• Unterdessen laufen die Corona-Impfungen in der Bundesrepublik nur sehr schleppend
  • Deshalb wollen Vertreter von Bund und Länder am Montag, 1.2.21, einen separaten Impfgifpel abhalten
Politiker und Verbandsvertreter fordern vom Corona-Impfgipfel am Montag, 1. Februar, mehr Klarheit über Zeitpläne, Prioritäten für Bevölkerungsgruppen und verfügbare Impfstoffe. Angesichts erheblicher Kritik am schleppenden Impfstart und der Produktionsprobleme bei einigen Herstellern will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten über die Lage beraten. Bereits am Sonntag will EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit den Vorstandschefs jener Hersteller sprechen, mit denen die EU Lieferverträge abgeschlossen hat. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dämpfte aber bereits die Erwartungen und stimmte auf noch „mindestens zehn harte Wochen“ bis Ostern ein.
Die Impfungen in Deutschland und der EU hatten kurz vor dem Jahreswechsel begonnen. Begleitet waren die ersten Wochen von Lieferschwierigkeiten einzelner Hersteller, Problemen bei der Terminvergabe und viel Unmut über fehlenden Impfstoff. Spahn zeigte am Samstag Verständnis für Frust und Ungeduld, warb aber auch um Vertrauen. „Es kommen jede Woche Impfstoffe, und es werden auch mehr, Zug um Zug.“ Man habe ein Jahr nach Beginn der Pandemie drei zugelassene wirksame Impfstoffe. Neben den Vakzinen von Biontech/Pfizer und Moderna hatte die EU am Freitag auch jenes von Astrazeneca zugelassen.

Corona-Impfgipfel am 1.2.21: Videokonferenz mit den Ministerpräsidenten

Auf dem für Montag, 1.2.21, geplanten Impfgipfel von Bund und Ländern mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), werde über die aktuelle Lage, die Ziele und das weitere Vorgehen bei dem Impfungen gesprochen, teilte Spahn auf Twitter mit. Nachdem die SPD so einen Gipfel gefordert hatte, hatte Spahn am Donnerstagmorgen eine solche Ministerpräsidentenkonferenz angekündigt.
Schließlich kündigte ein Regierungssprecher für diesen Montag eine Videokonferenz dazu an, an der auch weitere Minister, Vertreter der Impfstoffhersteller und von Verbänden teilnehmen sollen. Spahn betonte aber: „Auch ein Impfgipfel wird es nicht schaffen, dass etwas so Komplexes wie Impfstoffproduktion auf einmal in zwei Wochen zu hunderten oder zig Millionen stattfindet.“ Wenn die Infektionszahlen sinken, könne es in den kommenden Wochen aber möglicherweise trotzdem bereits Lockerungen der Corona-Beschränkungen geben.

Vertrauen verspielt mit Impfversprechen - Lars Klingbeil kritisiert Jens Spahn

Die SPD will, dass „zeitnah genügend Impfstoffe für alle Impfwilligen“ bereitgestellt wird, wie es Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) gefordert hatte. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) sagte: „Ziel dieser Runde muss es sein, eine gemeinsame nationale Anstrengung auf den Weg zu bringen, die Produktion und Verteilung von Impfstoff in Deutschland zu beschleunigen.“ SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil hatte Spahn vorgeworfen, durch Impfversprechen mit nur kurzer Bestandsdauer Vertrauen zu verspielen.
SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil hat Gesundheitsminister Jens Spahn kritisiert.
SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil hat Gesundheitsminister Jens Spahn kritisiert.
© Foto: Kay Nietfeld/dpa
Spahn erwiderte: „Vertrauen in dieser Krise erhalten wir nur, wenn Bund und Länder an einem Strang ziehen.“ Eine Impfstoff-Produktion lasse sich nicht in vier Wochen mal eben aufbauen. „Wenn das in wenigen Monaten gelingt, ist das schon sehr schnell.“ Konkret erhofft sich Spahn nach eigenen Worten von dem geplanten Gipfel eine Übersicht darüber, „welche Kooperationen der Industrie untereinander es bereits gibt – und wo wir noch unterstützen können“.

Olaf Scholz kritisiert Einkaufspolitik der EU

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hat die Strategie der Europäischen Union beim Einkauf von Corona-Impfstoffen kritisiert. „Es wäre gut gewesen, Europa hätte mehr Impfstoff bestellt. Viel weiter über den eigenen Bedarf hinaus“, sagte der SPD-Kanzlerkandidat der „Süddeutschen Zeitung“ (Montag). Am Geld wäre ein solches Vorgehen aus seiner Sicht nicht gescheitert. „Über den Kauf der Impfstoffe hat die EU-Kommission verhandelt. Wenn die Kommission von uns weitere Finanzmittel erbeten hätte, hätten wir auch der EU zusätzliches Geld überwiesen.“
Für ehrgeizig hält Scholz das von der Kanzlerin und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ausgegebene Ziel, bis Ende des Sommers allen Bürgern ein Impfangebot zu unterbreiten. „Diese Zusage haben Kanzlerin und Gesundheitsminister gegeben. Wenn ich die aktuelle Debatte über Impfstofflieferungen verfolge und hochrechne, müssen wir uns sehr anstrengen“, antwortete er auf die Frage, ob er Zweifel habe, dass das Ziel zu erreichen ist.

