Autorin Mirna Funk: „Alle Juden, die ich kenne, haben ihre Namen in Apps geändert – es ist zu gefährlich“

Juden seien Jahrtausende lang unterdrückt und verfolgt worden. Dennoch hätten sie immer einen Weg gefunden, zu wirken, sagt die Autorin und Journalistin Mirna Funk.
Christoph Soeder/dpaDie Heizung in Mirna Funks Berliner Wohnung läuft offenbar auf Hochtouren. Jedenfalls sitzt sie an diesem kalten Winternachmittag im ärmellosen Top vor ihrem Bücherregal, den Laptop vor sich. „Ich mag’s gern warm“, sagt die Autorin, die im Wechsel in der deutschen Hauptstadt und Tel Aviv lebt. Ihr neues Buch „Von Juden lernen“ ist gerade erschienen. Darin befasst sich die 42-Jährige, die auch viel über Frauen- und Sexthemen schreibt, mit Denkkonzepten aus dem Judentum, von denen wir alle gerade in diesen Krisenzeiten eine Menge lernen könnten, wie sie findet. Das Judentum sei schließlich mehr als sechs Millionen ermordete Menschen, sagt sie. Multitasking ist für die alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter kein Problem. Sie kann sprechen – und sich nebenher die Nägel rot lackieren. Abends steht noch ein Termin an, und die Nägel müssen trocknen. Ein Gespräch in zwangloser Atmosphäre über Themen, die nicht ernster sein könnten.
Mirna Funk, wenn man Ihr Buch „Von Juden lernen“ aufschlägt, steht da die Widmung: „Für euch“. Wen meinen Sie damit?
Ich habe das Buch der jüdischen Community gewidmet, weil ich will, dass über Juden in Deutschland anders gesprochen wird, als das bisher der Fall ist. Holocaust, Antisemitismus, Nahostkonflikt – das sind die drei Begriffe, die den meisten als erstes einfallen, wenn es um Juden geht.
Was müsste passieren, damit jüdisches Leben in Deutschland anders wahrgenommen wird?
Dass man mein Buch liest (lacht). Ich denke, das Allerwichtigste ist zu verstehen, dass Jüdisch zu sein viel mehr als eine Religion ist, es ist eine Volks- und Kulturgemeinschaft. Doch das wissen die meisten gar nicht. Oder sie schrecken vor der Vorstellung zurück, dass da mehr sein könnte, weil sie Angst haben, Juden zu rassifizieren – weil Hitler das getan hat. Doch zu sagen, Juden sind ein Volk, bedeutet nicht Rassifizierung.
Jüdisches Leben gehörte und gehört zu Deutschland. Dennoch haben viele keine Ahnung vom Judentum. Wieso?
Ich denke, die Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs hat beim Holocaust gestoppt. Was die Leute wissen, ist: Es sind sechs Millionen Menschen gestorben. Darüber hinaus findet keine Auseinandersetzung mit jüdischer Kultur statt. Dabei ist der Holocaust nicht mal ein jüdisches Ereignis, er ist ein deutsches Ereignis.
Welche Folgen hat das?
Ich denke, dass der Antisemitismus, der jetzt wieder aufflammt, ganz viel damit zu tun hat, dass viele Vorurteile und Vorstellungen von dem, was Juden sind, nie eliminiert wurden. Sie können jederzeit wieder Einzug halten.
In Ihrem Buch benennen Sie acht jüdische Prinzipien, von denen wir lernen können. Welche sind für Sie die wichtigsten?
Zwei Dinge. Der Mensch ist Herr seiner Entscheidungen und seines Handelns. Im Judentum wird Evas Entscheidung, vom Baum der Erkenntnis zu essen, als erster Moment der freien Wahl gedeutet. Gott hätte diesen Baum niemals hingestellt, wenn er Adam und Eva für immer im Paradies hätte halten wollen. Und er hat den Menschen diese Option gegeben, auch gegen ihn zu agieren. Das zweite ist das Dialogische, die jüdische Streitkultur. In der jüdischen Lehre gibt es ein Streitgespann, das sich Hillel und Shammai nennt. Diese beiden Personen haben unterschiedliche Ansätze, das Judentum zu interpretieren. Bei ihren Disputen, von denen es Hunderte gibt, entscheidet am Ende nie Gott, wer Recht hat, sondern es geht dabei darum, diese konträren Positionen auszuhalten.
Wie schlagen sich diese Prinzipien konkret im täglichen jüdischen Leben nieder?
Zum einen dadurch, dass die Menschen auch unter widrigen Umständen nicht die Hände in den Schoß legen, sondern aktiv werden. Das hat man am 7. Oktober gesehen, als sich sofort zivilgesellschaftliche Initiativen gegründet haben. Reservisten haben sich gemeldet, andere haben ihre Waffen geschnappt und sind in den Süden gefahren, um ihre Familienmitglieder zu retten. Sie haben gehandelt. Und was das Dialogische angeht: Ich kann gerade auch in Krisenzeiten wie diesen in Tel Aviv mit sechs, sieben Leuten an einem Tisch sitzen, die politisch sehr unterschiedlicher Meinung sind. Es findet ein Disput statt, es wird gestritten, aber auf eine gesunde Art und Weise. Keiner steht auf und sagt, mit dem oder der rede ich jetzt nicht mehr.

