Straffälligenhilfe in Ulm: Heroin, Frauenknast, Neuanfang: Die bewegte Geschichte einer Ulmerin

Als sie 18 Jahre alt war, nahm Stefanie Maier zum ersten Mal Heroin. Zweimal saß sie im Frauengefängnis. Jetzt ist sie 41 und will wieder ein normales Leben führen.
Matthias KesslerAn einem wolkenlosen Ulmer Sommermorgen spaziert eine Frau, die zweieinhalb Jahre hinter Gittern verbracht hat, im Blumenkleid durch den Park am Ehinger Tor und freut sich über die fliegenden Schmetterlinge. Sie mag Tiere, sagt sie. Nicht nur Schmetterlinge, sondern auch Esel und Hunde und Katzen. Als ihr jemand mit Kinderwagen entgegenkommt, bleibt sie stehen. „Ohh“, sagt sie, „wie süß.“ Sie lächelt kurz, Schmetterlinge und ein Baby – der Tag beginnt schön.
Stefanie Maier (Name geändert), 41, ist selber Mutter, sie hat einen Sohn. Wahrscheinlich, meint sie, ist es das. Die Verantwortung, die dafür gesorgt hat, dass es bei ihr anders lief als bei ihren Jugendfreunden. In den vergangenen Jahren war sie auf mehr als 15 Beerdigungen. Sie weiß, wo Heroin hinführt.
Am Ende des Parks in der Weststadt gibt es einen Altbau mit brauner Eingangstür, auf dem Klingelschild steht „Beratungsstelle“. Maier geht hier ein und aus, sie übt das Leben in Freiheit. Die Ulmer Straffälligenhilfe dient Ex-Häftlingen als Brücke; als Verbindungsstück zwischen dem durchgetakteten Gefängnisalltag und den zerbröselten Strukturen nach der Strafe. Ein Neuanfang, der oft zu scheitern droht.
„Die lassen einen hier nicht hängen“, sagt Maier und blickt auf die wuchernden Pflanzen vor dem Haus. Man könnte sie mal wieder schneiden, findet sie. Maier hat ein Auge dafür, im Frauengefängnis von Schwäbisch Gmünd war das ihr Job: Pflanzen schneiden. Überflüssiges loswerden – eine Aufgabe, die auch auf ihr Leben zutrifft.
Mit drei Frauen in der Zelle
Es war Juni 2019, als Maier ihre zweite Haftstrafe antreten musste. Ihr damaliger Freund hatte sie im Kokainrausch mal wieder verprügelt, die Nachbarn riefen die Polizei, statt Hilfe anzunehmen, ging Maier auf die Polizisten los, beschimpfte sie, schlug um sich. Weil sie wegen Drogenbesitzes schon einmal gesessen hatte, musste sie nun für elf Monate rein.
Maier trat durchs Tor, man drückte ihr blau-weiß-karierte Bettwäsche in die Hand, das Muster erinnerte sie ans Oktoberfest. Sie kam in eine Zelle, zu der alle im Frauengefängnis nur „Bahnhofshalle“ sagen, ein spärlich eingerichteter Raum mit vier Betten.
Sie schlief nicht gut am Anfang. Sie hörte, wie die Zellennachbarin gegen die Tür hämmerte, sie hörte Schreie, sie lag wach und grübelte. Sie dachte daran, wie das Heroin ihr Leben ruiniert hatte, sie spürte, wie ihr Körper nach der Droge verlangte, sie dachte an ihren Sohn, der zum Mann heranwuchs und für den sie nicht da sein konnte. Sie wälzte sich in ihrer Oktoberfest-Bettwäsche von einem Problem zum nächsten.
Als sie schließlich im Hof Pflanzen schneiden durfte, schöpfte Maier neuen Mut. Sie verdiente etwas Geld, ging im Gefängnis-Supermarkt einkaufen – Honig, Ingwer. Sie bekam eine Einzelzelle, acht Quadratmeter, aber immerhin Ruhe, sie durfte Meditationsstunden nehmen. Irgendwann fasste sie einen Entschluss – nie wieder Heroin. Bis heute, sagt sie, ist sie clean.
Den Rauschzustand zu beschreiben, fällt Maier schwer. Das Gefühl sei einzigartig. Christiane Felscherinow, besser bekannt als Christiane F., drückte es mal so aus: „Die ganze Scheiße war mit einem Mal weg. Ich fühlte mich so toll wie noch nie.“
Es gibt zwei Dinge, die Deutschlands prominenteste Heroinsüchtige und Stefanie Maier einen: Auch Christiane F. hat einen Sohn, auch Christiane F. saß im Gefängnis. Es gibt aber auch einen großen Unterschied. Christiane F. wuchs in zerrütteten Familienverhältnissen in einer Westberliner Hochhaussiedlung auf, ein Ort, an dem es „überall Pisse und Kacke“ gab. Stefanie M. wuchs in einem guten Elternhaus mit drei Schwestern in der Idylle des Neu-Ulmer Hinterlands auf. Ein Ort, an dem es eher nach frischem Heu als nach Pisse und Kacke roch.
