Stolpersteine in Ulm
: Als die grauen Busse kamen

Bei der Stolperstein-Verlegung am 20. Mai wird an acht Nazi-Opfer erinnert. Darunter Hermann Deibler, der in Grafeneck vergast wurde - Hitlers Mordprogramms an Menschen mit Behinderung war gnadenlos.
Von
Magdi Aboul-Kheir
Ulm
Jetzt in der App anhören
Die Aufnahme zeigt Hermann Deibler bei seinem 25-Jahre-Arbeitsjubiläum bei Magirus.

Die Aufnahme zeigt Hermann Deibler bei seinem 25-Jahre-Arbeitsjubiläum bei Magirus.

Iveco-Magirus Archiv-Museum
  • Ulm erinnert bei der 13. Stolpersteinverlegung an acht NS-Opfer – darunter Hermann Deibler.
  • Deibler wurde 1940 aus Stetten nach Grafeneck gebracht und dort noch am selben Tag vergast.
  • Er arbeitete fast 30 Jahre bei Magirus, lebte später in der Heilanstalt und blieb seinen Schwestern nah.
  • Verlegung am Mittwoch, 20. Mai 2026: sechs Orte, acht Steine, mit Künstler Gunter Demnig.
  • Start 14 Uhr Löfflerstraße 2, weitere Stationen bis 15.55 Uhr – ein Bus erleichtert Ortswechsel.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Er hatte Angst vor den „grauen Bussen“. Sie holten Menschen ab, die nicht mehr zurückkehrten. Am 13. September 1940 wurde auch Hermann Deibler abgeholt, aus der Heilanstalt Stetten in die Tötungsanstalt Grafeneck gebracht, wo er noch am gleichen Tag mit Gas ermordet wurde. Als Todesursache gaben die Nationalsozialisten eine „akute Lungenentzündung“ an.

Der gebürtige Ulmer war eines der vielen Opfer der „Aktion T4“, eines von Adolf Hitler persönlich angeordneten Mordprogramms an Menschen mit Behinderung. Hermann Deibler ist einer von acht Menschen, an die nun am 20. Mai bei der 13. Verlegung von Stolpersteinen erinnert wird.

Mark Tritsch von der Ulmer Stolperstein-Initiative hat Hermann Deiblers Biografie zusammengefasst. Was man heute von ihm weiß, basiert zum größten Teil auf dem von Wolfgang Pflederer erstellten Familienbuch zu seinem Leben, einzusehen im Archiv des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg.

Am 14. September 1886 als jüngstes von drei Kindern geboren, wurde Hermann Deiblers Leben demnach schon früh an durch Krankheit geprägt. Als er drei war, hatte eine Impfung eine Hirnhautentzündung verursacht, die zu einer Entwicklungsstörung führte; auch erkrankte er dann öfters an Keuchhusten.

Er fand Arbeit bei Magirus

Er besuchte zwischen 1893 und 1901 die Evangelische Knaben- Volksschule. In seinem Entlassungs-Schein stand, dass er durch Krankheit so weit zurückgehalten wurde, dass er am Unterricht nur bis zur vierten Klasse teilhaben konnte. Seine Note für Betragen war „gut“, die für seine angeeigneten Kenntnisse war aber „mangelhaft“ bis „zu Genüge“.

Dennoch fand er eine Anstellung als Maler und Anstreicher bei der Firma Magirus – und fast 30 Jahre lang war Arbeit für ihn ein fester Bestandteil seines Lebens. Zeitzeugen beschrieben ihn als hilfsbereit, arbeitswillig und aufmerksam gegenüber anderen. Er zeigte Mitgefüh, konnte sich in andere hineinversetzen, ging gerne spazieren und besuchte die Kirche, heißt es.

In der Wirtschaftskrise 1929-1932 wurde er, wie viele andere Arbeiter, von Magirus entlassen; seine ganze Familie litt unter wirtschaftlicher Not. Hermanns 82-jährige Mutter war oft allein mit ihm und fand es zunehmend schwierig, mit seiner manchmal ungeduldigen und aufbrausenden Art zurecht zu kommen.

Als sie im März 1931 starb, wurde er in die zur evangelischen Diakonie gehörende Heil- und Pflegeanstalt Stetten im Remstal eingewiesen. Bei der Einweisung wurde Hermann als körperlich vollständig gesund beschrieben. Er litt anfänglich unter starkem Heimweh und wollte mit dem Zug nach Hause reisen. Sein Zustand wurde als ein „Schwachsinn mittleren Grades“ beschrieben, mit einer um 90 Prozent herabgesetzten Erwerbsfähigkeit.

