• Seit Weihnachten wird in Deutschland gegen Corona geimpft - doch es mangelt an Impfstoff und einer guten Strategie.
  • Für Unmut sorgt auch das Verhalten der Impfstofflieferanten.
  • Der Impfgipfel mit Bundeskanzlerin Angela Merkel am 1.2.21 soll Klarheit bringen.
Die Hoffnungen waren groß, als die Corona-Impfungen in Deutschland am zweiten Weihnachtstag 2020 anliefen - nicht einmal ein Jahr nach Beginn der Pandemie. Doch die Freude ist eingetrübt. Vielen geht es bei der größten Impfaktion der Republik einfach nicht schnell genug voran. Unsichere Liefertermine für den knappen Impfstoff, dauerbesetzte Termin-Hotlines und leerstehende Impfzentren sorgen für Ärger.

Impfgipfel mit Kanzlerin Angela Merkel am 1.2.21

Nach dem schleppenden Start der Corona-Impfungen in Deutschland kommt mehr dringend erwarteter Nachschub in Sicht. Bis zum Sommer sollen die Impfstoff-Lieferungen deutlich anziehen - im gesamten Jahr könnten es laut einer neuen Schätzung des Bundes bis zu 322 Millionen Dosen werden. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bekräftigte am Montag nach dem „Impfgipfel“ das Ziel, allen Bundesbürgern bis zum Ende des Sommers am 21. September ein Impfangebot zu machen. Nach massivem Ärger über organisatorische Probleme wollen Bund und Länder sich enger über nach und nach zu erwartende Liefermengen abstimmen. Auch der Pharmariese Bayer will bei der Impfstoffproduktion helfen.
Merkel sagte nach der Videokonferenz, besonders für die Länder sei ein „höchstes Maß an Planbarkeit“ wichtig. Den Herstellern sei sehr klar gemacht worden, dass jede voraussagbare Woche gut sei. Es sei aber auch verständlich, dass die Unternehmen nicht mehr zusagen wollten, als angesichts komplexer Prozesse redlich sei. Bund und Länder wollten in einem „nationalen Impfplan“ künftig auch bestimmte Annahmen modellieren, um Mengen vorab besser abschätzen zu können.
An der Beratung hatten neben den Ministerpräsidenten auch Vertreter der Pharmabranche und der EU-Kommission teilgenommen. Gut einen Monat nach Beginn der Impfungen hatte sich angesichts knapper Mengen, teils unsicherer Lieferungen und oft überlasteter Telefon-Hotlines für Impftermine massive Kritik aufgestaut. Schon vor dem „Impfgipfel“ sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), realistischerweise sei noch mit einigen Wochen der Impfstoffknappheit zu rechnen.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat nach dem Impfgipfel angesichts der Knappheit der Corona-Impfstoffe an die Geduld der Bevölkerung appelliert. Das kommende halbe Jahr werde „für die Geduld der Menschen nochmal eine echte Herausforderung“, sagte Söder. Er räumte ein, dass Deutschland bei den Impfungen hinter andere Länder zurückgefallen sei: „Wir werden den Rückstand gegenüber den anderen nicht aufholen, aber wir können deutlich besser werden.“
Söder begrüßte es, dass die Spitzenrunde die Aufstellung eines „nationalen Impfplans“ beschlossen hat. Der Plan werde eine „gemeinsame Plattform“ darstellen, die für „so viel Planbarkeit wie möglich“ sorgen solle.
Eine „punktgenaue Planung“ der bevorstehenden Impfstoff-Lieferungen sei aber nicht möglich, sagte Söder. Die Hersteller könnten ihre Liefermengen lediglich pro Gesamtquartal zusagen, weil bei Produktion und Auslieferung „zu viele Variablen im Spiel“ seien.

