Krieg in Nahost: Warum Israel an die Sprache der Härte glaubt

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt/Main.⇥
Gedenkstätte Anne FrankMeron Mendel hat seinen Arbeitsplatz mit dem Bild einer Wüstenlandschaft geschmückt. Im Vordergrund ein einzelner Baum, der einen neuen Spross austreibt. Er könnte für Hoffnung stehen, die der deutsch-israelische Pädagoge nicht aufgeben will. Nach einem Ausgleich zwischen Israelis und Palästinensern suchen, trotz des Hamas-Terrors und des israelischen Militäreinsatzes in Gaza? Im Zoom-Gespräch sagt der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, warum daran kein Weg vorbeiführen wird.
Herr Professor Mendel, Sie haben Familie in Israel. Was hören Sie drei Monate nach Kriegsbeginn?
Ich habe Freunde, die ermordet wurden, und einen Freund, dessen 19-jährige Enkelin noch immer in Geiselhaft der Hamas ist. Dennoch entwickelt sich eine Art Alltag in der Krise. Die Kinder gehen wieder in die Schule. Erwachsene arbeiten. Doch die Situation bleibt schwierig.
Erschöpft nach 100 Tagen Krieg
Schon vor dem Krieg war Israel eine gestresste Gesellschaft. Jetzt werden wieder Raketen aus dem Gazastreifen abgefeuert. Was macht das mit den Menschen?
Schon vor dem 7. Oktober war 2023 ein schwieriges Jahr. Hunderttausende gingen auf die Straße gegen den Abbau der Demokratie, wie ihn die ultranationalistische Regierung betrieben hat. Das ist gemessen an der Bevölkerung eine beispiellos hohe Zahl. Nach einem Jahr der Proteste und nach 100 Tagen Krieg sind die Menschen erschöpft. Und doch halten sie an ihrer Hoffnung fest, dass sich etwas zum Guten verändern lässt. Nach dem 7. Oktober hat die Zivilgesellschaft viele staatliche Aufgaben übernommen, wie die Versorgung der Flüchtlinge aus den Ortschaften an der Grenze zum Gazastreifen und zum Libanon mit Essen, mit Kinderbetreuung. Das ist beeindruckend, zeigt aber auch, wie schwer das Leben derzeit ist.
Befürchten Sie, dass der Krieg jene stärkt, die ganz auf Härte setzen und partout keinen Ausgleich mit Palästinensern wollen?
Es gibt Teile der Gesellschaft, die zu Vergeltung und Vernichtung rufen. Bei ihnen führten die Gräueltaten vom 7. Oktober zu Rachsucht. Zumindest lese ich davon. Meine Familie und Freunde dort sind anders. Da sehe ich eine verzweifelte Suche nach einem Ausweg aus der Gewaltspirale – in der Hoffnung, dass es auch auf palästinensischer Seite Menschen gibt, die an Frieden interessiert sind.
Arrogante Empfehlungen aus dem Westen
Wie schauen Sie auf den israelischen Einsatz in Gaza, wo mehr als 23 000 Menschen ums Leben gekommen sind und Hunderttausenden das zum Leben Nötigste fehlt?
Unmittelbar nach dem Hamas-Überfall gab es den Ruf: Waffenstillstand jetzt. Das empfand ich als arroganten Ausdruck von Menschen, die in Sicherheit leben. Sie sprachen Israel angesichts des beispiellosen Terrorangriffs der Hamas das Recht ab, sich zur Wehr zu setzen. Auf der anderen Seite sind die Zustände im Gazastreifen unerträglich. Mich persönlich schmerzen getötete palästinensische Kinder genauso wie getötete israelische Kinder. Unverständlich ist mir, warum Israel humanitäre Hilfe eingeschränkt hat. Man weiß ja, dass die Hamas die Zivilbevölkerung als Faustpfand benutzt. Ohne Antwort bin ich bei der Frage, wie man die Hamas bekämpfen kann, ohne Zivilisten zu gefährden. Ob das massive Vorgehen der israelischen Armee richtig ist, bezweifle ich inzwischen.
Israel drohen auch massive Angriffe aus dem Libanon. Gleicht der harte Kurs Israels nicht Benzin, das in eine bereits explosiv aufgeladene Region gegossen wird?