„Unter all den Verrückten wirst du ja selbst verrückt“

Er war „in seinem Wesen drollig, meist freundlich“. Auch in der Heilanstalt arbeitete er weiter: in der Buchbinderei, in der Küche, bei Transportdiensten. Er half anderen beim Anziehen, war gegenüber Pflegern zuvorkommend und hielt engen Kontakt zu seinen Schwestern. Gleichzeitig litt er unter dem Gefühl, nicht mehr selbst über sein Leben bestimmen zu können. Er schrieb einmal: „Unter all den Verrückten wirst du ja selbst verrückt.“

Seine Schwestern, mit denen er wohl ein herzliches Verhältnis hatte, schickten ihm alle vier Wochen ein größeres Paket mit Wurst, Käse, Kuchen. Ihre Briefe waren voll sorgender Fragen nach seinem Ergehen. Er bekam jedes Jahr etwas Urlaub, den er bei einer Schwester in Ulm zubrachte.

Bei einem solchen Besuch im Juli 1940 berichtete er seiner Familie dann auch von dunklen Bussen, die kamen und Anstaltsinsassen abgeholten. Er begriff, dass Gefahr bestand. Es ist unklar, ob seine Familie wirklich gleich verstanden hat, welche Gefahr drohte und ob die Gerüchte über das Töten von Heilanstaltspatienten in Grafeneck sie erreicht hatten.

Am 10. September 1940 wurde sein Name tatsächlich auf eine Transportliste gesetzt, dann aber gestrichen. Die Leitung der Anstalt hat offensichtlich „mit großer Beharrlichkeit und Einsatzbereitschaft“ durch Verhandlungen versucht Menschen vor der Ermordung in Grafeneck zu bewahren. Dabei hat offensichtlich auch sei Schwester Anna in Stetten angerufen und um Zeit für ein Telefonat mit dem Innenministerium in Stuttgart gebeten.

Er wurde aber nur bis zum nächsten Transport von der Liste gestrichen. Das Telefonat mit Stuttgart hat nichts erreicht. Am 13. September 1940 wurde Hermann Deibler dann doch von Stetten nach Grafeneck gebracht und noch am selben Tag dort gemeinsam mit 60 anderen Männern in einer entsprechend umfunktionierten Schuppen mit Gas ermordet.

Seine Schwester blieben Tage im Ungewissen, erhielten erst nach einer Weile Nachricht vom Tod ihres Bruders, angeblich am 28. September. Die offizielle Todesursache lautete „akute Lungenentzündung“. Hermann Deibler war aber Opfer des „Euthanasie“-Programms der Nationalsozialisten, eines systematischen Mordes an Menschen mit Behinderungen.

Seine Urne wurde nach Ulm geschickt und im Familiengrab beigesetzt. Am 18. Oktober schrieben die Schwestern an den früheren Stettener Pfleger Berner: „Heute morgen um 11 Uhr bei strahlender Herbstsonne haben wir die sterblichen Reste von unserem lieben armen Hermann zu Grabe getragen (...) Nun wollen wir Zurückgebliebenen Trost und Ruhe suchen und nicht mehr gegen das dunkle, unbegreifliche anrennen. Die Verantwortung fällt auf die Anderen: vielleicht müssen sie schwerer tragen, als wir nur ahnen.“

13. Verlegung von Stolpersteinen in Ulm

Bislang wurden in Ulm bei zwölf Verlegungen an 83 Verlegungsorten 183 Stolpersteine verlegt. Am Mittwoch, 20. Mai 2026, findet die 13. Stolpersteinverlegung statt. Zwischen 14 und 16.15 Uhr werden an sechs Orten weitere acht Stolpersteine vom Künstler und Initiator des Kunstprojektes Gunter Demnig verlegt. Mitglieder der Stolperstein-Initiative verlesen die Lebensläufe der Opfer, Künstlerinnen und Künstler umrahmen jede Verlegung.

Dies sind die einzelnen Stationen:
14 Uhr Robert Weigele: Löfflerstraße 2
14.40 Uhr Hermann Deibler: Elisabethenstraße 46
15.05 Uhr Familie Brumlik: Wagnerstraße 5
15.35 Uhr Bertha Bianka Hirsch Neue Straße 70
15.45 Uhr Klara Hiller: Syrlinstraße 15
15.55 Uhr Mathilde Prinzing: Judenhof 1

Da einige Verlegeorte etwas weiter voneinander entfernt liegen, steht ein Bus zur Verfügung. Dieser kann flexibel für Ortswechsel zwischen den Verlegestellen genutzt werden. Erster Treffpunkt ist um 13.45 Uhr an der Touristen-Haltestelle Glöcklerstraße/Neue Straße.