Neue Priorisierung bei der Vergabe von Impfungen?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kündigte Änderungen bei der Verordnung an, die Vorgaben für die Impfungen macht. Hintergrund ist, dass der Astrazeneca-Impfstoff in Deutschland laut Empfehlung der Ständigen Impfkommission vorerst nur Erwachsenen unter 65 Jahren gespritzt werden soll. „Im Grundsatz werden die Priorisierungsgruppen so bleiben, wie sie sind“, sagte der Minister. Eingefügt werden sollen aber Altersvorgaben.
Das betrifft auch die laufenden Impfungen der Gruppe mit höchster Priorität - dazu gehören Über-80-Jährige, Bewohner und Personal in Pflegeheimen sowie Gesundheitspersonal etwa in Intensivstationen. Sind diese Beschäftigten jünger als 65, sollen sie vorrangig mit Astrazeneca geimpft werden. Ab 65 soll man Anspruch auf Impfungen mit einem der beiden anderen Impfstoffe von Biontech und Moderna haben.
Zudem sollen Menschen mit Vorerkrankungen voraussichtlich teilweise etwas früher zum Zug kommen können als bisher geplant. Nach einem der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Entwurf sollen etwa Diabetiker mit hohen Blutzuckerwerten eine Impfung in der zweiten Gruppe mit „hoher Priorität“ erhalten können. Dies gilt etwa auch für Menschen mit chronischen Leber- oder Nierenerkrankungen sowie bestimmten schweren chronischen Lungenerkrankungen. In dieser Gruppe sollen sonst weiter schwerpunktmäßig Menschen ab 70 erfasst werden.

Hohe Erwartungen vor dem Impfgipfel

Vor dem Impfgipfel preschte Söder vor und fordert einen über Wochen und sogar Monate „verlässlichen Lieferplan“ für die begehrten Impfstoffe. Der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck gar eine „Notimpfstoffwirtschaft“.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dagegen dämpfte die Erwartungen an die Bund-Länder-Konferenz. Im Internetprogramm der „Bild“-Zeitung machte Spahn am Sonntagabend deutlich, dass er nicht mit konkreten Beschlüssen rechnet. „Wir können durch einen Gipfel allein nicht mehr Impfstoffe produzieren“, sagte er. Durch ständige Forderungen nach mehr Impfdosen „wird die Produktion nicht schneller.
Am Montagnachmittag hatte SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach in einer Liveschalte von bild.de die Impfstoffbeschaffung kritisiert. Die EU hätte mehr Impfstoffe haben können, wenn sie mehr Geld in die Hand genommen hätte, sagte Lauterbach. Dabei sah er auch die Verantwortung bei osteuropäischen Ländern wie Ungarn. Das Land habe sich gegen die Beschaffung von teureren Impfstoffen im Sommer gewehrt. Nun bediene es sich der Vakzine aus Russland und China und schiebe die Verantwortung auf die EU ab.

Über diese Themen wurde beim Impfgipfel diskutiert

Vor allem über folgende Punkte wurde beim Impfgipfel am Montag, 1.2.21, diskutiert:

Die Probleme beim Impfstoffnachschub

Dass Impfstoff jetzt so rar ist, kommt weder plötzlich noch überraschend. „Wir müssen durch den Winter durchkommen, ohne darauf setzen zu können, dass wir in großem Maße schon Impfstoff zur Verfügung haben“, hatte Merkel bereits Anfang Dezember vorgewarnt. Doch jetzt wird das Problem ganz konkret sichtbar. „Umso wichtiger ist es für die Länder, dass wir genau wissen, wann mit welchen Lieferungen zu rechnen ist, damit wir besser planen können“, fordert Michael Müller (SPD), Berlins Regierender Bürgermeister und Chef der Ministerpräsidentenkonferenz.
Geliefert wurden bisher in Deutschland über 3,5 Millionen Dosen. 2,2 Millionen Dosen wurden gespritzt. Einige Länder lagern den Impfstoff erst ein, um ihn für die notwendige zweite Spritze sicher zu haben, andere verabreichen im Vertrauen auf kommende Lieferungen gleich alles. Am Freitag wurde das dritte Vakzin, das von Astrazeneca, zugelassen. Bis zum 22. Februar werden laut Gesundheitsministerium weitere 5 Millionen Impfdosen oder mehr an die Länder geliefert. Klar ist: Auf die Herstellungskapazitäten kommt es an. Merkel hat betont: „Ich betreibe keine Produktionswerke für Impfstoffe.“

Das ist das Ergebnis des Impfgipfels

Am Montagnachmittag gab das Bundesgesundheitsministerium bekannt, dass es für das laufende Quartal mit rund 18,3 Millionen Dosen der Impfstoffe gegen das Coronavirus rechnet. Der größte Anteil von 10,9 Millionen entfällt dabei auf das Präparat von Biontech/Pfizer, wie aus einer Aufstellung für die Bund-Länder-Beratungen hervorgeht, die der Nachrichtenagentur AFP am Montag vorlag. 1,8 Millionen werden von Moderna erwartet, 5,6 Millionen von Astrazeneca. Insgesamt prognostiziert das Ministerium die Lieferung von rund 320 Millionen Dosen in diesem Jahr.