Das sagen Vertreter der Städte, Wirtschaft und des Patientenschutzes

„Die Städte erwarten keine vagen Versprechungen mehr, sondern eindeutige Antworten auf die zwei wesentlichen Fragen: Wann gibt es ausreichend Impfstoff? Wann wird welcher Impfstoff ins Impfzentrum geliefert“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Helmut Dedy, der Deutschen Presse-Agentur. „Zurzeit können wir dort wegen der geringen Impfstoffmengen nur mit angezogener Handbremse agieren“, beklagte Dedy. Aus seiner Sicht müssten auch die Städte beim Impfgipfel dabei sein. „Wer hat denn die Impfzentren errichtet und hält sie jetzt vor?“, fragte Dedy.
Auf mehr Tempo beim Impfen setzt auch die Wirtschaft. „Die Anpassung unserer Impfstrategie und die Steigerung der Impfgeschwindigkeit ist ein zentraler Wettbewerbsvorteil. Hier müssen wir besser werden“, sagte Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger der dpa. Dulger betonte: „Wir bewältigen diese Krise nur, wenn wir konsequent durchimpfen.“
Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, forderte, mit der Verfügbarkeit des Impfstoffes von Astrazeneca in der Fläche sollte das Impfen der Seren von Biontech/Pfizer und Moderna an Menschen unter 65 Jahren vorerst gestoppt werden. „So kann die ältere Generation mit den für ihre Altersgruppe hochwirksamen Vakzinen schneller versorgt werden“, sagte Brysch der dpa. Die Chefin des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, verlangte in den Funke-Zeitungen, Lehrkräfte früher zu impfen und nicht erst in der dritten von drei prioritären Kategorien.

Impfstoff gegen Corona: Biontech nimmt zusätzliche Anlage in Betrieb

Bereits vor dem Start steht eine zusätzliche Anlage des Impfstoffherstellers Biontech in Marburg. Die Produktion wurde am 15. Januar genehmigt. Im ersten Halbjahr 2021 sollen in Marburg 250 Millionen Dosen von Biontech und seines US-Partners Pfizer hergestellt werden.
Weiter prüfe Biontech verschiedene Möglichkeiten, die Produktionskapazitäten durch Zusammenarbeit mit anderen pharmazeutischen Unternehmen auszuweiten, wie Spahns Ministerium vergangene Woche in einer 30-Seiten-Antwort auf SPD-Fragen zum Impfen schrieb. Es gehe dabei um Teilschritte der Herstellung. Bekanntgegeben worden seien aber auch bereits Kooperationen von Biontech mit den Unternehmen Dermapharm sowie Baxter Oncology. Geplant sei eine Produktion in Halle (Westfalen).

FDP-Chef Christian Lindner fordert: Lizenzen an andere Hersteller weitergeben

Diskutiert wird auch über eine Lockerung des Patentschutzes. Von FDP-Chef Christian Lindner stammt der Vorstoß, Biontech und Pfizer sollten Produktionslizenzen an andere Hersteller weitergeben. Die Linke und einige Experten hatte dies verpflichtend gefordert. Die Pharmaindustrie zeigte sich wenig begeistert: Nicht umsetzbar sei das, so der Verbands Forschender Arzneimittelhersteller. Dazu sein die Impfstoffherstellung zu anspruchsvoll.

Astrazeneca: Zulassung von Impfstoff in Europa

Die EU-Kommission erteilte am Freitagabend die Zulassung für das Vakzin des britisch-schwedischen Herstellers Astrazeneca, nachdem die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) zuvor die bedingte Marktzulassung für alle ab 18 Jahren empfohlen hatte. Die deutsche Impfkomission sprach sich allerdings dafür aus, das Mittel nur an Menschen bis 64 Jahre zu verabreichen. Die EU erhöhte zugleich den Druck auf Astrazeneca, die vertraglich vereinbarten Liefermengen bereitzustellen.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verkündete die Zulassung im Kurzbotschaftendienst Twitter. Die EMA hatte zuvor betont, dass es noch nicht ausreichend Ergebnisse über die Wirksamkeit des Astrazeneca-Vakzins bei Über-55-Jährigen gebe. Nach Ansicht der EMA-Forscher könne das Vakzin aber auch bei Älteren verwendet werden.
Der Hersteller sah sich damit in seiner Auffassung bestätigt, dass sein Vakzin auch in dieser Altersklasse wirksam ist. Das Mittel sei „nicht nur effektiv und gut verträglich, sondern auch einfach zu verabreichen“, erklärte Astrazeneca.
In Deutschland kommt der Impfstoff bei Älteren aber wohl vorerst nicht zum Einsatz. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfahl im Gegensatz zur EMA-Entscheidung die Anwendung nur für Menschen im Alter von 18 bis 64 Jahre. Laut Stiko liegen für die Beurteilung der Impfeffektivität bei älteren Menschen bisher keine ausreichenden Daten vor.