Zum Thema Unterdrückung der Frau hat Mirna Funk eine klare Position: „Ich mache bei dieser Erzählung, dass das System mein Sein verhindert, nicht mit.“
IMAGO/Thomas BartillaLassen sich die Prinzipien der Eigenverantwortung und des Dialogs auf den Nahost-Konflikt anwenden?
Ich bin kein Fan davon, immer Lösungen für diesen Konflikt bieten zu müssen. Weil es einfach zu komplex ist. Nur so viel: Wir machen es uns leider zu einfach, immer nur zu glauben, wir müssen den Palästinensern nur einen Staat geben und dann ist Friede, Freude, Eierkuchen. Wir können nicht über Israel sprechen, ohne den gesamten arabischen Raum mitzudenken, in dem es viele Failed States und aktuell ja auch viele Konflikte gibt. Die Palästinenser und ihre unterschiedlichen politischen Ausrichtungen existieren nicht frei von Allianzen und Feindschaften in diesem Raum. Gleichzeitig dürfen wir globale Bündnisse, die Achse Russland, China und Iran, nicht vergessen. Das alles nimmt Einfluss auf diesen Konflikt.
In den vergangenen Wochen haben sich viele jüdische Stimmen zu Wort gemeldet. Eine der prominentesten ist die Autorin Deborah Feldman („Unorthodox“). Sie kritisiert, dass Jüdinnen und Juden, die gegen den Krieg sind, in der deutschen Öffentlichkeit gecancelt würden. Wie stehen Sie dazu?
Deborahs Stimme hat für mich keine Relevanz. Sie ist eine amerikanische Jüdin, die keinen großen Bezug zu Israel hat, außer einen antizionistischen, mit dem sie aufgewachsen ist. Und ich halte es für extrem gefährlich, dass sie so stark in den Medien vertreten ist. Das sehen, glaube ich, sehr viele innerhalb der jüdischen Community genauso. Man sagt, dass ungefähr fünf Prozent der 15 Millionen Juden weltweit antizionistisch sind. Die bekommen aber eben immer sehr, sehr viel Medienpräsenz, um dann dort behaupten zu können, dass sie das diverse Judentum ausmachen und dass ihnen keiner zuhört. Ich für meinen Teil sehe ganz klar, dass der 7. Oktober eine Zäsur war für alle Jüdinnen und Juden in der Welt, aber insbesondere für Israel. Und dass Israel selbstverständlich versuchen muss, die Hamas zu vernichten, soweit es sie eben vernichten kann.
Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, hat eine differenzierte Sicht geäußert und gesagt, dass ihn Kritik an Israels Reaktion anfänglich irritiert habe, angesichts des Sterbens in Gaza werde er aber allmählich nachdenklich …
Ich glaube, wichtig zu verstehen ist, dass die Soldaten, die dort gerade kämpfen, nicht dort sein wollen. Die haben keinen Bock auf Krieg. Die israelische Armee, das sind einfach mein Friseur, meine Nagelstudiomaus und der Chef von Facebook Israel. Und die würden jetzt auch lieber in Tel Aviv oder in Haifa oder in Jerusalem abends ausgehen und Spaß haben. Damit das aber wieder möglich wird, muss jetzt militärisch stark vorgegangen werden. Das große Unglück ist natürlich, dass dabei sehr viele unschuldige Menschen ums Leben kommen, besonders in Gaza. Gleichzeitig hält die Hamas immer noch mehr als 100 Geiseln gefangen, darunter ein einjähriges Kind.
Sie leben in Berlin und Tel Aviv. Auch in den vergangenen Monaten waren Sie wiederholt in Israel. Warum fliegen Sie bewusst in ein Kriegsgebiet?
Erstmal ist es nicht mein erster Krieg. Ich habe zwischen 2014 und 2015 während des letzten großen Gaza-Krieges in Israel gelebt. Ich kenne Raketen und ich kenne Alarm. Drei Wochen nach dem 7. Oktober bin ich dann wieder ganz bewusst das erste Mal rübergeflogen, weil es für mich wichtig war, diesen Tag nicht wie eine Netflix-Serie am Bildschirm zu erleben. Ich wollte dort sein, ich wollte verstehen, was mit dieser Gesellschaft passiert ist, und ich wollte den Schmerz und die Trauer, die dieser Tag in einem Großteil der Juden weltweit ausgelöst hat, teilen. Das war so eine Erleichterung und für mich wichtiger als das Bedürfnis nach Sicherheit.
Man hört immer wieder, dass Menschen in Extremsituationen lernen, sich anzupassen. In Fernsehberichten sieht man im Hintergrund Leute, die joggen oder auf der Straße einen Kaffee trinken. Wie sieht die Realität aus?