Maier war 18 Jahre alt, als sie am Weiher von Roggenburg zum ersten Mal weißes Pulver von einer CD-Hülle in ihre Nase zog. Eigentlich ging es ihr damals gut auf dem Land, doch sie hatte auch Stress. Aus ihr musste etwas werden. Sie machte eine Friseurlehre, aber es gab da ja auch noch ihren dreijährigen Sohn, um den sie sich kümmern musste.
Der Alltag einer jungen Mutter machte sie müde, in der Berufsschule schlief sie manchmal während des Unterrichts ein. Am Wochenende wollte sie wie eine normale 18-Jährige sein: Sie traf sich mit ihrer Clique am Weiher, es wurde getrunken und gekifft. Eines Tages hatte jemand Heroin dabei.
„Meine Neugier hat mich da reingetrieben“, sagt Maier. „Ich war einfach neugierig und wollte wissen, wie das ist. Das ganze Illertal war damals voll mit gutem Zeug. Jeder redete davon. Es war einfach überall.“
Mit dem Heroin wechselten die Menschen, mit denen sie zu tun hatte. Heroinabhängige reden nicht mehr mit denen, die kein Heroin brauchen. Die Droge wurde wichtiger als alles andere. Schulden, Krankheit, Gefängnis? Hauptsache high.
Im Altbau mit der braunen Eingangstür beim Park bittet ein Mann mit Glatze und freundlichem Gesicht in sein Büro. Er heißt Uwe Gossner und ist Geschäftsführer der Straffälligenhilfe. Gossner könnte als optisches Double des US-Sängers Moby durchgehen, aber um Popmusik geht es ihm nicht. Er muss derzeit 80 Ex-Häftlingen Halt bieten. Mit seinem Team von Sozialpädagogen dient er ihnen als Startblock. Als Startblock für den Neustart in ein freies Leben.
Auch Stefanie Maier gehört zu Gossners Klienten. Er hat ihr über den Verein eine befristete Wohnung in Böfingen besorgt, er hat mit ihr Papiere ausgefüllt, Krankenkasse, Sozialhilfe. Und er verwaltet ihr Geld. Er hilft ihr, es Monat für Monat einzuteilen, er ist ihr Geldautomat. „Manchmal“, sagt Gossner, „wenn zu Beginn des Monats schon zu viel weg ist, bin ich ein blöder Geldautomat. Dann zahl ich erstmal nichts mehr aus.“ Maiers Umgang mit Geld, sagt er, sei besser geworden.
Gossner betreut auch die Härtefälle. Sexualstraftäter, Kokshändler. Er hat viele kommen und gehen und wieder kommen sehen. „Rund 25 Prozent der Leute hier schaffen es“, sagt Gossner. „Ein neues Leben mit Wohnung und Job und ohne Strafen.“
Kämpfen für den Traum
Es ist keine Statistik, die Mut macht. Einerseits. Andererseits gibt es ja diese 25 Prozent und Stefanie Maier will alles dafür tun, dass sie irgendwann dazugehört. Sie will es vor allem für ihren Sohn tun, für ihre Familie und für sich selbst. Sie hat einen Traum: Sie will als Kräuterpädagogin arbeiten. Das Geld für die Ausbildung spart sie sich gerade zusammen, ihre Schwester hilft ihr beim Lernen.
Wenn alles so läuft, wie Maier es sich vorstellt, führt sie bald Kindergruppen durch die Wälder der Region und zeigt ihnen, was man aus Pflanzen und Kräutern alles machen kann: Tinkturen, Salben, Tee. Nach der Arbeit will sie mit eigenem Auto zur eigenen Wohnung fahren. Sie will die Tür aufschließen und in ein hübsch eingerichtetes Wohnzimmer kommen, mit Möbeln, Deko und allem, was dazugehört.
Stefanie Maier geht durch den Park vor dem Haus der Bewährungshilfe. Irgendwann steht sie im Inneren eines Brunnens, der aussieht wie eine graue Ruine. Der Brunnen wirkt wie ein Symbol ihrer Vergangenheit. Maier macht ihre Haare zurecht und lächelt in die Kamera des Pressefotografen. Ob sie daran glaubt, dass sie ihren Traum wahr machen kann? Maier atmet kurz schwer durch die Nase, dann guckt sie in die Sonne. „Ja“, sagt sie, „ich glaube schon.“
Die Ulmer Bewährungs- und Straffälligenhilfe unterstützt Ex-Häftlinge dabei, sich nach der Strafe in Freiheit zurechtzufinden. Der Verein sitzt in der Zinglerstraße und lebt von Spenden und Geldbußen aus Straftaten. Vorsitzender ist Stefan Adamski, Richter am Ulmer Amtsgericht. Im Vereinshaus gibt es zehn befristete Wohnplätze für Ex-Häftlinge. Aktuell betreut das Team um Chef-Sozialpädagoge Uwe Gossner 80 Klienten.
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Dieser Artikel ist Teil unserer „Best of 2023“-Reihe. Weitere spannende Geschichten, die im vergangenen Jahr besonders begeistert, berührt oder für Aufregung gesorgt haben, lesen Sie hier:
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