Die Rolle der Impfstoff-Hersteller

Bei allem Respekt für die historisch fixe Entwicklung der Corona-Impfstoffe stehen die Anbieter unter verschärfter Beobachtung. Biontech und sein US-Partner Pfizer sorgten für Ärger bei Bund und Ländern mit einer kurzfristigen Ankündigung, wegen Werksumbauten vorübergehend weniger zu liefern - auch wenn dadurch eine größere Produktion möglich werden soll. Große Erwartungen liegen auf einem neuen Biontech-Werk in Marburg.
Mit Astrazeneca lieferte sich die EU-Kommission eine scharfe Auseinandersetzung: Der britisch-schwedische Konzern hatte vor gut einer Woche überraschend mitgeteilt, im ersten Quartal statt 80 Millionen nur 31 Millionen Dosen Impfstoff an die EU-Staaten zu liefern. Die Empörung war groß, am Sonntag sagte Astrazeneca dann zu, immerhin neun Millionen Dosen mehr zu liefern, also insgesamt 40 Millionen Dosen, wie EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen mitteilte.
Söder forderte: „Wir müssen mehr produzieren können.“ Habeck will, dass alle Pharmakonzerne ihren Fähigkeiten entsprechend Impfstoffe mitproduzieren. Aber Spahn hat schon vorgewarnt: „Eine Impfstoff-Produktion lässt sich nicht in vier Wochen mal eben aufbauen.“ Bereits jetzt gibt es Kooperationen zwischen Pharmaunternehmen. So will etwa der Pharmakonzern Sanofi ab Sommer mehr als 125 Millionen Dosen des Biontech-Impfstoffs für die EU liefern. Dazu sollen Anlagen am Standort Frankfurt-Höchst umgerüstet werden.

Die Lieferaussichten für den Corona-Impfstoff

Vertraglich für Deutschland reserviert sind in diesem Jahr beträchtliche Impfstoffmengen. Doch sie kommen nicht auf einen Schlag. Und vor allem bei den kleinen Mengen zu Beginn können schon leichte Abweichungen Impftermine durcheinanderbringen. Im zweiten Quartal soll mehr geliefert werden, im dritten dann noch mehr. Vorausgesetzt, bis dahin klappt alles wie vorgesehen.

Das ist das Ergebnis des Impfgipfels

Die konkreten Liefertermine und Liefermengen der Impfstoffe hängen von zahlreichen Faktoren ab, weshalb Prognosen immer mit Unsicherheiten behaftet seien, wie aus einer Aufstellung für die Bund-Länder-Beratungen hervorgeht. Für das zweite Quartal werden 77,1 Millionen Dosen vorausgesagt, für das dritte 126,6 Millionen. Dabei sind aber auch die bislang noch nicht zugelassenen Vakzine von Johnson & Johnson sowie Curevac mit eingerechnet.
Für das vierte Quartal werden 100,2 Millionen Dosen vorausgesagt, darunter auch Lieferungen des französischen Herstellers Sanofi, dessen Zulassung frühestens Ende 2021 zu erwarten sei, wie es in dem Papier heißt. Der als Einmal-Dosis vorgesehene Impfstoff von Johnson und Johnson könne bei positivem Verlauf Ende Februar 2021 zugelassen werden, der von Curevac im Mai.
In der Liste sind auch die für die kommenden Wochen erwarteten Lieferungen angeführt. Für die fünfte Kalenderwoche - also die erste Woche im Februar - sind es 747.630 Dosen von Biontech/Pfizer, 91.200 von Moderna und 600.000 von Astrazeneca.
In der darauffolgenden Woche sind es 742.959 von Biontech/Pfizer und 182.400 von Moderna. Mit Lieferungen von Astrazeneca ist demnach nicht zu rechnen. Vertreter von Bund und Ländern berieten am Montag beim Impfgipfel über die Probleme mit den Vakzinen.

Die Organisation der Corona-Impfungen

Die Impfungen vor Ort laufen in der Regie der Länder, und einige sind da weiter als andere. Bereitstehen sollen insgesamt mehr als 400 regionale Impfzentren, aber Hochbetrieb herrscht längst noch nicht. Terminbuchungen werden nach und nach angeboten. Bei Impfwilligen gibt es oft Frust, weil viele bei Telefon-Hotlines nicht durchkommen. Die Kassenärzte baten schon um Geduld und versichern, ein „Wettrennen“ um Termine sei nicht nötig.
Über ihre bundesweite Nummer 116 117 werden Anrufer in den meisten Ländern an Call Center geleitet, die Impffragen beantworten und teils Termine vermitteln. Online geht das meist auch. Aber da kommen regelmäßig Hinweise wie „Aktuell kein Impfstoff mehr verfügbar - derzeit keine weiteren Impftermine buchbar“. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) beklagte wacklige Ankündigungen - die Liefermengen für Moderna seien geringer als angekündigt, bei Astrazeneca gelte ein Änderungsvorbehalt. Verlässliche Terminvergabe sei so unmöglich. Pragmatisch zeigt sich das Saarland - mit gemeinsamen Termin für mehrere Impfwillige.

