. Späte Impfschäden seien bei Impfungen allgemein selten. Außerdem erkrankten viele Kinder in England an der englischen Variante des Virus. Einige müssten sogar ins Krankenhaus, was keine Kleinigkeit sei. „Das kann bei einem Teil der Kinder zu Long-Covid führen“, sagt Lauterbach.
Der Gesundheitsexperte prognostizierte zudem einen Infektionsanstieg bei Kindern, sobald die Schulen wieder im Regelbetrieb laufen. „Ich finde es nicht richtig, dass wir sagen, Erwachsene schützen wir durch die Impfung und Kinder schützen wir, indem sie sich infizieren.“