Ganz viele können nicht damit umgehen. Ich habe Freunde, die sofort abgehauen sind. Nach Athen oder nach Berlin. Der Raketenalarm ist super anstrengend und wenn der Iron Dome die Raketen abschießt, entsteht eine krasse Geräuschkulisse, die man mit Donner vergleichen kann. Das macht einen mit der Zeit total mürbe und fertig – viele Kinder zeigen Verhaltensauffälligkeiten, haben krasse Ängste entwickelt. Das hinterlässt Spuren bei allen Israelis. Und natürlich sind auch die Juden in der Diaspora betroffen. Alle Juden und Israelis, die ich kenne, haben bei Uber und in irgendwelchen Lieferapps ihre Namen geändert, weil es zu gefährlich ist. Eigentlich dürften wir uns an diese Realität nicht gewöhnen, trotzdem tun wir es, um weiterzuleben.
Sie sind teilweise in der DDR aufgewachsen, jüdische Traditionen wurden in Ihrer Familie nicht gepflegt. Die haben Sie später für sich entdeckt. Sie sagen, Sie haben irgendwann gemerkt, dass Sie einen jüdischen Blick auf die Welt haben. Wie meinen Sie das?
Das habe ich daran gemerkt, dass ich in Deutschland und in Israel völlig andere Reaktionen hervorrufe. In Deutschland werde ich oft als zu laut, zu aggressiv und zu streitlustig wahrgenommen. In Israel dagegen gibt es diese Reaktionen nicht, dort wird mein Verhalten offenbar als normal empfunden.
Sie trifft ja vor allem Kritik von Feministinnen, die Ihnen vorwerfen, Sie würden systemische Ungerechtigkeiten nicht sehen, weil Sie gegen die Quote sind und Frauen auffordern, arbeiten zu gehen und für sich selbst zu sorgen. Hat diese Haltung etwas mit Ihrer jüdischen Identität zu tun?
Ich würde sagen, das hat auch mit meiner ostdeutschen Identität zu tun. Aber natürlich auch mit meiner jüdischen. Im Buch versuche ich zu zeigen, dass die Rolle der Frau im Judentum nicht so einseitig wahrgenommen wird wie im Christentum. Wir hatten schon in den 70er-Jahren eine Premierministerin, und es war überhaupt kein Problem, dass da jetzt eine Frau ein ganzes Land leitet. Und es macht auch sicher was mit einem Mann, wenn er als 18-Jähriger beim Wehrdienst einer Offizierin gegenübersteht.
Bestreiten Sie, dass das System Frauen benachteiligt?
Nein, ich sage nicht, dass das System nicht unterdrückt. Aber es verhindert nicht mein Wirken. Juden wurden 2000 Jahre lang systematisch unterdrückt, in Ghettos gesperrt, sie durften bestimmte Berufe nicht ausüben und wurden verfolgt. Trotzdem haben sie proportional die meisten Nobelpreise abgeräumt. Dass ich als Frau handlungsunfähig bin, widerlegt für mich die jüdische Existenz. Ich mache bei dieser Erzählung, dass das System mein Sein verhindert, nicht mit. Ich kann auch im Rahmen von Begrenzungen wirken.
Sie haben in der Vergangenheit immer wieder darüber gesprochen, nach Israel auszuwandern. Ist das nach wie vor eine Option?
Für mich ist Israel immer eine Option. Trotz des Krieges. Weil es für mich immer noch der sicherste Hafen ist. Das hat viel mit meiner jüdischen Identität zu tun. Im Judentum geht es immer um Israel. Gleich das erste Gebet am Morgen ist das „Schma Israel“, also „Höre Israel“. Nach Israel zu kommen, fühlt sich für mich wie ein Retreat an. Man gehört plötzlich nicht mehr zur Minderheit, sondern zur Mehrheit. Das ist ein völlig anderes Leben, einfach ein sehr angenehmes Gefühl.
Zwischen Berlin und Tel Aviv
Mirna Funk (42) wurde in Berlin-Pankow geboren. Nach dem Abitur studierte sie Philosophie und Geschichte. Heute arbeitet Funk als freie Autorin. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht. Ihr Debüt erfolgte 2015 mit „Winternähe“. Der Roman wurde vielfach besprochen und ausgezeichnet. Als Journalistin schreibt Funk unter anderem für die Zeitschrift Cosmopolitan eine Sexkolumne, im Modemagazin Vogue berichtet sie über jüdisches Leben heute. Funk ist Vaterjüdin, ihre Mutter ist nichtjüdisch. Um ihre jüdische Identität zu stärken, machte sie 2021 den sogenannten Giur, die Konversion zum Judentum. Die alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter lebt in Berlin und Tel Aviv.


Schuldgefühle begleiten unsere Autorin durch ihre Jugend – weil sie Frauen liebt. In ihrem Dorf, in dem das Wort der Katholischen Kirche mächtig ist, ist das nicht erwünscht. Über einen Kampf, den es gar nicht geben dürfte.