1,4 Milliarden Euro Umsatz: Warum der Steuer-Skandal um deutsche Influencer gerade erst beginnt

Influencer in Deutschland sollen Steuern hinterzogen haben.
Zacharie Scheurer/dpa-tmn/dpaDer Verdacht auf Steuerhinterziehung in der Influencer-Szene ist längst kein Einzelfall mehr. Allein in Nordrhein-Westfalen wird aktuell gegen rund 200 Creators ermittelt, bestätigt das Landesamt zur Bekämpfung der Finanzkriminalität (LBF NRW). Der mutmaßliche Schaden: 300 Millionen Euro – verursacht durch nicht gemeldete Werbeeinnahmen, Luxusreisen, Gratis-Produkte oder Barzahlungen im Werbegeschäft.
Doch das ganze Ausmaß offenbart sich nun erst durch eine bundesweite Analyse: 1,4 Milliarden Euro an Social-Media-Umsatz in Deutschland, identifiziert durch Plattformdaten, wurden laut BILD-Bericht vom bayerischen Landesamt für Steuern zwischen 2024 und 2025 zusammengetragen. Basis: sogenannte Gruppenauskunftsersuchen an große Plattformbetreiber.
Was sind Gruppenauskunftsersuchen – und warum sind sie so brisant?
Solche Auskunftsersuchen erlauben den Steuerbehörden, Daten ganzer Personengruppen zu erheben – in diesem Fall: Influencer und andere Online-Akteure, deren Identität oder Steuerstatus nicht eindeutig bekannt ist.
Aus den Anfragen gingen laut BILD rund 60.000 Datensätze hervor. Etwa 9.000 davon werden derzeit in Bayern geprüft, der Rest an andere Bundesländer verteilt – mit teils gravierenden Verdachtsmomenten.
So berichtet der Bayerische Oberste Rechnungshof laut BILD etwa von einem Fall, in dem ein Influencer zunächst Einkünfte von 71.000 Euro angab, später jedoch 187.000 Euro nacherklärte. In anderen Fällen gaben Content-Creators weniger als 10.000 Euro an Jahreseinnahmen an – ohne erkennbare Nebentätigkeiten.
Millioneneinkommen – aber kein Mitarbeiter beim Amt
Besonders drastisch: Ein Influencer-Ehepaar aus Bayern versteuerte laut Bericht rund 4,3 Millionen Euro pro Jahr, meldete dann 2023 die Abmeldung aus Deutschland. Die Prüfung übernahm lediglich der Innendienst – ein Fall, den der Rechnungshof als Beispiel für „mangelnde personelle Ausstattung“ und fehlende digitale Kompetenz der Behörden anführt.
Erschwerend kommt hinzu: Viele Influencer versteuern nicht nur falsch – sie arbeiten laut Rechnungshof mit virtuellen Währungen, leben formal im Ausland oder erhalten nicht erfasste Sachleistungen, etwa Reisen oder Technikprodukte. Damit wächst der steuerliche Graubereich – und das Risiko für den Staat.
Warum der wahre Skandal vielleicht ganz woanders liegt
Nicht nur Influencer stehen jetzt unter Beobachtung – sondern auch die Finanzämter selbst. Der Bayerische Oberste Rechnungshof kritisiert laut BILD: In vielen Fällen habe man auf Prüfungen verzichtet, obwohl die Zahlen auffällig waren. Ein strukturelles Problem, denn die klassischen Steuerprüfungen seien auf diese digitale Branche kaum vorbereitet.
Zwar ist die Einsetzung von Spezialteams wie der Influencer-Taskforce in NRW ein erster Schritt – doch angesichts der Milliardenumsätze aus dem Netz wirkt der aktuelle Kontrollapparat erschreckend veraltet.
Der Milliardenmarkt Social Media braucht eine digitale Steuerstrategie
Der aktuelle BILD-Bericht zeigt deutlich: Der Steuer-Skandal rund um Deutschlands Influencer ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern erst der Anfang. Denn mit jeder neuen Plattform, jedem Werbedeal und jeder digitalen Bezahlmethode wird das Netz an Steuerpflichten komplexer – und der Bedarf an professioneller Kontrolle dringlicher.
Die Politik reagiert nun mit mehr Transparenzpflichten und digitalen Abfragen. Aber bis dahin bleibt ein ungerechtes Ungleichgewicht: Auf der einen Seite Creators mit globalen Einnahmequellen – auf der anderen Seite ein Steuerapparat, der mit Excel-Tabellen gegen Millionenumsätze ankämpft.
Quelle: BILD