Das ist das Ergebnis des Impfgipfels

In einem Schreiben für die Bund-Länder-Beratungen nennt das Bundesgesundheitsministerium erstmals einen konkreten Zeitpunkt, wann die Impfungen zusätzlich zu den Impfzentren auch in den Arztpraxen vorgenommen werden sollen, wie die Zeitungen der Funke Mediengruppe berichteten. Der Wechsel mache Sinn, „wenn von Impfstoffen, die nach ihrer Beschaffenheit für den Transport und die Lagerung in Arztpraxen geeignet sind, eine ausreichende Menge für mindestens drei Millionen Impfungen pro Woche zur Verfügung“ stehe, heißt es demnach in dem Schreiben.
„Die etwa 50.000 dafür in Frage kommenden Praxen können nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) mehr als 5.000.000 Impfungen pro Woche vornehmen“, heißt es weiter.

Der Zeitplan der Corona-Impfungen

Die Ungeduld ist groß - denn die Hoffnung ist: Je mehr Impfungen es gibt, desto weniger Alltagsbeschränkungen sind nötig. Für Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sind sie „das entscheidende Licht am Ende des Tunnels“. Spahn hat Zwischenetappen abgesteckt: Bis Mitte Februar sollen alle Pflegeheimbewohner ein Impfangebot erhalten. Bisher sind 560.000 geimpft - gerechnet wird damit, dass sich wohl bis zu 650.000 impfen lassen möchten. Bis Ende März sollen alle Über-80-Jährigen ein Impfangebot bekommen haben.

Das ist das Ergebnis des Impfgipfels

Die Bundesregierung bekräftigte das Ziel, bis Ende des Sommers allen Bürgern ein Impfangebot zu machen - aber vorausgesetzt, dass bei Lieferungen und Zulassungen alles wie vorgesehen läuft, wie die stellvertretende Regierungssprecherin Martina Fietz deutlich machte. Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) sagte dazu der „Süddeutsche Zeitung“ (Montag): „Diese Zusage haben Kanzlerin und Gesundheitsminister gegeben. Wenn ich die aktuelle Debatte über Impfstofflieferungen verfolge und hochrechne, müssen wir uns sehr anstrengen.“
Merkel erläuterte, eine Impfzusage für alle Bürger bis zum Ende des Sommers könne angesichts aktueller Lieferzusagen auch dann aufrechterhalten werden, wenn nur die drei bereits zugelassenen Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca kämen. Bei noch weiteren Zulassungen gebe es sogar ein größeres Angebot.

Biontech-Chef Ugur Sahin lobt Impfgifel

Der Chef der Pharmafirma Biontech, Ugur Sahin, lobte am Montagabend in den Tagesthemen den Impfgipfel. Das Treffen von Bund und Ländern sei wichtig gewesen, um die Komplexität der Prozesse zu verstehen. Gleichzeitig verteidigte Sahin seine Firma gegen Kritik wegen fehlender Lieferungen.

Die Lage in Deutschland im internationalen Vergleich

In Israel, Großbritannien und den USA zum Beispiel wurden bisher mehr Menschen pro Einwohner geimpft als in Deutschland. In Großbritannien wurde das Biontech-Präparat auch schon Anfang Dezember zugelassen, auch das in Praxen anwendbare Astrazeneca-Produkt wird dort schon gespritzt. In den EU-Staaten gibt es weniger große Unterschiede. Weltweit sind die Impfungen ungleich verteilt. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO wurden bisher rund drei Viertel der Dosen in zehn Ländern gespritzt. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus mahnt, es sei nicht richtig, wenn jüngere Erwachsene in reichen Ländern noch vor den Älteren und dem Gesundheitspersonal in den armen Ländern geimpft würden. Experten warnen auch vor Rückschlägen in der Pandemie durch Impfnationalismus: Gegen die Impfstoffe resistente Virusmutationen könnten vor allem in den Ländern entstehen, wo wenig geimpft wird.