Das ist die Wahrnehmung in Deutschland. Doch der Nahe Osten funktioniert nicht nach den Regeln Westeuropas. Die radikalislamische Hisbollah im Libanon schaut genau hin, wie Israel auf die Hamas reagiert. Wenn Israel nicht Härte zeigen würde und auf Forderungen nach einem schnellen Waffenstillstand eingegangen wäre, hätte das die Hisbollah ermutigt, Israel massiv aus dem Norden anzugreifen. Das war vermutlich Teil des Plans der Hamas. Dass es dazu nicht gekommen ist, hat mit dem Druck im Libanon auf die dort agierende Hisbollah zu tun, kein zweites Gaza im Libanon zu riskieren. Terroristische Aggressoren – dazu gehört auch Putin nach der Annexion der Krim – verstehen Zurückhaltung oft als Zeichen der Schwäche.
Strategie der Härte bedeutet mehr Sicherheit für Israel
Kann es dann nach diesem Krieg noch eine Vorstellung von einer gemeinsamen Zukunft von Israelis und Palästinensern geben?
Die jüdischen Israelis werden in der Region bleiben – die Palästinenser auch. Deshalb müssen sie Formen des Zusammenlebens für eine Region finden, in der aktuell sieben Millionen jüdische Israelis und sieben Millionen Palästinenser leben. Würde eine der auf beiden Seiten existierenden Vernichtungsvisionen zum Zug kommen, hätten wir eine Katastrophe mit dem Ausmaß des Holocausts. Ich selbst glaube noch an das Modell der Zwei-Staaten-Lösung. Andere sprechen von einem gemeinsamen demokratischen Land. Da habe ich Zweifel, weil beide Seiten ihre nationale Identität nicht aufgeben wollen. Anfang der 90er-Jahre unter Premier Jitzchak Rabin war die Gründung eines palästinensischen Staates sehr nah.
Seither ist viel passiert. Das Westjordanland ist heute zerstückelt. Ist eine Zwei-Staaten-Lösung überhaupt noch realistisch?
Die jüdischen Siedlungen im Westjordanland sollten eine Zwei-Staaten-Lösung torpedieren. Und ich hatte zeitweise die Befürchtung, dass dieses Ziel unter der jetzigen Regierung erreicht wird. Das ist aber noch nicht der Fall. Schon in der Vergangenheit waren Friedensabkommen mit dem Abbau von Siedlungen verbunden. Das heißt nicht, dass bei einem Friedensabkommen alle jüdischen Siedler das Westjordanland verlassen werden. Da braucht es dann einen Gebietstausch. Vielleicht werden die beteiligten Staaten auch nicht in Gänze unabhängig sein. Ich könnte mir vorstellen, dass es ein Modell wie die Europäische Union für den israelischen, den palästinensischen und den jordanischen Staat gibt.
Gruppe der Versöhner ist klein geworden
Dieses setzt Vertrauen voraus. Ist Ministerpräsident Benjamin Netanjahu der Mann, der für eine Friedensvision stehen könnte?
Netanjahu und seine Partner aus dem rechtsextremistischen Lager sicher nicht. Wie lange es dauert, bis er seinen Platz räumt, kann niemand sagen.
Persönlich haben Sie Kontakt zu Menschen, die Ausgleich suchen. Wie stark ist diese Kraft in Israel?
Schwer zu sagen. Linke Parteien sind bei der Parlamentswahl weitgehend gescheitert. Die Meretz-Partei ist nicht mehr in die Knesset gekommen, die Arbeitspartei erzielte vier Prozent, auch die jüdisch-arabischen Parteien sind schwach. Wenn man aber in die Bevölkerung hineinhört, gibt es zwei große Wünsche: Israel soll ein starker Staat sein, damit das Land nicht mehr überrannt werden kann wie am 7. Oktober. Diese Erfahrung hat Israel zutiefst erschüttert. Zugleich gibt es den Wunsch nach einer friedlichen Lösung des Konflikts. Das heißt, es formiert sich gerade eine Friedensbewegung, die alles andere als pazifistisch ist.
Kein Ausgleich mit Netanjahu und seiner rechten Regierung
Israelis und Palästinenser lebten in der Vergangenheit oft Rücken an Rücken. Sie selbst sind in einem Kibbuz aufgewachsen. Wann haben Sie Palästinenser kennengelernt?
Die Frage ist, was man unter Kennenlernen versteht. In Israel leben Juden mit Palästinensern zusammen. Auf jeder Baustelle gibt es jüdische und palästinensische Arbeiter. Die Frage ist: Wann entstehen Freundschaften? Dazu muss man wissen, dass das israelische Bildungssystem in hohem Maße segregiert ist. Es gibt dort nicht nur Schulen für Juden und Palästinenser, sondern auch für religiöse Juden und nichtreligiöse, für orthodoxe und ultraorthodoxe. Die Trennung fängt schon im Kindergarten an. Israelische und palästinensische Kinder haben nicht mal die Gelegenheit, miteinander zu spielen. Das fördert das Schubladendenken. Deshalb unterstütze ich seit vielen Jahren einen jüdisch-arabischen Kindergarten und eine Grundschule in Be’er Scheva. An diesem Punkt kann ein neues Miteinander anfangen.
