Wehrdienst nach dem Abi
: Wie ist es bei der Bundeswehr? Ein Abbrecher und ein Reservist erzählen

Zwei 21-Jährige aus der Ulmer Region entschieden sich für einen freiwilligen Wehrdienst. Einer brach früh ab, der andere blieb fast ein Jahr. Beide berichten von strikten Abläufen, Raketen in Polen und der Suche nach ihrem Weg in die Zukunft.
Von
Verena Eisele
Alb-Donau-Kreis
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Bundeswehr Wehrdienst

So mancher entscheidet sich nach der Schule zum Bund zu gehen, um einen freiwilligen Wehrdienst zu absolvieren.

Julian Stratenschulte/dpa
  • Zwei 21-Jährige aus der Region Ulm berichten von ihrem freiwilligen Wehrdienst – einer brach ab, der andere blieb neun Monate.
  • Strikte Abläufe und fordernde Ausbildung prägten den Alltag, Raketen in Polen machten den Dienst ernster.
  • Beide kritisieren ein mögliches Losverfahren für die Wehrpflicht; die Wahlfreiheit sei essenziell.
  • Alexander studiert inzwischen Wirtschaftswissenschaften, Paul absolviert ein duales Studium.
  • Geplante Änderungen: Pflichtmusterung ab 18 Jahren, Ziel von 260.000 Soldaten bis 2035.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

An seinen ersten Tag bei der Bundeswehr kann sich Paul aus dem Alb-Donau-Kreis noch genau erinnern: Auf der einen Seite die erfahrenen, strengen Ausbilder, auf der anderen die nervösen Rekruten, unsicher und ahnungslos, was sie in den kommenden Wochen erwartet. „Da sind zwei Welten geclasht“, sagt der 21-Jährige und lacht. Am anderen Ende des Videocalls hört sein ehemaliger Klassenkamerad Alexander (21) zu. Nach dem Abitur entschieden sich beide für den freiwilligen Wehrdienst – geblieben sind sie vorerst nicht. Paul brach nach knapp drei Monaten ab, Alexander blieb neun Monate. Ihre echten Namen sollen nicht in der Zeitung stehen, um mögliche Nachteile zu vermeiden.

Nach dem Abitur 2022 wussten beide nicht genau, wie es weitergehen sollte. Alexander wollte nicht direkt studieren. Auf einer Berufsmesse stieß er auf den freiwilligen Wehrdienst. Kurz darauf saß er im Karrierecenter in Stuttgart, absolvierte Tests und das Auswahlgespräch. „Ich wusste, dass ich zur Luftwaffe will und möglichst heimatnah“, sagt er. Interessant sei für ihn gewesen, „an der Waffe ausgebildet zu werden“. Auch sein Geschichtsinteresse und die gute finanzielle Entlohnung spielten eine Rolle, insbesondere im Vergleich zu einem Freiwilligen Sozialen Jahr.

Medizinstudium über die Bundeswehr?

Auch Paul wollte sich orientieren. Medizin kam ihm vage in den Sinn, sein Abiturschnitt von 1,7 reichte aber nicht für den direkten Weg. Ein Studium über die Bundeswehr wäre nur mit einer 17-jährigen Verpflichtung möglich gewesen. „Deshalb wollte ich erst mal reinschnuppern.“ Er landete in Bruchsal, teilte die Stube mit mehreren Kameraden, sein Alltag war streng getaktet, lange Märsche gehörten zum Programm. Manche seien „schon nach dem ersten Wecken“ abgereist, erzählt er und lacht. Er selbst hielt durch, bis ihn eine Corona-Erkrankung aus der Bahn warf. Zwei Wochen fehlten ihm in der zehnwöchigen Ausbildung. „Da war die Motivation weg“, erzählt er. Zudem habe er gemerkt: „Man kann es aushalten, aber 17 Jahre sind verdammt lang.“ Das Medizinstudium über die Bundeswehr war damit vom Tisch.

Alexander erlebte die Grundausbildung ähnlich: „Am Anfang muss man sich schon durchkämpfen“, sagt er. Der Tagesablauf sei komplett durchstrukturiert, „ohne wirkliche Entscheidungsfreiheit“. Nach Dienstschluss sei er „komplett müde ins Bett gefallen“. Mit der Zeit fand er Freunde und blieb gelegentlich für Wochenenden in der Kaserne. In Laupheim war er hauptsächlich für die Vor- und Nachbereitung von Einsatzmaterial zuständig. Die Grundausbildung sei daher der „spannendere Teil“ seiner Bundeswehrausbildung gewesen.

In Polen schlugen damals Raketen ein

Unfaire Behandlung habe keiner von beiden erlebt. „So wie in Filmen, dass man mit der Zahnbürste putzen muss – das gibt es nicht“, sagt Alexander. Doch der Dienst wurde für beide ernster, als sie es erwartet hatten. In ihrer Grundausbildung schlugen Raketen in Polen nahe der ukrainischen Grenze ein. Anfangs habe man darüber noch Witze gemacht, erzählt Paul, doch schnell sei die Bedrohung real geworden und die Stimmung kippte. „Wenn so etwas wirklich eintritt, ist das etwas ganz anderes“, sagt er. Im Demokratieunterricht seien sie dann darüber aufgeklärt worden, was solch ein Präzedenzfall für die Nato und auch für die Bundeswehr bedeuten würde. „So richtig bewusst war mir das anfangs nicht“, erzählt Alexander.

Beide jungen Männer tun sich schwer damit, das neue Wehrdienstgesetz eindeutig zu bewerten. Doch das mögliche Losverfahren, das greifen soll, wenn sich nicht genug Freiwillige melden, lehnen sie entschieden ab. „Die Wahl muss bestehen bleiben“, sagt Paul. Alexander ergänzt: „Das wird zu einem Glücksspiel, wie man seine Zukunft gestalten kann. Das finde ich moralisch nicht vertretbar.“

Auch die Frage, ob künftig auch Frauen verpflichtend dienen sollten, sorgt bei beiden für Unsicherheit. „Gleichheit und Gleichberechtigung sind manchmal schwierig zu trennen“, sagt Alexander überlegt. „Im tatsächlichen Kriegsfall hätte ich ungern eine Frau in meinem Trupp wegen der anderen physischen Fähigkeiten, da ich einfach Sorge hätte, dass diese Frau mich nicht aus einer Gefahrensituation heraustragen kann.“

Heute haben beide ihren Weg außerhalb der Truppe gefunden. Alexander studiert Wirtschaftswissenschaften und verbringt gerade ein Auslandssemester in Asien, Paul studiert dual. Ganz abgeschlossen ist das Kapitel Bundeswehr dennoch nicht: Alexander könnte sich vorstellen, nebenberuflich eine Ausbildung zum Reserveoffizier zu machen – nur sei es, wie er sagt, „extrem schwer“, dazu Informationen zu finden.

Aktueller Gesetzentwurf

Junge Menschen ab dem Geburtsjahr 2008 sollen einen Fragebogen erhalten, in dem ihre Bereitschaft zu einem Dienst in der Bundeswehr abgefragt wird. Für junge Männer ist die Teilnahme verpflichtend, für junge Frauen freiwillig. Alle Männer sollen künftig mit 18 Jahren erneut verpflichtend gemustert werden. Bis 2035 soll die Truppe von derzeit rund 180.000 auf 260.000 Soldatinnen und Soldaten anwachsen. Werden diese Zielmarken nicht erreicht, kann die Wehrpflicht wieder aktiviert werden. Dann könnte aus allen gemusterten jungen Menschen per Los entschieden werden, wer eingezogen wird.