Astrazeneca-Impfstoff soll an die unter 65-Jährigen verabreicht werden

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach forderte in mehreren Medien deshalb, die unter 65-Jährigen in der Risikogruppe drei dann zuerst mit dem Astrazeneca-Präparat zu impfen. Auch Eugen Brysch von der Stiftung Patientenschutz forderte, das Präparat für Ärzte, Pflegepersonal und andere priorisierte Berufsgruppen zu reservieren.
Großbritanniens Premier Boris Johnson wies Zweifel an der Wirksamkeit für Ältere zurück: „Unsere eigene Zulassungsbehörde hat sehr klar gemacht, dass der Oxford/Astrazeneca-Impfstoff sehr gut und wirksam ist, und bereits nach einer Dosis eine sehr hohe Schutzwirkung bietet und sogar noch mehr nach zwei Dosen.“ Das Vakzin erziele laut der Behörde in allen Altersgruppen eine gute Immunantwort.
Unklar war zunächst, wie viel von dem Impfstoff anfangs geliefert wird. Der Konzern hatte der EU statt der erwarteten 80 Millionen Impfdosen für das erste Quartal nach EU-Angaben nur 31 Millionen in Aussicht gestellt. Am Sonntag, 31.1., wurde bekannt, dass Astrazeneca nach EU-Angaben im ersten Quartal nun doch mehr Impfstoff an die Europäische Union liefern will als angekündigt.

Bester Corona-Impfstoff? Die Impfstoffe im Vergleich

Biontech, Moderna, Astrazeneca, Johnson: Worin unterscheiden sich die Corona-Impfstoffe der verschiedenen Hersteller? Wirksamkeit, Kosten, Tests und Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe in Deutschland im Vergleich.

Corona-Impfstoff von Novavax weist hohe Wirksamkeit auf

Inzwischen gibt es einen weiteren Impfstoff-Kandidat. Er kommt vom US-amerikanischen Hersteller Novavax und hat laut vorläufigen Ergebnissen rund 90 Prozent Wirksamkeit gegen Covid-19 aufgezeigt. Das teilte das Unternehmen am Donnerstagabend mit. Auch gegen die in Großbritannien zuerst entdeckte Mutation soll das Vakzin sehr gut wirken - weniger stark ist die Wirkung hingegen bei der südafrikanischen Variante.
Vorläufigen Ergebnissen aus einer Phase-III-Studie in Großbritannien zufolge habe der proteinbasierte Impfstoff NVX-CoV2373 eine Wirksamkeit von 89,3 Prozent erzielt, hieß es in einer Mitteilung des Unternehmens.
Diese Daten basieren jedoch lediglich auf 62 Infektionen. An der Studie sollen rund 15.000 Menschen im Alter von 18 bis 84 Jahren teilnehmen. Gegen die zuerst in Großbritannien entdeckte Variante B.1.1.7 soll das Vakzin laut Hersteller ähnlich gut wirken, wie gegen die ursprüngliche Variante. Weniger gut sind hingegen die Ergebnisse aus einer in Südafrika durchgeführten Phase-II-Studie. Gegen die dort auftretende Mutation soll die Wirksamkeit nur bei 60 Prozent liegen.
In Großbritannien wurde die Nachricht als große Erfolgsmeldung wahrgenommen. Premierminister Johnson twitterte: „Gute Nachrichten, dass der Novavax-Impfstoff sich als effektiv herausgestellt hat.“

116117 Impfung: Infobriefe zu Terminvergabe in BW über Hotline

Baden Württembergs Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) will sechs Millionen Briefe an die Baden-Württemberger verschicken, um zu erklären, wie die Impf-Hotline funktioniert. Über die Nummer 116117 werde man zunächst mit einem Sprachcomputer verbunden, der mit Zahlen gefüttert werden müsse, erklärte Lucha der „Bild“ „Das ist kompliziert. Wir verschicken deshalb zusätzlich an rund sechs Millionen Haushalte einen Informationsbrief, in dem erklärt wird, wie man über die Hotline Termine vereinbart.“ Die Briefe würden voraussichtlich am Freitag rausgehen, kündigte Lucha an.
Der Minister verteidigte die Impfstrategie des Landes. Dass das Impfen so langsam vorangehe, begründete er vor allem damit, dass viel weniger Impfstoff zur Verfügung stehe als erwartet. „Es tut einem im Herzen weh, die große Impf-Bereitschaft in der Bevölkerung nicht besser zufriedenstellen zu können.“