Woher kommt dieses Denken? Hat Sie da der Kibbuz geprägt?
Das ist das Resultat einer Entwicklung. Mich haben zunächst die 90er-Jahre mit ihrer Friedenshoffnung geprägt. Im Friedensdorf Newe Shalom konnte ich palästinensische Jugendliche kennenlernen. Dann folgte später mein Militärdienst in Hebron. Da habe ich gesehen, wie jüdische Siedler die palästinensische Bevölkerung schikanieren. Später dann an der Uni in Haifa versuchte ich, die unsichtbaren Mauern zu meinen palästinensischen Kommilitonen mit Diskussionen und Veranstaltungen einzureißen. Das ging gut, bis im Sommer 2000 die zweite Intifada ausgebrochen ist.
Israel ist ein zutiefst gespaltenes Land
Sie sind heute Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt. Hat der Krieg in Nahost Auswirkungen auf Ihre Arbeit?
Ja. Immer wenn es Spannungen zwischen Hamas und Israel gibt, nehmen die Anfeindungen gegenüber Juden zu, aber auch die gegenüber Muslimen. In den sozialen Netzwerken wird dann gehetzt, werden Halbwahrheiten und pure Fake News verbreitet. Das führt zu Hass gegen den Staat Israel, der dann umgeleitet wird auf Juden in Deutschland. Die Beobachtungsstelle RIAS für Antisemitismus meldet seit dem 7. Oktober durchschnittlich 26 antisemitische Vorfälle – pro Tag.
Wir haben uns in Deutschland viel auf die Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen eingebildet und die Aufdeckung von Mechanismen, die zum Holocaust führten. Waren wir da wirklich so gut, wie wir dachten?
Die Erinnerungsarbeit ist nicht zwangsläufig eine Immunisierung gegenüber aktuellem Menschenhass und Antisemitismus. Man kann sich schon fragen, warum die AfD, die doch eine gewisse Nähe zur menschenverachtenden Ideologie der Nazis hat, derzeit so einen Zulauf hat. Hinzu kommt: Erinnerungskultur muss sich ständig wandeln. Wir wissen aus Studien, dass Jugendliche zwischen sechs und acht Stunden am Tag mit ihrem Smartphone verbringen. Da erhalten sie oft wenig qualifizierte Informationen. Dem etwas entgegenzuhalten, ist eine Herausforderung.
Nahost-Konflikt ist für manche in Deutschland identitätsstiftend
Haben Sie Ideen?
Auch wenn uns diese Informationskanäle nicht liegen, müssen wir sie in der Bildungsarbeit nutzen. Wenn wir da nicht aktiver werden, verlieren wir den Kampf.
Der Nahost-Konflikt spaltet auch öffentliche Debatten. Fehlt uns eine adäquate Sprache, um fair darüber zu sprechen?
Es ist weniger eine Frage der Sprache. Oft fehlt das Wissen. Das gilt zwar auch für andere Konflikte, doch der Nahost-Konflikt wirkt direkt in die Gesellschaft hinein. Er ist für viele identitätsstiftend. Ob man auf der jüdischen oder der palästinensischen Seite steht, sagt etwas über die eigne Person aus – mehr als über die Menschen dort.
Sie arbeiten als Brückenbauer. Wurden Sie selbst schon einmal als Antisemit beschimpft?
(Schmunzelt) Wenn man in diesem Bereich unterwegs ist, bekommt man alle Attribute, die auf dem Markt sind. Auch das Attribut des Antisemiten.
Im Kibbuz aufgewachsen
Meron Mendel, Jahrgang 1976, ist in Israel geboren. Dort wuchs er in einem Kibbuz auf. Nach seinem Wehrdienst in der israelischen Armee studierte er in Haifa und München Pädagogik und Jüdische Geschichte. Er ist heute Professor für Soziale Arbeit an der Frankfurter University of Applied Sciences. Seit 2010 leitet er die Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank. Er ist mit der Politologin Saba-Nur Cheema verheiratet, die Muslima ist. Von Meron Mendel erschien im vergangenen Jahr das Buch „Über Israel reden: Eine deutsche Debatte“, Kiepenheuer & Witsch. Es ist für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert.

